Das Zen des Haschisch

M. Steingass —  24.4.16

Es tut sich was in Nord-Amerika. Wenn das so weiter geht, werden wir auch in Europa in 10 oder 20 Jahren den verstaubten Altherrenbuddhismus der DBU und den AFD-Buddhismus eines so genannten Diamantweges nur noch als Geschichte kennen. Es war einmal.

In Amerika sehen wir vielversprechende Diskussionen, die sich im dortigen Buddhismus entfalten. So ist es keineswegs mehr ungewöhnlich, dort schwule Buddhisten in hohen Positionen zu sehen. Man sehe sich dazu dieses Interview in Tricycle an. Eine offen schwule Persönlichkeit aber in der DBU? Darauf dürfen wir sicher noch ein wenig warten.

Ebenfalls auf Tricycle gibt es Beiträge zur Frage des historischen Buddha. Gab es den Religionsstifter wirklich, kann man ihn als historische Figur festmachen? Oder ist er ein Mythos der über Jahrhunderte entstand und sich bis heute hartnäckig am Leben erhält. Bei amerikanischen Buddhisten wird die Frage, ob es „den Buddha“ wirklich gab, inzwischen klar verneint. Auch auf ein solche Einsicht müssen wir hierzulande wohl noch ein Weilchen warten.

Die neueste und erfreulichste Entwicklung ist sicherlich, dass nun auch das Thema Buddhismus und Drogen von hohen buddhistischen Würdenträgern offensiv angegangen wird. Das hat sicherlich damit zu tun, dass inzwischen in einigen Bundesstaaten Nord-Amerikas der Konsum von Kannabis legalisiert wurde. Es gibt daher keinerlei Grund mehr, buddhistische Traditionen, die von alters her den Gebrauch von bewusstseinserweiternden Drogen beinhalteten, nicht auch endlich öffentlich darzustellen.

Die buddhistische Zeitschrift Lion’s Roar übernimmt hier die Vorreiterrolle. Hintergrund in Bezug auf diese Zeitschrift speziell dürfte sein, dass sie gewissermaßen in der Traditionslinie von Chögyam Rinpoche steht, einem buddhistischen Lehrer der für seine Drogenexzesse berühmt und berüchtigt war. Chögyam war Raucher, Kokser, Trinker und experimentierte auch mit halluzinogenen Stoffen – nicht zuletzt mit Haschisch. Legendär seine volltrunkenen Dharmalektionen, in die er, auf Grund fortgeschrittener Berauschung, häufig getragen werden musste und die er dann in seiner bekannten, stark verlangsamten, Diktion hielt, unterbrochen von langen Meditationspausen – in denen er mitunter auch einfach einschlief und aus denen er nach Stunden geweckt wurde um seine Jünger mit einem gelallten Segen zu entlassen, wenn im Publikum sich allmählich Unruhe auf Grund einschlafender Beine und stark gefüllter Blasen breit machte.

Im Kontext der zunehmend liberalen Haltung in den USA gegenüber Drogen, tritt nun ein weiterer bekannter Dharmalehrer in Sachen buddhistische Drogennutzung ins Rampenlicht, um eine bis anhin geheime buddhistische Praxis zu enthüllen. Der bekannte vietnamesische Buddhist Think Not Hanh erläutert im Interview mit Lion’s Roar zum ersten Mal eine Praxis, die seit vielen Jahrhunderten im buddhistischen Ostasien beheimatet ist. Diese Praxis basiert auf einem bisher nur Fachleuten bekannten apokryphen Teil des Lotus Sutra, der bisher nicht in eine westliche Sprache übersetzt wurde. Hanh erläutert in diesem Interview die Geschichte dieser Praxis.

In gewissen Zweigen der fernöstlichen buddhistischen Geschichtsschreibung gäbe es die Erzählung von einem Mönch names Tek Wod Duu, der etwa im 7. Jahrhundert a.D. von Vietnam nach Indien wanderte, um dort buddhistische Studien an der Quelle zu betreiben. Er habe viele Jahre lang an verschiedenen grossen buddhistischen Universitäten studiert. Als er sich endlich auf den Rückweg machte, sei er im heutigen Nordost-Indien einem Mahasiddha namens Campaka, The Flower King begegnet. Keith Dowman berichtet über diesen König der Blumen übrigens in Legends of the Mahasiddhas. Laut Hanh sei Tek Wod Duu von seinen Studien enttäuscht gewesen, weil sie ihm letzte Einsicht in die Leerheit nicht hätten bringen können. Bei einer Rast zu der ihn Campaka einlud, als er an dessen Klause vorbei kam, habe er Campaka sein Leid geklagt und seine tiefe Enttäuschung darüber, dass er nun zwar viele wichtige Texte im Geiste mit sich trage und fehlerfrei rezitieren könne, dass ihm das aber wenig brächte, da er die letzte und tiefste Einsicht nicht errungen habe.

Campakas Beiname The Flower King ist laut Dowmann und Hanh übereinstimmend darauf zurückzuführen, dass Campaka ein Bauer gewesen sei, der die damals überaus wichtige Nutzpflanze Cannabis Sativa anbaute. Hanh erwähnt in dem Interview auch, dass der Beiname vermutlich besser mit The King of the Flower of Hemp – Der König der Hanfblüte – zu übersetzen sei. Dies daher, weil der Hanf nicht nur eine Faserpflanze mit vielfältigen Nutzanwendungen sei, sondern auch deswegen, weil, je nach Varietät, seine Blüte bzw. deren Harz die Eigenschaft habe, das menschliche Bewusstsein stark zu beeinflussen.

Campaka hörte sich Tek Wod Duus Klagen an und nach einem Mahl das Camapaka ihm bereitete und das die Lebensgeister des vietnamesischen Mönchs nach der langen Tageswanderung wieder zu Kräften kommen lies, hätte ihn Campaka zu einem Pfeifchen Haschisch eingeladen. Tek Wod Duu, das gastfreundliche Angebot aus Höflichkeit nicht abschlagend, saugte zunächst vorsichtig, dann mutiger, den süßen Rauch ein. Währenddessen bat ihn Campaka, doch ein wenig von seinem Wissen weiterzugeben und da jener sich ebenfalls als Buddhist zu erkennen gegeben habe, habe Tek Wod Duu bereitwillig begonnen zu erzählen. Im Laufe dieser Erzählung sei er nun auf Nagarjunas berühmte Passage aus dem Mūlamādhyamakakārikā zu sprechen gekommen. In der heisst es:

Was auch immer bedingt entstanden ist / Das wird erklärt als Leerheit. / Dies aber, eine bedingte Bezeichnung / Ist der Mittlere Weg.

Etwas, das nicht bedingt erscheint / So etwas existiert nicht. /Ein nicht-leeres Ding / existiert nicht. (MMK 24:18, 24:19)

Nach den letzten Worten – „existiert nicht“ – habe, so Hanh im Interview, Tek Wod Duu gestutzt, seinen Gastgeber verwundert angesehen und für längere Zeit geschwiegen. Dann sei er in ein lang anhaltendes schallendes Gelächter ausgebrochen. Nachdem er sich einigermaßen beruhigt hatte, habe Tek Wod Duu Camapaka gebeten, bei ihm in die Lehre gehen zu dürfen, um die Fertigkeiten der Bereitung von Haschisch aus Hanf zu erlernen. Campaka habe erst nach vielen Bitten zugestimmt und Tek Wod Duu sei dann mehrere Jahre bei ihm in die Lehre gegangen. Dabei hätten sie sich gegenseitig ihr Wissen vermittelt – bei der Arbeit auf dem Feld und bei abendlichen Pfeifchen – und schließlich sei Tek Wod Duu in seine Heimat zurück gekehrt, um dort mit den Seinen das Wissen zu teilen, welches er aus dem Westen mitgebracht hatte.

So entstand in Vietnam die Tradition vom Zen des Haschisch. Diese besteht laut Hanh vor allem aus einem rigorosen Studium buddhistischer Philosophie, aus strengem Meditationstraining und, als drittem und letztem Teil, aus einer systematischen Nutzung des Haschisch zum Durchbruch in das Existiert Nicht. Letzteres ist, wie Hanh erläutert, eines der wichtigsten  Mantren dieser Schule Von der Kraft des Lotus. Es sei allerdings ohne entsprechenden Einweisung und Ausbildung wirkungslos, weshalb man es getrost aussprechen könne. Die allermeisten Buddhisten könnten auch „Glühbirne“ sagen oder „Rollmops“, so Hanh etwas sarkastisch, das hätte für die den gleichen Effekt.

Hanh sagt abschliessend, er sei nach reiflicher Überlegung zu der Überzeugung gelangt, dass nun diese bisher im Westen nicht bekannte Lehre weiter gegeben werden müsse. Es sei allerdings eine, die keineswegs für Neugierige oder Anfänger geeignet sei, schon gar nicht für Leute, die mal eben Drogen mit Buddhismus verbinden wollten. Die Aufnahmekriterien in seine Schule Von der Kraft des Lotus seien entsprechend streng. In seinen Zentren würden entsprechende Kurse und Aufnahmetests vorbereitet.

Das Heft ist in jeder gut sortierten Bahnhofsbuchhandlung zu erhalten. Online findet sich das Interview auch hier.

The Zen of Haschisch

2 responses to Das Zen des Haschisch

  1. 

    Oh Mann ihr werdet mir echt zu meta. Ich komme fast nicht mehr mit. Wer oder was genau ist der Ziel des Witzes? Auf jeden Fall Daumen hoch an Tutteji Dai Osho dass er solchen innovativen und mutigen Randgruppen ein Forum gibt und LIONS ROAR dass Sie das weiter verbreiten. Und an dich für deinen gut recherchierten follow-up Artikel. Der Artikel über Campaka den Flower King war auf der Keith Dowman Seite leider nicht online. Werde mir das Buch bestellen müssen. Hier auch noch ein Interview auf trycicle zu diesem (äusserst zeitgemäss-relevantem Thema):

    http://tricycle.org/trikedaily/tripping-buddha/

  2. 

    Ja das gute, alte Meta. Ich glaube das Ziel der Angelegenheit sollte sein, wie es in einer anderen wenig bekannten buddhistischen Tradition gelehrt wird, mittels schallend immanentem Gelächter der Transzendenz den finalen Stoß zu verpassen – den Fangschuss.

    Man diskutiert die Sache auch andernorts, z.B. im so genannten Buddhaland, wo sich auch ein ErleuchtungsRentner der Deutschen Buddhistischen Union pseudonymens Sudhana (Ralf Boeck) einmischt. Auf Reddit grübelt man auch etwas…

    Den Tricycle-Artikle muss ich mir noch in Ruhe durchlesen. Er scheint aber zu bestätigen, dass es sich wirklich um eine buddhistische Tradition handelt und nicht um eine skurrilen Scherz.