Tat-Sache

M. Steingass —  27.10.11

Der wahre Buddhismus existiert nicht. Er ist eine Fata Morgana. Ein vermeintlicher Rettungsanker in einem leeren All, auf dieser kleinen Insel, in diesen fragilen Körpern, in unseren Geistern, die so leicht wie ein Blatt von den Zufälligkeiten der Meinung mal hier hin und mal dorthin getrieben werden. Der wahre Buddhismus, man schaue sich um, blüht überall. Man sehe sich die Lehrer an, zu denen man geht. Sind diese Lehrer nicht auch einfach Menschen? Ebenso fragil wie jeder von uns. Verstehen sie wirklich was vor sich geht?

Der wahre Buddhismus wird tausendfach erklärt. Eine ganze Industrie verdient Geld mit ihm. Der wahre Buddhismus ist das reine Sein, eine Tasse Tee, einhunderttausend Niederwerfungen, eine Stunde still sitzen am frühen Morgen, ein Räucherstäbchen, ein Mantra, das Herzsutra, das Wort des Meisters, eine Sehnsucht, ein heiliger Lehrer, der von einem andren heiligen Lehrer berührt wurde und der nun uns berühren soll – segnen, weihen, heilen, retten, endgültig sichern.

Das ist das Kernmotiv. Die endgültige Rettung aus einem kalten Universum, das sich nicht um uns kümmert, das auch ohne uns auskommt. Sicherheit, größte Sicherheit.

Wir sprechen dabei nicht von den alten Meistern und von den Denkern die heute unter uns sind, mehr oder weniger unerkannt, vielleicht von Minderheiten nur gesehen, gehört, gelesen, erlebt. Gesprochen wird hier von der kalten, bunten Welt einer Maschinerie, die sich alles einverleibt und gewinnbringend in ein Produkt verwandeln kann. Die Rettung wird uns verkauft, obwohl sie umsonst zu haben wäre – allerdings für eine hohen Preis.

Der wahre Buddhismus ist der Traum der Erkenntnis. Er ist eine Sünde wider den Heiligen Geist. Er ist Wahrheit und deshalb Lüge. Er verspricht die Wahrheit in einer Zeit die schon lange weiß, was mit der los ist, mit dieser Wahrheitswut, diesem unseligen Zwang der sich als Befreier ausgibt, dessen magisches Gehabe in weihrauchenden wallenden Gewändern den heiligen Dharma beschwört. Das Omen.

Von hier aus, von dieser grundsätzlichen Beschwörung aus, wird jede Handlung in ein Gerüst endgültiger Bedeutungen eingespannt. In ein Netz aus von alters her überbrachten universalen, immer gültigen Regeln, die unabhängig vom Menschen von heiligen, jenseitigen Wunderwesen mit Bedeutung aufgeladen wurden. Von Unsterblichen, die nie sichtbar aber immer kraftvoll Einfluss nehmend, in jedem einzelnen Fall bestimmen was ist. Vom heiligen Wort aus, daß keinem von uns einfach so zugänglich ist. Nur durch hunderttausendfache Mühe und Demut ohne Ende, fragloser Demut, die nie ein Antwort erwartet, sondern immer schon voraussetzt was sie bekommt. Von hier aus, von diesem heiligen Wort, wird in geheimnisvoller Weise die Welt für uns bestimmt, ihre Bedeutung wird in sie eingeschrieben, bevor sie überhaupt erscheint als was sie dann erscheint.

In diesem Traum gibt es keine Freiheit. Alles ist schon bestimmt. Wie Mehltau legt sich das Magische Wort über alles und bestimmt den einen wahren Sinn.

Aber wer hat eigentlich das Recht so zu reden? Sind nicht die Lehrer, die heiligen Lamas, Roshis und sonstigen Weisen mit ihrem Wissen das über alle Zeiten reichen soll, nicht ebenso ratlos wie wir? Was wissen sie wirklich? Man frage sie! Man frage sie, wenn man darf. Wenn man nicht darf, dann ist das schon das erste Zeichen. Dann sollte man nicht fragen weil die Antwort klar ist. Dharma wird sie heissen. Wenn man nicht fragen darf, ist der Lehrer ein schlechter Schüler – im besten Fall. Zum Verschwinden könnten sie nichts sagen. Sie könnten nichts sagen zur merkwürdigen Lage in der wir uns finden, wenn wir einmal genau hinsehen.

Ein fünfjähriges Kind sagte etwas bange zu mir, jetzt muß ich mein ganzes Leben lang Frida sein – und es weiß schon mehr als diese Lehrer – und es wird vermutlich mehr und weiter und höher kommen als diese und sich und den Menschen helfen können. Tätig, nicht untätig in meditativer Stasis.  Und es ahnt schon, worin es hineingezwungen werden soll.

Die Lehrer müßen wir selber sein. Die Lehrer, diese anderen, sind meist sowieso nicht da. Die werben wie jeder andere Star auch für ihre Tour. Lama Nirwanas Amerika Tour 2011. Check dates. Book tickets. Get enlightened. So einfach ist das. Aber so einfach wollen wir es uns nicht machen. Hunderttausendfach sich hinwerfen ist nicht schwer. Sich selber zu bilden, wer sonst kann es denn sowieso?, das ist die harte Seite der Angelegenheit um die es geht. Das fertige Lehrgebäude ist eine Ausrede dafür, nicht selber denken zu wollen. Es mag seinen Zweck gehabt haben und es mag noch einen haben, aber einen Text, ein System, ein Wort, eine Geste, alle die Zeichen des Lebens, muß man sich selbst erschließen, nicht indem man blind der Tradition für deren Überleben im Museum folgt. Man muß schließen, schlußfolgern, erkennen und auf diese Weise etwas eröffnen. Sich etwas erschließen heißt nicht, besinnungslos einem Plan zu folgen, den angeblich ein Heiliger vor 2500 Jahren einer Eingebung folgend entworfen hat. Der Plan ist, selber der Eingebung zu folgen und nicht planlos Plattitüden zu extrapolieren. Man sehe sich die heiligen Bücher mal an heute. Rebell Buddha goes Pulp Fiction.

Wenn wir selbst unsere Lehrer sein müßen, müßen wir uns einen Raum geben indem wir als Wir sein können. Einen Raum der unsere Differenzen nicht zu einem Trennenden werden lässt, das erst die Fiktion der Vereinzelung erzeugt, sondern einen Raum der Differenzen zu dem macht was sie eigentlich sind. Die Flächen die Wärme erzeugen, wenn man sie aneinander reibt. Ganz leicht, nicht zu heftig, später vielleicht mehr, aber immer erst leicht und behutsam. Das ist nicht leicht, wieder nicht leicht, und nicht leichter als die Medizin der planlosen Heiligen. Es ist eine schwierige Aufgabe einen solchen Raum zu entfalten.

Der wichtigste Baustein, der Eckstein sozusagen, ist das Zusammenspiel. Dieses Zusammenspiel ist von vorne herein gegeben. Wir tuen es schon immer. Wir wären ohne es gar nicht. Wir würden nicht sein – und wir sind tatsächlich nicht, da wir dieses Zusammenspiel sind und nicht jeder seine eigene Vereinzelung. Wir sind im Sinne von wir. Wir sind persönlich und besonders, aber nur in der Interaktion lebensfähig. Alles was wir tun müßen um uns zu schulen, ist diesem Wir einen Raum zu geben in dem es die Wärme seiner Differenzen entfalten kann. Das heisst von sich absehen, wegsehen und hinsehen auf den Anderen unter der Voraussetzung das er/sie mir etwas sagen wird. Daß ich tatsächlich ihr zuhöre, dieser Stimme des Anderen, jenes Anderen der sich auch vielleicht aus einem Gefühl vager aber nicht nachlassender Beunruhigung, wie ich aufmachte um die merkwürdige Situation zu ergründen in der wir uns finden.

Das ganze Leben lang Frieda sein – und dann verschwinden. Welche Antworten haben wir darauf? Nicht die Heiligen, sondern wir! Können wir in diesem Zusammenspiel unsere so unterschiedlichen und so oft verfeindenden Erklärungen, an denen wir so sehr hängen, da sie es doch erklären, was uns so absurd vorkommt, können wir die zum schwingen bringen? Können wir ein Zuhören lernen, daß einen anderen versteht? Können wir das in einer Weise, die die Differenz als produktives Potential erkennt.

Wie sich das entfaltet wird sich zeigen. Es ist eine Frage der Praxis. Es gibt aber verschiedene Elemente die dieses Zusammenspiel erst ermöglichen und es gilt sie klar zu scheiden von denen, die es verunmöglichen. Die Letzteren findet man im wahren Buddhismus, im monologisierenden Meister, im artigen Zuhörer. Das interessiert uns nicht. Es gibt viele funktionierende Modelle des Zusammenspiels. Man kann sich diese aneignen, erlernen und das Zusammenspiel in Gang setzten. Es gibt keine endgültigen Regeln, allerdings auch kein anything-goes. Es finden sich Menschen zusammen deren jeder eine Geschichte hat, Haltungen, Einstellungen, Gewohnheiten, Süchte, Lieben, Verrücktheiten, Ideen und Wünsche. Man kann sich also unterhalten, sich erzählen. Warum bin ich Buddhist? Man kann sich klar werden über die eigenen Motive. Man kann sich klarer werden über das was einen insgeheim formt und Dinge tun lässt. Man kann sich klar werden darüber, was man sucht. Jeder hat seine Antwort – und es ist nicht die Erleuchtung oder sonst irgendeine Verallgemeinerung die tatsächlich nichts sagt. Menschen sind keine Verallgemeinerungen. Verallgemeinerungen haben großen Wert. Nicht allerdings wenn es darum geht sich darüber klar zu werden, was einen ganz persönlich angeht. Die Verallgemeinerung ist der Tod eines tatsächlichen Zusammenspiels. Das Zusammenspiel ist immer etwas besonderes. In der Verallgemeinerung ist der Mensch nur noch Objekt des Zugriffs. Er gibt sich auf. Er verblödet. Das Besondere dagegen findet sich wenn Menschen tatsächlich sprechen und dabei versuchen ihren vagen Ideen, Empfindungen und leisen kaum hörbaren Eingebungen Raum zu geben. Raum in der Form, daß das Ungestaltete aber Komplexe einer Empfindung nicht als unerheblich übergangen wird, sondern gerade, im Gegenteil, erhoben wird zu etwas was sich formen kann bis es eine Gestalt erhält. Es ist der Kreative Vorgang an sich. Die Potenz die zur sichtbaren Idee wird. Die Idee die sich weiterentwickelt zum Projekt und schließlich Tat-Sache ist.

3 Antworten zu Tat-Sache

  1. 
    torsten strathus 27.10.11 um 11:34 UTC

    i´m gonna look twice at you
    until i see the Christ in you

    when i´m looking through the eyes
    of Love

  2. 

    ein z.t.wirklich berührender und eindringlicher text.
    eine weitere version der spiritualität der unvollkommenheit.
    besonders gut gefällt mir das vorsichtig tastende,nicht wissende element,dass in der bewegung selbst das vertrauen entdeckt.
    ob nun buddhist,christ, hindu oder was auch immer: es ist eine reise in die unwissenheit.
    die grundlage dafür ist das eingestehen der eigenen begrenzung.
    eine unserer tiefsten gemeinsamkeiten.am tiefsten boden,entblößt von jeglichem wissenoder eigener stärke findet man keinen unterschied zu niemandem.

  3. 

    Ruicosta, danke für deine freundliche Reaktion.

    „Spiritualität der Unvollkommenheit“ ist eine gute Benennung. Werde ich mir merken. …und tatsächlich könnte man für „Buddhist“ natürlich alles mögliche einsetzen. Aber es geht auch in die Richtung einfach nichts mehr einzusetzen. Vermutlich sind wir uns da einig.

    Viele Grüße, Matthias