Was ist X-Buddhismus?

M. Steingass —  12.10.12

„Die Welt“ ist für einen X-Buddhisten immer schon eine erdachte Welt, eine die schon lange vor ihrem Erscheinen durch die Entscheidung für den X-Buddhismus geformt ist. Die tatsächliche Welt radikaler Immanenz aber ist eine Welt die von jeglicher halluzinatorischer Repräsentation frei ist. Es gibt nirgendwo das Inventar des Dharma. Im Gegensatz zu seiner narzisstisch verzerrten Wahrnehmung seiner selbst als Hüter der „Dinge wie sie sind“ bezeichnet der X-Buddhismus nichts. Tatsächlich versperrt er die Sicht auf die Welt. Die transzendenten Halluzinationen des X-Buddhismus – Dharma, Karma, Dalai Lama  – erzeugen eine Lichtspielprojektion auf die Realität, die sie erst zu dem macht was der X-Buddhist in ihr sieht. Die „Leerheit“ von der er spricht wird so angefüllt mit Spiegelungen des Dharma. Es entsteht eine Halluzination der Befreiung, die die Leerheit, Offenheit oder radikale Immanenz der Wirklichkeit mit ihrem Erscheinen als Dharma verwechselt. Wenn man den X-Buddhismus dieser Projektionsmaschine beraubt wird er von allen Human- und Naturwissenschaften sofort überrannt. Die Entscheidung* sich auf die HalluzinationDer Wander transzendenter x-buddhistischer Weisheit fraglos zu verlassen, bedeutet also eine Verdunklung gerade der Welt, die der X-Buddhismus zu erleuchten vermeint – indem er auf alles und jeden seine dharmischen Traum projiziert. Man muß nur einmal die Prämisse, „den Dharma“, ausschalten: Was sieht man? Menschen aus Fleisch und Blut, Menschen die schlafen, essen, ficken, scheissen, sterben. Die lachen, weinen, fragen und sich täuschen. Der Dalai Lama ohne Dharma – ein einfacher Mensch. Ein einfacher Mann der wüsste, daß Systemtheorie, Evolutionstheorie, Biologie, Soziologie, die Philosophie des Geistes, Neurologie und wer weiss was für  Wissenschaften, das Leben des Menschen, sein Warum? Woher? Wohin? einfacher und eleganter, mit ontologischer Sparsamkeit erklären könnten. Muss man das alles im Detail wissen, wird die Welt deswegen ärmer? Ganz bestimmt nicht! Im Gegenteil, man könnte sich von seiner schuldbeladenen altchristlichen Gestalt im neubuddhistischen Gewand befreien und tatsächlich mehr sehen. Wir könnten, wenn wir die Strukturen die den X-Buddhismus konstituieren stilllegen, wenn wir seinen kosmischen Vollkommenheitsanspruch zum schweigen bringen, frei sein, die Aussicht zu geniessen.

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Teile diese Textes sind Paraphrasen aus: Glenn Wallis; Nascent Speculative Non-Buddhism; vgl. dort S. 9 und 11.

* vgl.: Um was es geht: Eine Pickelhaube namens Dharma.

27 Antworten zu Was ist X-Buddhismus?

  1. 

    schuldbeladene altchristlichen Gestalt im neubuddhistischen Gewand

    Das ist gut gesagt. So empfinde ich oft westliche Buddhisten.

  2. 

    Das Scheitern daran, „das Leben des Menschen, sein Warum? Woher? Wohin? einfacher und eleganter, mit ontologischer Sparsamkeit erklären“ ist genau der springende Punkt. Dieser Hokus Pokus um die einfachen Dinge ist unnütz und eine Beleidigung des Verstandes. Warum ist er aber so attraktiv?

  3. 

    Und ostliche? Wie empfindest du die? Ob’s vielleicht generel am empfinden liegt?

  4. 

    imyohorengekyo und Gilbert. Das sind beides Themen von historischem Ausmaß: Das christliche Erlösungsideal, welches Ideengeschichtlich gesehen im heutigen Buddhismus häufig wieder auftaucht und warum der Buddhismus in dieser Zeit, seit den 70er Jahren, eine so enorme Attraktivität erlangt hat?

    Zu der zweiten Frage würde ich thesenartig folgendes sagen. Der Buddhismus im Westen (stark verallgemeinert) erfüllt genau eine seiner Intention entgegen gesetzte Funktion. Seine eigentliche Funktion könnte/sollte sein, die fantasierte Natur des Ich zu zeigen. Vor allem in dem Sinne, daß dieses Ich unter bestimmten historischen Bedingungen entsteht und von diesen Bedingungen geprägt ist, ohne sich darüber im klaren zu sein, daß es von diesen Bedingungen in höchstem Masse abhängig ist. Seit Marx, Nietzsche, Freud, Foucault (und vielen anderen) und mit der Forschung beispielsweise in der Neurologie und Evolutionspsychologie entsteht in unserer Kultur tatsächlich das Wissen darum, daß das Ich ein Produkt der Umstände ist. Vor allem daß es im sozialen Feld entsteht und nicht automatisch im Kopf eines jeden einzelnen. So geht jeder traditionelle Bezugspunkt verloren und das Ich findet sich im höchsten Masse dezentriert. Es ist die totale Irritation. Der Buddhismus bietet hier Orientierung, indem er scheinbar wieder eine klare Linie anbietet. Der Buddha hat es schon immer alles gewusst. Genau das aber ist das Original, der fixe zentrierte Bezugspunkt, den es nicht geben kann. Obwohl der Buddhismus die Aussage macht, alles entstehe bedingt, nimmt er sich selbst, in seiner heutigen Inkarnation, von dieser Bedingtheit aus und verleugnet sich damit selbst. Er schützt vor der totalen Irritation, anstatt in dieser Dezentrierung Neues zu denken.

  5. 

    Hier ist ein interessanter Artikel von Franz Johannes Litsch, in dem er dieses Thema streift

    Westlicher Buddhismus – Nein danke ?

    Buddhismus und die Kultur des Westens

    Franz-Johannes Litsch

    Im Oktober 2000 erschien im Feuilleton einer großen deutschen Tageszeitung ein Aufsatz unter dem Titel: „Westlicher Buddhismus? Nein danke!“. Autor des Beitrags war der international renommierte slovenische Philosoph und Psychoanalytiker Slavoj Zizek. Die scharfe Kritik, die er darin am westlichen Buddhismus übte, hat er seither in weiteren Veröffentlichungen und Vorträgen fortgesetzt.

    Sicher ist es nicht nötig, auf alle öffentlichen Angriffe auf den hier wachsenden Buddhismus zu reagieren. Doch gibt es angesichts von Kritik auch eine feine Grenze zwischen Gelassenheit und Ignoranz. Kritik, ja Gegnerschaft ist vielfach eine Quelle des Lernens und der Selbsterkenntnis. Darum sollte einigermaßen ernsthafte Kritik am Buddhismus von ihm ebenso ernsthaft betrachtet werden. Und im betreffenden Falle hat das, was Zizek zu sagen hat, uns durchaus etwas zu sagen. Vor allem macht er uns deutlich, welchen Herausforderungen ein westlicher Buddhismus antworten und sich gewachsen zeigen muss. Diese zu missachten, hieße, zu einem westlichen Buddhismus selber „Nein danke“ zu sagen.

    Viele Menschen im Westen eignen sich heute mit großer Hingabe asiatisch-buddhistische Sicht- und Verhaltensweisen an, ja wandern geradezu innerlich in östliche Kulturen aus, ohne die eigene Kultur wie auch die andere ernsthaft zu kennen. Umgekehrt denken, fühlen, handeln dieselben weiter in der abendländisch griechisch-jüdisch-christlichen Kultur, ohne sich dessen bewusst zu sein und damit auseinanderzusetzen. Ohnehin sind sich die allermeisten Menschen ihrer tiefgreifenden Kulturgeprägtheit kaum bewusst. Daraus entsteht ein „westlicher Buddhismus“, der auf weitgehender Unkenntnis und Unbewusstheit der beiderseitigen kulturellen Hintergründe beruht und so letztlich keine wirkliche Selbsterkenntnis und Befreiung vermitteln kann.

    Die abendländische Ichsuche

    Warum – so ist doch zu fragen – hat es 2500 Jahre gedauert, bis der Westen den Buddhismus endlich zur Kenntnis nahm und damit begann, ihn zu verstehen, ja sich anzueignen, obwohl es vor 2300 Jahren bereits Handelsbeziehungen und eine geistige Begegnung der prägenden Kulturen des Westens (Griechenland, Rom) und des Ostens (Indien, China) gegeben hat. Dieser Austausch war nie völlig unterbrochen und doch war bis Anfang des 20.Jh. die Lehre und Person des Buddha im Abendland kaum richtig bekannt und noch weniger verstanden. Selbst heute noch, im 21.Jh. werden in Europa die Kulturen Asiens und die Welt des Buddhismus in grober Weise ignoriert und missdeutet, während umgekehrt die Kultur des Westens in Asien überreichlich präsent und bekannt ist.

    Woher diese hartnäckige geistige Abgrenzung des Abendlands gegenüber dem fernen Asien? Eine Erklärung mag diese sein: der frühe europäische Mensch, der Grieche, und die frühe, erstmals europäisch zu nennende Kultur, die griechische Antike, waren zum Zeitpunkt ihrer Begegnung mit Asien von einem höchst zentralen Thema beherrscht: von der geistigen Suche nach dem Ich, dem Selbst, der eigenen Identität. Nicht zufällig tauchte in einer der frühsten europäischen Dichtungen, in Homers Beschreibung der Irrfahrten und Abenteuer des Odysseus erstmalig die Selbstaussage „Ich bin Odysseus“ auf. Seither ging es dem griechischen Menschen um die Selbstfindung. „Erkenne dich selbst“, hieß es über dem Eingang des Apollo-Tempels von Delphi. Derselbe Satz wurde zum Leitmotiv des Lebens und der Philosophie des Sokrates. Bis in unsere heutige Zeit ist der westliche Mensch Erbe Griechenlands und vom Thema Ichfindung, Selbstverwirklichung, Persönlichkeitsprofilierung beherrscht.

    Dabei ging es nicht nur um das individuelle Selbst, sondern auch um das kollektive, um die Identität z.B. als Athener, Makedonier, Römer – später als Christ, Jude oder Moslem, Katholik oder Protestant, oder als Deutscher, Franzose, Engländer und heute als Europäer. Jahrhunderte lang war Europa gezeichnet von Kriegen um die Absicherung der eigenen Religion, Nationalität und Grenzen und sie haben viele Millionen menschliche Opfer gekostet. Auch im Augenblick sind die Gemüter von der Frage erhitzt, ob der bislang ausgegrenzte Islam in die europäische Kultur integriert werden kann oder der Türkei die Mitgliedschaft in der EU ermöglicht werden soll.

    Von der Antike bis heute hat sich das Europäische immer in Abgrenzung zu Asien definiert. Hierbei stand Europa – aus westlicher Sicht – für den Wert, die Freiheit, die Stabilität des Ichs, während Asien mit dem Aufgehen im Kollektiv, in der Namenlosigkeit, im Ichlosen, im All-Einen identifiziert wurde. Asien, das war die Bedrohung des Nichts und der Leerheit, der „horror vacui“ (die Angst vor der Leere). Asien war philosophisch, psychologisch, sozial und schon durch seine Weite, Menschenzahl und Vielfalt grenzenlos, profillos, chaotisch, ungreifbar – das Gegenteil einer festen, abgegrenzten, fassbaren Identität. Der Buddha, der ebenfalls dem „Erkenne dich selbst“ folgte, jedoch zur Antwort von anatta (Nichtich), sunyata (Leerheit) und nirvana (Verlöschen) fand, konnte – gänzlich unverstanden – nur als Bestätigung dieser Bedrohung, Abgrund des Nihilismus und Gegenpol zu Europa empfunden werden.

    Sehnsucht nach Alternativen

    Zugleich litt das Abendland auch an diesem Ich und seiner Identitäts-Suche, die immer wieder massiv verunsichert wurde – zuerst durch das Christentum, welches das Ich auf Gott zurückzuführen suchte, dann durch die moderne Wissenschaft (Kopernikus, Descartes, Kant, Marx, Darwin, Freud, heute die Neurobiologie), deren Erkenntnisse immer wieder dazu zwangen, das in Frage gestellte Ich neu zu begründen.

    Seit der Romantik bis heute gibt es in der europäischen Geistesgeschichte ein starkes „Unbehagen in der Kultur“ (Freud), eine große Sehnsucht und Suche nach kulturellen Alternativen und grundlegender Erneuerung. Das ermöglichte es der Lehre des Buddha, im 19. Jh. erstmals die Aufmerksamkeit westlicher Geister zu finden. Bedeutende Vertreter der europäischen, insbesondere der deutschen kulturkritischen Elite sahen im Buddhismus eine, ihrer Suche entgegenkommende, Hoffnung und Perspektive. (Schopenhauer, Wagner, Nietzsche, Hofmannsthal, Mauthner, Hesse, C.G. Jung, Heidegger, Jaspers, Ziegler, Gebser u.a.). Der Buddhismus wurde Teil einer breiten Bewegung der „Lebensreform“.

    Andere Antworten, die im Rückgriff auf Kulturformen vor der Ichausbildung der Antike gefunden wurden, führten im 20. Jh. zu entsetzlichen zivilisatorischen Katastrophen. Sowohl dem stalinistischen Kommunismus wie dem völkischen Rassismus war die Sehnsucht nach der Auflösung des Ichs in einer großen kollektiven Einheit gemein. Beide fungierten als aufklärungsfeindliche Ersatzreligionen. Beide haben dem beginnenden Interesse des Abendlands am Buddhismus für mehrere Jahrzehnte schwere Rückschläge versetzt. Erst mit der Auflösung beider Ideologien wuchs wieder die Bereitschaft, dem Weg des Buddha zu begegnen.

    Die heutige Annäherung an den Buddhismus stellt sich ganz anders dar als die zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Die einstige Hoffnung, bei Buddha eine Antwort auf die Krise der westlichen Zivilisation zu finden, hat sich aufgelöst. Man erwartet nun von ihm nur noch private Perspektiven. Verflogen ist umgekehrt auch die Angst, wie sie einst den preussischen Kaiser Wilhelm II. umtrieb, der im Buddha den Inbegriff der „gelben Gefahr“ sah, die uns zu überrollen droht. Die noch bis vor kurzem verkündeten Warnungen der christlichen Kirchen vor dem „Untergang des Abendlands“ haben sich in deren fundamentalistische Kreise zurückgezogen. Stattdessen überwiegt heute Wohlwollen oder – seitdem man im Islam die neue Herausforderung des Westens sieht – wieder das Desinteresse und Vergessen.

    Auf dem Weg zum Wellness-Buddhismus?

    Der westliche Buddhismus hat nunmehr das Image eines kurzfristigen exotischen Lifestyle-Trips erworben, so dass sich derzeit kein bekannter europäischer Denker oder Wissenschaftler mehr dazu veranlasst fühlt, sich tiefer mit ihm zu befassen oder sich gar zu ihm zu bekennen. Er wird unter diesen zumeist als harmlos, naiv und weltfremd bewertet. Dazu trägt sehr seine unglückselige Vermischung mit Esoterik und New Age bei. Hier hält man ihn für nützlich, um sich seiner für eigene Zwecke zu bedienen. In Zeiten von zunehmendem beruflichem und gesellschaftlichem Stress und breiter wirtschaftlich-politischer Perspektivlosigkeit bietet der Buddhismus offensichtlich individuelle Fluchten des mystischen Vergessens, friedlicher Entspannung und sanfter Wellness-Verwöhnung. Gelegentlich auch geistiges und körperliches Fitness-Training für Manager und Erfolgswillige.

    Das ist der Punkt, an dem die Kritik Zizeks ansetzt. Er fürchtet, dass ein solcher Buddhismus nichts dazu beiträgt, den heute immer deutlicheren, kulturellen, gesellschaftlichen, ökologischen Zerstörungsaspekten der westlichen Zivilisation eine heilsame Wendung und Orientierung zu geben, sondern im Gegenteil dazu verhilft, den herrschenden „Verblendungszusammenhang“ (Adorno) weiter zu stabilisieren, ja sogar zu vertiefen. Anders gesagt: Zizek wirft dem westlichen Buddhismus vor, dass er der globalisierten und hochtechnisierten Gierökonomie des Westens nun auch noch die fehlende spirituelle Metaphysik und leistungssteigernde, entspannte Gelassenheit liefere – auf dass der totale Zugriff auf die Welt und alles Leben noch effizienter zu Ende geführt werden kann. Er nennt den Buddhismus die „ideale Religion des neoliberalen Kapitalismus“ und setzt seine eigene Hoffnung auf eine Erneuerung des Christentums.

    Die Aussagen Zizeks im einzelnen lassen erkennen, dass er den Buddhismus insgesamt, wie auch den westlichen nicht wirklich gründlich kennt, dennoch muss anerkannt werden, dass er etwas beobachtet, was jeden ernsthaft an der Lehre und Praxis des Buddha Interessierten beunruhigen muss. Denn es war ganz eindeutig nicht die Zielsetzung des Erwachten, zu jenem „pursuit of happiness“ (Jagen nach Glück) jedermanns beizutragen, wie es der amerikanischen Verfassung zu Grunde liegt, wie es als „american way of life“ missionarisch heute in aller Welt verbreitet wird und wie es immer stärker zur eigentlichen Zivilreligion der westlichen Konsumgesellschaften wird. Denn hier geht es um die grenzenlose Erfüllung aller Träume, Wünsche, Illusionen, Begierden und Abneigungen, nach der das individuelle Ich zur Bestätigung und Erweiterung seiner Existenz greifen möchte. Dem Buddha dagegen geht es um die Befreiung von allem Greifen nach einem Ich oder nach Dingen und damit um das Erlangen eines Glücks, das nicht an irgend etwas gebunden ist.

    Neue Verkleidungen des Ichs

    Bei aller derzeitigen Offenheit der westlichen Welt gegenüber dem Buddhismus, die grundlegende Ich-Orientierung ist dort in keiner Weise verschwunden, sondern reinkarniert sich nur in neuer Gestalt: im Konzept der konsumfreudigen Selbstverwirklichung, der marktwertbewussten Ich-Inszenierung, des psycho- und biotechnischen Persönlichkeitsdesigns. Es geht längst nicht mehr um die christliche „Vervollkommnung der Seele“ sondern um das erfolgreiche Coming out als Ich-AG. Wo die Ökonomie zur eigentlichen Religion wird, werden wir zu Produzenten und Verkäufern unser selbst als Ware – unseres „hart erarbeiteten“ Selbst – auf einem grenzenlosen Markt der Ich-Konkurrenz. Die eigene Person wird zur Aktiengesellschaft, das Leben zum Gewinn- oder Verlust-Geschäft. Umgekehrt wird die Religion immer mehr zur Ökonomie, zum religiösen Supermarkt und Business.

    Modisch gut im Trend liegenden westlichen Buddhisten gelingt es nun, diese postmoderne „Umwertung der Werte“ (Nietzsche) unter Markenlogos wie „schnellster Weg zur Erleuchtung“, „großes Vertrauen in die eigene Buddha-Natur“, „das Zen der ersten Million“ und unzähligen Glücksversprechen erfolgreich als westlichen Buddhismus zu verkaufen. Das Anliegen des Buddha wird damit ziemlich auf den Kopf gestellt. Während der Erwachte das Durchschauen leiderzeugender Selbsttäuschung und Anhaftung lehrte, wird hier in buddhistischem Outfit der spirituell potenzierte Haben- und Egokult vermarktet.

    Auch unter den ernsthafteren westlichen Buddhisten wird die neuartige Verkleidung des Ich-Konzepts kaum wahrgenommen oder durchschaut. Stattdessen klebt die gängige Vermittlung der Lehre vom Nicht-Ich (anatta) an der Widerlegung altertümlicher Konzepte wie dem von der „Ewigen Seele“ oder eines „beständigen Wesenskern“. Darüber ist das westliche Denken aber spätestens seit Sigmund Freud hinaus. Die Soziologie, Psychologie, Neurologie haben die Idee von einem dauerhaften Selbst oder einer objektiven Seele schon lange aufgegeben. Sie sprechen inzwischen von der flexiblen, multiplen, in Entwicklung befindlichen Persönlichkeit oder haben das Ich ganz in Wahrnehmungs- und Verhaltensprozesse aufgelöst. Das abendländische Ich ist heute nicht mehr eines, das (statisch) da ist und vorgefunden wird, sondern eines, das (dynamisch) erworben, erarbeitet, gestaltet werden muss.

    Wo die kulturellen Hintergründe und Veränderungen des Westens wie des Ostens von den meisten Lehrern und Schülern des Buddhawegs ignoriert werden, wird dessen Vermittlung dann auch immer stärker – westlich individualistischer Sichtweise entsprechend – psychologisiert oder mystifiziert und stützt sich immer weniger auf authentische Lehren und Praktiken des historischen Buddha. Viele hiesige Buddhisten sehen im Buddhismus lediglich eine aus Asien kommende Psychotherapie oder Esoterik.

    In etlichen Fällen wird der Buddhaweg auch zum neuen Glauben und gelangt die scheinbar verlassene Kirche samt Mittelalter wieder zur Auferstehung – mit allen Formen von alleinseeligmachendem Wahrheitsanspruch, magischem Aberglauben, frommer Unterwerfung und neuer Vatikanhierarchie.

    Erwachen des Westens

    Ohne Auseinandersetzung mit den Formen und Auswirkungen der Ich-Ideologie in der westlichen Kultur wird der Buddhismus nur zu einem Anhängsel an diese Kultur und ihre Täuschungen werden und trägt auf diese Weise, anstatt zur Überwindung, zur Fortsetzung unserer Leiden bei.

    Ein westlicher Buddhismus muss darum zuallererst wahrhaftes Buddha-Dharma sein und nicht buddhistisch verpackte Kultur des Westens, zur Erfüllung aller unserer Ansprüche auf perfektes Glück. Zugleich muss er ein dem Westen antwortender und auf diese Weise westlicher Buddhismus sein, anstatt sich lediglich als asiatisch-exotischer Religionsimport anzubieten. Und das heißt: westlicher Buddhismus muss die westliche Kultur zur Aufklärung, zur Erkenntnis, zum Erwachen über sich selbst bringen, damit diese sich von einigen ihrer uralten Verblendungen und den daraus folgenden Leiden befreien und vielleicht auf eine neue Weise entfalten kann. Westlicher Buddhismus muss Erwachen des Westens werden.

    Franz-Johannes Litsch ist Architekt, seit 42 Jahren auf dem Weg des Buddha, viele Jahre als Zen-Praktizierender, einige Jahre dem tibetischen Buddhismus folgend, heute Theravada- und Vipassana-Übender. Er war 8 Jahre Mitglied des Rates der DBU, ist Mitgründer der Buddhistischen Akademie Berlin und tritt für einen gesellschaftlich engagierten Buddhismus ein.

  6. 

    Hallo Joachim, leider finde ich nirgendwo im Netz den Artkel von Zizek in deutscher Sprache. Ich kenne den Artikel von Litsch schon ein Weile. Leider verhindert er dadurch daß er keine genaue Quellenangabe macht, daß man sich von dem was Zizek zu sagen ein genaues Bild machen kann. Eine Merkwürdige Auslassung. Litsch benennt klar einige schwere Problem die der Buddhismus bei uns hat. Problematisch findet ich die Wendung am Schluss seine Artikels.

    Ein westlicher Buddhismus muss darum zuallererst wahrhaftes Buddha-Dharma sein und nicht buddhistisch verpackte Kultur des Westens, zur Erfüllung aller unserer Ansprüche auf perfektes Glück.

    Was ist wahrhaftes Buddha-Dharma? Wenn das nicht glasklar definiert wird, wird es wieder zu nichts weiter als eine weiteren „transzendenten Repräsentation“. D.h zu einem Idealbild, daß irgendwo im Nirgendwo existiert. Zizek bezeichnet das, im Rückgriff auf die Psychoanalyse, als „Fetisch“. Umgangssprachlich vielleicht als „Ersatzhandlung“ beschreibbar. Vgl. dazu hier =>; Slavoj Žižek, From Western Marxism to Western Buddhism.

    Litsch ist auch sonst nicht sehr genau, wenn es darum geht zu beschreiben, was den nun der ‚Erawchte‘ als Alternative zu unserem rasenden Konsumwahn anbietet. Ich glaube das ist gerade eine der Schwächen ‚unseres‘ Buddhismus: er greift doch immer auf die bekannten Floskeln wie alles-ist-Leid zurück, ohne genauer zu werden.

    Seine Kritik ist ok. Aber was sind wirklich die Alternativen?

    Falls du den Artikel findest auf den Litsch sich bezieht, kopier doch bitte die Adresse in die Kommentarspalte.

    Zum Zizek-kennenlernen findet sich hier ein gutes Interview.

  7. 

    Danke, muss ich mir später in Ruhe durchsehen.

  8. 

    “In diesem Sinne kann der Fetisch eine sehr konstruktive Rolle spielen, indem er uns erlaubt, mit der grauen Wirklichkeit zurechtzukommen: Fetischisten sind nicht in ihrer privaten Welt verlorene Träumer, sie sind vielmehr „Realisten“, die imstande sind, die Dinge so zu nehmen, wie sie wirklich sind — da sie ihren Fetisch haben, an den sie sich klammern können, um nicht die vollen Auswirkungen der Realität ertragen zu müssen.”

    Ein interessanter Artikel. Andere Dinge, die er z. B. über das Web schreibt, sind auch ganz lesenwert. Allerdings verstehe ich nicht, warum Zizek den Gebrauch eines Fetischs, wie er es nennt und wie man aus seiner, ich finde begrenzten, Sicht den Gohonzon des Nichiren-Buddhismus sehen könnte, so negativ darstellt. Aus einer sakralen Dimension lassen sich Dinge unabhängiger zur herrschenden weltlichen Ansicht bewerten. Vielleicht hat Zizek noch keine tiefen religiösen Erfahrungen gemacht, dass er diesen Vorgang an einen Fetisch “klammern” nennt.

  9. 

    Der Hauptpunkt ist wohl der, daß der Fetisch in gewissem Sinne einen Realismus zulässt, dies aber in einer Weise, um eben die Realität erträglich zu machen ohne sie verbessern zu wollen. Aus Zizeks Sicht gibt es einiges zu verbessern. Der globale Kapitalismus ist ein absolut egozentrisches Monstrum, das den Wenigen maximale Vorteile gegen über den Vielen gewährt (rettet die Banken aber lasst die sozialen Netze verrotten!). Buddhismus aus Zizeks Sicht ist lediglich eine Schlaftablette, um sich dieser Tatsache nicht bewusst zu werden.

    Es wäre wichtig zu zeigen, wie eine „sakrale Dimension“ aussieht, die wirklich unabhängig zu neuen Einsichten über weltliche Belange kommt?

  10. 

    „zu neuen Einsichten über weltliche Belange“

    Was meinst du da Matthias? Wie man Geburt, Alter, Krankheit und Tod aus ihr schaffen kann?

    Sicher, mit soetwas kann man sich viele Existenzen beschäftigen. Ein immer präsenter Koan. Wer ihn wohl lößt? Und noch ergreifender, wer ihn vielleicht schon gelöst hat? Wir doch nicht am Ende ein anderer vor mir schon gewesen sein, nein, all die Mühe umsonst und nie und nimmer die Möglichkeit auf Anerkennung und Beifall. Schauderhaft.

  11. 

    Hanzze, warum die Häme?

  12. 

    Zizek scheint sehr christlich geprägt zu sein. In dem oben genannten Artikel kommt das Christentum ziemlich gut weg:

    “Letzten Endes ist die „Wiederge-burt“, von der das Christentum spricht (wenn man sich in die Gemeinschaft der Gläubigen eingliedert, wird man wiedergeboren), der Name für einen solchen Neubeginn. Gegen die heidnische und/oder gnostische Weisheit, die die (Wieder-) Entdeckung des eigenen wahren Selbsts feiert — die Rückkehr zu ihm, die Realisierung seiner Möglichkeiten oder was auch immer -, ruft das Christentum dazu auf, uns selbst gründlich wiederzuerfinden.”

    Zzek veröffentlicht auch Schriften wie “Das fragile Absolute, Warum es sich lohnt, das christliche Erbe zu verteidigen”. Klingt sehr interessant. Ich würde aber eher die säkularisierten Werte verteidigen, die jedoch aus dem Christentum stammen. Laut Klappentext geht es geht es ihm darum, die gegenwärtig aufkeimenden antiaufklärerischen und entpolitisierten Formen von Spiritualität zu bekämpfen. Ich habe auch was gegen antiaufklärerische Philosophien, Religionen und Spiritualität.

    Er selbst beschreibt sich laut englischer Wikipedia als “christlichen Materialisten“.

    Bei seinen Interviews und Artikeln im Netz fällt auf, dass er ziemlich viel fundiertes über theistische Religionen (Christentum und Islam) zu sagen hat. Allerdings gibt es nur eine Handvoll schwammige Aussagen zum Buddhismus von ihm. So wirklich viele Gedanken scheint er sich über Buddhismus noch nicht gemacht zu haben.

    Eine sakrale Dimension kann man schlecht beschreiben. Die 5., 6., 7. und 8. Dimension der Stringtheorie kann man auch nicht mit Worten beschreiben, dass ein menschliches Gehirn diese verstehen und imaginieren kann. Ich denke, eine sakrale Dimension ist etwas, das man erfahren muss. Du kannst sie auch metaphysische Dimension oder so nennen. Religiöse Dimension ist mir vom Wort her schon zu festgezurrt.

  13. 

    imyohorengekyo, ich kenne von Zizek nicht viel mehr als besagten Artikel. Tatsächlich sind in ihm einige Fehler enthalten. Im Großen und Ganzen kann ich dem aber nur zustimmen: Buddhismus heute funktioniert als Stressreduktion und als Symptombekämpfung eines Kapitalismus der radikalen Ausbeutung und Perversion der Depression, massenhaftes Elend und eine weltweite Katastrophe produziert. Buddhismus fungiert als Beruhigungspille und Stressreduktion mittels Achtsamkeit – was aber wirklich schief läuft, das lassen wir ganz entspannt an uns vorüber ziehen. Ich denke darauf will Zizek hinaus. Natürlich gilt das auch für viele andere Beschäftigungen.

    Was den Vergleich von Stringtheorie und „sakraler Dimension“ angeht. Über erstere können wir uns unterhalten und wenn ich mir genügen Mühe gäbe, könnte ich sie vielleicht auch noch verstehen. Wenn du meinst das die „sakrale Dimension“ nur erfahrbar, nicht erzählbar ist, dann heisst das aber im Gegensatz zur Stringtheorie, daß das eine ganz andere Kategorie ist und der Vergleich hinkt. Ausserdem, wenn man über die „sakrale Dimension“ nicht sprechen kann, wenn sie ’nur‘ erfahrbar ist, dann heisst das letztlich, daß wir nie wissen über was wir sprechen, wenn wir über eine „sakrale Dimension“ sprechen. Welchen Sinn hat es dann überhaupt einen solchen Begriff zu benutzen, wenn man sich über sein Bedeutung nicht einigen kann?

    Ich denke man kann und muss Worte finden für diese Dimension. Alle Dichter tun das. Man muss sich darüber unterhalten und nach Worten suchen, nach Möglichkeiten sich zu verständigen. Allerdings nicht in der Öffentlichkeit wie hier wo einem dauernd die Oberlehrer dazwischen reden, sondern in einem geschützten Raum der es ermöglicht eine Unsicherheit und das Experiment des Ausdrucks zuzulassen.

  14. 

    Zizek schreibt zu vielen Themen etwas. Ich denke, es kommt ihm nicht darauf an, fehlerfreie Theorien zu liefern, sondern die Menschen zum Nachdenken und Stellungnahme anzustoßen. Das schafft er auf jeden Fall bei mir. Zizek scheint im Moment interdisziplinär sozusagen “en vogue” zu sein. Er gibt im Rahmen seiner Filmtheorie quasi zu allem und jedem seinen Senf dazu. Seinen Artikeln über den Menschen im Internet kann ich einiges abgewinnen.

    Du hast Recht, wenn du schreibst, dass man Worte für diese Dinge finden muss. Vielleicht wollte ich mich auch nur herausreden. Das Gute an Kommentaren ist, dass man sie einfach und leicht ignorieren kann. :-) In einer hitzigen Diskussion im “richtigen Leben” erfordert das schon eine ganz andere Disziplin.

    Meine eigene Beschreibung und Sichtweise der sakrale Dimension? Viele Worte habe ich nicht, ich kann nur versuchen, es etwas zu erklären. Egal, was Mode-Buddhisten wie Ole Nydal und Erfolgs-Buddhisten wie die Soka Gakkai lehren (ewig wird in diesen Richtungen über Ziele und Siege gefaselt).

    Mein Eintauchen in die sakrale Dimension besteht in der Medition über Shunyata, japanisch Hoku oder einfach Ku. Das mache ich durch Mantrasingen vor meinem Gohonzon und Achtsamkeitsmeditation. Die Achtsamkeitsmeditation kann bei mir zu jeder Gelegenheit stattfinden: beim Mantrasingen oder beim Geschirrspülen. Ein Ergebis der Medition über Shunyata ist auch die Erkenntnis, dass alles miteinander verbunden ist, dass das Kind, das im Ghetto nebenan von seinen Eltern geschlagen wird, mein eigenes Fleisch Blut ist.

    Walt Whitman sagt es so (Gesang von mir selbst):

    Ich feiere mich selbst und singe mich selbst,
    Und was ich mir anmaße, sollst du dir anmaßen
    Denn jedes Atom, das mir gehört, gehört auch dir.

    Das Gleiche gilt sogar für das Schwein, das in der Massentierhaltung gequält wird, Wenn ich über Shunyata meditiere, werde ich mir immer wieder über diese Tatsache bewusst. Diese Tatsache kann ich dann als Verhaltensweise in mein tagtägliches Leben “hinüberretten”, also als Konsequenzen in mein tägliches Leben einbetten.

    Das alles braucht aber natürlich einen ethischen Unterbau. Ohne das Minimum der 5 Silas halte ich das Ganze für ziemlich sinnlos. In Europa sollten wir also ein paar der 10 Gebote beachten. Vielleicht ist es das, was Zizek meint. Zur Vervollkommung des eigenen Charakters geht es ohne den Achtfache Pfad nicht. Dieser wird immerhin auch noch im Lotos-Sutra gelehrt und auf beide Inhalte nimmt auch Nichiren immer wieder in seinen Aufzeichnungen Bezug (mit japanischen Ausdrücken). In Europa gibt es Regeln wie z.B. von Augustinus und Benedictus, die freilich inhaltlich anders sind, aber auch die Formung des Charakters und das friedliche Zusammenleben zum Ziel haben.

  15. 

    Die sakrale Dimension?

    Eine logische Herangehensweise würde bedeuten, dass Menschen sich über ihre inneren Zustände verständigen – und dies über einen längeren Zeitraum. Auf diese Weise würde man ein Verständnis darüber gewinnen, welche Arten der inneren Zustände es gäbe – und wie sie z.B. durch bestimmte Methoden/ Techniken verändert werden könnten.

    Dies geschah in einigen Kulturen, wie zum Beispiel in Tibet, in denen über Jahrhunderte hinweg, die Erfahrungen der inneren Zustände gelehrt, gelernt, überprüft, weiterentwickelt und weitergegeben worden sind.

    Im Westen betreten wir jedoch Neuland. Recht spärlich sind doch die Erfahrungen der inneren Welten. Nicht präzise genug, um „sakrale Dimensionen“ beschreiben und erfassen zu können.

    Insofern könnte hier eine interessante Transmission stattfinden, wenn die Erfahrungen der inneren Zustände auch im Westen gelehrt und gelernt werden würden.

    Wir brauchen dafür jedoch – und das ist ein wichtiger Punkt – einen Bezugsrahmen für diese „Übertragung“. Wenn unterschiedliche Kulturen aufeinander treffen, gilt es auch, sich erstmal dieser kulturellen Andersartigkeit bewusst zu werden.

    Oder, um es mit den Worten von Tom Steininger zu sagen:

    „Denn es macht einen großen Unterschied, ob jemand im mythischen Indien vor 2500 Jahren Erleuchtung suchte – zu einer Zeit, als wir Menschen uns mehr als Teil unserer Familienbande, unserer gemeinsamen mythischen Tradition und als Teil eines ewigen Kreislaufs der Wiedergeburt erfuhren, oder am Beginn des 21. Jahrhunderts, in dem wir uns vor allem als eigenständige Individuen mit unseren jeweils
    eigenen psychologischen Bedürfnissen und Problemen erleben.“

  16. 

    Hier ist eine wirklich gute Arbeit darüber, wie die „inneren Räume“ klassifiziert werden könnten. Es handelt um die verschiedenen Perspektiven, die in verschiedenen Bewusstseinsräumen eingenommen werden.
    Meines Erachtens ist diese präzise Erforschung der möglichen Innenräume ein Meilenstein einer aufgeklärten Spiritualität.

    http://integralesleben.org/fileadmin/user_upload/INTEGRALES_LEBEN/Aufbauwissen/Entwicklung/Terri_oFallan2012-09-19.pdf

  17. 

    Na gut, ich bin hier nicht der Buddhismusexperte, auch kein Buddhist. Dennoch regt sich Widerstand gegen diesen Beitrag, der (der Widerstand, nicht der Beitrag…) sich auf meine eben nur ziemlich lückenhafte Kenntnis buddhistischer Praxis und buddhistischen Schrifttums stützen kann (Insofern kenne ich die Totschlagantwort auf meinen Einwand schon…). Ich lese zwar immer wieder mal mit Gewinn in der kanonischen Pali-Literatur. Das ist es dann aber schon. Und da wäre mir bis jetzt noch kein „kosmischer Vollkommenheitsanspruch“ begegnet. Im Gegenteil. Die Relativierungen und Abgrenzungen gegen geschlossene Weltbilder im Palikanon ist frappant (z.B. Cula-Malunkya-Sutta). Und nie hätte ich den Rat, einen „mittleren Weg“ zu befolgen in irgendeiner Weise als totalitär erlebt. Es handelt sich doch nur um einen pragmatischen Tipp, der schwer zu dogmatisieren wäre. Dein experimenteller Dalai Lama: „Ein einfacher Mann der wüsste, daß Systemtheorie, Evolutionstheorie, Biologie, Soziologie, die Philosophie des Geistes, Neurologie und wer weiss was für Wissenschaften das Leben des Menschen, sein Warum? Woher? Wohin? einfacher und eleganter, mit ontologischer Sparsamkeit erklären könnten“ – äh, da regt sich ebenfalls Zweifel. Ich bin selbst der Überzeugung, dass diese aufgezählten Wissenschaften die überkommenen Weltbilder durchschütteln und einiges wirklich einfach und elegant zu erklären vermögen. Aber doch nicht das Warum? Woher? Wohin? Gerade dazu kann der Objektivität verpflichtete Wissenschaft praktisch nichts beitragen. Weil das spekulative, subjektive Fragen sind. Diese Antworten findet man nur im Innenraum, also in spiritueller Entwicklung. Warum musst du diese Dimension ausschließen? Möglicherweise werden hier implizit doch nur alte Rechnungen präsentiert. Verletzungen vielleicht darüber, dass man sich nach jahrelanger Praxis in einer buddhistischen Gemeinschaft letztlich irgendwie verarscht fühlt und das vielleicht auch zu Recht. Aber dann wird hier das Thema ein wenig verfehlt…

  18. 

    Lieber tom-ate, ich habe im Augenblick keine Zeit ausführlich auf deine Beitrag einzugehen – imyohorengekyo und Joachim dito – oder wenigstens eine Liste mit Hinweisen darüber zu erstellen, was unter X-Buddhismus zu verstehen ist. Ich hatte dir auf eine deiner Fragen eine Antwort geschrieben aus der hervorgehen könnte, was mit X-Buddhismus gemeint ist. Falls das nicht klar genug ist, kann man konkret weiterfragen.

    Ich habe also nichts gegen Fragen. Im Gegenteil. Was mich absolut stört ist der letzte Teil deines Kommentars. Du verschiebst das Problem einfach auf einen obskuren verletzten Innenbereich meinerseits. Das klassische ad hominem. Ist dir eigentlich klar, daß man das einfach herumdrehen kann: Ich könnte sagen, daß du das Weichei bist, das nicht in der Lage ist eine radikal immanente Haltung einzunehmen und stattdessen Zuflucht in buddhistischen Träumereien sucht? Aber das nützt uns beiden nichts.

  19. 

    Klar stört der letzte Teil… Haha, und mir ist auch klar, dass man das drehen kann zu „buddhistischen Träumereien“ meinerseits. Das ist ja nicht mal ganz falsch. Es gab sicher früher Momente, in denen eine diffuse „Erlösungs“-hoffnung mitschwang bei meiner Art der Auseinandersetzung mit diesem Material. Ja, sowas ist menschlich. Auch wenn mir diese Motivation abhanden gekommen ist. „Eine radikal immanente Haltung“ ist auch nur ein Wunsch. Jedem seine Immanenz ist geprägt durch seine Geschichte äußerer Einflüße bzw. Verletzungen. Deshalb finde ich auch deinen zweiten Satz im Beitrag ziemlich anmassend. Es sind fließende Übergänge vom Wahn, von der Halluzination, über die Täuschungen und Enttäuschungen bis hin zu einem übermenschlichen Ideal der Wahrnehmung einer tatsächlichen Welt, ein Ideal, das keiner bisher je erreicht hätte. Also, es war durchaus eine provokative Frage, du brauchst sie natürlich nicht zu beantworten. Die Frage ist nur für dich gestellt, Matthias, nicht um hier etwas zu beweisen. Es geht letztlich um Authentizität, um Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Und jedenfalls merke ich da, jetzt mal ganz für mein Teil gesprochen, dass vieles meiner Wut über die Welt da draußen nur eine schöne Projektion ist. Würde ich letztlich mit der Welt, also auch mit mir, wirklich absolut klar kommen, wäre die Energie über die Scheißwelt da draußen weg. So was von völlig weg… Kannst du dir diesen Zustand vorstellen? Ich schweife ab. Mir geht’s nicht um die Definition von X-Buddhismus. Ich frage mich in diesem Blog aber, ob man sich hier wirklich kritisch mit Buddhismus auseinandersetzen kann (denn das würde mich eigentlich interessieren), wenn schon im ersten Satz klar gemacht wird, dass „Buddhismus“ oder X-Buddhismus schon durch und durch, also im Mark und Kerngedanken bereits, völlig falsch, ja sogar lebensfeindlich sei. Etwas das man mit Dringlichkeit „ausschalten“ müsste. Tut mir leid, da muss ich auf den Gedanken, der Verletztheit des Autors kommen.

  20. 

    Sorry tom-ate, ich bin nicht bereit dir zu folgen. Es geht dir „nicht um die Definition von X-Buddhismus„? Wenn dir nichts daran liegt diesen Begriff klar zu machen, dann müssen wir keine Diskussion anfangen.

    Du ziehst die Begründung für die „Verletztheit des Autors“ aus dem ersten Satz des Textes hier? Der „erste Satz“ den du zur Begründung herausziehst, fußt mittlerweile auf mindestens zwei ausführlichen Texten, in denen ich versucht habe darzustellen was ich meine: Der Zauberer, ein praktisches Beispiel und Um was es geht! ein, ein wenig Theorie.

    Wenn danach nicht klar wird, worin die Buddhismuskritik hier besteht, bin ich gerne bereit das zu diskutieren.

    Du großväterliche Attitude allerdings, die mir in deinem Kommentar mitzuschwingen scheint, ich möge doch mal ehrlich zu mir selbst sein, mitsamt der impliziten Unterstellung darin, die lass doch, bitte bitte, sein.

    Es geht auch tatsächlich um das „übermenschlichen Ideal der Wahrnehmung einer tatsächlichen Welt„. In dem Sinne nämlich, daß dieses Ideal überhaupt erst die Unterscheidung zwischen einer tatsächlichen und einer halluzinatorischen Welt einführt. Bzw. darum, daß Ideale Wirklichkeit/Immanenz verunmöglichen.

  21. 

    Lieber Enkel, deine Diskussionskultur brauche ich nicht und sage farewell.
    Dein Großvater Tom

  22. 

    imyohorengekyo, Joachim und tom-ate

    Zunächst zu der faulen Tomate mit der tom-ate nach mir geworfen hat. Eine Regel einer Psychotherapie die etwas auf sich hält kann man als Immanenzregel bezeichnen: man hält sich an das was einer sagt und tut, also an das was man hört und an Gesten etc. sieht. Es wird aber nicht über ein wie auch immer geartetes Innenleben des Klienten spekuliert. Es gibt ein erzähltes Leben und es gibt ein erlebtes Leben; es gibt Verhalten und Erleben. Man muss sich zwangsläufig an das Sichtbare halten. Etwas anderes gibt es nicht! – Das ist, ohne weitere Differenzierungen, die möglich sind, eine Regel an die man sich vor allem im Internet halten sollte. Ob ich das auch immer schaffe weiss ich nicht. Man kann sich aber gegenseitig auf sowas hinweisen.

    Zu dem Thema Verletzung: „Verletzungen vielleicht darüber, dass man sich nach jahrelanger Praxis in einer buddhistischen Gemeinschaft letztlich irgendwie verarscht fühlt und das vielleicht auch zu Recht.“ Was mich angeht, so habe ich eine meiner Meinung nach fantastische Praxis kennen gelernt und einige sehr achtenswerte Leute (z.B. James Low). Ich fühle mich nicht verletzt oder verarscht. Allerdings, selbst wenn das so wäre, was würde das an meinen Argumenten ändern?

    Würde ich letztlich mit der Welt, also auch mit mir, wirklich absolut klar kommen, wäre die Energie über die Scheißwelt da draußen weg. So was von völlig weg.“ Das ist genau das was Žižek in From Western Marxism to Western Buddhism kritisiert. Die Flucht in eine Innerlichkeit, in der einen dann die Aussenwelt nicht mehr interessiert. Das ist der Punkt an dem der X-Buddhismus hilft die Verhältnisse so zu erhalten wie sie sind: Krieg den Hütten, Friede den Palästen. ES ist nicht Gleichmut, der so kultiviert wird, sondern Gleichgültigkeit.

    Das Warum? Woher? Wohin? Gerade dazu kann der Objektivität verpflichtete Wissenschaft praktisch nichts beitragen. Weil das spekulative, subjektive Fragen sind. Diese Antworten findet man nur im Innenraum, also in spiritueller Entwicklung.“ Genau das ist der große Irrtum. Es gibt keinen von einer Aussenwelt unabhängigen Innenraum in dem alle Fragen sich wunderbarer Weise lösen. Ja, es gibt eine Innenraum, auch einen der sehr hilfreich ist, ein Rückzugsort und Schutzraum. Aber keine der unabhängig wäre. Wie sollte das aus buddhistischer Sicht gehen? Vor dem Hintergrund des bedingten Entstehens? Auch aus Sicht einer modernen Subjekttheorie die von Nietzsche und Foucault her kommt ist ein solcher unabhängiger Innenraum unmöglich.

    Fließende Übergänge vom Wahn, von der Halluzination, über die Täuschungen und Enttäuschungen bis hin zu einem übermenschlichen Ideal der Wahrnehmung einer tatsächlichen Welt, ein Ideal, das keiner bisher je erreicht hätte.“ Das ist eben der Kern der Angelegenheit, daß keiner je die tatsächliche Welt sähe. Das ist genau die Problematik, die, sehr technisch, in Um was es geht! im Abschnitt „Absolute Autorität“ beschrieben wird. Ich werde mir Gedanken darüber machen, das besser zu beschreiben.

    imyohorengekyo Vielen Dank für die Beschreibung deiner Praxis… Fortsetzung folgt. Muss weiter.

  23. 

    @imyohorengekyo und Joachim

    Innere Zustände und darüber sprechen. Ein paar Worte nur dazu. Mein persönliches Anliegen ist tatsächlich, über solche Dinge einen Dialog führen zu können. Ein solcher Dialog setzt ein paar Verhaltensregeln voraus. In einer Gruppe, die sich einen solchen Dialog zur Aufgabe macht, sind diese Regeln Verhandlungssache. Ganz allgemein gesagt gibt es keine feststehenden Regeln diesbezüglich. Es gibt allerdings Verfahren die dafür sorgen können, daß eine tiefer gehende Interaktion stattfinden kann, die vor allem zu einem kreativen Prozess führt. Für mich persönlich ist das das A & O: Kreativität. Ich glaube deshalb auch nicht an Stufenmodelle wie in dem von dir Joachim verlinkten Text. Innere Zustände in einer Gruppe im Gespräch zu beschreiben heisst für mich, möglichst weitgehend auf jede Bezugnahme auf schon entwickelte Kategorien oder Modelle zu verzichten. Jeder Mensch hat durch seine Lebenswelt ein reiches Inventar an Begrifflichkeiten die zur Beschreibung dienen können. Diese Inventar sollte aktiv genutzt und kreativ geformt werden, um auszudrücken was jemand erlebt. Im Prozess der Mitteilung dann ist eine Regel sicher ausgesprochen wichtig: ein geduldiges sich austauschen darüber was man mit einem Wort meint. Also ein Austausch über Bedeutungen. Was in der Wissenschaft die Regel ist, ist leider im Alltag selten der Fall, daß man sich klar macht was man mit Begriffen meint. Allerdings geht es in diesem Fall hier nicht so sehr darum genaue, exakte Begriffe zu finden, als vielmehr darum emphatisch aktive Begriffe zu entwickeln. D.h. es geht darum auf eine Ebene des emphatischen Gesprächs zu gelangen. Das schliesst problematische Empfindungen mit ein. Emphase heisst nicht, danach zu trachten sich möglichst gut zu verstehen. Eine Gruppe in einem solchen Gespräch muss es auffangen können, wenn jemand sich ärgert.

    Etwas was meiner Ansicht nach in einer solchen Grupper ausgeschlossen gehört sind die ‚Oberlehrer‘, die ‚Bescheidwisser‘ usw. Es geht darum Ausdrucksmöglichkeiten für sich zu finden. Es geht nicht darum über das Innenleben anderer Menschen zu spekulieren. Belehrungen, daß etwas so und nicht anders zu sehen ist, gehören nicht in einen solchen Prozess. Sehr hilfreich kann aber ein Moderator sein der/die je nach Lage an Regeln erinnert, die die Gruppe festgelegt hat.

    Einen Punkt finde ich gut durch deine Schilderung imyohorengekyo verdeutlicht. Es ist nicht so sehr der Inhalt – der wäre eben dann Anlass für mich zu fragen, was das eine oder andere bedeutet, damit ich es besser verstehen oder überhaupt erst kennen lernen kann – es ist die Form: daß du nämlich über dich sprichst ohne dabei irgend einen Anflug davon zu zeigen, daß das irgendwie von mir oder von wem auch immer, als allgemeingültig anzuerkennen sei. Ähnlich würde ich verfahren in dem ich schildere was ich tue oder was ich unter Praxis verstehe.

    Ein Ansatz ins emphatische Gespräch zu kommen wäre z.B. die Frage, wie das denn genauer zu beschreiben wäre, diese Gefühl, „daß das Kind, das im Ghetto nebenan von seinen Eltern geschlagen wird, mein eigenes Fleisch Blut ist.“ Die Frage nach einer Beschreibung ist ein Suchprozess der von einer Abstraktion, von diesen Worte zunächst, zu einem Aha-Effekt bei einem Zuhörer führt. Dessen Gefühl, verstanden zu haben, eine zutreffende, passende Beschreibung zu hören. Begriffe wie „Aha-Effekt“ oder das „Licht“ das einem aufgeht, was jemand meint, sind wiederum Beschreibungen vom erleben des Verständnisses. Der Punkt dabei ist nicht, genaue zu verstehen was jemand erlebt, sondern dieser emphatische Aha-Effekt ist die gelungene Kommunikation selbst, um die es eigentlich geht – und die auch im Endeffekt dafür verantwortlich ist Bestürzung, und nicht Gleichgültigkeit, zu empfinden wenn man miterleben muss wie das Kind geschlagen wird.

    Eigentlich ist also dieses Gespräch eine Übung in gelingender Kommunikation und weniger ein Austausch über unsere Innenleben.

  24. 

    „Innere Zustände in einer Gruppe im Gespräch zu beschreiben heisst für mich, möglichst weitgehend auf jede Bezugnahme auf schon entwickelte Kategorien oder Modelle zu verzichten.“ M.S.

    Das würde bedeuten, dass wir nicht in der Lage sind, über unsere kulturelle Konditionierungen hinaus zu blicken, oder? Da wir alle demselben Kulturkreis entstammen, sind wir demnach gar nicht in der Lage, eine post-kulturelle Perspektive einzunehmen.

    Wie wird sich also eine Gruppe ihrer kulturellen Prägung bewusst? Und wie kann diese überwunden werden?

  25. 

    Nein, so eng meine ich das nicht. Mir geht es in erster Linie erst um die Etablierung einer gelingenden Kommunikation. Die sollte, meiner Ansicht nach, erstmal mit dem beginnen, was jede/r mitbringt. Das hat erstmal damit zu tun sich einer individuellen Prägungen bewusst zu werden. Dann erst kämen trans- oder postkulturelle. Aber das kommt eben darauf an, wo ein Gruppe ansetzt und zu was sie sich überhaupt zusammentut. Mir geht es nicht um eine prinzipielle Ablehnung aller Kategorien oder Lehrauffassungen, sondern darum einen kreativen Ausdruck für inneres Erleben zu finden. Besonders auch deswegen weil im Bereich Meditation, Spiritualität, geistiges Wachstum, Selbstentwicklung und wie immer man das nenne will, mit sehr vielen etablierten Begriffen geredet wird bei denen häufig ohne Weiteres vorausgesetzt wird, was sie bedeuten, ohne das man prüft ob man sich wirklich versteht. Zumindest müsste eine gelingende Kommunikation heissen, daß man sich über Bedeutungen verständig. Verständigen bedeutet gelingende Kommunikation. Beispiele wären, was heisst „non-dual“ für dich/mich, oder „subtil“ etc. Also man kann ruhig von solchen Begriffen ausgehen, aber man muss sich mitteilen was sie für einen bedeuten.

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  1. Buddhismus erklärt | Eine Religion in (fast) fünf Minuten - Doku24HD - November 12, 2014

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