Rosa Luxemburg schrieb diesen Text im Gefängnis. 1917 im Winter. Gewiss nicht in einer zentral beheizten Zelle. Gehasst dafür daß sie für den Frieden eintrat in einer Zeit die so kopflos kriegsgeil war wie man sich es gar nicht vorstellen kann. Für mich drückt dieser Text aus, daß es tatsächlich um das Menschsein geht – und nicht um irgend eine Praxis. Es ist schwierig genug Mensch zu sein anstatt wortlos zu verkommen.

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Da liege ich still allein, gewickelt in diese vielfachen schwarzen Tücher der Finsternis, Langeweile, Unfreiheit, des Winters – und dabei klopft mein Herz von einer unbegreiflichen, unbekannten inneren Freude, wie wenn ich im strahlenden Sonnenschein über eine blühende Wiese gehen würde. Und ich lächle im Dunkeln dem Leben, wie wenn ich irgendein zauberhaftes Geheimnis wüßte, das alles Böse und Traurige Lügen straft und in lauter Helligkeit und Glück wandelt. Und dabei suche ich selbst nach einem Grund zu dieser Freude, finde nichts und muß wieder lächeln über mich selbst. Ich glaube, das Geheimnis ist nichts anderes, als das Leben selbst; die tiefe nächtliche Finsternis ist so schön und weich wie Sammet, wenn man nur richtig schaut. Und in dem Knirschen des feuchten Sandes unter den langsamen schweren Schritten der Schildwache singt auch ein kleines schönes Lied vom Leben – wenn man nur richtig zu hören weiß. In solchen Augenblicken denke…

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