MBSR-Produktivkraft

M. Steingass —  24.11.12

Es ist tatsächlich nicht besonders schwierig sich in eine tiefe meditative Trance zu versetzen und oder verschiedene Varianten der Beeinflussung des eigenen Bewusstseins durchzuspielen. Timothy Leary hat das schon in den 1970er Jahren in seinem genialen, aber aus heutiger Sicht esoterisch auch ziemlich verpeilten und überholten Text Exopsychologie erkannt. Dort geht es im so genanten 5. Schaltkreis um die autonome Beeinflussung des eigenen psychophysikalischen Seins. Sprich, es geht um die Fähigkeit Körper und Geist sinnvoll, selbstbestimmt und mit entsprechendem Know-How ausgestattet zu steuern. Die Idee Learys in ihrem zeitlichen Kontext ist auch deswegen interessant, weil sie neben den Forderungen nach mehr Selbstbestimmung im politischen, privaten und beruflichen Leben, den eigenen Körper zu einer Domaine des Wissens macht. Das heisst aus der Perspektive derjenigen, die diesen Körper lebt – nicht aus der Perspektive des Arztes, Lehrers, Vorarbeiters, Vorgesetzten, Befehlsführers etc. pp. Diese Selbstbestimmung, zunächst ganz neutral gesehen, ist damit Teil dessen was Gilles Deleuze als Kontrollgesellschaft bezeichnete.

Diese Selbstbestimmung erfordert ein ganz spezifisches Wissen. Absenkung des Pulses, Verlangsamung der Atmung, muskuläre Tiefenentspannung und Veränderungen der Reaktionen auf Reize die im oder auf den Körper wirken, können bewusst gesteuert werden. Apnoetaucher und Elitesoldaten beispielsweise verwenden entsprechende Techniken. Was Leary erkannte, war, daß häufig in verschiedenen Kulturen entsprechende Spezialisten in diesen Techniken ausgebildet wurden. Was Leary ebenfalls ansatzweise erkannte, war, daß diese spezialisierten Körpertechniken jeweils mit spezifischen metaphysischen Weltbildern verbunden waren. Heute noch wird jeder Yogalehrer der etwas auf sich hält, auf die eine oder andere Art von einem ‚wahren‘ Yoga sprechen, der weit über das hinaus geht was ein paar Körperübungen (Asana) ausmachen. Dabei kann es sich z.B. um Chakren handeln, die visualisiert werden o.ä.

Bei körperlicher Selbstbestimmung geht es allerdings nicht um eine solche Esoterik, sondern um eine Art fortgeschrittenen Sportunterricht. Bedauerlicher Weise haben verschiedene historische Umstände dazu geführt – die Auflösung tradierter sozialer Zusammenhänge in den 1960er und -70er Jahren und die esoterische Invasion aus dem Osten, die verloren gegangene autoritäre Strukturen zu ersetzen schien – daß heute nicht entsprechende Körpertechniken im Vordergrund stehen, sondern scheinreligiöse Pseudoautoritäten die vorgeben diese Techniken mit viel Brimborium zu vermitteln.

Entsprechende Körpertechniken wirken immer auch auf das Bewusstsein, da sie, anders als etwa Dauerlauf oder andere Ausdauersportarten, nicht ohne erheblichen Aufwand an bewusster Lenkung ausgeübt werden können. Das erlernen einer autonomen Tiefenentspannung ist z.B. nicht ohne bewusste Lenkung möglich. Das bedeutet, diese Techniken sind immer auch Bewusstseinstechniken. Eine autonome Tiefenentspannung ist bewusste Konzentration an sich, die Lenkung des Fokusses der Konzentration, konkrete Aktion (Entspannung eines Muskels z.B.) und gleichzeitig eine Form der Metakognition die überhaupt erst in die Lage versetzt diese einzelnen kognitiven Mechanismen zu einem integralen Ganzen zu machen.

Bei genauer Betrachtung fällt hier z.B. auch auf, daß der Übergang oder die Differenz zwischen Körperlichem und Mentalem keineswegs so klar ist wie es unsere Sprache erscheinen lässt. Wo etwa setzt bei der bewussten Entspannung eines Muskels das Körperliche ein und hört das Geistige auf? Allerdings mag es sehr sinnvoll sein, trotzdem von Körpertechniken oder sogar von materieller Praxis zu sprechen, um sich deutlich von einem reaktionärem esoterischen Hokuspokus abzugrenzen. Dies ist unbedingt notwendig, da sich sonst der esoterische Führerkult in den Vordergrund schiebt, der vor allem, wie der böse Begriff schon sagt, eine zwanghafte erlittene oder ausgeübte Autorität zum Inhalt hat. Die an sich zunächst neutralen Techniken um die es hier geht, werden dann im schlechtesten Sinne zu Techniken des Stillhaltens, der Betäubung und der Unterdrückung.

Allerdings sind diese reaktionären Effekte nicht auf den Bereich der Esoterik beschränkt. Der oben angeführte Begriff der Kontrollgesellschaft beinhaltet den Begriff der Selbstkontrolle in der Weise, daß in dieser von uns heute gelebten Gesellschaftsform Normen des Zusammenlebens und -arbeitens nicht mehr von aussen aufgezwungen, sondern durch ein subtiles System multimedialer Vernetzung verinnerlicht werden – Selbstkontrolle bedeutet in diesem Zusammenhang, daß diese verinnerlichten Normen nicht mehr als Zwang empfunden werden und stattdessen das  Selbst sich selbst lustvoll unter Kontrolle hält. Lustvoll bedeutet hier eher mit Überzeugung und weniger einen  positiv gemeinten hedonistischen Begriff. Lustvoll muss alles erscheinen was ich tue, mit Überzeugung arbeite ich an meinen Projekten und die Ziele des Unternehmens in dem ich arbeite, müssen meine eigenen werden. Nicht umsonst stehe ich heute vor einer „Herausforderung“ die mich zu neuen Ideen und Höchstleistungen anspornt anstatt vor einem schnöden „Problem“ das es zu lösen gilt.

In der Arbeitswelt entsteht so heute, zusätzlich neben den vielfältigen höchst effizient zu gestaltenden Abläufen die die eigentliche Arbeit ausmachen, ein enormer Stress der vor allem psychisch wirkt und weniger direkt körperlich. An diesem Punkt nun kommen die Körpertechniken ins Spiel. Es entsteht ein neuer Dienstleistungssektor der Techniken zur Stressreduktion vermittelt. Ein kleiner Artikel in der FAZ von gestern (23.11.12) gibt darüber Auskunft: Stress, lass nach. Hier zeigt sich, anders als in der Esoterikszene die eine christlich-romantisch grundierte Neoreligosität lebt, wie Körpertechniken aus ihrem ursprünglichen Kontext gelöst und in in den Zusammenhang eines neoliberalen Wirtschaftens gesetzt werden. Der Zusammenhang um den es nun geht, ist die Optimierung der Produktivkraft. Techniken die zu einer regenerativen Entspannung führen, werden nun gezielt eingesetzt um den Menschen der  zwischen seinen Herausforderungen aufgerieben zu werden droht zu revitalisieren.

Im Artikel wird Chris Tamdjidi vorgestellt „ein ehemaliger Unternehmensberater, der seit Jahren als Meditationstrainer aktiv ist“. Er schildert ganz unumwunden worum es geht:

„Mindfulness-Based Stress Reduction“ (MBSR) dient dazu, dass der Meditierende den gegenwärtigen Augenblick und die damit verbundenen Gefühle bewusster wahrnimmt, egal, ob die Erfahrung als angenehm oder unangenehm empfunden wird. Wer diese Haltung erfolgreich verinnerlicht, kann laut Tamdjidi eine gesunde Distanz zum alltäglichen Stress im Berufsleben entwickeln und so leichter damit fertig werden. Es geht dabei explizit nicht um Systemkritik oder darum, die stressigen Aspekte des Alltagslebens zu beseitigen. Stattdessen soll das Achtsamkeitstraining den Seminarteilnehmern helfen, ihre eigene Rolle im System und ihre emotionalen Reaktionen darauf bewusster wahrzunehmen und aushalten zu können.

MBSR ist eine Technik die man dem Instrumentarium des 5. Schaltkreises nach Leary zuordnen kann. Als solche ist sie zunächst eine neutrale psychophysische Autonomieübung. Mit der Anwendung von MBSR allerdings zur Stressbewältigung im Arbeitsalltag wandelt sich die Technik zu einer reinen Erhaltung bzw. Optimierung der Produktivkraft des Arbeiters, Angestellten, Managers, Ich-AGlers etc. Im Kontext der Kontrollgesellschaft wird sie damit zu einem weiteren Instrument der Selbstkontrolle. Der Selbstkontrolle allerdings, die nicht sich selbst dient, sondern das eigene Selbst als Dienstleister denjenigen andient, die daraus größtmöglichen Nutzen, d.h. Mehrwert ziehen können. Das Selbst wird zur Sache die man vermietet und MBSR wird die Reparaturwerkstatt.

Mit MBSR geht es darum die „eigene Rolle im System und [die] emotionalen Reaktionen darauf bewusster wahrzunehmen und aushalten zu können“ – wie es im Zitat heisst. Im Artikel der FAZ wird angesprochen, daß hier natürlich am Symptom herumgedoktert wird und man schließt mit einem optimistisch-versöhnlichen Ton. ‚Meditationstrainer‘ wie Chris Tamdjidi sehen natürlich nicht die Gefahr,

dass Unternehmen die Achtsamkeitsmeditation instrumentalisieren könnten, um auf ihre Mitarbeiter Druck zur Selbstoptimierung auszuüben. Ganz im Gegenteil seien in Achtsamkeit geschulte Führungskräfte tendenziell eher bereit, das Arbeitsumfeld für ihre Mitarbeiter angenehmer zu gestalten und diesen so beim Stressabbau zu helfen.

Hier zeigt sich allerdings das was man als esoterischen Trugschluss bezeichnen könnte, daß Achtsamkeitsmeditation allein zu einer gehobenen Moral beitragen könnte. Achtsamkeitsmeditation allein bewirkt alles mögliche, nur kein verändertes Bewusstsein davon was gut und richtig ist. Im ganzen gesehen, wenn man eine rein effizienzgetriebene just-in-time Hochleistungswirtschaft betrachtet, werden „in Achtsamkeit geschulte Führungskräfte“ nichts anderes tun als „das Arbeitsumfeld für ihre Mitarbeiter angenehmer zu gestalten“ um mehr Profit erwirtschaften zu können.

Wie auch immer man Meditation definieren mag, im Buddhismus beispielsweise ist sie streng in einen moralisch-ethischen Kontext eingebunden und sie dient, als Übung der introspektiven Beobachtung, lediglich dazu das stets interdependent entstehende Individuum in seiner Genese besser zu verstehen. Eine derart moralisch nakich gemachte ‚Achtsamkeitsmeditation‘ wie sie mit MBSR betrieben wird, kann trotz anders lautender Beteuerungen derjenigen die mit ihr Geld verdienen müssen, zu nichts anderem führen als einer optimierten Ausbeutung. Ohne kritische Analyse der Arbeitssituation dient sie lediglich dazu das Selbst noch besser einer Norm zu unterwerfen die es dann auch noch vollautomatisch umsetzt.

Pimp my Self mit MBSR!

Literaturhinweis: Axel Honneth gibt in Organisierte Selbstverwirklichung. Paradoxien der Individualisierung eine gute Einführung in den Themenbereich dessen was heute Selbstverwirklichung und Selbstkontrolle bedeutet. Der Text ist enthalten in Kreation und Depression, herausgegeben von Christoph Menke  und Juliane Rebentisch

34 Antworten zu MBSR-Produktivkraft

  1. 
    Bart Oosting 27.11.12 um 20:46 UTC

    Very nice article. An english version would be appreciated. :)

  2. 

    Thanks Bart, I already thought about it, but it will take some time.

  3. 

    Nach der perfektionierten Ausbeutung von Körper und Geist folgt nun die perfektionierte Ausbeutung der Psyche. Was bleibt übrig vom „freien Individuum“? Wird es im gnadenlosen globalen Wettbewerb jeder gegen jeden vollständig aufgerieben?

  4. 

    Hallo Einsiedler, für die Auflösung des freien Individuums müsste es das erstmal geben.

  5. 

    Ganz so einfach ist es nun auch wieder nicht. Natürlich gibt es die besagten Kritikpunkte. Darüber wird auch innerhalb der „buddhistischen Szene“ diskutiert, etwa auf dem Achtsamkeitskongress 2010 in Hamburg.

    Der Punkt ist: In vielen Bereichen wirkt Achtsamkeit/ MBSR/ MBCT/ DBT äußerst heilsam. Gerade in der Therapie, in der Arbeit mit Depressiven, Borderlinern, Angstpatienten usw. hilft Achtsamkeit ungemein. Es wird sogar schon von einem neuen Paradigma innerhalb der Therapie gesprochen (weg vom „verändern-wollen, hin zum „anschauen“).

    Dein Artikel wäre wahrhaftiger und auch ehrlicher, wenn er auch die positiven Aspekte dieser Entwicklung beinhalten würde. Sonst könnte einem in den Sinn kommen, dass es dir nur darum geht, wie ein Rohrspatz zu schimpfen und alles zu verteufeln – zumal es nur sehr, sehr selten eigene Ansätze gibt, wie man es „besser“ oder „anders“ machen könnte.

    MfG, Joachim

  6. 

    Hallo Joachim

    Ohne Zweifel gibt es Wirkungen. Das Bestreite ich doch gar nicht. Auch positive, ich spreche das im Text doch an. Stichwort „Selbstbestimmung“, „bewusster Einfluss auf das eigene Körpergeschehen“…

    Mein Punkt ist: Einfach „anschauen“ ohne sich darüber klar zu werden was heute Menschen kaputt macht, führt dazu daß die krank machenden Mechanismen unbeachtet bleiben. Woher kommt denn die Depression? Du bist Psychologe, hast du mal Ehrenberg gelesen?: Das erschöpfte Selbst. Das Unbehagen in der Gesellschaft.

    Was meine „sehr, sehr seltenen eigenen Ansätze“ angeht. Du verstehst glaube ich nicht was Kritik bedeutet. Du gehörst einer Generation an für die dieser Begriff grundsätzlich nur noch negativ besetzt ist. Kritik bedeute in aller erster Linie Widersprüche aufzeigen – und nicht fertige Lösungen bieten. Die neuen Lösungen ergeben sich erst dann, wenn ein Wiederspruch sichtbar wird und einen zum nachdenken darüber zwingt, was nun damit zu machen sei. Ausserdem ergibt sich aus meiner Kritik unmittelbar ein „eigener Ansatz“: Nachdenken über das was dich kaputt macht, was uns in die Depression zwingt, was uns Stress aufnötigt in einer Welt die weiss Gott schon längst genug Maschinen, Geld und Verstand hat, schon lange keinen Stress mehr produzieren zu müssen.

    Im übrigen bitte lesen: Um was es geht! das ist der Hintergrund um den es hier geht.

    Positive Ansätze findest du hier: Endlich. Ich plädiere für mehr Drogen, besseren und häufigeren Sex und den Palikanon als Klopapier (nachdem es den Buddha nun auch schon als Klodeckel gibt)

    Was den Kongress 2010 angeht: Hast du da was Konkretes? Bitte keine ellenlangen Texte sondern Links mit kurzem Kommentar um was es geht.

  7. 

    Ja, das stimmt. Ich entstamme einer Generation, die keinen Sinn darin sieht, Dinge polemisch zu kritisieren, ohne etwas konstruktives dazu geben zu können. Letztendlich ist Kritik nur für Menschen gedacht und interessant, die meckern wollen, ohne die Ärmel hochzukrempeln. Ein paar flotte, markige Sprüche hinklatschen, ohne sich die Hände schmutzig zu machen.
    Insofern ja, ich sehe keinen Sinn in dieser destruktiven Form der Kritik.

    Und nachdenken über das was dich kaputt macht? Der Punkt ist doch der: Eine rein kognitive Stimulanz besitzt nicht die Fähigkeit, das eigene Handeln zu ändern.

    „Die Zeitschrift „Nature Neuro-science“ des amerikanischen Kollegiums für medizinische Genetik veröffentliche jüngst eine Studie, nach der bei 80 Prozent der Menschen die vorderen Stirnlappen im Neokortex, dem Teil des Gehirns, der unsere kognitiven Prozesse steuert, kurz: mit dem wir logisch denken und urteilen, ihre Arbeit einstellen, sobald sie problematische oder unangenehme Eindrücke empfangen. Die schlechte Nachricht wird schlichtweg nicht verarbeitet. Die Fakten werden nicht so wahrgenommen, wie sie sind. Stattdessen erhält das Gehirn die Illusion einer warmen, wohligen, wattigen Welt aufrecht, in der am Ende alles gutgeht, das Unmögliche mögliche wird und sich die Probleme in Luft auflösen. Diese fatale Eigenschaft des dominanten Teils unserer Spezies wird „unrealistischer Optimismus“ genannt.“ J- Heimrath

    Das bedeutet im Klartext, dass Kritik nicht in der Lage dazu ist, Einsichten zu formen und Verhalten zu ändern. Und das ist starker Tobak, nicht wahr?

    An diesem Punkt können wir nun darüber nachdenken, wie wir wirklich dazu kommen können unser Verhalten (und evtl. auch das anderer) ändern können. Und genau da wird es wirklich schwer. Denn genau da, setzen wir an unserer konditionierten Sichtweise an. Genau hier müssen wir uns mit uns selbst auseinandersetzen. Da dies meist jedoch zu schwer ist… kritisieren wir eben andere. Das ist einfach leichter und bequemer…

  8. 

    Gut Joachim, das sind doch klare Verhältnisse.

    Bitte gib mir, da ich ein faktenhungriger Mensch bin, doch noch ein paar Hinweise wo ich denn finde, über was du sprichst.

    a) Der Kongress von 2010 zur Achtsamkeit und über was die diskutierten.

    b) Wo ich diesen Bericht finde, in dem etwas darüber steht, daß die Frontallappen unter bestimmten Umständen ihre Arbeit einstellen.

    Thanks.

    P.S. In Bezug auf dein Zen und die Kunst das passenden Geschenk zu finden: Wie wäre es stattdessen mit einem Aufruf zum Konsumboykott zu Weihnachten?

  9. 

    Warum sollte man Konsum boykottieren?

  10. 

    Um Zeichen zu setzen: Ich bin Buddhist. Ich kaufe nichts.

    Um zu zeigen, daß für viele von uns nichts bleibt, wenn der Konsum wegfällt. Und daß viel nichts sind, weil sie nicht konsumieren können/dürfen.

    Weil mit nichts schneller Treibhausgase einzuschränken sind als mit einer zurück gehenden Volkswirtschaft.

  11. 

    Hm, ja, kann man machen. Da ich mich nicht als Buddhisten definiere, muss ich mich gottseidank nicht an diese Regeln halten ;-)

    Aber mal im ernst: Zeichen setzen, schön und gut. Doch ich setze „mein Zeichen“ lieber im Alltag, anstatt meinen Kindern zu Weihnachten nichts zu schenken, weil irgendwelche Leute vor ihnen es verbockt haben.
    Meine Zeichen sind: Ich fahre nicht in den Urlaub, fahre öffentliche Verkehrsmittel, habe nicht mal einen Führerschein, esse kein Fleisch, trinke keinen Alkohol, kaufe so gut es geht regional usw.

    Das heißt, ich boykottiere nicht, sondern versuche nachhaltig zu leben.

    Zu den Punkten:

    1) Der Artikel zum Frontallappen: Sharot T. et al. „How unrealistic optimism is maintained in the face of reality.“ In: Nat Neurosci, vol. 14, issue 11, November 2011. S.1475-1479.

    2) Paul Grossman sprach auf dem Achtsamkeitskongress davon, wie wichtig es ist, Achtsamkeit nicht als bloße Technik zu verstehen, sondern in einem größeren Kontext: Es braucht Bedingungen wie Mitgefühl und Weisheit um Achtsamkeit leben zu können. Diese Bedingungen werden durch ein rein technisches Verständnis von Achtsamkeit nicht gerecht.
    Es gibt eine DVD zu kaufen, wenn du interessiert bist… Ansonsten hat er auch einen Artikel darüber geschrieben.

  12. 

    Danke für die Quellen.

    Generell denke ich wie du, daß man etwas vorleben sollte, anstatt vereinzelte Aktionen zu versuchen. Allerdings denke ich, daß zu wenige sich um tatsächliche Nachhaltigkeit kümmern, als daß das im Ganzen was bringen würde, daß z.B. bei den Grünen entsprechende Impulse komplett verschwunden sind, daß Doha derzeit z.B. wieder nichts bringen wird (du hast ja einen entsprechenden Text auf deiner Site) usw. usf. – und daß man deshalb darüber nachdenken muss, wie man mehr machen kann.

    Und um auf das Thema dieses Threads (und dieses Blogs) zurückzukommen, ich denke das es eine Tendenz zum Rückzug in eine esoterisch-romantische Innerlichkeit gibt, die mit dafür sorgt, daß nicht mehr Menschen sich wirklich um wichtige politische Belange kümmern. Das ist der Punkt an dem ich sage, schön und gut, Meditation mag diese und jene Wirkung haben, sie aber allein als Rückzug zu nutzen um mit stressigen Situationen zurecht zu kommen, ist nicht der richtige Weg. Das ist das Thema hier.

  13. 

    Übrigens Joachim, du sagst, daß du dich „nicht als Buddhisten definierst“.

    Du hast ein Blog das sich iBuddhismus nennt, es geht dort um Kreative Bodhisattvas zwischen Facebook und Hingabe, du hast ein Buch geschrieben mit dem Titel iBuddhismus und z.Z. bewirbst du das Buch Die Kollapsgesellschaft mit „Ein Handbuch für Buddhistische Revolutionäre“. Du bietest ausserdem einen iBuddhismus-Workshop an.

    Man könnte mit Fug und Recht sagen, daß du eine Marke aufbaust: iBuddhismus. Du definierst dich aber nicht als Buddhist. Wie das?

  14. 

    Ich verstehe mich als Dharma-Praktizierenden – und das auch nicht zu jeder Stunde (es gibt auch Momente da bin ich unachtsam und somit KEIN Dharma-Praktizierender).
    Ich finde das (für mich) ehrlicher: Immer wenn ich praktiziere, bin ich ein Praktizierender. Wenn ich nicht praktiziere, bin ich kein Praktizierender. an manchen Tagen bin ich also 19 Stunden lang ein Praktizierender, an manchen Tagen dagegen nur 2 Stunden…

    Und was iBuddhismus angeht. Zum einen bedeutet das ja „Integraler Buddhismus“ und das ist auch mein Anliegen, den Buddhismus aus der Meditationsecke rauszuholen in das „pralle Leben“. Und zum anderen muss man die Dinge ja irgendwie nennen, die man macht.

  15. 

    Man erzählte sich, Buddho soll sich unter den Pappelfeigenbaum gesetzt und einfach den Rechner runtergefahren haben. Offensichtlich soll er es sehr genossen, und darüberhinaus ein für alle mal die Angst vor dem Tode verloren haben.

    Seine Jünger später starrten erschrocken in einen schwarzen Bildschirm, begannen hektisch zu rebooten, installierten dauernd neue Programme, das aktuelle Upgrade nennt sich „westlicher Buddhismus“ …

  16. 

    Und die aktuelle Version verursacht ständig Bluescreens wie seinerzeit Windows 3.0

    Bei Problemen kontaktieren sie bitte ihren Systemadministrator.

    xx898000000000000000000xtt64x00000000000001

  17. 

    Vielen Dank, dass Sie endliche den fast reinen binären Code zum Nirvana rausrücken …

    Die Null übrigens, soll auf den Begriff śūnya zurückgehen, auch wieder so ein Nebenprodukt alten indischen Denkens (… nicht der Meditation natürlich …)

  18. 

    Abstract:
    This essay explores the possibility of a complete secular redefinition of Buddhism. It argues that such a secular re-formation would go beyond modifying a traditional Buddhist school, practice or ideology to make it more compatible with modernity, but would involve rethinking the core ideas on which the very notion of „Buddhism” is based. Starting with a critical reading of the four noble truths, as presented in the Buddha’s first discourse, the author proposes that instead of thinking of awakening in terms of “truths” to be understood one thinks of it in terms of “tasks” to be
    accomplished. Such a pragmatic approach may open up the possibility of going beyond the belief-based metaphysics of classical Indian soteriology (Buddhism 1.0) to a praxis-based, post-metaphysical vision of the dharma (Buddhism 2.0).

    http://www.globalbuddhism.org/13/batchelor12.pdf

  19. 

    Vielen herzlichen Dank für die anregenden Hinweise und den Link zu diesem Journal, das ich noch nicht kenne.
    Was ich oben nur andeutungsweise und ziemlich salopp hingeworfen habe, hat S. Batchelor natürlich schön ausformuliert. Dies mein erster Eindruck, vertieftes Lesen (auf Papier …) wird folgen.

    Was den aktuellen thread (MBSR) betrifft, Leary’s Text werde ich mir auch noch einmal zu Gemüte führen … habe ich voll vergessen …

  20. 

    Ja, mit MBSR ist es so eine Sache. Ich habe mich vor einigen Jahren mit Sylvia Wetzel (eine der buddhistischen Pioniere) darüber unterhalten und sie sagte auch, dass man Achtsamkeit sowas von in den falschen Hals kriegen kann, wenn man es nur als Technik versteht.
    Buddhistische Praxis ist immer in einen (kulturellen) Kontext eingebettet – und man kann ihn nicht praktizieren, wenn man diesen Kontext nicht konkret benennt.
    In diesem Sinne leistet Matthias hier ein schönes Stück Aufklärungsarbeit – auch wenn mich sein Umgangston des Öfteren zurück schrecken lässt ;-)

  21. 

    Hallo G.K. und Joachim.

    Danke für den Hinweis auf den Batchelor-Text. Wenn jemand von euch Lust hat einen kurzen, deutschsprachigen Beitrag/Hinweis auf diesen Text zu schreiben wäre das sicherlich nützlich. Er könnte auf Kritkos & Bodhi veröffentlich werden – einer Site die wir extra für solche Hinweise aufgebaut haben. Siehe dort auch die Hinweise für den Leser.

    G.K., Learys Text hat sicher nur noch historischen Wert. Er ist, jedenfalls für meinen Geschmack, doch sehr esoterisch-spekulativ.

    Joachim, ja mein Umgangston. Gelassenheit bei all den Heilgen die so umherschweben fällt mir wirklich schwer. Mir gefällt daß du den Aspekt der Aufklärung trotz meiner Ausfälle siehst. Das motiviert.

  22. 

    Ich habe angefangen, den Artikel von S. Batchelor ins Deutsche zu übersetzen. Wenn Ihr einverstanden seid, werde ich ihn dem verehrten Gremium dann zur Begutachtung vorlegen.

    Timothy Leary und Jon Kabat Zinn (Begründer von MBSR) kommen ja beide aus dem amerikanischen, akademischen Milieu (mit „Überlappungen“ zum Militär …). Weiter könnte man in diesem Zusammenhang auch noch John Lilly und Stan Grof erwähnen. Also ziemlich säkular, im Sinne der Definition von Batchelor. Buddhismus kann da durchaus noch als Referenz dienen, mehr nicht. Es wurden von ihnen wirksame therapeutische Methoden und Wege entwickelt, die jetzt im grossen Bereich der westlichen humanistischen Psychologie angesiedelt sind. Bemerkenswert ist, dass auch einige der bekannten westlichen Vipassana-Lehrer diesen Hintergrund haben und sich auch darauf berufen.

  23. 

    Hier ein Taz-Artikel der auch zum Thema gehört => Neue Rezepte gegen Burn-out.

    G.K., gute Idee die Übersetzung. Sollte man die veröffentlichen oder nur privat lesen? Veröffentlichen wäre sicher interessant für viele, dann müsste man aber bei Batchelor anfragen.

    Die Leute die du nennst – Leary, Zinn, Lilly, Grof – sind ja alles Vorfahren, Ahnen und Wegbereiter einer geistig-spirituellen Kultur wie wir sie mit allen Höhen und Tiefen heute kennen. Gibt es deutschsprachige Literatur die das historisch betrachtet? Das wäre sehr interessant. Wüsste aber nicht, daß es bei uns sowas gäbe. Englischsprachige Sachen gibt es einiges.

  24. 

    Vielen Dank für den Link, passt gut zum Thema.

    Ich hoffe, dass ich es bis Ende Jahr schaffe, dann kann ich Dir und Joachim, und wen’s noch interessiert, den Text mal schicken, allfällige Korrekturen vornehmen und irgendwo veröffentlichen. Ich werde das Journal mal um die Erlaubnis anfragen, Stephen Batchelor natürlich auch.

    Jedenfalls hat er auch noch Humor, wie mir scheint.
    Zitat aus dem Artikel:
    „Vielleicht ist das Vordringen der Achtsamkeitmeditation in das Gesundheitswesen so etwas wie ein buddhistisches trojanisches Pferd. Ausnahmsweise mal ist Achtsamkeit in den Geist/Gehirn eines verständnisvollen Wirtes eingepflanzt worden; dharmische Meme sind fähig, sich wie Viren zu verbreiten, schnell und unvorhersehbar.“

    Deutschsprachige Literatur über die historische Entwicklung der „Szene“ ab der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts kenne ich auch nicht. Vereinzelte Artikel wird es sicher geben, aber wahrscheinlich verstreut.

  25. 

    Herzlichen Dank G.K. für die Übersetzung! Ich werde sie auch gerne auf meinem Blog veröffentlichen!

  26. 

    Prima!

    Vgl. übrigens auch diesen Hinweis auf eine kritische Auseinandersetzung mit Batchelors Säkularem Buddhismus => Über den Glauben der Säkularen Buddhisten

  27. 

    Hallo Matthias,
    ich habe deinen Artikel mal in Buddhaland verlinkt – hoffe, das war okay…

  28. 

    Hallo Axel, überhaupt kein Problem. Im Gegenteil, es freut mich natürlich wenn diese Diskussion weiter getragen wird. (für Interessierte: hier geht’s zum => Buddhaland)

  29. 

    „Achtsamkeitsmeditation allein bewirkt alles mögliche, nur kein verändertes Bewusstsein davon was gut und richtig ist.“

    da muss ich widersprechen. achtsamkeit erhöht sehr stark die erkenntnis, welche verhaltensweisen für einen selber gut oder schlecht sind, bzw. einen glücklich machen, oder eben unglücklich. von dieser erkenntnis einen umkehrschluss auf andere menschen zu machen, ist dann nicht mehr weit.

  30. 

    Für eine selbst mag sie die Erkenntnis davon was gut und schön ist erhöhen, aber Achtsamkeit alleine fördert keine Erkenntnis darüber was uns zu dem macht was wir sind – im gesellschaftlichen Sinn. Heute wird Achtsamkeit einfach aus dem Buddhistischen Kontext heraus subtrahiert und man meint das sei’s dann. Das mag für eine selbstverliebte Wellnesskultur ganz nett sein, es hat aber nichts mit Buddhismus zu tun. In dem gibt es eine Forderung ethisch an sich zu arbeiten und Achtsamkeit ist dabei blos das Mittel zum Zweck.

    „Wer seine Übung schützen will, muss seinen Verstand minutiös anleiten. Es ist unmöglich dieser Übung [der Paramitas] zu folgen ohne den ruhelosen Verstand zu hüten.“

    Bodycaryavatara 5.1

    Die Übung ist Ethik, Achtsamkeit ist Teil davon.

  31. 

    Gehört auch zum Thema => Jungle World: Coaching statt Peitsche

  32. 

    Buddha als Coach für verwirrte Asketen im Walde, ja, so mag es sich damals abgespielt haben …

    … embrace dukkha … das sollte für den Anfang reichen …

    (Mit der Übersetzung komme ich voran, und mit Stephen Batchelor habe ich unterdessen Kontakt aufgenommen, er ist einverstanden.)

  33. 

    G.K.,

    Mit der Übersetzung komme ich voran…

    Prima, danke für die Nachricht.