Archive für Experimental

Experimente

Adam S. Miller 

Die Vertrautheit der Academy-Routine bekam etwas bedrückend Kumulatives. Sämtliche Gelegenheiten, wo ich mich die unverputzten Zementstufen im Treppenhaus hochgeschleppt und mein schwaches rotes Spiegelbild im Lack der Brandschutztür gesehen hatte und dann die 56 Schritte den Korridor entlang zu unserem Zimmer gegangen war, die Tür geöffnet und leise wieder ins Schloss gedrückt hatte, um Mario nicht zu wecken. Ich durchlebte noch einmal all die Schritte all der Jahre, sämtliche Bewegungen mit allen dazugehörigen Atemzügen und Pulsschlägen. Und dann die Gesamtzahl, wie oft ich die selben Prozesse noch würde wiederholen müssen, Tag für Tag, in unterschiedlichen Beleuchtungen, bis ich meinen Abschluss machte und wegzog, und dann begann der genauso erschöpfende Prozess der Auszüge aus bzw. Rückkünfte in Wohnheime irgendeiner Tennisstarken Universität. Der vielleicht schlimmste Teil der Epiphanie betraf die unglaublichen Lebensmittelmengen, die ich im Rest meines Lebens noch verzehren würde. Mahlzeit für Mahlzeit, plus die Snacks. Tag für Tag für tag. Die Erfahrung dieses Essens in toto. Allein der Gedanke an das ganze Fleisch. Ein Megagramm? Zwei Megagramm? Ich sah deutlich das Bild eines großen, kühlen, hell erleuchteten Raumes vor mir, der vom Boden bis zur Decke mit nichts als den leicht panierten Hühnerbrüsten vollgestapelt war, die ich in den nächsten sechzig Jahren zu mir nehmen würde. Die Unmenge an Geflügel, das für den Fleischbedarf eins Lebens viviseziert wurde. Die Unmengen an Salzsäure, Bilirubin, Glukose, Glykogen und Glokonol, die von meinem Körper produziert, absorbiert und produziert würden. Dann ein weiterer, dunklerer Raum, gefüllt mit den steigenden Exkrementmassen, die ich produzieren würde, die doppelt verriegelten Stahltüren, die sich unter dem steigenden Druck immer mehr nach außen bogen … Ich tastete nach der Wand hinter mir und blieb gekrümmt stehen, bis das Schlimmste vorbei war.

– David Foster Wallace, Unendlicher Spass, S. 1287 f.

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Scheisse

Hunger

Lange

Weile

A ≠ A

M. Steingass —  21.4.12 — 21 Kommentare

Deutsch von Alex Zalla

Der Buddhismus befindet sich im Krieg. Und zwar in der Art und Weise, dass er sich verwandelt hat und völlig besetzt ist von den Gesetzen des Marktes. Eine Differenz zwischen dem Markt und der Gesellschaft existiert nicht mehr. Der Markt ist die Handlung der Gesellschaft. Der Buddhismus ist ein Teil der Gesellschaft und als solcher ebenfalls ein Teil des Marktes. Der Dalai Lama und jedes seiner Worte werden somit ebenfalls Teil des Marktes. Jedes buddhistische Wort ist eingebettet in eine Wolke von Werten des Marktes. Der Markt übersetzt weiche, soziale Werte, Normen, Ethiken und Traditionen der Gesellschaft in seine eigene harte Währung. Er bewertet Mitgefühl, bestimmt dessen Preis und macht es so zu einem Rohstoff – für besseren Wettbewerb.  Der Liebende, das Kind, der Geschäftspartner wird Objekt und damit haftbar. Mein Vertrauen ist ein Darlehn und mein Interesse bringt Ertrag. In dieser Währung verwandelt mich der Markt, nebelt mich ein und zerlegt mich in abzählbare Einzelteile. Das ist der Handel, die harte Währung von Google und Facebook. Der Markt atiomisiert. Ich bin schon längst ein atomisiertes Objekt. Das Ziel ist es mich in eine überschau- und berechenbare Größe zu verwandeln. Ich bin nur ein weiteres Element. Das Gestell. Buddhismus ist davon nicht ausgeschlossen. Wie könnte er auch? Er ist ein Teil der Gesellschaft, die Gesellschaft ist Teil des Marktes, der Buddhismus und die buddhistische Sprache sind Teil des Marktes. So wird selbst „die materielle Praxis der symbolischen Kommunikation der Menschen, welche die wichtigste Komponente des »Bewusstseins« ist“ verdorben. Wie könnte es anders sein? Es gibt keinen Ausweg. Wie auch immer, gab es jemals einen? Nein! So sieht’s aus und ich bin der Markt. Ich bin ein atomisiertes Wesen. Das heisst, Ich lebe Wirklichkeit als Einzelding – abgegrenzt, abzählbar, berechnend und berechenbar. Ein Objekt geformt vom und nichts anderes als der Markt. Ich kann nicht anders sein. Der Markt ist alles was von der Gesellschaft übrig ist. Aber woher weiß ich das? Ist das vielleicht nur eine weitere Täuschung die mir der Markt in meine letzte  intakte Vene pumpt um mich in einen narkotisierten Schlaf zu wiegen in dem ich davon träume zu verstehen? Ist meine mentale und emotionale Distanz real? Der Markt stellt diese Frage selbst und beantwortet sie, ohne Antwort, wie in Matrix und einhunderttausend anderen netten, rosa Denksportaufgaben. Er gibt die Antwort als Buddhismus – und macht die Antwort damit unmöglich. Das ist der Buddhismus im Krieg. Im Krieg gegen wen? Mich? Nein, ich bin der Markt, es gibt keinen Krieg gegen mich. Wie kann sich Krieg selbst bekämpfen? Der Buddhismus bekämpft sich selbst. Er erstickt seine Wahrheit, verkauft sich, geht auf den Strich. Geliftet, getuned und aufgepumpt. Die Dealerei mit dem „Nicht-Selbst“ und dem „Wa(h)ren-Selbst“ blüht. Anatman selbst wird zur Verlockung des buddhistischen Opportunismus‘. Ein Ausweg der geradwegs nur wieder hineinführt. Was bleibt letztlich wenn der Markt die Antwort auf die Frage „Was ist Erleuchtung?“ so beantwortet, daß sie nicht mehr zu verstehen ist, sie unsichtbar macht. Wie könnte alles was der Buddhismus sagt – samsara, karma, punabbhava, bodhi, sunyata, anatman, pratityasamutpada – irgend eine Art von Antwort sein, wenn der Buddhismus nichts anderes ist als Teil eines Marktes, der eine wirkliche Antwort verhindert? Es scheint eine Frage so alt wie die Aporie. Aber, wenn es wirklich eine Aporie ist, dann könnte das „der archimedische Punkt sein, von dem aus eine Veränderung erzwungen werden kann“.  Offensichtlich gibt es Veränderung. Platon redet gegen das Schreiben, schreibt aber den Dialog von Sokrates und Menon tatsächlich nieder. Sokrates sagt, Menon erinnere die Wahrheit. Doch in dem Beweis den er in den Sand zeichnen lässt, konstruiert er die Lösung. Aber es gibt eine Auslassung. Sie vergessen das Schreiben, die Exteriorisierung. Ist es möglich, dass der Markt eine ähnliche Auslassung macht? Wenn nichts bleibt als der Markt, so muß er sich immer noch reproduzieren. Für diese Reproduktion muss er ein Skript, eine Blaupause verwenden und er muss sich ausdrücken. Dazu benötigt er eine Sprache. Sprache ist idiomatisch. Der Markt hat so letztlich keine absolute Kontrolle über seine Reproduktion. Das ist die Sperrzone, das Herz des Marktes. Die Unschärfe der Sprache könnte seine Wirklichkeit zerschneiden. Die Sprache die zur Veränderung führt ist – Missverständnisse be-greifen, zu hören. Die Materialität des Denkens! Es ist in Stein gemeißelt, niedergeschrieben, vermerkt, notiert, kommentiert, gespeichert und abgerufen. Es ist also in der Zeit – Alterität an sich. Wir müssen darüber sprechen um es zu hören.

A ≠ A

M. Steingass —  14.4.12 — 3 Kommentare

Buddhism is at war. It is at war in as it is totally occupied and transformed by the market. As there is no longer any differentiation between the market and the society everything society does is the market. Buddhism is part of society. As such it is the market. The Dalai Lama is the market. Every word he says is the market. Every buddhist muttering is enclosed in a connotational cloud of values of the market. The marked transforms the norms, ethics, traditions, soft values of society into its own hard currency. It evaluates empathy which thus becomes a priceable commodity – for better competition. The lover, child, business partner becomes an evaluated entity which is liable. My trust is a loan which has to pay interest. My interest yields interest. That’s how the market pervades me and transforms me, atomizes me, hacks me into countable pieces. That’s what the market does in the incarnation of Google and Facebook. It atomizes. I am already an atomized entity. The market’s targeted marketing transforms me into an accountable being. I am just another item. The Gestell is me. Buddhism is not excluded from this. How could it be? It’s part of the society, the society is market, Buddhism is part of the market, every part of buddhist language is part of the market. Thus even „the material practice of symbolic communication by human beings [which] is the single most important component of the »mind«” is corrupted (q.v. here). How could it be otherwise? There is no way out. Aynway, has there ever been a way out? No! That’s it and I am the market. I am an atomized being. I am walking along the real atomized, as an entity formated by the market and not different from the market. I cannot be different. The market is what is left from society and so am I. But how can I know this? Is this just another delusion the market injects in my last intact vein to keep me quiet in a narcotized sleep morphing dreams of understanding? Is this distantiation for real? The market itself puts forward this question and answers it with The Matrix and onehundertthousand other pink think toys. In the same way it puts forward the answer in the guise of Buddhism. The market itself puts forward the answer to make the answer impossible. That is Buddhism at war! At war, against whom? Me? No, I am the market, there is no war against me. How could war fight itself? Buddhism fights itself. Suffocating its truth, selling out, walking the streets. Pimped by the market. Retailing anatman for real. Anatman as the lure of the buddhist opportunism. Another exit which leads nowhere but in again. What is left with a market-maker making the answer unrecognizable in answering the question What is Enlightenment? How could anything Buddhism says – samsara, karma, punabbhava, bodhi, sunyata, anatman, pratityasamutpada – be any answer if Buddhism as part of the market is nothing but an answer which makes itself invisible? It seems to be a question as old as The Aporia. But: If it really is an aporia, could that be „the Archimedean vantage point from which to force a change“? (q.v. p. 14 here). Obviously there is change. Platon argues against writing – but he is writing down the dialogue of Socrates with Menon. Socrates says Menon is remembering the truth of virtue. But in the proof he makes the slave drawing in the sand – constructing a geometric solution to the problem he poses. There is an omission. They ignore the writing. They forget the exteriorization. Could there be a similar omission by the market? If nothing is left but the market itself, the market still has to reproduce itself. It must use a script, a blueprint, it must express itself, it must use a language – and as language is in its character idiomatic, in the last instance it has no absolute control over it’s language of reproduction. This no-go-area is the heart of the dark star. To comprehend misunderstanding is the language of change.  The materiality of thinking! It is in-scripted, it is carved in stone, it is written down, it is noted, notated, annotated, stored and retrieved. It is thus in time – alterity itself. We have to talk to hear this.