Das Schweigen der Männer

M. Steingass —  18.10.17

Ich schreibe das Folgende als Mann – als weißer, wohlhabender Mitteleuropäer – was nicht ganz ungefährlich ist, denn ich bin mir kaum meiner Privilegien gegenüber Frauen bewusst. Es ist eine epistemologische Blindheit. Ich erfahre nicht am eigenen Leib die konstante Abwertung zum Objekt, die Frauen andauernd im Alltag erleben. Und die gesellschaftlichen Strukturen sind so angelegt, dass ich darüber nichts erfahre, falls ich selbst nicht aktiv diese analysiere. Feministen würde mir vielleicht empfehlen, einfach die Klappe zu halten. Männer und ihre Privilegien sind das Problem, nicht die Lösung. Andererseits: Männer um Typen wie Weinstein, Sogyal etc. schweigen, schweigen und schweigen bis es nicht mehr anders geht. Wäre das nicht so, diese Kreaturen wären längst kalt gestellt. Weinstein, Sogyal und Konsorten sollten nirgendwo mehr hinkönnen, ohne sofort in die Fresse zu kriegen. Drücke ich mich mal wieder zu ungehobelt aus? Scheiss drauf.

Es geht nämlich um Folgendes, die Weinstein-Affaire genauso wie der Fall Sogyal, ebenso wie viele andere Fälle, machen eines klar: Das Schweigen der Männer ermöglicht sie. Männer schweigen zu den sexuellen Übergriffen, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Buddhismus im Westen zieht. Chögyam Trungpa, Eido Shimano, Rigpa – um nur ein paar der prominenteren Fälle zu nennen.

Männer schweigen zu den unsäglichen Verhaltensweisen, zu denen sich angeblich Erleuchtete – diese Hanswürste – ermächtigt glauben. Im Fall Eido Shimano hat die männlich dominierte Zen-Gemeinde der USA buchgstäblich über Jahrzehnte geschwiegen. Männer hatten Schiss Artikel zu veröffentlichen, weil sie vor Rechtsstreitigkeiten Angst hatten. Die können stundenlang auf ihrem Zafu sitzen und die Wand anstarren, bis ihnen die Beine abfallen und dann damit auch noch angeben, aber sie bringen es nicht fertig Frauen gegen einen scheiss Vertreter der Rape-Culture beizustehen. Es ist zum kotzen. Was ist das für eine buddhistische Ethik? Es ist keine. Gar keine. Punkt!

Wie lange haben Männer über Soygal geschwiegen? Nehmen wir mal den Dalai Lama. Jetzt wo es gar nicht mehr anders geht, kommt es zu Statements. Und davor. Hat keiner was gewusst. Vor einem Vierteljahrhundert gab es mal eine Konferenz mit dem Weisen aus Tibet, wo er gesagt haben soll, man solle was sagen, wenn was nicht richtig läuft. Aber warum überlässt der Mann das Aussprechen den Anderen? Ist er nicht selbst in der mächtigen Position, die ihm einen enormen Hebel gibt? Nee, die Opfer sollen selbst was unternehmen. Dabei hat der Mann wahrscheinlich keinerlei Ahnung von den Lebensrealität von Frauen, die es mit mächtigen Männern zu tun haben, die ihren Schwanz nicht unter Kontrolle bringen. Er hat keine Ahnung davon, wie sehr Frauen unter Druck stehen, wenn sie gegen sowas aufbegehren wollen. Victim-blaming, gas-lighting, Entzug von Privilegien, bis hin zum „stell dich nicht so an, du willst es doch auch“. Keine Ahnung hat der Mann. Der weiße Privilegierte eben – der die Problem von Frauen nicht sieht, weil er sie nicht am eigenen Leib erlebt.

Das ist eine Form phänomenologischer Blindheit, die naiv davon ausgeht, es existiert nur das, was man direkt wahrnimmt. Fuck.

Oder nehmen wir den Rat der DBU. Diesen Haufen schweigender Lämmer, mit Typen wie Ole und Sogyal direkt in ihrer Mitte. Die warten wie so viele z. B. darauf, dass im Fall Sogyal irgendwas gerichtlich geklärt wird. Als ob das was Frauen von Männern häufig im Alltag zu erfahren gewohnt sind, irgendwie justiziabel sei. Da offenbart sich auch eine Naivitäti und Ignoranz, dass man gerne mal den Hammer schwingen würde. Diese Leute haben keine Ahnung von gesellschaftlichen Realitäten. Idioten die das Gegebene als natürlich nehmen. Jammergestalten denen eine Frau als Objekt des pornografischen Blickes keinerlei Begriff ist. Lumpen eigentlich, die zwar von Erleuchtung schwadronieren, aber tatsächlich in einem abgeschlossenen Universum leben, in dem Gleichberechtigung per Gesetzt geregelt wird – und nicht etwa auch über ein Nachdenken über das was man als Mann vielleicht einfachen nicht mitbekommt, weil die Privilegien es rausfiltern.

Männer schweigen, das ist der Punkt. Egal ob in Weinsteins Hollywood oder bei seiner Heiligkeit. Männer schweigen, weil sie in den meisten Fällen keine Ahnung von den Dingen haben, die Frauen erfahren. Und die Frauen auch oft nicht kommunizieren können, weil Männer ein feines Sensorium dafür haben, wenn es an ihre Privilegien geht. Buddhisten sind da keine Ausnahme. Eher im Gegenteil.

Buddhisten glaubten über ihren so genanten Dharma eine Welterklärungsmacht zu haben, die es erübrigt, sich mit anderen Formen des Wissens zu befassen. Sie sind deshalb häufig mit einer unglaublichen Blindheit geschlagen, die sie mit schwer überbietbarer Arroganz auch noch vehement verteidigen. Feminismus? Hat man im Buddhismus noch nie von gehört. Analyse spezifischer Gender-Rollen, ihre historische Bedingtheit und ihre Verankerung in gesellschaftlichen Strukturen, wie Recht, Kunst, Werbung, Medien? Das ist für Buddhisten „Verkopfung“.

Das Ergebnis ist, dass sowas wie Sogyal seit den 1990er Jahren sein Unwesen treiben kann, ohne das die kritischen Stimmen, die es lange schon gab, Gehör fanden.

Männer schweigen. Und buddhistische Männer sind prädestiniert noch mehr zu schweigen als nur zu schweigen, weil sie es bewusst und gewollt ablehnen, etwas über die Umstände zu lernen, in denen sie ihre Privilegien ausleben können. Sie haben ja ihren Dharma.

Es ist eine Schande. Da hat der heilige Dalai mal Recht. Aber es ist auch seine Schande. Und es ist die all derjenigen, die nicht nachsehen wollen, ob da nicht ein Feuer ist, wo es derart qualmt. Es ist die Schande eines großen Teils dessen was sich im Westen Buddhismus nennt. Es ist die Schande einer Institution, die aus Arroganz und Selbstverliebtheit heraus unfähig ist, die Fehler im eignen System zu sehen.