Bhutan und Buddhismus aktuell

Lubob, Autor der Zen-Lampebespricht in seinem Blog einen weiteren Artikel  aus  Buddhismus aktuell, Ausgabe 1/2012 (vgl. auch unten: Konfickte des Buddhismus). Er nimmt sich der Problematik bhutanesischer Glückskekse an – d.h des so genannten Bruttoglücksproduktes. Lubob fragt: Ist Bhutan so glücklich wie es der offizielle deutsche Buddhismus haben will? Ich habe dazu noch ein paar ergänzende Erwägungen beigesteuert. Abgerundet wird das ganze mit einigen sehr spezifischen und hochwirksamen Meditationsempfehlungen.

To my english speaking readers

This is another take on a recent number of Buddhismus aktuell, a german mainstream buddhist magazine. In the article Konfickte des Buddhismus (see below) I analyze their relation to sexuality. The strong impression is: Main stream german buddhism, as represented in this magazine, is in reverse gear. Back to catholic Hypocrisy, Repression, Inhibition, Stagnation – staring absent minded into a broken mirror. Black silk ornamenting a fading dream of bliss. A sad story with no happy end.

In addition to this Lubob, author of the new german blog Zen-Lampe, writes about an article describing Bhutan. Bhutan seems to be more and more the latest fad for western Buddhists which want to see ‚original‘ Tibetan Buddhism. Bhutan is described as a country in which people shine with „a natural bliss from within“. At least that seems the fantasie of the author of the Bhutan-article in Buddhism aktuell. Lubob finds some reason to doubt this shiny picture. Additionally he also gives some very specific meditation advice. He reminds us that there have been quite some boddhisattvas around in the U.S. Hearing their mantric healings might help if the cushion doesn’t.

Remember the The Dead Kennedys?

California Über Alles!

20 Antworten zu Das Bruttoglücksprodukt

  1. 

    Hi Matthias,

    mir sind heute zwei Fragen eingefallen.

    Zum einen, hat deine Recherche bzgl. Buddhismus/Ökonomie/Occupy irgendetwas ergeben? Ist das halbwegs fundiert oder nur so kitschiges „Achtsamkeit und auch der Kapitalismus wird gut“?

    Zum anderen eine Verständnis-Frage zum Non-Buddhism/Unbuddhismus: Eure Herangehensweise ist ja relativ „intellektuell“ (Denken, nicht meditieren!). Schließt das meditative Erfahrung per se aus? Also nicht als Argument, klar. Aber als Ergänzung zum intellektuellen Verständnis?
    Also mir ist egal wie ihr das handhabt, aber ich wüsste das gerne für spätere Diskussionen ;)

    viele Grüße,
    stoky

    P.S.: Ich hab über dieses „Alternative Öffentlichkeit“sding nachgedacht (man merkt, dass ich gerade versuche mich vorm lernen zu drücken ^^). Das beste Tool für sowas wäre glaube ich ein Watchblog (https://de.wikipedia.org/wiki/Watchblog oder http://www.zeit.de/digital/internet/2010-07/watchblogs-deutschland).

    Dort kann man natürlich keine philosophischen Werkzeuge entwickeln, aber jedem ist sofort die Zielsetzung klar und man könnte gewisse Dinge bündeln.

    Nicht, dass ich sowas gründen wollte, aber als Technik-Nerd bin ich auch ein Infrastruktur-Fanatiker, deshalb gebe ich halt mal diesbzgl. meinen Senf dazu.

  2. 

    ’n morgen Stoky

    Ich habe nicht systematisch recherchiert bisher in puncto Buddhismus/Ökonomie/Occupy. Das ist eine Zeitfrage. Im deutschsprachigen Bereich müsste man sich aber auf jeden Fall Karl-Heinz Brodbeck ansehen. Er ist Wirtschaftswissenschaftler und Buddhist, fleissiger Autor und, wie es scheint, auch heftiger Kritiker unserer gegenwärtigen ökonomischen Theorie. Wahrscheinlich kein Vertreter kitschiger Achtsamkeit.

    Andere Autoren/Bücher/Sachen die man ansehen könnte sind z.B.
    1)„Buddhism in the Public Sphere“ von Peter D. Hershock
    2) „Mindfullness in the Marketplace“, Hrsg,: Allan Hunt Badiner. Der Band versammelt alles was Rang und Namen hat, von Capra bis zum unvermeidlichen Dalai Lama. Bietet wahrscheinlich einen guten Überblick darüber, ob die entsprechenden Leute wirklich was zu sagen haben.
    3) David Loy ist auch sowas wie ein kritischer Buddhist der sich mit den Problemen unserer Welt auseinander setzt, ohne in einem archaischem Denken sein Heil zu suchen. Er kennt seinen Freud, Derrida etc. Es gibt ein kleines Buch von ihm in dem er in kurzen Essays diverse Probleme aufgreift. Sexualität z.B. oder die Kommodifizierung unserer Aufmerksamkeit. Gibt‘s leider nur auf englisch: „Money, Sex, War Karma“
    4) Adbusters muß man sich auf jeden Fall ansehen.
    5) Man sollte darüber nachdenken die Piraten zu infiltrieren ;-)
    6) Ich habe neulich noch das hier gefunden: http://www.publicmeditation.de/

    Das nur mal als kleine Materialsammlung.

    Zu deiner Frage bzgl. „Denken, nicht meditiern!“

    Das Motto bezieht sich auf mehrere Gedanken
    1) Alles Bewußtsein ist denken.
    2) „Meditation“ ist ein leerer Signifikant
    3) Es gibt keinen archimedischen Punkt
    4) Man muß sich wehren

    Grundsätzlich zu deiner Frage: Nein! Das Intellektuelle schließt die meditative Erfahrung nicht aus.

    Ich würde sagen, das kann es gar nicht, weil unter so genannten meditativen Erfahrungen viele sind, die einfach so zum Menschen gehören. Einfach so sage ich, um den Begriff „natürlich“ zu vermeiden. Das betrifft den Punkt drei. Es wird häufig angenommen, es gäbe einen Naturzustand dem man sich nur wieder wieder „öffnen“ müsse, um … ja was? „Erleuchtet“ zu werden?

    Mit einfach so meine ich z.B. Zustände der Ruhe und Gelassenheit, die wir sehr wohl kennen, die uns aber im esoterisch-buddhistischen Zusammenhang häufig mit viel Brimborium als was ganz besonderes verkauft werden. Śamata würde ich als sowas bezeichnen – die Form(en) der Meditation der Geistesberuhigung.

    Punkt eins betreffend, gibt es das riesen Missverständnis, Meditation sei nicht-denken. Man müsse aufhören zu denken. In tibetischen Meditations-Traditionen wird z.B. über mi tog pa gesprochen (Tib.: mi rtog pa). Das wird häufig ohne weiter Erläuterung mit non-thought oder nicht-denken übersetzt. Irgendwie hat sich bei uns eingebürgert dabei an eine Art gedankenfreien Urzustand zu denken. Der tibetische Begriff ist aber ein sehr differenzierter. Der meint

    a) einen sozusagen künstlich beruhigten Zustand der im Anfang durch Śamata sozusagen erzwungen wird (ähnlich wie man etwa beim erlernen neuer Bewegungsabläufe im Sport diese erstmal ,erzwingen‘ muß);
    b) einen Zustand großer Ruhe bei gleichzeitiger großer Wachheit indem Bewußtseinsinhalte sozusagen im mathematischen Sinn diskret werden. D.h. das scheinbare Kontinuum Bewußtsein löst sich bei genauer Beobachtung in ,Partikel‘ auf. Zwischen den ,Partikeln‘ werden ,Löcher‘ sichtbar. Man beobachtet wie zwischen einzelnen Gedanken ,Lücken‘ entstehen. Man kann einen Gedanken beobachten wie er verschwindet und einen anderen der danach auftaucht;
    c) die dritte Bedeutung ist im klassischen Sinne das eigentliche Ziel und wird esoterisch-buddhistisch als nicht-anhaften bezeichnet. Das eigentliche Ziel wird z.B. als „das Erscheinen des dichotomen Denkens als Freund“ bezeichnet. Das ist etwas ganz anderes als die Negativität die dem Denken vom esoterischen Buddhismus zugesprochen wird.

    Es gibt nichts als dieses Denken. Auch die Löcher oder Lücken sind denken, d.h. eine Form der Kognition. Evtl. ist dieser Raum auch kulturell determiniert usw. Auf jeden Fall ist es immer eine Form der Kognition und wenn die aufhört sind wir tot. Das ist der Punkt eins oben.

    „Nicht meditern!“ im Sinne von Punkt 2) oben meint, das der Begriff „Meditation“ derart abgegriffen ist, das er zu gar nichts mehr taugt. Die Vielfalt der Praktiken die mit Meditation gemeint sein können, sind so breit gestreut, das man den Begriff ohne zusätzliche Erläuterung einfach nicht gebrauchen kann. Wenn man sich über Meditation unterhält muß man schon klar machen, was man meint. Sonst kommt es zu so etwas wie wenn sich ein Fußballer mit einem Tennisspieler unterhält und beide sagen immer nur „Sport“. Dann sagt plötzlicher einer zum anderen: „Das was du machst ist ja kein Sport, beim Sport benutzt man einen Schläger um den Ball zu schlagen.“

    Punkt 4) meint schließlich die Vermarktung, die Meditation als Technik der Befreiung, als die ich sie sehe, in eine Technik der Verdummung verwandelt.

    Was den Gegensatz von intellektuell und meditativ angeht, so würde ich schließlich sagen, den gibt es nicht. Alles ist denken und alles denken ist immer Praxis – im Sinne des eigentlichen Zieles.

    Was das “Alternative Öffentlichkeit”sding angeht. Was könnte man sich als Inhalt eines solchen Watchblogs vorstellen? Ich frag nur kurz und mach jetzt Schluß, muß weiter. Lass uns das im Auge behalten.

    CU later, Matthias

  3. 

    Hallo Matthias,

    Danke für die Erklärungen. Die bestätigen soweit meine Theorie, dass viele Unstimmigkeiten einfach auf Missverständnissen beruhen und auf diesem Effekt, dass Leute, die sich viel mit einem Thema beschäftigt haben schnell genervt sind von „dummen Fragen“ von Neulingen (ist im Netz überall so, im IT-Bereich gibts dafür RTFM (read the fucking manual)).

    So ein Watchblog könnte einfach die mediale Darstellung von Buddhismus kritisch begleiten.

    Die Verklärung der Zustände in Bhutan und anderen buddhistischen Ländern, der verkrampfte Umgang mit Sexualität wie du ihn in „Konfickte des Buddhismus“ beschreibst, was ja stellvertretend ist für eine regelrechte „Angst“ vor „Spaß haben“ (man könnte ja daran Anhaften!). Das andere Extrem, diese hedonistische Form von „mehr Spaß am Leben durch buddhistische Praxis“. Wenn es einem das nicht zu „billig“ ist könnte man auch den Esoterikkram aufgreifen (psychisch Kranke, denen man was vom „Samen des Leidens“ erzählt anstatt sie in psychotherapeutische Behandlung zu geben und die eine Woche später Suizid begehen). Zu kritisieren gibt es da ja mehr als genug.

    Mehr als die mediale Darstellung könnte so ein Blog allerdings vermutlich nicht bearbeiten. Natürlich könnte man auch einen anderen Schwerpunkt wählen, aber zuviel Komplexität sollte man wohl vermeiden.

    Grüße,
    Stoky

  4. 

    Ein Watchblog könnte ganz gut sein. Glenns Non-Buddhismus-Theorie allerdings ist eine Kritik auf einer Metaebene. Wenn man sich die mal aneignet, dann läuft sozusagen die Enttranszendentalisierung des Buddhismus automatisch ab. Ich muß dazu hier noch einiges schreiben, damit wir das endlich auch auf deutsch haben. Dann dürften auch die Mißverständnisse weniger werden.

    Ein Watchblog neben einer Theorie des Non-Buddhismus könnte dann tatsächlich immer wieder an Beispielen klar machen, welchen Fanatasiespielen Buddhisten immer wieder aufsitzen und wovon man sich befreien muß, wenn man den Kopf wirklich frei kriegen will.

    Mal sehn. Im Moment habe ich zuviel anderes zu tun. Auch bin ich nicht wirklich scharf drauf mich viel mit esoterisch-buddhistischen Publikationen wie Buddhismus aktuell zu befassen, weil es doch immer wieder das Selbe ist. Wichtiger ist mir im Moment, was von Glenns Frischluft ins Deutsche zu bekommen.

  5. 

    Klar, ein Watchblog ist mehr Medienkritik als Metakritik. Anderes Ziel, andere Methoden, anderes Publikum. Für das spezielle Ziel m.M. ein effizientes Mittel, ob man dazu Zeit und Lust hat ist eine ganz andere Frage.

    Die Missverständnisse scheinen mir eher sprachlicher Natur zu sein, als inhaltlicher. Als ich mich mit Tom Pepper gestritten habe, dachte ich „Denken“ („thought“) bedeutet nur den „bewussten Teil“ davon. Wenn Denken alles ist, stimmen wir glaub bei fast allem überein…

  6. 

    Ich finde die Idee Watchblog aber wirklich gut. Ich hatte auch schon die Idee eine Art Stiftung Buddhismus-Test ins Leben zu rufen. So ganz locker nach dem Vorbild der Stiftung Warentest. Es würde Guerillatester geben die incognito buddhistische Veranstaltungen besuchen, von denen berichten und sie bewerten – natürlich streng sachlich und ironiefrei (meistens). Man könnte eine X-Buddhismus-Skala© einführen die nach bestimmten Kriterien eine Kennzahl vergibt. Die höchste Punktezahl gebe es für so Sachen wie Erleuchtungslehrgänge usw. Ich glaube man sollte das Konzept mal ausarbeiten ;-)

  7. 

    Preise. Man braucht dann unbedingt Preise!

    Zum Beispiel den Ole-Nydal-Gedächtnispreis für besondere Verdienste in der Integration von muslimischen Mitbürgern und den Ajahn-Chah-Waldkloster-Sangha-Preis für herausragende Leistungen im Bereich Feminismus!

    Wenn ich das nächste mal ’ne Domain frei hab registrier ich buddhismustrollen.de :)

  8. 

    Ok, ich noch mehr nachgedacht und noch mehr Fragen zum Non-Buddhismus.

    Ihr sagt euch vom Buddhismus los, soweit so gut (ich bilde mir mittlerweile ein die Gründe dafür halbwegs nachvollziehen zu können).

    Die Frage ist, gibt es das nicht im Buddhismus auch schon? Solche Dinge wie „Wenn du Buddha triffst, töte ihn?“. Nicht, dass das schlimm wäre, aber manchmal wirkt Non-Buddhismus ernsthaft auf mich wie ein neuer X-Buddhismus…

  9. 

    Sorry, 2. Frage vergessen

    Glenn schreibt unter „what is non-Buddhism?“

    „Non-buddhism stands outside of the fold, […] Non-buddhism is acutely interested in the uses of Buddhist teaching, but in a way that remains unbeholden to—and hence, unbound by and unaccountable to—the norms that govern those teachings.“

    Irgendwie scheint mir das shizophren. Also herausfinden welche Normen der Buddhismus enthält scheint mir sehr interessant und wertvoll. In dem man entscheidet welche Lehren nützlich sind und welche nicht schafft man doch neue Normen? Also einen neuen „Buddhismus“?

  10. 

    stoky, gute Frage: Ist Non-Buddhismus einfach ein anderer X-Buddhismus? Definitiv nicht! Ich hoffe ich habe nächste Woche einen kleinen Aufsatz fertig der, endlich endlich, die Sache auf Deutsch näher beleuchtet.

    Man kan aber folgendes zusammenfassend sagen.

    Non-Buddhismus ist ein Gedankenexperiment das folgende Frage stellt: Was passiert, wenn man dem Buddhismus jede Möglichkeit einer transzendentalen Representation nimmt? Diese Representationen betreffend die Voraussetzungen für Erkennen überhaupt. X-Buddhismus ist dabei etwas was als Voraussetzung des Erkennens beispielsweise „das Wort des Buddha“ verwendet – dieses Wort allerdings kann in historischer, hermeneutischer, psychologischer, philologischer etc. pp. Hinsicht als Fantasieprodukt gewertet werden. Es handelt sich um eine Tradition (vgl. zu Tradition auch „Was nun!“ und speziell „Destruktion“) die letztlich verdeckt was sie tradiert.

    „Das Wort des Buddha“ wird, obwohl es als historisch bedingt entstanden identifizierbar ist, als Eckstein buddhistischer Erkenntnis genommen. Es wird dabei in einem Akt dogmatischer Anmaßung über jede andere Form neuzeitlicher Erkenntnis gesetzt. Charakteristisch für diesen Akt ist, das X-Buddhisten stundenlang in Termini ihres jeweiligen buddhistischen Slangs reden können, ohne ein einziges Mal auf Erkenntnisse aus den Natur- oder Humanwissenschaften zurück zu greifen. Charakteristisch ist dabei auch, daß sie, wenn sie dazu aufgefordert werden sich modern auszudrücken, den x-buddhistischen Begriff einfach durch andere ersetzen ohne den Sinn zu ändern. Redet jemand z.B. über „das Erwachen“ und verändert dann die Begrifflichkeit, bleibt es doch für den X-Buddhisten bei einer besonderen Form der Erkenntnis, die von alters her in Texten und durch Traditionslinien begründet ist. Man muß also sehr genau hinsehen, was jemand wirklich meint. Das x-buddhistische „Erwachen“ z.B. ist häufig mit Äusserungen der Superiorität verbunden. Es gibt eine besondere Einsicht in die Wirklichkeit – wobei charakteristisch ist, daß diese nicht wirklich deutlich gemacht werden kann. Anders ist es im Vergleich dazu in den Naturwissenschaften: Mir bleibt die Topologie zwar verschlossen, aber ich kann mir zumindest ein gut begründetes Bild davon machen, was sie ist und was ich nicht weiß. „Das Wort des Buddha“ hingegen liefert, durch seine immense Variabilität in puncto Interpretationsfähigkeit eine endlose Iteration an Aussagen, die sich immer wieder aufs Neue an die Wirklichkeit, so wie sie uns in einem Leben aus Fleisch und Blut erscheint, anpasst – ohne jemals wirklich etwas zu sagen.

    Der Abschnitt in Konfickte des Buddhismus der sich auf Wilfried Reuters Antwort auf die Frage nach der Masturbation befasst, ist dafür ein Beispiel. Reuter sagt im Prinzip gar nichts, er gibt keine Antwort.

    X-Buddhismus ist dabei eine Form der totalen Selbstimmunisierung. Eine typische Form gegen mich und meine Argumente gegen Reuter vorzugehen wäre etwa zu sagen, ich habe einfach nicht genug Verständnis für den Dharma. Ende der Diskussion. (Und diese Antwort kann total elaboriert ausfallen – so daß einem wirklich nichts mehr dazu einfällt.(Ein Beispiel findet sich hier in den Postings von Sebastian Schneider)

    Der Dharma ist dabei die große Transzendentalie, das Erkenntnistheoretische Muster, das hinter aller x-buddhistischer Argumentation steht: Der Dharma erklärt alle Wirklichkeit. „Das Wort des Buddha“ richtig verstehen heisst, die Wirklichkeit so zu sehen wie sie wirklich ist. Ja aber wie ist sie wirklich? Ja dazu mußt du das Wort des Buddha richtig verstehen. Diese Form der Zirkelschlieserei ist X-Buddhismus und Non-Buddhismus zerbricht diesen Zirkel.

    Non-Buddhismus will nicht eine neue, andere, bessere Interpretation des Dharma, eine andere Form des Buddhismus, sondern er destruiert, hinterfragt, zerlegt, kritisiert eine naiv als letztendliche Heilslehre aufgefasste Tradition. Letztendlich versucht er damit eine Illusion zu zerstören und wird damit doch zu etwas was einem ‚eigentlichen‘ Buddhismus ähnelt. Um sich aber hier nicht selbst wieder in einen Zirkelschluss hinein zu bewegen, ist es sehr wichtig zu verstehen, was beispielsweise mit Destruktion der Tradition gemeint ist. Vgl. dazu Glenns Text Nascent Speculative Non-Buddhism S. 14.

    Ich muß jetzt erstmal weiter. Ich werde auf jeden Fall versuchen die Frage noch klarer zu beantworten.

    Eines ist auf jeden Fall für mich dabei klar: Es geht wirklich ans Eingemachte. Und es wird sehr viel selbstkritisches Denken erfordern hier weiter zu gehen.

    Viele Grüße, Matthias

  11. 

    Hi Matthias,

    vielen Dank für die ausführliche Antwort. Je besser ich verstehe, was Non-Buddhismus will, desto besser gefällt mir das Projekt.

    Das „Metaphysische“ nervt mich auch immer und ich hoffe, dass der säkulare Buddhismus es schafft ohne auszukommen. Bisher scheint er auf dem richtigen Weg, andererseits kann man sich natürlich auch immer den Teil der Realität (z.B. der wissenschaftlichen Forschung) herauspicken, der ins Weltbild passt. Ich hoffe auch, dass der Non-Buddhismus mithilft ein abdriften hier zu verhindern. (Wenn ich das so bedenke werden auch die Unterschiede klarer…)

    Das Rezitieren von Lehrmeinungen finde ich eigentlich nur noch unhöflich. Einer der Gründe weshalb ich ein Fan von Ajahn Brahm und Ajahn Chah bin ist schlicht, weil sie nicht viel auf die Schriften und anderer Leute Meinung geben (Ajahn Chah hatte sogar Schüler mit denen er nicht reden konnte, weil sie kein thailändisch konnten und er kein englisch). Sie arbeiten mit Alltagserfahrungen und ihren Interpretationen davon. Die ist natürlich immernoch X-buddhistisch beeinflusst, aber es etwas ehrlicher und kommt mit weniger „Transzendenz“ aus.

    Viele Grüße,
    stoky

  12. 

    Haha, Glenn Wallis will auch schon einen Watchblog: https://twitter.com/#!/glenn_wallis/status/186860957685907456

    in diesem Sinne frohe Ostern!

  13. 

    Eines sollte man bedenken, wenn man einen Non-Buddhismus gegen einen X-Buddhismus stellen möchte:

    Warum: entweder-oder?

    Eine wirkliche Neuerung des Denkens, eine wirkliche Revolution des Denkens wäre es, einen metatheoretischen Rahmen zu formulieren, der Platz findet für BEIDE Ansichten.

    Es wird immer Menschen mit dem Bedürfnis nach Transzendenz geben. Warum sollten diese Menschen diesem Bedürfnis nicht mehr nachgehen dürfen? Das würde ja schon dem Gedanken der Religionsfreiheit widersprechen.

    Also: sowohl-als auch

    Letztendlich ist es ja eine Machtfrage, oder? Säkulare Buddhisten oder Non-Buddhisten können schnell das Gefühl entwickeln, in ihrer Arbeit nicht gesehen und gewürdigt zu sehen.
    So betrachtet geht es also vielleicht mehr darum, eine Plattform der Toleranz und Weite zu schaffen, als eine Plattform des intellektuellen Krieges.

  14. 

    Lieber Joachim

    Schön daß du dich hier einschaltest.

    Du sprichst mehrere wichtige Punkte an.

    Z.B. X-Buddhismus gegen Non-Buddhismus. Zur Erläuterung, das „X“ steht für jede Form von Buddhismus, die man heute finden kann. Zen-, tibetischen, säkularen, Theravada, MBSR-Buddhismus – was auch immer. Der Non-Buddhismus ist nicht eine weitere Art von Buddhismus sondern eine Art all diese Buddhismen zu betrachten. In diesem Sinne ist es also kein Entweder-Oder sondern schon die Metatheorie, die du ansprichst.

    Aus Perspektive des Non-Buddhismus zeigt sich, daß alle Buddhismen (vereinfacht gesagt) eine gemeinsame Struktur aufweisen. Es geht dabei um das Duett Transzendental/Immanent (nicht transzendent). Die Transzendentalie ist eine abstrakte Voraussetzung dafür wie wir Konkretes erkennen und ob überhaupt. Es geht also auch um die Matrix, die unser Bewusstsein und das was wir bewusst erkennen können bestimmt. Sie ist aber nicht wahrnehmbar, bzw. zeigt sich nur im Immanenten, in dem was sich als Erfahrung zeigt. So gesehen ist diese Duett also eine untrennbare Einheit.

    Eine Transzendentalie die den X-Buddhismen eigen ist, ist z.B. „der Dharma“. Er ist diejenige geheimnisvolle Erkenntnis die „der Buddha“ vermittelte und die wesentlich dazu dient alle Wesen vom Leid zu befreien. Dieser Dharma ist einerseits also das absolute Mittel der Beendigung des Leids, andererseits aber ist er uns nicht wirklich bekannt und nicht beherrschbar – ansonsten würden wir ja das Leid beenden. D.h. wir setzen den Dharma voraus, in einem Akt des Vertrauensvorschusses, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Diese Voraus-Setzung prägt nun unsere Wirklichkeit indem wir danach streben sie zu verwirklichen. Ohne jedoch, daß wir eine Möglichkeit hätten zu prüfen, ob die Voraus-Setzung stimmt. Diese Erfahrung (der Befreiung) werden wir ja erst machen, wenn wir den Dharma verwirklich haben. Trotzdem aber nehmen wir die Welt in bestimmter Weise, nämlich in Bezug auf diesen voraus-gesetzten Dharma wahr. Wir setzen voraus, daß er stimmt.

    D.h. alles heisst nichts anderes, als daß wir uns in einem Kreis bewegen. Wir setzen als wahr voraus, was wir noch nicht als wahr erkannt haben. In gewisser Weise aber leben wir den Dharma tatsächlich, denn die Voraussetzung die wir machen prägt unser Leben.

    Im Prinzip bewegt sich das ganze Abendländische Denken in diesem Zirkel. Es kann immer nur denken, was es schon vorausgesetzt hat. D.h. Wirklichkeit ist immer nur eine Annäherung an Wirklichkeit aber nie eine wirkliche Wirklichkeit. Das gilt auch für den Buddhismus unserer Zeit. Den Non-Buddhismus interessiert lediglich diese Struktur des x-buddhistischen Denkens. Er steht ihm ansonsten indifferent gegenüber.

    Bei der „Transzendenz“ die du ansprichst, weiss ich nicht genau was du meinst. Es könnte sein, du meinst das Bedürfnis nach einer übergeordneten, jenseitigen Macht, die den Menschen leitet; es könnte ein vages Bedürfnis nach einem sich Lösen von allen möglichen Zwängen sein; es könnte gerade das Erkennen der Strukturen sein, die uns bedingen. Vielleicht hast du Lust das zu konkretisieren? Welches Bedürfnis meinst du?

    Ob es also zu einem Sowohl-Als auch kommt ist die Frage. Aus meiner Perspektive ist es kein Problem. Jeder kann im üblichen Rahmen tun und lassen was er will. Das Problem ist, daß derartige Fragen die der Non-Buddhismus stellt im X-Buddhismus nicht gerne gehört werden, da sie seine Integrität in Frage stellen. Diese Fragen werden aber nicht aus purer Lust an der Zerstörung, sondern aus Lust am Erkenntnisgewinn gestellt. In der Praxis sieht es aber so aus, daß Fragen die die Matrix des Bewusstseins angehen eben oft als zerstörerisch empfunden werden, weil sie an „die Substanz“ gehen.

    Es geht hier also auch nicht um einen „intellektuellen Krieg“. Es wäre schön, wenn man eine „Plattform der Toleranz“ schaffen könnte. Nur: Was genau soll „Toleranz“ bedeuten? Sie muss bedeuten, daß ich den X-Buddhisten in Ruhe seine Sachen machen lasse. Das heisst aber nicht das ich den Mund halten muss. Wenn wir uns gemeinsam auf dieser Plattform befinden, muss jeder die Fragen des anderen aushalten.

    Eine „Machtfrage“ sehe ich gar nicht. Ich mache mir auch nicht viel Illusionen darüber, mit dem was ich hier mache viele X-Buddhisten zu erreichen. Ich habe keinen Missionsauftrag. Allerdings zeigt sich, daß es ein Interesse an einer kritisch-konstruktiven Haltung gegenüber dem X-Buddhismus gibt.

  15. 

    iBuddhismus versteht sich in diesem Zusammenhang übrigens auch als eine Metaperspektive: Es geht darum zu erkennen, dass abhängig von Gesellschaft, Kultur und Zeit, die Menschen den Buddhismus verschieden interpretieren.

    Die letzten 3000 Jahre bis zur Aufklärung, waren in fast allen Kulturen eine mythische Epoche. Das heißt, es wurde von einer übergeordneten Wahrheit (Dharma) ausgegangen; einer Gesetzmäßigkeit der sich alle zu beugen hatten.
    Die buddhistischen Traditionen die sich in dieser Zeit entwickelten, waren alle dieser mythischen Interpretation verhaftet – auch wenn sie es viel humaner taten, als zum Beispiel die Kirche, die, ebenfalls aus einer mythischen Position heraus, viel Schindluder trieb.

    Mit der Aufklärung setzte nun ein Prozess ein, der die mythische Interpretation der Kirche überwand und stattdessen die Wissenschaft und die Ratio als Grundlage des Lebens einsetzte. Diesen Prozess der Aufklärung muss der Buddhismus nun ebenfalls durchlaufen – Menschen wie Stephen Batchelor sind in dieser Hinsicht ein deutliches Zeichen dafür, dass der Buddhismus in diesem Prozess steckt…

    Um den Gedanken Prämoderne – Moderne – Postmoderne noch ein wenig besser zu verdeutlichen, zitiere ich kurz aus meiner Diplomarbeit, die sich damit befasst hat (Bilder fehlen natürlich…):

    Prämoderne, Moderne, Postmoderne – und was kommt dann?

    2.2.1 Die Prämoderne
    Die gültigen Einsichten der Prämoderne findet man am leichtesten im gemeinsamen Kern der großen spirituellen Traditionen. Er besteht aus der Erkenntnis, dass die Wirklichkeit vielschichtig ist, da sie sich aus physischen, emotionalen, mentalen und spirituellen Dimensionen zusammenfügt. Wirklichkeit ist demnach keine einfache eindimensionale Angelegenheit, vielmehr muss man jeder Dimension adäquat gegenüberstehen, um sie erfassen zu können. So kann die Seele nicht mit den Werkzeugen der Biologie gefunden werden, sondern nur durch Innenschau und Kontemplation. Und umgekehrt können die Geheimnisse der biologischen Dimension nicht durch Kontemplation durchdrungen werden, sondern nur mit den Werkzeugen der Biologie, also zum Beispiel durch Mikroskope. Traditionell stellt sich dieser Vorgang als die „Große Kette des Seins“ dar (Wilber, 1997). Wie in Abbildung 1 zu sehen ist, haben alle großen Weisheitstraditionen fünf Ebenen der Wirklichkeit entdeckt. Dies sind die Ebene der Materie, die Ebene des Körpers, die Ebene des Geistes (mind), die Ebene der Seele und die Ebene des GEIST2.


    Abb. 1: Die große Kette in den verschiedenen Weisheitstraditionen (Smith, 1976).

    Diese große Kette des Seins kann auch als Großes Nest des Seins gesehen werden, da jede höhere Ebene über die untere Ebene hinausgeht, sie jedoch umschließt und integriert. Dies wird in Abbildung 2 verdeutlicht als (A), (A+B), (A+B+C), (A+B+C+D) und (A+B+C+D+E). Dies bedeutet, dass jede höhere Ebene Elemente enthält, die emergent und nicht reduzierbar sind. „Wenn beispielsweise das biologische Leben (A+B) „aus“ der Materie emergiert, enthält es bestimmte Qualitäten (wie sexuelle Reproduktion, innerliche Emotionen, Autopoiesis, élan vital, usw. – alle durch das „B“ repräsentiert), welche in den rein materiellen Begriffen von „A“ nicht erklärt werden können. Ähnlich verhält es sich wenn der Geist (A+B+C) aus dem biologischen Leben emergiert. Der Geist enthält emergente Charakteristiken („C“) die nicht auf das biologische Leben oder die Materie alleine reduziert oder durch sie erklärt werden können. Wenn die Seele („A+B+C+D“) emergiert, transzendiert sie Geist, biologisches Leben und Körper“ (Wilber, 2001b, S. 83). Wie in Abbildung 2 zu sehen ist, ist jede Ebene mit einem Wissenszweig dargestellt, der sich mit der jeweiligen Ebene auseinandersetzt. So beschäftigt sich Physik mit der Ebene der Materie, die Biologie mit dem Leben, die Psychologie mit dem Geist (mind), die Theologie mit der Seele und die Mystik mit dem GEIST (spirit).


    Abb. 2: Das Große Nest des Seins. Geist in sowohl die höchste Ebene (kausal) als auch der nichtduale Grund aller Ebenen (Wilber, 2001a).

    Eine Schwierigkeit der Prämoderne lag nun darin, dass die Religion die Kontrolle über alle Sphären besaß und somit bestimmte, was Wahrheit und Moral war. Zudem bestimmte sie aufgrund eines Machtanspruches auf Grund des Zugangs zu höheren Ebenen des Seins, was das Selbst des Menschen war und was nicht und benutzte diese Vorstellung oft, um Millionen von Menschen zu unterdrücken (Wilber, 2007). Ein weiteres Problem liegt in der Definition von Seele und GEIST. Beide Begriffe sind mit dem modernen und postmodernen Weltbild nicht vereinbar, vor allem da sie in der westlichen Kultur einzig zur kirchlichen Machtausübung benutzt wurden. Gibt es eine Seele? Gibt es den Spirit, den großen GEIST? Vielleicht hilft da ein Blick auf die Ergebnisse der Neuropsychologie. Wie Untersuchungen zeigen, kann man bei langjährig Meditierenden mit mindestens 10.000 Stunden Meditationspraxis, trotz eines wachen Bewusstseins, Theta- und Delta-Wellen im Gehirn feststellen. Alpha-Wellen entsprechen dem wachen Bewusstsein, während Beta-Wellen dem analytischen Denken entsprechen. Theta-Wellen dagegen entstehen im Traumzustand und Delta-Wellen sind nur im Zustand des traumlosen Tiefschlafs zu finden. Nach Wilber (2001b) korrelieren die Theta-Wellen mit den Seelenzuständen und die Delta-Wellen mit dem GEIST Zuständen. Diese messbaren Wellen korrelieren nun auch mit erfahrbaren Gefühlen und Gedanken. So erlebt sich ein Mensch als konzentriert und analytisch, wenn gleichzeitig Beta-Wellen messbar sind. Befindet man sich dagegen in einem Zustand des bewussten Entspanntseins, kann man Alpha-Wellen feststellen. Die getesteten Mönche berichteten davon, von einer tiefen Liebe und einem allumfassenden Mitgefühl durchflutet zu werden, sowie eine überwältigende Erfahrung der Verbundenheit mit allen anderen Menschen zu erleben, während bei ihnen Theta- und Delta-Wellen gemessen wurden. Durch Meditation ist es also möglich, bestimmte Zustände bewusst zu erfahren, die im Gegensatz von nicht meditierenden Menschen nur erahnt werden können. Dies könnte ein wichtiger Punkt bei der Geist und Seele Diskussion werden, da es nun konkret messbare Daten gibt, die interpretiert werden können.

    2.2.2 Die Moderne
    Wilber (2007) begreift den Prozess der Moderne als Ausdifferenzierung der Wertsphären von Kunst, Moral und Wissenschaft. Forscher konnten nun wissenschaftliche Entdeckungen machen, ohne dass sie mit den Ideologien der Kirche zusammenstießen und verboten wurden. Kunst und Moral durften sich frei ausdrücken, Menschenrechte und Demokratien haben sich vielerorts durchgesetzt und das Individuum bekam Rechte zugesprochen, in welche weder Staat noch Kirche eingreifen durften (Wilber, 2001a). Diese Dezentrierung der Weltbilder, dieser Prozess der Entzauberung der Welt führte zu einem rasanten Aufstieg der empirischen Wissenschaften, aber auch zu einer Zerstörung eines einheitlichen Sinngefüges des prämodernen Weltverständnisses (Habermas, 1994). Diese Unübersichtlichkeit und das Fehlen einer Einheit führten nun dazu, dass die Differenzierung der Moderne sich zu einer Dissoziierung und Fragmentierung entwickelte (Wilber, 2001a). Als die verschiedenen Sphären begannen, sich zu dissoziieren, konnte die Wissenschaft in die anderen Sphären eindringen und sie beherrschen. So kam es, dass Kunst und Moral aus jeder ernsthaften Beachtung beim Herangehen an „Wirklichkeit“ verdrängt wurden. Aus der Wissenschaft wurde ein wissenschaftlicher Materialismus und wissenschaftlicher Imperialismus und zudem die herrschende Weltsicht der Moderne (Wilber, 2001a). Wilber (1997, S. 88) nennt dies das Repräsentations-Paradigma: „Dies ist die Vorstellung, dass man auf der einen Seite das Selbst oder das Subjekt und auf der anderen Seite die empirische oder sinnliche Welt hat und dass alle gültige Erkenntnis in der Anfertigung von Landkarten der empirischen Welt besteht, der einzigen und schlicht `vorgegebenen´ Welt. Wenn die Landkarte genau ist, wenn sie die empirische Welt richtig abbildet oder mit ihr übereinstimmt, dann ist dies `Wahrheit´.“
    Mit wachsender Distanz zur Moderne wird deutlich, dass mit der extremen Verneinung der Prämoderne durch die Moderne, ein Stück Weisheit und Nachhaltigkeit verloren gegangen ist, wie etwa die Wahrheiten der großen Weltreligionen, bevor sie klerikal entstellt wurden (Wilber, 2007).

    2.2.3 Die Postmoderne
    Die Katastrophe der Moderne liegt in dem Kampf der Gegensätze, wie etwa der Kampf der Kultur gegen die Natur, der Kampf der Wissenschaft mit der Religion, der Kampf der Technik mit der Ethik und der Kampf des Geistes mit der Seele. Die Postmoderne nun begegnet den Unzulänglichkeiten der Moderne, indem sie die Absolutheit der Naturwissenschaften in Frage stellt, den reinen Materialismus anprangert und verdeutlicht, dass die Wirklichkeit konstruiert und konzeptualisiert erscheint und dass wir sozial geprägte Wesen sind (Wilber, 2007).
    Die Position der Postmoderne weist also das Repräsentations-Paradigma zurück, indem es darauf hinweist, dass es den Kartographen nicht mit einbezieht (Wilber, 1997). „Das Subjekt ist keine abgelöste, isolierte, vorgegebene und voll ausgestattete kleine Entität, die einfach vom Himmel zur Erde fällt und dann unschuldig beginnt, dasjenige zu kartographieren, was sie draußen in der `wirklichen´ Welt vorfindet, das `wirkliche´ Gelände, die vorgegebene Welt (Wilber, 1997, S. 90).
    Aus dieser Position heraus entwickelte sich der Konstruktivismus, der in seiner radikalen Form nihilistische Formen annimmt und jegliche Wahrheit auf der Erde negiert (Wilber, 1997). Eine Form der extremen Postmoderne ist also der pluralistische Relativismus, in dem jede Hierarchie von Werten abgelehnt wird, aber auch das Prinzip der Dekonstruktion, das jede Möglichkeit einer gültigen Bedeutung in Frage stellt, weil Bedeutung kontextabhängig ist und Kontexte sich immer weiter ausdehnen lassen (Wilber, 2000a).

    2.3 Die Post-Postmoderne
    Mit der Ablehnung aller Dogmen und unhinterfragter Annahmen und Machthierarchien hat die westliche Aufklärung auch die religiösen Mythen abgeschafft, die jedoch ein spirituelles Vakuum hinter lassen haben. In der Postmoderne wurde dieses Vakuum von einem esoterischen Markt gefüllt, der keinen ausreichenden Qualitätsstandards genügt. Nach Wilber (2001b) geht es nun darum die Essenz der Prämoderne, also das Wissen um die Vielschichtigkeit der Wirklichkeit, mit der Essenz der Moderne, also der Differenzierung der Wertsphären und mit der Essenz der Postmoderne, also den Impulsen der Freiheit und der Toleranz und einer aperspektivische Haltung, zu verbinden und in einem integralen Modell zusammen zu fügen.
    Der Begriff Integral verweist dabei auf eine „vollständige Sicht“, das heißt, es geht hier um die Aufhebung der Spaltung von Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften, von Wirtschaft und Sozialität und von Materie und Geist.

  16. 

    „Es wird immer Menschen mit dem Bedürfnis nach Transzendenz geben. Warum sollten diese Menschen diesem Bedürfnis nicht mehr nachgehen dürfen? Das würde ja schon dem Gedanken der Religionsfreiheit widersprechen.

    Also: sowohl-als auch“

    Die Schlussfolgerung ist etwas voreilig. Religionsfreiheit heisst nur, dass man friedlich „nebeneinander“ lebt. Z.B. bedeutet es dass Muslime und Christen ihren eigenen Glauben leben dürfen. Es heisst nicht, dass beide an beide Götter glauben müssen.

    „Letztendlich ist es ja eine Machtfrage, oder? Säkulare Buddhisten oder Non-Buddhisten können schnell das Gefühl entwickeln, in ihrer Arbeit nicht gesehen und gewürdigt zu sehen.“

    Ich hatte nie das Bedürfnis irgendeine „Macht“ auszuüben. Ursprünglich waren Blogs eher Online-Tagebücher, also eine ziemliche Nabelschau. Im Grunde sind sie das immer noch, nur auf einer anderen Ebene.

    „So betrachtet geht es also vielleicht mehr darum, eine Plattform der Toleranz und Weite zu schaffen, als eine Plattform des intellektuellen Krieges.“

    Interessanterweise finde ich diese Toleranz und Weite viel häufiger bei „unreligiösen“ Menschen, hier bei den säkularen oder Non-Buddhisten. Viel seltener bei Menschen, die gewisse Dinge der Diskussion entziehen indem sie sie in die Transzendenz abschieben (damit meine ich nicht dich).

    Überhaupt finde ich die Formulierung „intellektueller Krieg“ völlig daneben. Der offene und ehrliche Austausch von Gedanken ist eine der besten Präventionen für einen Krieg.

    Manchmal frage ich mich wo diese Konfliktscheue im Buddhismus herkommt. Wenn man den Palikanon liest bekommt man den Eindruck Buddha selbst hätte sein Leben damit verbracht rumzulaufen und Leuten zu erklären was sie falsch machen ^^

  17. 

    Eine Einführung in Integrale Spiritualität gibt es hier:

    Ken Wilber – Was ist integrale Spiritualität

    „Integrale Post-Metaphysik ersetzt Wahrnehmungen durch Perspektiven (und definiert damit Samsara neu als das Reich der Perspektiven, nicht der Dinge noch Ereignisse noch Strukturen noch Prozesse noch Systeme noch Vasanas noch Archetypen noch Dharmas, denn alles dies sind vor allem Perspektiven, und sie können nicht übernommen oder gar gedeutet werden, ohne zuerst eine Perspektive einzunehmen).“

  18. 

    Lieber Joachim

    Mit Ken Wilber habe ich mich vor Jahren eingehend befasst. Er ist mir dann irgendwann suspekt geworden – aus verschiedenen Gründen. Wenn man ihn im Video sieht, bei seinen Vorträgen, sieht man einen Monologisierer. Er glaubt an ein überleben des Geistes nach dem physischen Tod. Er ist ein großer Verallgemeinerer. Er immunisiert sich gegen Kritik.

    Er hat ohne Zweifel einiges Gute gesagt. Die Prä-/Trans-Verwechslung etwa ist so ein Punkt. Er kann zum Teil Probleme der modernen Konsum-Spiritualität ziemlich gut auf den Punkt bringen usw. usf.

    Irgendwie aber scheint mir die integrale Bewegung seltsam blutleer und abhängig von den Worten des Meisters. Das ändert sich auch nicht dadurch, daß er sich selbst immer als den „Pandit“, also den Gelehrten, bezeichnet hat und sich immer vom Guru-sein distanzieren wollte. Fakt ist, er ist ein Guru für die Szene – und die Szene finde ich am schlimmsten. Vor allem zwei Punkte finde ich abstossend. Erstens macht es Wilbers Ansatz anscheinend jedem möglich alles zu glauben. Derjenige der Unverständnis zeigt, hat einfach nicht die richtige Stufe erreicht. Das kann man in dem Text den du verlinkt hast Seite 69 ff. sehen. Wilber mag es anders meinen. Fakt ist, das Integralität alles integriert. Zum Beispiel auch die Astrologie – wie wir kürzlich ja in deiner Facebook-Gruppe Buddhismus und Occupy gesehen haben. Der zweite Punkt ist, daß Wilber, so weit ich das sehe, keinerlei Ansätze einer Gesellschaftskritik zeigt. Gesellschaftskritik im Sinne der Frage ob eine grundsätzlich andere Gesellschaft möglich ist. Du wirst sofort Widerspruch einlegen, aber was ich meine ist eine Vorstellung jenseits der Vorstellungen, die die Matrix unseres Denkens erlaubt. Wilber scheint genau das anzusprechen, aber sein ganzes Entwicklungsmodell zeigt, daß er einem Modell vom „Menschen“ als Krone der Schöpfung anhängt. Sein Entwicklungsmodell lässt keine andere Idee zu als diejenige einer Weiterentwicklung des „Menschen“. Er hat keine Idee davon, daß der „Mensch“ eine Erfindung der Moderne ist. Er selbst immunisiert sich gegen solche und andere Kritikpunkte regelmässig mit dem Argument, man müsse eben sein ganzes Werk verstehen, um ihn zu begreifen. Das macht er im Prinzip auch eingangs des Textes, den du verlinkt hast.

    Fazit ist. Wilber ist ein großartiger Kompilierer und Synthetisierer aber er lässt nur eine Blickrichtung zu und das ist die des „Menschen“. Was er auslässt, ist, obwohl er Strukturalismus und Poststrukturalismus erwähnt, die Möglichkeit das der Mensch aussterben könnte – nämlich so wie das Foucault am Ende von „Die Ordnung der Dinge“ meint. Die „ewige Philosophie“ der er das Wort redet kommt ihm da gut zu statten. Aber diese ewige Philosophie ist eben so eine Verallgemeinerung und Projektion der Moderne. Wir werden unter Umständen nie herausfinden was ein Buddha, falls es ihn je gab, „wirklich“ dachte oder erfuhr als ihn die Erleuchtung traf. Wilber missachte ganz wichtige Erkenntnisse z.B. der modernen Geschichtsforschung oder Evolutionspsychologie, die uns klar machen das unser Bewusstsein bis auf die Ebene der Physiologie kulturell beeinflusst ist. Nur ein Beispiel: Es gibt gute Anhaltspunkte dafür, daß das was wir in bestimmten Formen der Meditation als klaren, leeren Raum erfahren erst mit dem entstanden ist was wir Schriftlichkeit nennen – bzw. alternativ ist es möglich, daß es sich einfach um einen basalen Raum handelt, den unsere System hervorruft. Letztere Auffassung kann man bei Thomas Metzinger (Being No One) finden, erstere bei Walter J. Ong (Orality and Literacy).

    Viel mehr als eine Diskussion pro und contra Wilber interessieren mich ein paar Punkte die du ansprichst. Wie kommst du z.B darauf es handelt sich bei diesem Projekt hier um eine „Machtfrage“? Ich glaube du sitzt da einem großen Missverständnis auf. Du schreibst von einem „Entweder-oder“ um das es ginge. Du gehst soweit, von einem „intellektuellen Krieg“ zu reden. Ich finde das bei näherer Überlegung erstaunlich. Kann man eine intellektuelle, d.h. geistige, argumentative, Erkenntnis suchende Debatte heute nicht mehr anders denken als im Kriegsformat? Und was heisst dabei Toleranz für dich? Ich habe ehrlich gesagt den Verdacht, die Einforderung von Toleranz dient heute im Buddhismus nur dazu, in Ruhe gelassen zu werden. Man soll doch bitte nichts hinterfragen.

    Meine Frage ist also, sollen wir das wirklich alles stehen lassen. Das Leben nach dem Tode (Soygal Rinpoche), Sexualität als Problem (Wilfried Reuter), wer Gott nicht kapiert, ist nicht weit genug entwickelt (Ken Wilber im erwähnten Text S. 69 ff.)? Kein Diskussion erwünscht! Ist das so?

  19. 

    Und damit endet dieses Gespräch tatsächlich? Keine Gegenargumente? Sie würden mich interessieren, zumindest bei Wilber.

    Was heisst Toleranz wirklich? Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen? Oder das nicht Zusammenpassende tolerieren indem man es benennt und indem man auf Widersprüche hinweist? Immerhin könnte ich, wenn ich widerlegt werde, selbst noch was lernen. Nur wenn ich schweige mache ich keine Fehler und kann also auch nichts lernen…

  20. 

    Für mich bedeutet in erster Linie Toleranz:

    + Erst mal Nachfragen ob ich etwas nicht oder falsch verstanden habe.
    + Die Meinungen/Tatsachen Anderer für mich überprüfen, ob ich mich dem anschließen kann.
    + wenn Kraft und Energie vorhanden ist: Gegenargumente vorbringen
    + Wenn wir auf keinen Nenner kommen, die Meinung/Tatsache des Anderen stehen lassen
    +wenn keine Kraft/Energie vorhanden ist, Meinung stehen lassen und mich auf keine weitere Diskussion einlassen.

    Toleranz bedeutet keines falls, sich den Weltbildern Anderer angleichen, sondern lediglich den eigenen Hinterfragungen nicht weiter statt geben, wenn darin kein Sinn zu erkennen ist.

    Bei alldem ist mir Bewusst:
    + meine Wahrheit muss keine Wahrheit für andere sein.
    + Meine Wahrheit darf sich für mich verändern.
    + Weltbilder sind da um Neuerungen zuzulassen.
    + Weltbilder sind veränderbar, durch Andere wie durch mich selbst.

    Entwicklung bedeutet für mich:
    + zu begreifen, das mein Horizont manchmal wirklich einfach nur beschränkt ist…
    + die Zeit regelt alles Weitere.

    + Ich wachse.
    + Und das darf in jede Richtung geschehen.