A ≠ A

M. Steingass —  21.4.12

Deutsch von Alex Zalla

Der Buddhismus befindet sich im Krieg. Und zwar in der Art und Weise, dass er sich verwandelt hat und völlig besetzt ist von den Gesetzen des Marktes. Eine Differenz zwischen dem Markt und der Gesellschaft existiert nicht mehr. Der Markt ist die Handlung der Gesellschaft. Der Buddhismus ist ein Teil der Gesellschaft und als solcher ebenfalls ein Teil des Marktes. Der Dalai Lama und jedes seiner Worte werden somit ebenfalls Teil des Marktes. Jedes buddhistische Wort ist eingebettet in eine Wolke von Werten des Marktes. Der Markt übersetzt weiche, soziale Werte, Normen, Ethiken und Traditionen der Gesellschaft in seine eigene harte Währung. Er bewertet Mitgefühl, bestimmt dessen Preis und macht es so zu einem Rohstoff – für besseren Wettbewerb.  Der Liebende, das Kind, der Geschäftspartner wird Objekt und damit haftbar. Mein Vertrauen ist ein Darlehn und mein Interesse bringt Ertrag. In dieser Währung verwandelt mich der Markt, nebelt mich ein und zerlegt mich in abzählbare Einzelteile. Das ist der Handel, die harte Währung von Google und Facebook. Der Markt atiomisiert. Ich bin schon längst ein atomisiertes Objekt. Das Ziel ist es mich in eine überschau- und berechenbare Größe zu verwandeln. Ich bin nur ein weiteres Element. Das Gestell. Buddhismus ist davon nicht ausgeschlossen. Wie könnte er auch? Er ist ein Teil der Gesellschaft, die Gesellschaft ist Teil des Marktes, der Buddhismus und die buddhistische Sprache sind Teil des Marktes. So wird selbst „die materielle Praxis der symbolischen Kommunikation der Menschen, welche die wichtigste Komponente des »Bewusstseins« ist“ verdorben. Wie könnte es anders sein? Es gibt keinen Ausweg. Wie auch immer, gab es jemals einen? Nein! So sieht’s aus und ich bin der Markt. Ich bin ein atomisiertes Wesen. Das heisst, Ich lebe Wirklichkeit als Einzelding – abgegrenzt, abzählbar, berechnend und berechenbar. Ein Objekt geformt vom und nichts anderes als der Markt. Ich kann nicht anders sein. Der Markt ist alles was von der Gesellschaft übrig ist. Aber woher weiß ich das? Ist das vielleicht nur eine weitere Täuschung die mir der Markt in meine letzte  intakte Vene pumpt um mich in einen narkotisierten Schlaf zu wiegen in dem ich davon träume zu verstehen? Ist meine mentale und emotionale Distanz real? Der Markt stellt diese Frage selbst und beantwortet sie, ohne Antwort, wie in Matrix und einhunderttausend anderen netten, rosa Denksportaufgaben. Er gibt die Antwort als Buddhismus – und macht die Antwort damit unmöglich. Das ist der Buddhismus im Krieg. Im Krieg gegen wen? Mich? Nein, ich bin der Markt, es gibt keinen Krieg gegen mich. Wie kann sich Krieg selbst bekämpfen? Der Buddhismus bekämpft sich selbst. Er erstickt seine Wahrheit, verkauft sich, geht auf den Strich. Geliftet, getuned und aufgepumpt. Die Dealerei mit dem „Nicht-Selbst“ und dem „Wa(h)ren-Selbst“ blüht. Anatman selbst wird zur Verlockung des buddhistischen Opportunismus‘. Ein Ausweg der geradwegs nur wieder hineinführt. Was bleibt letztlich wenn der Markt die Antwort auf die Frage „Was ist Erleuchtung?“ so beantwortet, daß sie nicht mehr zu verstehen ist, sie unsichtbar macht. Wie könnte alles was der Buddhismus sagt – samsara, karma, punabbhava, bodhi, sunyata, anatman, pratityasamutpada – irgend eine Art von Antwort sein, wenn der Buddhismus nichts anderes ist als Teil eines Marktes, der eine wirkliche Antwort verhindert? Es scheint eine Frage so alt wie die Aporie. Aber, wenn es wirklich eine Aporie ist, dann könnte das „der archimedische Punkt sein, von dem aus eine Veränderung erzwungen werden kann“.  Offensichtlich gibt es Veränderung. Platon redet gegen das Schreiben, schreibt aber den Dialog von Sokrates und Menon tatsächlich nieder. Sokrates sagt, Menon erinnere die Wahrheit. Doch in dem Beweis den er in den Sand zeichnen lässt, konstruiert er die Lösung. Aber es gibt eine Auslassung. Sie vergessen das Schreiben, die Exteriorisierung. Ist es möglich, dass der Markt eine ähnliche Auslassung macht? Wenn nichts bleibt als der Markt, so muß er sich immer noch reproduzieren. Für diese Reproduktion muss er ein Skript, eine Blaupause verwenden und er muss sich ausdrücken. Dazu benötigt er eine Sprache. Sprache ist idiomatisch. Der Markt hat so letztlich keine absolute Kontrolle über seine Reproduktion. Das ist die Sperrzone, das Herz des Marktes. Die Unschärfe der Sprache könnte seine Wirklichkeit zerschneiden. Die Sprache die zur Veränderung führt ist – Missverständnisse be-greifen, zu hören. Die Materialität des Denkens! Es ist in Stein gemeißelt, niedergeschrieben, vermerkt, notiert, kommentiert, gespeichert und abgerufen. Es ist also in der Zeit – Alterität an sich. Wir müssen darüber sprechen um es zu hören.

21 Antworten zu A ≠ A

  1. 

    Lass los und siehe, es füllt deine Hände.
    Ein Übender

  2. 

    Wow Matthias! Hast du am Ende deines Ergusses noch gewusst, wass du eigentlich sagen wolltest? Ich komme nicht darauf.

  3. 

    Hi Romanus, nett daß du trotzdem etwas schreibst. Es geht darum, daß der Buddhismus ein Marketingaktion ist. Ein Werbegeschenk an die vielen die das Denken als Beleidigung empfinden. Und es geht um Kommunikation. Eine die der Buddhismus, so wie er sich im Westen verbreitet und entwickelt, verhindert. Der Buddhismus der gerne einfache Antworten für schwierige Fragen gibt, ist eine Verblendung. Das Gegenteil von dem was er selbst vorgibt zu wollen. Wenn du erleuchtet sein willst, ist Buddhismus das letzte was dir nützt.

  4. 

    Denken, nicht meditieren:
    Das menschliche Denken ist beschränkt, es ist die Schlange, die sich in den Schwanz beisst. Weiter als bis zum Urknall ist auch „Supergenie“ Hawking mit seinem Denken nicht gekommen. Um darüber hinaus zu gelangen, braucht es ein Denken-nicht-in-der-Zeit – und das ist Meditation (hat aber nichts mit der religiösen- oder esoterisch-zeremoniellen Suche nach Erleuchtung zu tun). Um das zu verstehen muss man alles (das Ganze) studieren, nicht nur die Materie.

  5. 

    Romanus,

    Meditation ist Denken-nicht-in-der-Zeit. Das sind wahrhaft gigantische Aussichten. Könntest du das etwas detaillierter schildern? Es würde mich, als ersten Schritt, interessieren was du darunter verstehst über das denken hinaus zu kommen. Vielleicht sollten wir uns als erstes darauf einigen, was wir unter denken verstehen? Was ist denken?

  6. 
    Benjamin Kaiser 3.7.12 um 19:45 UTC

    Lieber Herr Steingass,
    da möchte ich Ihnen nicht zu nahe treten, aber vielleicht ist der kommerzielle Aspekt, den Sie mit großer dekonstruktivistisch-postrukturalistischer Wortgewalt vorzutragen wissen, nur ein Aspekt der Gefahr, der ein religiös Suchender auf den ersten Metern seines Weges begegnen wird.
    Vielleicht kennen einige Jack Kornfield, der uns mit klebrig süßen Büchern über „Theravada Buddhismus“ einzulullen weiß und den man zum bescheidenen Eintrittspreis von 127 Dollar live erleben darf.
    Es tut mir um den Mann fast genauso leid, wie um die Leute, die dort ihr Geld lassen.
    Aber die Verlockung in unserer Gesellschaft, sich mit „Buddhismus“ selbständig zu machen, ist einfach zu groß. Ein paar Meditationskurse für Geld anbieten und die Kasse stimmt?
    Ein paar Euro Eintritt und ich erzähle euch vom „Dharma“?
    Man kann hierauf immer nur antworten, wahre Religiosität kostet kein Geld. Und – das ist auch wichtig – man kann sie sich auch nicht kaufen. Wahre Religiosität liegt jenseits jeglicher pekuniärer Interessen.
    Dies ist jedoch nur ein Aspekt der Gefahr, die dem Suchenden droht. Jenseits des Kommerzes steht ganz archaisch der menschliche Wunsch nach Macht. (Hier gibt es natürlich zig Verflechtungen und Querverbindungen, schließlich ist Macht ein wesentliches Charakteristikum des Geldes …)
    Institutionen wie Menschen streben nach Macht, Macht über den anderen, Macht über den Suchenden, der sich in die Obhut dieser Institution oder Person begeben hat, ihn glauben macht, Unterwerfung unter die spirituelle Autorität führe zur Erlösung und das „Loslassen“ jeglicher Kritik an dieser Autorität sei der Weg hierzu …
    Und dann wird der ehemals Suchende zum Instrument der Macht und den Rest kennen wir.
    Der dritte Aspekt heißt ebenfalls ganz archaisch Sex. Es geht ganz klar nur um Sex, wenn der männliche Guru dem weiblichen Tantrafan die totale Unterwerfung predigt. Ich denke, wir müssen das nicht weiter ausführen.
    Was bleibt, wenn diese drei Klippen des Selbstbetrugs und des Betrugs anderer umschifft sind?
    Der Weg, den der Buddha gelehrt hat.
    Viele Grüße
    Benjamin Kaiser

  7. 

    Lieber Herr Kaiser

    Nein, sie treten mir keinesfalls zu nahe. Zumal ich schon alle drei Aspekte zwar be- aber auch nicht umfassen abgehandelt habe. Der Zauberer z.B. behandelt den Machtaspekt. Allerdings einen selten beachteten, wenn auch sehr wichtigen, Hintergrund. Ihr Stichwort „archaisch“ geht aber schon genau in die richtige Richtung. Im besagten Text geht es darum welchen evolutionsmässigen Hintergrund die Macht hat. In aller Kürze gesagt verleiten uns, ohne das wir das bewusst erleben könnten, nicht bewusste kognitive Mechanismen dazu mit anderen Menschen Kooperationen einzugehen. Zu diesen Kooperationen gehören auch die Verbindungen zu anderen Menschen unter dem was wir den Machtaspekt nennen könnten.

    Auch was den Sex angeht gibt es einen Text der einen Aspekt dieses schönen Triebes behandelt. Sie finden ihn hier => Konfickte des Buddhismus. Es geht allerdings nicht um die sexuelle Ausbeutung sondern darum zu welchen Verklemmtheiten es führt wenn man als braver Buddhist versucht die Lust mit untauglichen Mitteln zu bändigen. Im wesentlichen ist der Text eine Analyse der Verstaubtheit des offiziellen deutschen Buddhismus (ODB). Die tatsächliche sexuelle Ausbeutung ist wahrscheinlich die Kehrseite einer rigiden vormodernen Sexualmoral wie sie der ODB vorlebt.

    Wenn sie Lust haben schauen sie mal rein in die Texte – falls sie es nicht schon getan haben. Ich würde mich freuen mehr von ihnen zu hören.

    Sie sprechen auch die „wahre Religiosität“ an. Ich kann ihrem Schreiben nicht entnehmen, was sie darunter verstehen. Mich würde das interessieren. In gewisser Weise würde ich sagen, daß es hier um „wahre Religiosität“ geht. Zumindest würde ich sagen, daß mich, bei aller Kritik, bestimmte Aspekte des Buddhismus sehr interessieren – die ich allerdings noch in keinem Text angesprochen habe. Ein Beispiel: Unsere Kultur erzählt sich die Geschichte vom reinen Ursprung, dem garten Eden, vom Sündenfall und von der schlußendlichen Erlösung. Diese Erzählung durchdringt auch heute noch unmerklich viele Aspekte unseres Denkens. Der Mahayana-Buddhismus dagegen kennt eine ganz andere Erzählung darüber, wie der Weg des Menschen aussieht. Es geht dabei um die sechs Paramitas. Es gibt keinen reinen Ursprung, keinen Sündenfall, keine Erlösung – wohl aber Verantwortung und Erkenntnissuche (um es extrem kurz zusammenzufassen). Wahre Religiosität wäre im Mahayana-Buddhismus demzufolge etwas ganz anderes als im christlich-jüdischen Kulturraum. Erlösung z.B. findet nicht über eine dem Menschen äußerliche Entität statt, sondern darüber, wenn man es überhaupt weiterhin Erlösung nennen will, über ein Verständnis darüber wie und was der Mensch ist.

    Was meinen sie. Was ist wahre Religiosität für sie?

    Viele Grüße, Matthias

  8. 
    Benjamin Kaiser 4.7.12 um 11:20 UTC

    Hallo Matthias,

    danke für die sehr ausführliche und gedankenreiche Antwort. Das ist eine sehr spannende Frage, die Sie da stellen, nach der „wahren Religiosität“, aber ich denke nicht, daß ich Sie beantworten kann.

    Im Rahmen unseres Diskurses wäre das so zu begründen:
    „Da ich den Buddhismus durch die Brille abendländischen Denkens betrachtete, kann ich ihn nicht verstehen.
    Für uns alle, die wir im christlich-jüdischen Kulturraum aufgewachsen sind, ein Kulturraum, der als das Fremde, historisch betrachtet, in erster Linie den ebenfalls monotheistischen Islam kannte, sind Begriffe wie zum Beispiel anatman nicht zu fassen, während Begriffe wie ‚Transzendenz‘ oder ‚Ursprung‘ oder ‚Gott‘ für die Religiosität von elementarer Bedeutung sind.“

    Oder um es anders herum zu sagen: Man kann „wahre Religiosität“ im abendländischen Diskurs als Gegenpol zu einem Denken begreifen, daß „von einem Primat des Ökonomischen Prinzips über alle gesellschaftlichen Prozesse“ ausgeht – was hieße, zwei totalitäre Denkmuster gegeneinanderstellen.

    So also meine Argumentation in meinem Kommentar, der einen „wahren Buddhismus“ gegen einen „kommerziellen Buddhismus“ stellt.

    A oder B.

    Und damit wäre ich dann in Ihre „Falle“ getreten oder?

    Herzliche Grüße
    Benjamin

  9. 

    Hallo Benjamin

    Ich sehe keine Falle in die sie getreten wären. Gerade wo sie klar benennen, daß man Buddhismus nicht einfach naiv durch eine abendländische Brille betrachten kann, vermeiden sie doch die Falle.

    Sie sprechen von einer wahren Religiosität als Gegenpol zu einem Primat der Ökonomie, nennen aber beide dann totalitär. Das heisst, Religiosität hat diesem Primat etwas entgegen zusetzen, aber um den Preis den einen Zwang durch einen anderen auszutauschen. Sehen sie da einen dritten Weg? Ich finde diese Frage sehr wichtig. Das ökonomische Primat scheint am Ende, meiner Meinung nach. Zurück in eine Religiosität können wir aber nicht. Wir müßten dann ja vor allen neuzeitlichen Erkenntnissen die Augen mutwillig verschliessen. Also kann es nur vorwärts gehen. Es muß einen neuen Weg geben. Kann es sein, daß sich Religiosität auf eine noch unbestimmte Weise mit dem Wissen unserer Welt verbünden kann, um dem Molloch des ökonomischen Primats etwas entgegen zu setzen – Religiosität in diesem Falle vage gefasst als einen Respekt vor dem und einer Verantwortung für das Leben?

    Viele Grüße, Matthias

  10. 
    Benjamin Kaiser 5.7.12 um 09:39 UTC

    Hallo Matthias,
    danke für Ihre Antwort. Ich glaube ich habe mich in meiner letzten Antwort nicht klar genug ausgedrückt und den Witz nicht vermittelt. Schwierigkeit ist vielleicht auch, daß ich drei Semester Philosophie studiert habe und die philosophische Fakultät, an der ich war, ganz im Zeichen von Derrida & Co. stand.

    Nun geht bei mir überall wenn’s philosophisch zu werden scheint, auch wenn das nun schon weit über ein Jahrzent zurückliegt, die dekonstruktivistischen Pferdchen durch. Ich bitte das zu entschuldigen.

    Es geht bei meinen dekonstruktivistischen Pferdchen um nichts anderes, als daß man das Konstruktionsprinzip des abendländischen Diskurses aufdecken kann (‚Ursprung‘, ‚Gott‘, ‚Transzendenz‘ usw.) und auf dieser Basis, so zumindest verstehe ich Derrida in seiner „Grammatologie“, (er macht das anhand eines Textes von Rousseau zum Ursprung der Sprache)den abendländischen Diskurs im wahrsten Sinne des Wortes *zu Ende denken* kann.

    Das heißt, Derrida glaubt ein Konstruktionsmuster gefunden zu haben, daß allen Versionen abendländischen Denkens zugrunde liegt. Ob das nun ganz klassisch christliches Gedankengut ist, ob das Freud ist, ob das Marxismus ist, ob das die Wirtschaftswissenschaften sind… sobald dem abendländischen Diskurs der ‚Ursprung‘ also sein Grundmuster entzogen wird, bricht er in sich zusammen.

    Ich hatte nun Ihren Blog so verstanden, daß sie spielerisch verschiedene Versionen des abendländischen Diskurses nutzen um aufzuzeigen, daß eine Integration des Buddhismus in diesen Diskurs, also der Versuch, einen abendländischen Buddhismus zu schaffen, im buddhistischen Sinn eine Fehldeutung des Buddhismus darstellt. Der Versuch, durch Begriffe, Konzepte oder möglicherweise auch Erfahrungen wie das ‚Göttliche‘, das ‚Ursprüngliche‘ das ‚Transzendente‘, den Buddhismus zu deuten, am Buddhismus vorbeigehen. Dies zeigt beispielsweise Volker Zotz in seinem Buch zur „Geschichte der buddhistischen Philosophie“ sehr schön, finde ich.

    An ein Primat des ökonomischen Prinzips, glaube ich, wenn ich mir mein Leben und die mich umgebende Welt anschaue nicht. Natürlich spricht in unserer Kultur sehr viel dafür und die Annahme eines Primats des ökonomischen Prinzips ist ein gutes Arbeitswerkzeug um zum Beispiel die moderne Wellness-Spiritualität zu hinterfragen, die nach dem Prinzip, hier ein bißchen Hindu, dort ein bißchen Buddha, dort ein bißchen Christ und am Ende Massage und Edelsteine auflegen, vorgeht.

    Und ich war auch schon oft in sehr lustigen Situationen in diesem Zusammenhang, was meinen Buddhismus anbelangt. So bin ich aus verschiedensten Gründen viel mit gläubigen Christen zusammen, einmal in einer Wohnung, in der zu Kerzenständern umfunktionierte Buddhastatuen prangten, einmal in einem Baumarkt, der wirklich bis oben mit Buddhafiguren dekoriert war, dann in einem Garten, von dem aus man einen im Nachbargrundstück sitzenden, fast lebensgroßen Plastikbuddha mit Blumenschale in den Händen bestaunen konnte. Auch hier, ganz klar, Primat des ökonomischen Prinzips.

    Das Gegenargument, die quasi andere Seite für mich und jetzt versuche ich Ihre Frage nach der „wahren Religiosität“ zu beantworten: ist praktisch gelebte Religiosität. Wie schon gesagt, bin ich viel mit gläubigen Christen zusammen. Ich erlebe hier Gebet, Kontemplation und vor allem gelebte Nächstenliebe. Ganz praktische Nächstenliebe, die sich beispielsweise in ehrenamtlicher Betreuung von alten Menschen und von Obdachlosen zeigt. Also vollkommen unökonomisch ist.

    Ich hatte auch mal einen muslimischen Angestellten, der ging zu bestimmten Zeiten beten. Auch vollkommen unökonomisch und trotzdem hat dieser Mensch meine höchste Achtung.

    Sie können nun natürlich all diese Religionen als Diskurs begreifen und dekonstruieren oder beispielsweise mit „harten naturwissenschaftlichen Fakten“ argumentieren (Achtung, ich bin großer Fan naturwissenschaftlicher Methodik). Wie auch immer.

    Praktisch gelebter Buddhismus ist für mich ein Weg. Da ist einmal der Bereich der Meditation und Achtsamkeit im täglichen Leben, dann der Bereich des ethisch verantwortlichen Handelns und der praktischen Nächstenliebe und als drittes der Bereich der Einsicht und Erkenntnis.

    Dieser Weg kann auch heute noch von jedem beschritten werden. Der Buddha gibt gerade in den Texten des Pali-Kanons sehr einfache und klare Handlungsanweisungen. Er zeigt einen Weg, diesen Weg versuche ich zu gehen.

    Herzliche Grüße
    Benjamin

  11. 

    Lieber Benjamin,

    der Text unter den sie hier eine Kommentar gesetzt haben ist erstmal grundsätzlich eine Kritik eines Buddhismus der sich verhökern lässt. Der Buddhismus ist beinahe vollkommen integriert in eine Kultur der Selbstkontrolle und Selbstverwirklichung. Dabei meine ich diese beiden Begriffe durchaus negativ in dem Sinne, daß sie eine Domestizierung, eine Abrichtung, und eine Ausbeutung des Individuums beschreiben, die heute an einem Punkt ist in dem diese Verfahrensweisen nicht mehr als Abrichtung und Ausbeutung aufgefasst werden, sondern freudig willkommen geheissen werden. Ich habe versucht das ein wenig in „Meditation und Kontrolle“ zu umreissen.

    „Selbstverwirklichung“ ist dabei einer der Kernbegriffe. In ihm ist immer noch ein Heilsziel beschrieben, das unsere christlich-jüdische Kultur durchzieht. Die Erlösung, die im christlichen Kontext durch Christus erlangt wird, wird in der Selbstverwirklichung durch eine Art inneres höheres Selbst erlangt. Dieses höhere Selbst findet sich auch in der abendländischen Interpretation des Buddhismus – daß wäre möglicherweise das womit sie auf Volker Zotz verweisen.

    Es stimmt, daß dieses Blog auf solche Fehldeutungen (auch) hinweisen will. Es geht aber um mehr. Sie erwähnen Derrida und den Ursprung. Tatsächlich ist diese Thematik auch hier von großer Wichtigkeit. Ich verstehe Derrida so, daß eine Kenntnis eines Ursprunges, eines Originales, grundsätzlich ausgeschlossen ist – und zwar nicht weil über den Verlauf der Geschichte und der Tradierung hinweg eine Verzerrung eines Originals stattfände, sondern weil es im eigentlichen Sinne keinen Ursprung und kein Original gibt. Damit ist, sehr abstrakt gesagt und über Gebühr verkürzt, eine Erkenntnis was letztlich Anatman z.B. besagte grundsätzlich ausgeschlossen (oder vielleicht gerade aus unserer Sicht bezeichnet).

    Dieser grundsätzliche Ausschluss führt auch zurück auf Derrida selbst, wenn man sagt er glaube „ein Konstruktionsmuster gefunden zu haben, daß allen Versionen abendländischen Denkens zugrunde liegt. Da hätten wir auch eine Art Ursprung.

    Von François Laruelle, einem französischen ‚Philosophen‘, wird nun diese Erkenntnis von Derrida (und auch anderen) selbst als eine Art Konstruktion aufgefasst. Ein wichtiger Anspruch einer solchen philosophischen Konstruktion ist der, daß sie alles erklären will. Mit diesem umfassenden Erklärungsanspruch bekommen wir es nun auch wieder beim Buddhismus zu tun. Wie sehr sich auch immer diese Philosophien unterschieden mögen, sie sind sich in ihrem Anspruch alles erklären zu können gleich. Dieser umfassende Anspruch führt dazu, daß alles aus dieser jeweiligen Philosophie heraus gesehen wird, daß damit letztlich die jeweilig Philosophie lediglich sich selbst sieht und daß damit andere Erkenntnismöglichkeiten ausgeschlossen werden.

    Das Letztere trifft in ganz besonders eklatanter Weise auf unseren Buddhismus zu. Der eigentliche Punkt dieses Blogs ist es, daß unser Buddhismus sich damit selbst verrät und im eigentlichen Sinne kein Buddhismus ist.

    Der scheinbare Selbstwiderspruch, in den ich hier zu geraten scheine, liegt darin, daß wir zutiefst, eben auch sprachlich, grammatikalisch, im Ursprungsdenken zuhause sind. Wir können (zunächst) nicht anders denken. In der buddhistischen Philosophie, wird aber möglicherweise eine ganz andere Geschichte erzählt. In diesem Sinne geht es hier nicht nur darum zu denken anstatt zu meditieren, sondern es geht auch darum zu fragen, welche grundsätzlichen Strukturen unser denken prägen und ob man nicht auch ganz anders denken könnte.

    Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie sie zum Beispiel den Palikanon interpretieren? Auch er soll ja eine Art ursprünglichen Buddhismus repräsentieren.

    Geraten wir in eine große Beliebigkeit, wenn wir alle Religionen als Diskurs begreifen? Wo kommen unsere ethischen Grundlagen her, wenn das so ist?

    Beste Grüße, Matthias

  12. 
    Benjamin Kaiser 6.7.12 um 10:03 UTC

    Lieber Matthias,
    sie betreuen Ihren Block wirklich sehr fürsorglich, immer gleich eine Antwort, ich danke.

    Ich denke das mit dem „ursprünglichen “ Buddhismus des Pali-Kanons muss ich nicht beantworten. Oder?

    Zu Ihrer Frage. „Geraten wir in eine große Beliebigkeit, wenn wir alle Religionen als Diskurs begreifen? Wo kommen unsere ethischen Grundlagen her, wenn das so ist?“

    Natürlich sind alle Religionen immer nur Diskurse.

    Aber einmal ernsthaft, braucht Ethik „Grundlagen“? Brauchen Sie Grundlagen um ethisch zu handeln? Praktisch zu helfen? Wenn jemand am Boden liegt, ihm aufzuhelfen?

    Herzliche Grüße
    Benjamin

  13. 
    Benjamin Kaiser 6.7.12 um 10:31 UTC

    PS
    Meinte nicht Block sondern Blog. Obwohl das sprachlich durchaus originell wäre. Sehe keine Möglichkeit in Ihrem System, einen Kommentar nachzubessern.

  14. 

    Lieber Benjamin

    Ich denke man muß schon etwas über Ethik nachdenken. Ich hatte allerdings bei meiner Bemerkung einen Diskussion an anderer Stelle (vorletzter Absatz) im Hinterkopf, von der sie nichts wissen können. Es geht um die Konsequenzen die sich aus den Ergebnissen der Neuro- und Kognitionsforschung ergeben. Das nur am Rande. Ich persönlich bin allerdings der Auffassung, daß wir in einer grundsätzlich unethischen und geradezu pervers selbstsüchtigen Gesellschaft leben. Ich meine das in jeglicher Hinsicht global und lokal.

    Die Frage nach ‚ihrem‘ Palikanon kommt einfach zustande, weil sie über Dekonstruktion sprechen dann aber von einem Buddha sprechen „der gerade in den Texten des Pali-Kanons sehr einfache und klare Handlungsanweisungen gibt.“ Ist denn dieser ganz konkrete Buddha vor der Dekonstruktion gefeit? Kann man diese Handlungsanweisungen als „von ihm“ betrachten oder sind sie nicht vielmehr unsere Interpretation?

    Wohlgemerkt, das ist keine qualitative Abwertung. Es geht nur um die Frage, woher wir wissen was wir tun (sollen)?

    Beste Grüße und eine schönes Wochenende, Matthias

  15. 
    Benjamin Kaiser 7.7.12 um 10:05 UTC

    Lieber Matthias,
    Um Ihre Frage zu beantworten, muß ich einen kleinen Umweg nehmen.
    Wenn sie Meditation nicht nur als Zeichen verstehen, sondern regelmäßig über Jahre und Jahrzehnte hinweg praktisch meditieren, werden Sie beobachten können, dass Denken ein Prozess ist, der abläuft, ohne dass Sie einen Urheber, ein „Selbst“ oder ein „Ich“ dingfest machen können.

    Ich meine das als konkrete Erfahrung. Sie werden sehen, es denkt in ihrem Kopf, es denkt, es denkt, es denkt und hört auch nicht auf zu denken. Und selbst wenn ein Impuls auftaucht, nicht zu denken, werden sie weiterdenken.

    Sie werden sehen, da sind Gedanken, sie kommen, sie sind da aber sie vergehen auch wieder und da sitzt kein kleines Männchen genannt „Ich“ hinter irgendeinem Steuerpult und lenkt diesen Prozess.

    Wenn Sie dann weiter beobachten werden Sie sehen, da sitzt auch kein kleines Männchen genannt „Ich“ und steuert ihr Handeln und sagt, „heb mal den Arm und hilf der alten Frau, die auf die Straße gefallen ist“. Natürlich ist da der Gedanke in Ihrem Gehirn, aber wo kommt dieser Gedanke her, wo kommt der Impuls her und wo kommt der Wille her, diesem Impuls zu folgen oder nicht? Was gibt den Ausschlag dem einen Impuls zu folgen, dem anderen Impuls nicht zu folgen?

    Ist unsere Vorstellung, ein isoliertes, von der physischen und gesellschaftlichen Welt getrenntes „Ich“ zu sein richtig? Oder sind wir nicht einfach nur kleinere Prozesse, die wiederum mit anderen Prozessen interagieren, ohne dass hier genaue Grenzen festzumachen sind, wo fängt der eine Prozess an, wo hört der andere auf?

    Was von diesem Text, den ich hier schreibe ist „mein Denken“, was davon ist „ihr Denken“, was davon haben wir aus Bücher oder von anderen Menschen?

    Oder was von „meinem“ Körper gehört mir? Welche Atome waren gerade noch Teil einer Weizenpflanze, einer verwesenden Maus unter den Wurzeln der Weizenpflanze und wie lange bleiben diese Atome bei mir?

    Aber auch in Texten auf Ihrer Seite stellen Sie das heraus, in Bezug auf Meditations- und Erleuchtungserfahrungen. Was sind unsere „Erfahrung“? Biochemische Produkte unserer Gehirne?

    Zerfällt das, was wir „Ich“ nennen, nicht auch wieder in unzählige weitere kleinere Prozesse? Biochemische Prozesse, Prozesse der Wahrnehmung, gedankliche Prozesse… die alle ihren Anfang, ihr Dasein und ihr Ende haben?

    Ethik fängt da an, wo Sie anfangen, die Prozesshaftigkeit und Ichlosigkeit des Lebens zu sehen. Wo Sie begreifen, dass ihr „Ich“ nicht „Zweck“ ist, sondern Fiktion und jeglicher dieser ganzen Prozesse, deren Teil Sie sind, sobald er mit Bewusstsein gepaart ist, voller Leid ist.

    Da Bewusstsein, sobald es sich mit dem Prozesshaften identifiziert, sich als „selbst“ und „Ich“ begreift (beim Menschen), leidet es (auch das Tier), denn jeder Prozess zerfällt und geht seinem Ende zu und jedes „Ich“ erfährt dies als schmerzhaft.

    Im Mahayana Buddhismus begibt sich aus dieser Erkenntnis heraus der Bodhisattva auf den Weg, nicht eher Erleuchtung zu erlangen, bis er alle Wesen von diesem Leid erlöst hat und in der Prajnaparamita Literatur finden Sie dazu die Pointe, dass dies auch wieder als Fiktion entlarvt wird.

    Sie werden in diesem, dem buddhistischen Diskurs, das wollte ich zeigen, keinen „Grund“, keine „Ursache“ für ethisches Handeln finden. Ethisches Handeln geschieht spontan, es ist da kein „Ich“ das Gründe bräuchte.

    Auch im Pali-Kanon finden Sie, wenn Sie das so sehen wollen, immer wieder das Phänomen, dass der Diskurs als Diskurs entlarvt wird. Zum Beispiel in dem beliebten Gleichnis, in dem die Lehre mit einem Floß verglichen wird.

    Was macht der Reisende, wenn er mit dem Floß am anderen Ufer des Flusses angekommen ist?

    Wird er das Floß nun, schwer, wie es ist, es weiter auf seiner Schulter mit sich herumschleppen? Nein, er verbrennt es.

    Und das ist in diesem Zusammenhang der zweite wichtige Aspekt des buddhistischen Diskurses, er versteht sich nur als „Gebrauchsanweisung“ als „Wegweiser“.

    So Dhammapada Vers 183:
    „Avoid all evil, cultivate the good, purify your
    mind; this sums up the teaching of the Buddhas.“

    Dies ist das Floß / der Diskurs um über den Fluss zu gelangen. Nicht mehr und nicht weniger.

    Womit ich dann einesteils in Lob, einesteils in Kritik Ihrer Seite münden kann:

    Sehr gut finde ich, wie sie auf gängige Muster möglichen Missverstehens buddhistischer Lehren im Westen hinweisen.

    Lustig und provokativ ist in diesem Zusammenhang der Titel und das Motto Ihrer Seite.

    Vieleicht sollten sie dies und insbesondere Ihren ethischen Anspruch eindeutiger herausstellen. Vielen, nach den Kommentaren zu urteilen, wird dies nicht klar.

    Herzliche Grüße und ebenfalls ein schönes Wochenede
    Benjamin

  16. 

    Lieber Benjamin

    Sorry, manchmal dauert es eben doch etwas, bis ich dazu komme zu antworten.

    Was sie über ‚Meditation‘ schreiben klingt sehr interessant. Nur das Wort an sich, meine Meinung dazu kennen sie ja anscheinend schon, ist völlig verbraucht. Es ist nicht nur ein Zeichen, sondern ein leeres Zeichen, weil es zu vieldeutig benutzt wird. Was sie beschreiben würde ich, wenn man es überhaupt als etwas besonderes herausstellen will, als eine Erfahrung des Denkens bezeichnen oder ganz einfach als ein Erfahrung des Bewusstseins, das sich etwas genauer auf sich selbst richtet.

    Es ist auch keine genuin buddhistische Erfahrung. Dieser Eindruck wird auch durch den Begriff ‚Meditation‘ gefördert, der im heutigen Sprachgebrauch mit einem esoterischen Buddhismus fix verbunden ist. Man kann diese Erfahrung die sie beschreiben bei Husserl beobachten, bei Heidegger, bei Kant und sicherlich bei vielen anderen Denkern unserer Kultur – und vermutlich bei vielen ‚gewöhnlichen‘ Menschen. Descartes hat sich mit seinem eigenen Bewusstsein sehr intensiv auseinander gesetzt und ist zu den bekannten Schlussfolgerungen gekommen die unsere Auffassung vom Ich, vom Denken, vom Sein tief beeinflussen.

    Nur mit diesen Schlussfolgerungen müssen wir vorsichtig sein. Sie schreiben, Denken sei ein Prozess der abläuft, ohne daß ein Urheber dingfest zu machen sei. Sie beschreiben, daß man eben den kleinen Homunculus der da schaltet und waltet, Descartes res cogitans, nicht findet. Aber heisst das, daß das Denken ohne Ursache ist? Es gibt sicherlich keinen Urheber im fest umgrenzten personalen Sinn. Aber wie sie selber schreiben gibt es Prozesse von denen wir ein ‚Teil‘ sind.

    Ich würde das Ich als Interferenzmuster im Schnittfeld der biologischen und sozialen Sphäre beschreiben. Damit haben ich eine, sehr grobe, Beschreibung die anerkennt, daß wir Teil und Effekt diverser Prozesse sind, die wir nach beiden Seiten hin nur sehr bedingt erfassen können.

    An dieser Stelle fangen aber die Probleme mit der Ethik an. Wenn man anerkennt, daß unsere Denken aus Bereichen gespeist ist die wir nicht direkt introspektiv beobachten können, die uns also verschlossen bleiben, dann kann man nicht sagen, daß etwas spontan entsteht. Man muß sagen, daß es möglicherweise auf Prozessen beruht die ich nicht wahrnehme. Zumindest die Möglichkeit besteht. Wenn sie also sagen „Ethisches Handeln geschieht spontan, es ist da kein „Ich“ das Gründe bräuchte“, so ist das aus zwei Gründen problematisch. Erstens eben weil es ‚dunkle‘ Bereiche gibt, die wir, zumindest phänomenologisch, nicht durchschauen und zweitens, weil das Ich offensichtlich doch existiert – nämlich als Prozess und damit gibt es immer noch eine Entität, die Ethik offensichtlich verkörpert. Diese Entität hat allerdings einen ganz anderen Charakter als wir ’spontan‘ denken.

    Was die ‚dunklen‘ Bereiche anbelangt, so finden sie im Text „Der Zauberer“ eine Ursache wie es zu bestimmten Formen sozialen Handelns kommen kann, die phänomenologisch unsichtbar bleibt. Was den Ich-Prozess anbelangt, so gibt es auch in der sozialen Sphäre Muster, die kulturell ausgeprägt sind uns aber als so selbstverständlich erscheinen, daß wir sie nicht weiter wahrnehmen. Monogames Verhalten etwa scheint ein natürliches Verhalten zu sein, das uns, mit den Genen, in die Wiege gelegt wurde – was es aber natürlich nicht ist. Was wir korrektes Verhalten nennen erscheint also nicht spontan, sondern hat Bedingungen, die ihm zu Grunde liegen.

    Alles in allem finde ich ihre Beschreibung der ‚Meditation‘ höchst interessant. Ich habe bisher nur sehr wenige Gesprächspartner gefunden, die diese spezifische Form kennen und kultivieren. Ich bin nur mit den Schlussfolgerungen nicht (immer) einverstanden. Aus dem Prozesshaften an sich ergibt sich noch keine Ethik. Es gibt noch ein paar andere Punkte, an denen ich nachfragen würde, aber für dieses Mal führt mir das zu weit.

    Viele Grüße, Matthias

  17. 
    Benjamin Kaiser 10.7.12 um 11:27 UTC

    Lieber Matthias,

    was wir glaube ich nicht diskutieren müssen, sind Rechtssysteme. Jede höher arbeitsteilige Gesellschaft braucht für Ihr Funktionieren ein Rechtssystem. Mir sagte einmal ein Jurist, unser Rechtssystem basiere auf der Philosophie Kants und der Aufklärung. Genauso gut gibt es aber andere Rechtssysteme, die beispielsweise auf dem Koran beruhen. Jedes dieser Rechtssysteme ist Ausdruck gewisser Gesellschaften und ist einem stetigen Wandel unterworfen, und bietet mitunter nur bedingt eine Anleitung zu konkreten ethischem Handeln.

    Was mich und ich glaube auch Sie interessiert ist die Frage, was macht konkretes ethisches Handeln aus? Wie kann ich es gewinnen und finden?

    Wenn Sie den Menschen als einen stetigen Wandel begreifen, bei dem nicht ganz klar ist, wem nun dieser Gedanke „gehört“, wo nun diese Emotion herkommt, woher dieser Mensch die Motivation nimmt, zu glauben, im Recht zu sein, wo „meine“ Argumente doch so gut sind…

    Wenn der Mensch, und das ist besonders wichtig, ein ungeheurer Meister des Selbstbetrugs ist…

    Wenn wir von diesem allem ausgehen, dann können wir eigentlich keine Grundlage ethischen Handelns finden, außer Sie berufen sich auf einen unfehlbaren Gott, ein höchstes ethisches Prinzip oder wie im Buddhismus teilweise auf selbstsüchtige Gründe wie Karma und Wiedergeburt.

    Vielleicht kommt jetzt ihrerseits Nietzsche, der die „Selbstlosigkeit“ mancher guten Tat mit Recht hinterfragt? Der sagt, die Motivation, anderen zu helfen, resultiert aus dem Wunsch, sich gut zu fühlen. Dem Menschen sei dies als ein sozialer Trieb mitgegeben, insofern wären wir dann bei der guten Tat als einem rein egoistisch motiviertem Handeln.

    Oder Sie werden zu argumentieren versuchen, dass nicht alles, was gut gemeint ist, in der Ausführung wirklich konkret dem anderen Menschen hilft? Wir können weder die Motivation unseres Handelns voll und ganz durschauen, noch sind wir in der Lage, die Folgen unserer Taten abzuschätzen.

    Aber angenommen, es gibt einen dritten Weg, ganz widersinnig, ganz und gar nicht so fürchterlich intellektuell und wortgewaltig, dann…

    Ich stoße da an die Grenze dessen, was ich ausdrücken kann und begebe mich nun ganz bewusst in einen Widerspruch, ein ganz naives Muster, wenn sie das so wollen, aber vielleicht geht ein Aspekt, dessen was ich meine so:

    Wenn Sie einen anderen Menschen fallen sehen, und ihr Herz ist offen, und sie spüren, dass dieser Mensch leidet und sie helfen ihm von Herzen, dass er vielleicht nicht mehr so sehr leidet, und sei es nur für kurze Zeit, indem er sieht, ein anderer Mensch nimmt sich seiner an, dann ist es das, was ich meine.

    Herzliche Grüße

    Benjamin

  18. 

    Lieber Benjamin,

    wir können festhalten, daß man einem anderen hilft, der offensichtlich Hilfe benötigt. Das ist selbstverständlich. Für sie und mich jedenfalls. Das stelle ich nicht in Frage. Der Rahmen dieses Blogs allerdings stellt eine andere Frage: gibt der Buddhismus, so wie er sich hier im Westen etabliert, vernünftige Antworten darauf wie man sich verhalten soll? Meine Antwort darauf ist ein klares Nein. Ich schlage vor, anstatt sich mit Buddhismus zu befassen, tatsächlich praktisch zu werden.

    Sie schreiben weiter oben bezüglich des Buddhismus folgendes:

    Da ist einmal der Bereich der Meditation und Achtsamkeit im täglichen Leben, dann der Bereich des ethisch verantwortlichen Handelns und der praktischen Nächstenliebe und als drittes der Bereich der Einsicht und Erkenntnis.

    Dieser Weg kann auch heute noch von jedem beschritten werden. Der Buddha gibt gerade in den Texten des Pali-Kanons sehr einfache und klare Handlungsanweisungen. Er zeigt einen Weg, diesen Weg versuche ich zu gehen.

    Für den ersten Teil, Aufmerksamkeit-Handlung-Erkenntnis (ich setzte Aufmerksamkeit für das Buzz-Word Achtsamkeit), braucht niemand einen Buddhismus. Wir können das tatsächlich einfach so.

    Was den zweiten Teil anbelangt, so stellt sich die Frage, für was man ihn überhaupt braucht – den Weg, den Buddha, den Text etc.? Der Buddha gibt eben keine „klaren Handlungsanweisungen“. Dies aus historischen, hermeneutischen, philologischen, psychologischen und anderen Gründen. Diese klaren Handlungsanweisungen sind genau die „Urspungsfiktion“ die sie auch ansprachen. Alles was wir hören, im ‚Wort des Buddha‘, sind wir selbst.

    Wozu also der zweite Teil? Vielleicht weil wir tatsächlich keine begründete Ethik mehr finden, Angst haben uns diesem Problem zu stellen und deshalb uns eine fiktive Autorität wie den Buddha schaffen?!

    Also, wir sind uns sicher einig darüber, daß einer der konkret Hilf braucht, konkret Hilfe bekommt und das man das nicht wortreich hinterfragen muß. Nur wie steht es mit den weniger konkreten Fällen? Ein globaler Kapitalismus lässt 1 Milliarde Menschen ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser – das als Beispiel. Was ist das für eine Ethik? Das ist die Ethik der absoluten Eigensucht der globalen ‚Elite‘ der der Rest scheissegal ist. Kann der Buddhismus hier Antworten geben? Sicher nicht. Die tieferen Zusammenhänge, wie es zu einer Gesellschaftsform kommt, die systematisch ihre eigenen Grundlagen zerstört und damit ihren Nachfahren bei vollem Bewusstsein einen Trümmerhaufen hinterlässt, findet man sicher nicht im Palikanon. Das ist ein frommer Traum.

    Um vielleicht auch zu dem Text A≠A zurückzukommen: der Traum von einem Buddhismus der auf derartig furchtbare Erscheinungen eine absolute Antwort parat hat, ist lediglich der absoluten Größe des Problems geschuldet, dessen Lösung man sich tatsächlich nur noch mit Hilfe eines Deus ex Machina vorstellen kann.

    Im Sinne diese Blogs ist es ein zumindest ein Teil der Lösung, sich den Traum vom Supermann Gautama abzuschminken.

    Viele Grüße, Matthias

  19. 
    Benjamin Kaiser 12.7.12 um 09:14 UTC

    Lieber Matthias,

    ein kleines Bedenken hätte ich noch, wenn Sie Religiosität oder Ethik auf eine Art „biologischen Determinismus“ zurückführen. So zumindest glaube ich Ihren Artikel der „Zauberer“ zu verstehen.
    Sie haben da Recht und Unrecht in einem.

    Recht, indem Sie auf die Beschränkungen menschlicher Erfahrungen hinweisen, Unrecht, so glaube ich, da sie dann doch wieder ein Denkmuster in den Kopf bekommen, einen bloßen Diskurs, der sich die Erfahrungen zu unterwerfen haben.

    Nun gut. Ich glaube nun in Grundzügen die Intention Ihrer Internetseite verstanden zu haben. Das ist vollauf legitim, vieles kann ich teilen, vieles auch nicht.

    Ich denke wir können unseren Disput an dieser Stelle beenden (so es sich beenden läßt). Ganz herzlich möchte ich für das freundliche, anregende und spannende Gespräch danken. Ich wünsche Ihnen viele neue Gedanken und Diskussionen zu Ihrer Webseite, es hat mir Spaß gemacht.

    Viele Grüße
    Benjamin Kaiser

    PS
    Wenn Sie Lust haben, können Sie mir gerne einmal schreiben. Meine Mailadresse müßte ihr WordPress eigentlich ausspucken.

  20. 

    Lieber Benjamin

    Ihr Einwand ist richtig. Ein reiner „biologischer Determinismus“ wäre eine Einseitigkeit, die das soziale Feld ausser Acht lässt. „Der Zauberer“wendet sich mehr dem biologischen zu. Die andere soziale Seite ist das Feld der Ideologie und wie sie unsere Handlungen beeinflusst bzw. wie diese Handlungen auf die Gesellschaft zurückwirken – in Interaktion eben auch mit dem biologischen Feld. Um diesen beiderseitigen Einfluss zu beschreiben benutzt ich für mich zur Zeit den Ausdruck vom Menschen als Interferenzmuster im Schnittfeld biologischer und sozialer Felder.

    Vielleicht eins noch bzgl. „Denkmuster“. Ich glaube wir sind nie ohne solche Denkmuster. Es gibt keinen Menschen ohne Ideologie. Denkmuster oder Ideologie verstehe ich als grundlegenden Eigenschaften die es uns ermöglichen uns überhaupt zurechtzufinden. Die Frage ist, wie klar einem die eigenen Denkmuster sind, wie sie entstehen, in wie weit man sie verbessern kann und nach welchen Kriterien Letzteres geschieht – womit wir wieder bei der Ethik wären…

    Ok, lassen wir das hier mal ruhen. Ich bedanke mich ebenfalls für die anregende Diskussion. Ein Punkt dieses Blogs ist ja ins Gespräch zu kommen, bzw. eines über Buddhismus anzuregen.

    Viele Grüße und alles Gute, Matthias

  21. 

    Ich finde du hast Recht. Der Mensch baut sich seinen eigenen Spielraum. Seinen Wert findet er an dem was der Markt an Wert hergibt. Viele buddhistische „Westler“ unterdrücken Gefühle und vorallem das ICH, weil sie denken, damit ein „guter Buddhist“ zu sein, die Wahrheit jedoch ist leicht zu erkennen, sie gehören somit zu einer angepassten, wenn auch buddhistischen Masse. Der Palikanon wird dafür genutzt das eigene Bild zu überprüfen, statt in den Spiegel zu sehen, werden vorhandene Texte rezitiert. Auch das ist ein Markt, der gefüllt wird. Der Dalai Lama zeigt uns das Bild das wir sehen wollen. Er umgibt sich mit einem Schleier des Schweigens, sein Bild in jeder Presse. Er füllt den Markt, damit der Buddhismus hier im Westen praktiziert wird, er macht sich somit zum Superstar. Seine Motivation mag weltlich und zukunftsorientiert sein, denn heutzutage zählt nur der Eintrag in den Medien.

    Die Menschlichkeit bei all dem bleibt jedoch auf der Strecke. Der Mensch sieht nur das was er sehen will, und dabei bleibt die Glotze an.

    Das ICH das gelebt werden möchte, um es jederzeit überprüfbar zu machen, die Entscheidung die man finden muss, um das zu erkennen, das man tut. Diese Entscheidung umgeht man, indem man sich an das hält was andere Buddhisten für richtig halten. Neue Schulen, Tempel und Kloster werden eröffnet, buddhistische Ausbildungen neu definiert. Der Buddhismus bekommt seinen Platz in den Reihen der esoterischen Arbeitsplätze und der Bekanntheitsgrad boomt.

    Einsam wird der, der versucht, das nicht – vorgegebene an buddhistischen Werten zu leben, sich selbst und die Taten hinterfragt. Und erlebt wie Ruhe in der Natur, statt in den Räumen der Großstädten auf die Sinne wirkt.

    Ich genieße diese Einsamkeit, sie gibt mir ein Gefühl der Wahrhaftigkeit auf meinem achtfachen Pfad. Anpassung jeglicher Art ist für mich Anhaftung an den Dingen die vorgegeben sind. Erkennen welchen Weg man nimmt, heißt ihn Erleben in allen Fazetten, das Leben welches man jetzt hat, ist das einzige Leben das man hat. Meine Verantwortung: das Beste daraus zu machen, Achtsamkeit und Aufmerksamkeit für mein ICH gehört dazu.

    Die Dinge die da sind erleben, den Schmerz fühlen, das Lächeln im Gesicht des Anderen sehen. Fehler machen und sich darin erkennen, ein Verzeihen im eigenen Blickfeld. Und ein Hände falten, mit gesenktem Kopf dem Wunder des Lebens, wie des Vergehens. Die Silas leben und anerkennen in allem was da ist.

    Das ist für mich Buddhismus. Einen Markt hierfür wird es nie geben.