Sitzen, Voll Scheisse

M. Steingass —  24.8.12

Adam S. Miller 

Die Vertrautheit der Academy-Routine bekam etwas bedrückend Kumulatives. Sämtliche Gelegenheiten, wo ich mich die unverputzten Zementstufen im Treppenhaus hochgeschleppt und mein schwaches rotes Spiegelbild im Lack der Brandschutztür gesehen hatte und dann die 56 Schritte den Korridor entlang zu unserem Zimmer gegangen war, die Tür geöffnet und leise wieder ins Schloss gedrückt hatte, um Mario nicht zu wecken. Ich durchlebte noch einmal all die Schritte all der Jahre, sämtliche Bewegungen mit allen dazugehörigen Atemzügen und Pulsschlägen. Und dann die Gesamtzahl, wie oft ich die selben Prozesse noch würde wiederholen müssen, Tag für Tag, in unterschiedlichen Beleuchtungen, bis ich meinen Abschluss machte und wegzog, und dann begann der genauso erschöpfende Prozess der Auszüge aus bzw. Rückkünfte in Wohnheime irgendeiner Tennisstarken Universität. Der vielleicht schlimmste Teil der Epiphanie betraf die unglaublichen Lebensmittelmengen, die ich im Rest meines Lebens noch verzehren würde. Mahlzeit für Mahlzeit, plus die Snacks. Tag für Tag für tag. Die Erfahrung dieses Essens in toto. Allein der Gedanke an das ganze Fleisch. Ein Megagramm? Zwei Megagramm? Ich sah deutlich das Bild eines großen, kühlen, hell erleuchteten Raumes vor mir, der vom Boden bis zur Decke mit nichts als den leicht panierten Hühnerbrüsten vollgestapelt war, die ich in den nächsten sechzig Jahren zu mir nehmen würde. Die Unmenge an Geflügel, das für den Fleischbedarf eins Lebens viviseziert wurde. Die Unmengen an Salzsäure, Bilirubin, Glukose, Glykogen und Glokonol, die von meinem Körper produziert, absorbiert und produziert würden. Dann ein weiterer, dunklerer Raum, gefüllt mit den steigenden Exkrementmassen, die ich produzieren würde, die doppelt verriegelten Stahltüren, die sich unter dem steigenden Druck immer mehr nach außen bogen … Ich tastete nach der Wand hinter mir und blieb gekrümmt stehen, bis das Schlimmste vorbei war.

– David Foster Wallace, Unendlicher Spass, S. 1287 f.

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Sieht man sich Buddhas erste edle Wahrheit an, könnte man meinen das Ziel der Meditation ist eine selbstverständliche aber entscheidende Erkenntnis: Es ist Scheisse.

Ich meine das wörtlich. Scheisse offenbart die grundlegende Struktur des Lebens: Leben ereignet sich in Körpern und Körper sind Organe des Passierens.

Ich bin Körper, Mund und ein Anus. Ich habe ein Gehirn, dieses Hirn hängt an einem Mund, an einem Magen und an etwa acht Metern Darm. Ich habe ein Herz um Nahrung durch den Körper zu pumpen, eine Lunge für ihre Verbrennung, ein Nervensystem um sie zu erkennen, ein Gehirn um zu überlegen wie ich sie jagen kann und Gliedmassen um sie zur Strecke zu bringen. Ich tue die Welt in meinen Mund und die Welt passiert mich.

Was ist das Offensichtlichste, das ich über das Leben sagen kann? Ich bin hungrig.

Körper sind Organe des Passierens, nicht des Festhaltens. Man  kann eine Teil dessen was man isst behalten, aber nur eine Zeitlang. Verdauung ist der Puls intrathorakaler Zeit. Das Rumpeln in deinen Eingeweiden ist manifeste Vergänglichkeit.

Das Leben ist dieses Passieren. Tod ist ohne Scheisse.

Die zweite edle Wahrheit ist, daß es Scheisse ist weil wir Hunger haben und es dieser Hunger ist, der uns am Leben erhält. Ich meine das nicht metaphorisch. Dieser Hunger ist ursprünglich und füllt alles aus. Jede einzelne Zelle ruft nach mehr.

Gut genährt ist es leicht diesen Hunger zu übersehen. Essen ist wie Sex (oder Sauerstoff): Solange man es hat, scheint es keine große Sache zu sein.

Ein Körper jedoch, der dafür gemacht ist diese Bedürfnisse zu erfüllen, hört damit nicht einfach auf wenn er voll ist und die Scheisse sich türmt. Der Körper ist zu raffiniert um sich befriedigen zu lassen, zu skeptisch für Sattheit, gegenüber dem Mangel zu argwöhnisch.

Hunger besteht aus Zeit und tritt in tausend Masken auf.

Die dritte edle Wahrheit ist, daß du die Wahrheit des Hungers durch Langeweile begreifen kannst. Langeweile erscheint wenn Mangel zeitweilig endet, der Hunger aber andauert. Langeweile ist die ruhelose Dauer des Hungers jenseits der Sattheit. Es ist die Enthüllung des Charakters des Hungers, es ist die Offenbarung, daß nichts jemals genug sein wird. Gelangweilt arbeitet das Mahlwerk weiter, ohne daß es noch etwas zu mahlen gäbe.

Langeweile ist das Versagen jedes Entwurfs, jedes Projekts und Plans und jeder Ideologie. Langeweile heisst, voll Scheisse dazusitzen,  mit dem Wurm der sich immer noch windet. Langeweile enthüllt Hunger als solchen, ohne Hoffnung, daß er jemals endet. Langeweile ist das Ende der Hoffnung.

Die vierte edle Wahrheit ist, daß du Langeweile praktizieren kannst.

Was ist das offensichtlichste, das ich über Meditation sagen kann, darüber einfach da zu sitzen und meinen Atem zu beobachten?

Es ist langweilig. Es ist zum gähnen langweilig. Es ist todlangweilig.

Stundenlang sitzen. Tagelang sitzen. Wochen- und monatelang sitzen. Langweile die Scheisse aus dir raus. Übe mit dem Hunger zu leben anstatt vor dem davon zu laufen, was dich am Leben erhält.

Unwissen fürchtet diese Langeweile (nicht ohne Grund) und meidet ihre Offenbarung.

Setz dich hin und freunde dich mit dieser Hoffnungslosigkeit an, mit diesem Ende. Lass dir von der Langeweile das Leben zeigen, deinen Körper, deinen Mund und deinen Anus, deinen Kopf und deine Hände und Füße, deine acht Meter Darm.

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Reglose Füße unter Toilettenkabinentüren haben etwas Demütiges, ja Friedfertiges. Die Defäkationshaltung ist eine Demutshaltung, geht ihm durch den Kopf. Kopf gesenkt, Ellenbogen auf den Knien, Hände zwischen den Knien gefaltet. Ein buckliger, zeitloser, unvergänglicher Archetyp des Wartens, fast religiös. Luthers Schuhe auf dem Boden neben dem Nachttopf, seelenruhig, vielleicht aus Holz, Luthers 16.-Jahrhundertschuhe, in Erwartung einer Epiphanie. Das stumme, bewegungslose Leiden ganzer Generationen von Handelsvertretern in Bahnhofsklos, Köpfe gesenkt, Hände gefaltet, polierte Schuhe reglos, in Erwartung der sauren Entleerung. Die Puschen der Hausfrauen, die staubigen Sandalen der Zenturionen, die genagelten Schuhe der Hafenarbeiter, die Pantoffeln der Päpste. Alle warten, gerade ausgerichtet, wippen ein bisschen auf und ab. Baumlange Kerle mit buschigen Brauen, in Felle gehüllt, hocken knapp außerhalb des Feuerscheins, zusammengeknüllte Blätter in der Hand, wartend.

– David Foster Wallace, Unendlicher Spass, S. 148 f.

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Adam S. Miller ist Professor für Philosophy am Collin College, McKinney, Texas. Er machte seinen M.A. und Ph.D. in Philosophy an der Villanova University, ebenso wie einen B.A. in Vergleichender Literatur an der Brigham Young University. Seine Spezialgebiete beinhalten zeitgenössische Französische Philosophy und Religionsphilosophie. Er ist Autor von Badiou, Marion, and St Paul: Immanent Grace (Continuum, 2008), Rube Goldberg Machines: Essays in Mormon Theology (Kofford, 2012), und Speculative Grace: An Experiment with Bruno Latour in Object-Oriented Theology (Fordham University Press, in Vorbereitung), er ist Editor von An Experiment on the Word (Salt Press, 2011), und ist zur Zeit Direktor des Mormon Theology Seminar. Er schreibt Beiträge für die  Blogs The Church and Postmodern Culture and Times and Seasons.

Übersetzung des Textes von Adam S. Miller aus dem Englischen von Matthias Steingass. Das englische Original findet sich hier => Sitting, Full of Shit

Painting by Louis Vuittonet, “Girl 3″

22 Antworten zu Sitzen, Voll Scheisse

  1. 

    Na, als würden Frauen nicht aufs Klo müssen… ;O)

    Ich finde Toilettenbesuche ausserhalb meiner eigenen 4 Wände nicht nur demütigend, sondern einfach nur eklig. Sprechen wir doch mal das unaussprechliche aus. Es geht um Keime, ungewaschene Klobrillen und den Duft nach frischen oder auch alten Fäkalien.
    In Ruhe auf der Brille zu sitzen und die Hände zu falten, das war vielleicht vor 50 Jahren. Heute muss alles sehr schnell gehen, die Warteschlange sitzt dir im Nacken.

    Hinzu kommt, die meisten öffentlichen WC´s haben noch nicht einmal Desinfektionszeugs an den Wänden hängen, Männer können im Stehen pinkeln, Frauen brauchen Phantasie und Kreativität. Bei einem Toilettengespräch mit einer Freundin, bekam ich zu hören, das Frauen sich: Hinknien, Hinhocken, Stehend über der Schüssel, auf der Schüssel, mit Toilettenpapier am Hintern klebend, auf den Händen sitzend usw.

    Die Liste ist lang, das Übel ist groß, Da Männer noch nie in einer Damentoilette waren (ich hoffe es für die Männer!) wissen sie nicht was dahinter passiert, Frauen die sich an den wenigen Waschgelegenheiten drängeln, automatische Wasserhähne die nur selten funktionieren, Thermotrockengeräte, die die Dezibelgrenze überschreiten. Ich hasse es. Ja ich hafte an, ich fühle tiefen erniedrigenden Hass, wenn ich muss, dann fluche ich meistens, weil ich es immer noch nicht geschafft habe so zu pinkeln, das es hübsch aussieht – für eine Frau selbstverständlich.

    Meine Tochter hat mir die Natur wieder näher gebracht, und ich gebe es zu nicht nur meine Tochter, sondern auch eine Baustelle ohne Toilette. Damals kam ich auf die Idee wieder die alte Sickergrube einzuführen. Einfach rein und fertig. Irgendwann wird das ganze Teil zugeschüttet und die Regenwürmer haben ihren Spaß. Von Erde zu Erde und gut ist.

    Nun da unser Bad seit 6 Monaten endlich fertig ist, freue ich mich darauf aufs Klo zu gehen, wir waren die ersten, es sind unsere Keime. Es lebe der Wahn der Anhaftung.

    Was ich besonders toll finde, im Thema Klo finden sich alle wieder, eine bunte Gemeinschaft, Händchen haltend, alle frohlocken.

    Egal ob Buddhist oder Christ (oder…) sie müsse alle auf die gleiche Art und weise und machen wir uns nichts vor. Der Geruch ist auch der Selbe.

    Der einzige Unterschied besteht vielleicht darin, das der Christ nicht darüber redet.

    Gut das ich eine Buddhistin bin, ich kann mir diese IGITT IGITT Freiheiten leisten.

    Es lebe die Erfindung Klo, doch mein Heim ist mein Schloss, am Besten ist es immer noch zuhause!

  2. 

    Ich gebe zu, wir Männer neigen zur Idealisierung. Selbst das Scheissen versuchen wir zur spirituellen Übung zu machen. Ich muss sagen, auf öffentlichen Klos habe ich die größten Schwierigkeiten meinen meditative Contenance aufrecht zu erhalten. Aber es stimmt, wir haben es gut. Da wir im stehen pinkeln, sind Männerklos meisten, jedenfalls was die Brille angeht, annehmbar. „Annehmbar“, der Begriff beinhaltet natürlich einen große Variabilitiät. Ich persönlich bin aber ein Memme in dieser Hinsicht, was das Klo angeht. Bei Licht betrachtet muss ich vermuten, ich bin doch noch nicht erleuchtet. Eher kacke ich nicht als daß ich mir ein verdammtes, zugeschissenes Klo zumute. Natürlich geht es hier um die Differenz zwischen pinkeln und kacken. Wir (Männer) können jederzeit irgendwo hinpinkeln. Kacken ist da schon was anderes. Mein Gott, ich wusste nicht wie spirituell diese Thema ist. Ich muss an die Szene im Ulysses denken: Leopold Bloom auf dem Klo beim Morgenschiss. (Übrigens hat er vorher gegessen. Eine – versehentlich – angebrannte Niere zum Frühstück) Er liest die Zeitung. Er sitzt, er spürt den Drang, hält es noch ein wenig zurück, liest noch ein wenig, und dann – lässt er es kommen. Literarisch überhöht natürlich. Von Joyce in die Weltliteratur überführt, mit höheren Weihen versehen… hat je ein Literaturkritker das betrachtet? Diese Szene? Leopold auf dem Klo? – Du siehst, das ist die Überhöhung. Selbst beim Thema Scheissen fällt mir ‚Literatur‘ ein. Ich habe noch einen weiten Weg vor mir.

  3. 

    Ich auch lieber Matthias, ich auch!!!
    Ich finde solche Dinge mal mit Herz und Seele aufgeschrieben so richtig erleichternd. Naja es ist auch mein Beruf(ung), etwas aufzuschreiben, was ich selbst womöglich nie aussprechen würde. Es macht bewusst, wozu man als Autor fähig ist. Mal über die eigenen Grenzen zu latschen und sich einen Misthaufen drum kümmern, ob das was man da verzapft anderen eventuell die Röte ins Gesicht ließen lässt. .
    Ich gehe gerne mal an Grenzzäunen vorbei, lucke hindurch und klau mir einen Apfel ;O)
    Das Leben ist zu kurz, um solchen Äpfeln zu wieder stehen. Eva hat es uns nachgemacht, wahrscheinlich ist die Begierde nichts anderes, als eben dieses Äpfelklauen.
    Es zu lassen, würde bedeuten man muss zuschauen wie die Würmer den heißgeliebten Apfel vernaschen, es zu tun, bedeutet mit der Sünde zu leben.

    Da lässt man es sich besser schmecken…

    Siehst du auch ich jage alten Schmöckern hinter her und produziere auch noch neue :O)
    Made like Jo

  4. 

    Ein witziger Beitrag, durchaus.

    Aber psychologisch nicht ganz stimmig. Langeweile beinhaltet einen Mangel, eine Sehnsucht. Man will etwas anderes, als das, was die Umwelt gerade bietet, sieht aber keine Möglichkeit, „dort“ hin zukommen und unter diesem Zustand leidet man. Es ist ein motivationaler Zustand, der uns antreiben soll, weil wir sonst möglicherweise einen Fitnessvorteil verpassen würden, evolutionär betrachtet. Insofern passt Langeweile nicht auf die dritte Edle Wahrheit. Diese würde vielmehr einem Zustand entsprechen, dem jegliche Motivation abginge. Hm, demnach ist Millers Text natürlich als Fundamentalkritik und nicht als Illustration zu lesen: Nirvana, vergiss es. Das gibt’s nicht, das funzt nicht.

    Nirvana als Annäherung: die vierte Edle Wahrheit als Weg, sich das Leben einfacher zu machen, indem man sich dem Diktat unserer Motativationsmachine im Hirn wenigstens partiell zu entziehen vermag, das verspricht hingegen graduell mehr Freiheit. Scheißen muss ich trotzdem, auch Atmen, das sind unsere Grundpfeiler. Aber ich brauche nicht das neueste iPhone, die Karibikkreuzfahrt und Muntermacher für die Party bis morgens früh. Also all die Dinge, die gegen Langeweile eingesetzt werden, nur um diese umso mächtiger zurückschlagen zu lassen. Man kann Buddhas Botschaft locker so lesen, dass man sich einfach weniger zum Affen machen soll. Dieses Pendel zwischen Langeweile und aufgeregter Geilheit ein wenig ruhiger schwingen lassen. Lass die andern rennen, wenn sie meinen, da gäbe es noch geilere Bananen irgendwo. Entspann dich.

  5. 

    Jo: Ja es ist erleichternd, politisch nicht korrekt und ganz und gar unbuddhistisch. Der Buddhismus passte sich schon immer an seinen Umgebung an, an die Kultur auf die er traf. Bei uns passt er sich ganz und gar der Leisetreterei an. Rechte Rede heisst dann: Nicht anecken. Keine Kontroverse erzeugen. Sagen was angeblich auch schon der Buddha gesagt hat. Ganz auf der sicheren Seite sein. Nichts riskieren. – Was dabei herauskommt sehen wir in den Esoterikbuchhandlungen und auf buddhistischen Erleuchtungslehrgängen: Blutleeres Nichts, das auch nicht im entferntesten weiss was auf der Welt vor sich geht.

    P.S. Wir sollten viel mehr einen lauten Buddhismus machen: unangepasst, frech, ironisch. Einen der sich nicht in die Ecke drängen lässt von all den Bewahrern der Wahrheit.

  6. 

    tom-ate: Ich verstehe den Beitrag als durch und durch ernst zu nehmende Praxisanleitung. Natürlich kommt es darauf an, was man unter „Langeweile“ versteht. Ob sie das Ende des Unfriedens ist, die dritte edle Wahrheit, endlich Ruhe? Wer kann das wissen? Per Definition ist Nirvana unzusammengesetzt, deshalb nicht von dieser Welt und somit gänzlich unerreichbar – nicht eben. Damit kann man sich also gar nicht abgeben. Daher der etwas pragmatischere Ansatz der all jenen entgegenkommt, die kein Dalai Lama sind, kein berühmter Zenlehrer oder die nicht den Nerv haben, sich in exotische Kostüme zu wickeln um dann so zu tun als müsse man nur lange genug stillsitzen und das denken abtöten um sich ein paar Deut gescheiter zu machen.

    Ich denken das ist eine sehr ernst gemeinte Sache – Langeweile.

    Langeweile erscheint wenn Mangel zeitweilig endet, der Hunger aber andauert.

    Warum nicht das einmal praktisch überprüfen? In einem Augenblick, in dem man sich wirklich langweilt. Dem Impuls sich die Zeit zu vertreiben nicht nachgeben. Eben nicht die Zeit vertreiben. Eine lange Weile lang aushalten, daß es eine Weile ist.

    Natürlich klingt das nicht buddhistisch, ergo nimmt es kaum jemand ernst. Wenn nicht irgend ein windiges Marketingfuzzi draufschreibt „Hier ist Buddha drin“, glaubt niemand, daß es von Wert sein könnte. Dabei ist der Buddhismus sowie so eine Erfindung. Hauptsächlich eine, die der Sehsucht nach Erlösung folgt. Erlösung von dem Übel (sprich „Leid“). Warum aber nicht die Sehsucht einfach aushalten, eine ganze lange Weile lang?

    Ist das wirklich nur ein „witziger Beitrag“. Irgendwelche Zitate aus irgendwelchen gerade entdeckten angeblichen buddhistischen Geheimpapieren, jahrhundertelang nur den Eingeweihten zugänglich gewesen, das kann man verkaufen. Das nahe liegende? Niemals!

    Ja, Langeweile hat keine Motivation mehr. Keine Motivation mehr dem Wahn unserer Kultur zu folgen. Dem Immermehr und dem Darf’s-ein-bisschen-mehr-sein-? (heute in neudenglisch: „doublesize me“ und jedes Jahr 2, 3% mehr BSP). Nicht mehr mitmachen. Was könnte sich alles ändern, wenn nur genug nicht mehr mitmachten und sich gelangweilt abwendeten!?

    Der Text ist übrigens auch ein Beispiel für die Idee mit buddhistischen Inhalten kreativ und spielerisch umzugehen. Sie zu nehmen und in neue, andere, überraschende Zusammenhänge zu stellen. Langeweile ist ein so etwas Anderes. Nicht nachgeben und womöglich meditieren. Lieber lange weilen.

  7. 

    Gut, man kann Langeweile natürlich definieren, wie man will. Nur was gewinnt man damit, einen Begriff mit neuen Inhalten zu besetzen? Ich behaupte ja nur, dass diese Neudefinition psychologisch nicht stimmig ist. Sich Langweilen ist kein Flow. Sich Langweilen bedeutet im ursprünglichen Sinne: Mangel erleben, also eben gerade nicht „Mangel, der zeitweilig endet“. Langeweile ist kein homöostatischer Zustand. Er versucht uns anzutreiben. Er sagt uns mit einer gewissen Dringlichkeit: Unternimm was, du fauler Sack! Kauf was! Lerne neue Leute kennen! Suche das Risiko! Keineswegs ist sie „das Ende der Hoffnung“, nein, sie ist der ewige Neuanfang der Hoffnung!

    Umso mehr finde ich dann „Ja, Langeweile hat keine Motivation mehr“ als falsch. Nein, Langeweile ist Motivation pur! M.E. wird der Begriff hier somit falsch verwendet. Zudem wird Hunger im Text als nicht im metaphorischen Sinn verwendet bezeichnet. Aber Hunger und Langeweile in diesem Sinn stehen in Zusammenhang wie Durst und Angst, nämlich gar nicht. Nur als Metapher für Langeweile selbst würde Hunger passen.

    Abgesehen von dieser Missverständlichkeit finde ich die Idee mit buddhistischen Inhalten „kreativ und spielerisch umzugehen“ interessant und witzig (im positiven Sinne). Es müsste auch wirklich nicht Buddha draufstehen, insofern wäre der Text auch ganz ohne Bezug zu den 4 EW lesenswert.

  8. 

    Wie wäre es mit dem Begriff Muße, jener Zwillingsschwester der Freiheit?

    Ich sehe es wie tom-ate. Das Umwerten eines Begriffs (Langeweile) ist nur ein hübsch provokanter erster Schritt. Dennoch sitzt der so singende oder schreiende Vogel noch immer im Käfig der Gegenabhängigkeit. Er sieht nicht, dass die Gattertür offen ist. Warum fliegt er nicht los?

  9. 

    Ich sehe es nicht als Umwertung eines Begriffes.

    Erstens beschreibt Adam genau was er meint, wenn er Langeweile sagt: „Langeweile erscheint wenn Mangel zeitweilig endet, der Hunger aber andauert.“ Damit ist schon mal eine Gesprächsanforderung erfüllt, daß man klar macht, was man meint. Da Adam sagt was er meint, können wir uns nun darüber unterhalten, was er meint – über den Sinn dessen was er meint, nicht über eine lexikalische Problematik.

    Zweitens scheint mir persönlich das als eine recht gute Beschreibung der Langeweile zu sein. Ich glaube nicht, daß das ein willkürliche Wahl ist, eine einfache Neubesetzung eines Begriffes.

    Drittens finde ich, daß man mit dem Wort Langeweile ein wenig spielen könnte, bevor man es als Möglichkeit eine Erfahrung zu beschreiben abschreibt. Was heisst Weile? Es steckt im verweilen. Was bedeutet es zu verweilen? Man bleibt nicht einfach wo sondern weilt. Weile heisst ruhen aber nicht schlafen, man ist nicht bewusstlos. Weile ist eine ungemessene Zeitspanne. Keine Stunde und kein Tag sondern ein ganze Weile, ein kurze Weile oder eine lange Weile. Zu weilen heist nichttätig sein (allein diese zwei Wörter!). Man arbeitet nicht. Trotzdem aber schläft man nicht. Man ruht ohne tätig zu sein ist aber trotzdem wach.

    Ich glaube, wenn man den Begriff Langeweile mal von seinem negativen Balast befreit ergibt sich da eine ganze Menge Potential. U.a. die Möglichkeit in unserer Sprache eine ganz bestimmte Erfahrung zu beschreiben, die uns ansonsten als etwas Exotisches beim Guru nebenan verkauft wird. Den Begriff positiv zu werten hat natürlich etwas Provokatives. Zumal die Langeweile immer etwas Sündhaftes hatte. Heute gilt das immer noch. Blos keine Langeweile. Ständig tätig sein. Schaffe schaffe Häusle baue.

    Ich glaube wir haben es hier mit einer wunderbaren Möglichkeit zu tun, eine bestimmte Erfahrung in ein Codewort zu packen. Wer Ohren hat, weiss Bescheid. Buddhisten mögen sich weiter auf ihrem Kissen langweilen.

  10. 

    „Mutti, mir ist langweilig!“ das ist m.E. der unverfälschte Ausdruck für diesen Begriff und das Kind appelliert an ihre Bezugsperson, etwas mit ihr zu UNTERNEHMEN.

    Aber gut, also doch eine Neudefinition der Langeweile. Sie fegt den Normalgebrauch weg, das gilt es zu beachten und Missverständnisse sind, sofern diese Neudefinition nicht zur Verfügung steht, vorprogrammiert. Natürlich kann man mit Begriffen spielen, man kann mit allem spielen. Ich denke nur, der Text könnte eine andere Wirkung entfalten, wenn statt dieses einen neu gewürfelten Begriffs ein stimmiger gewählt worden wäre. Mir scheint schon fast, Langeweile im Sinne von eine lange Weile sei von diesem Text nicht mehr wegzudenken. Dogmatismus kann rasend schnell gedeihen – dies nur als Warnung, nicht dass ich den Neubegriff hier schon als dogmatisch erlebe. Nur die Potenz dafür ist spürbar. Re hat „Muße“ vorgeschlagen. Ein Begriff, der mir in diesem Kontext auch passender schiene.

    Schöne Grüße
    Tom

  11. 

    Hui, das geht aber schnell: Schon sind wir beim Dogmatismusvorwurf.

  12. 

    Ich argumentiere kurzzeitig ebenfalls ausschließlich polemisch: Dann kann ich nur sehr unaufgeregt sagen, ja sicher, sehr netter, oberflächlich polemischer amerikanischer Scheiß.
    Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, in dem anscheinend ansonsten nichts mehr geht, mag dies kulturkritisch hochinteressant sein.

    Eine Ableitung:
    Das Gefühl von Langeweile kann über schrecklich, unerträglich bis zu als tödlich gesteigert erlebt werden. Wer bereit ist (ohne Unterbrechung, z. B. durch Ablenkung) das auszuhalten und zu beobachten, über eine ganze-lange-Weile hinweg, kann erfahren, dass es zu einem Umschlag kommt. Das zuvor als bedrohlich tödlich Erfahrene, wird zum (staunend und glückselig erlebten) offenen Raum erweiterter Denk- und Handlungsmöglichkeiten.
    Ein geistiges Abenteuer beginnt, für das jede freie Zeit, nun als sinnvoll erlebt (Muße), eingesetzt werden kann. Dies – wiederum negativ von außen bewertet – erscheint als Müßiggang, der bekanntlich aller Laster Anfang ist, zumindest im Sinn der unersättlichen Verwertungslogik des Marktes, deren Ablenkungen es nun nicht mehr bedarf.

  13. 

    Re und tom-ate:

    Ich zögere irgendwo in einen Text einen anderen Begriff einzusetzen, weil sich der Autor ja irgendwas gedacht hat beim schreiben. Allerdings handelt es sich bei dem was Adam unter dritter und vierter Wahrheit beschreibt ja um einen Prozess – eine Erfahrung – also sind Differenzierungen und Versuche der Beschreibung der Erfahrung durchaus angebracht. Im Endeffekt ist es dann (mir) durchaus egal mit welchen Worten die Erfahrung beschrieben wird, wenn wir nur dahin kommen uns über die Erfahrung zu verständigen.

    So gesehen finde ich Res „Ableitung“ gut und erhellend. Der Begriff „Umschlag“ scheint mir da sehr treffend und die Beschreibungen des Vorher und Nachher. Das nörgelnde Kind ist für das vorher ein passender Begriff – besonders dann, wenn wir feststellen, daß wir als Erwachsene immer noch häufig dieses Kind verkörpern und uns zur Kompensation vielfältigste Beschäftigungen angeboten werden (für die wir natürlich zu zahlen haben). Der Umschlag in die Muße ist dann eine Art Befreiung und wir müssen (uns) nicht mehr „die Zeit vertreiben“.

    Ich denke das ist, was Praxis anbelangt, ein sehr wichtiger Punkt.

  14. 

    @Matthias und Re: Mit diesen Deutungen und Ergänzungen gewinnt die Diskussion erfreulich Boden unter die Füße. Auf diesen „Umschlag“ wollte ich auch schon hinweisen: Ja, als „Erwachsene“ lernen wir – oder sollten wir wenigstens – die „Langeweile“ auszuhalten und dieses Aushaltenkönnen kann man dann als Gewinn, als Sieg über „primitive“ emotionale Mechanismen, als „offenen Raum erweiterter Denk- und Handlungsmöglichkeiten“ erleben. Man kann die buddhistische 4. EW als irgendeine funktionierende Praxis (Reifung) mit Ziel, genau diesen Umschlag zu erreichen, begreifen. Damit wären wir einen Schritt weiter als im ursprünglichen Text von Adam, der eine dem Buddhismus oft unterstellte negative Konnotation des „alles ist Leiden“ auch auf den Weg der „Befreiung“ vom Leiden auszudehnen scheint.

    Übrigens war das kein Dogmatismusvorwurf, sondern die leider etwas schulmeisterlich geratene Warnung davor, nicht in die Dogmatismusfalle zu tappen. Aber die kann ich mir ja auch gleich selbst aussprechen, denn zumindest eine gewisse Sturheit kann ich nicht leugnen. ;-)

  15. 

    RE, tom-ate:

    Was ist das Geheimnis das zum „Umschlag“ führt?

    Wir nehmen irgendwie einen anderen Standpunkt ein und die freie Zeit verändert sich völlig. Der Rashomoneffekt. Aber wie kommen wir da hin?

    Und wie können wir überprüfen, daß wir uns nicht schon wieder etwas vormachen oder etwas kopieren, also etwas nachmachen?

    Kann man die Qualitäten der Muße genauer beschreiben?

  16. 

    Zunächst noch etwas zum Wallace/Miller-Text: Als Text mit einer herben Poesie wirkte er beim ersten Lesen auf mich durchaus anziehend, machte mich neugierig, die ungewohnte Bilderwelt und die drastischen Vergleiche probeweise ihre Wirkung entfalten zu lassen.
    Sich so noch an der Fäkalsprache abarbeitend, erfassten mich zwei bildliche Vorstellungen eindringlich:
    Ein großer heller Raum angefüllt mit Fleisch, mein Essen. Dahinter noch ein anderer gefliester Raum, noch größer, noch bedrohlicher. Und hinter dem Schlachthaus dann in einer endlos weiten Ebene eine sich ebenso endlos erstreckende Reihe vonTieren mit angststarren Augen auf dem unausweichlichen Weg zum Bolzenschussgerät, ins Messer, Gas …
    Wir essen nicht nur aus Hunger, wir fressen aus Frust, Lust, Angst und einem fragwürdigen Genuss, aus Langeweile ebenso wie aus Stress. Tausend unnötige Gründe zu essen und zu töten, lebenslang, schier endlos – nur um dieses sinnlose Leben noch eine möglichst lange Weile in Gang zu halten.
    Und die zweite sich festsetzende Vorstellung war, dass Leben – am Beispiel der Verdauung illustriert – „Passieren“ ist, zugleich Metapher für den grundlegenden Stoffwechselprozess allen Lebens und: Es passiert, ganz unpersönlich, ohne eine Person.
    Den besten Witz des Textes etwas weiter fabuliert: Jede Machtausübung über anderes Leben endet auf und in der Kloschüssel.

    Der ebenso provozierenden wie demaskierenden Interpretation der Vier Edlen Wahrheiten gelingt zudem das Niederreißen der geheiligten Wandschirme und Draperien mühelos. So verwirrt öffnet sich vor uns die weite Ebene wieder, diesmal leer.

    Dort aber, wo der verführerisch-verstörend schöne Text endet (Das Schöne ist nur des Schrecklichen Anfang. Rilke), muss der neu gewonnene offene Raum erweiterter Denk- und Handlungsmöglichkeiten auch betreten und der Schritt ins Leere gewagt werden. Daher mein Unbehagen sich folgen- und tatenlos am Text einzukitschen.

    Vom Zen kommend, nun ein Versuch, mit Versatzstücken der nie eindeutigen Zen-Sprache meinen Erfahrungen, die Fragen von Matthias betreffend, einen hoffentlich verständlichen, anschlussfähigen Ausdruck zu geben. Das meint keine neuen/alten geheiligten Wahrheiten, über die sich wieder mit Totschlagargumenten bis zum bitteren Ende streiten lässt, sondern nur Momentaufnahmen unbewiesenen Erfahrungswissens als Gesprächsangebot:

    Als ich oben den Begriff Umschlag verwendete, war dies für mich nicht mehr als ein Verlegenheitswort. Sicher, da sind andere Bewusstseinszustände, gibt es vorher und nachher. Aber ich selbst nehme den Moment eines irgendwie Umschlagens nicht direkt wahr. Möglicherweise ist das nur bei mir so. Jetzt ist vorher und jetzt ist nachher, dazwischen ist nichts noch anderes Beobachtbares.

    Ebenso gibt es ein Geheimnis, das zugleich kein Geheimnis ist, wenn auch aus Macht- und Kontrollgründen gern eines daraus gemacht wird.
    Was es gibt, das sind profan-profunde Techniken, die eingeübt werden wie Schlittschuhlaufen, Schachspielen oder Autofahren. Aus allem kann man einen machtaffinen Mythos stricken oder ein verkaufbares Produkt kreieren.
    Der Sport- und der Schachklub, selbst die Fahrschule werden dann zu heiligen Hallen, die Lebenssinn generieren, für den Meister wie den Adepten. Nur, bei den eher pragmatisch auf schnelle Verwertung angelegten weltlichen Schulen ist Expertenwissen einfach kaufbar bzw. trainierbar. In Religionsgemeinschaften (auch den säkularen) gilt die Offenlegung diverser Übungsanleitungen und Einsichten bereits als Verrat jahrtausendealter heiliger Geheimnisse, die nur von Herz zu Herz von Auserwählten an (von diesen) wiederum Auserwählte weitergegeben werden dürfen. (Das wäre auch eine Lösung für das Autoproblem auf den Straßen.)

    Warum ist das so? Möglicherweise, weil ich mich entscheiden kann, ob ich Autofahren oder Schachspielen lernen will. Die Frage nach Leben und Tod ist –wie die Tatsache des persönlichen Todes auch – ohne Wahl, weil un-ausweichlich und end-gültig.
    Und sie ist mit Angst besetzt, je nach Situation auch mit offener oder verdeckter – als unerträglich erlebter Todesangst.
    Da kann man schon verführt werden, Zuflucht zu nehmen, Gehorsam und Nachfolge zu geloben, andere vorangehen und die Lampe halten zu lassen. Wer hat den Mumm, sich allein und freiwillig (sei es nur virtuell) der Dunkelheit des Nichts und der eigenen Auflösung ungeschützt zu übereignen, solange man meint, es auf später verschieben zu können? Dann aber, wenn es nicht mehr verschiebbar ist, ist es zu spät.

    Zur nächsten Frage von Matthias: Wie kommt man dahin und woher weiß man, dass man sich nichts vormacht, d. h. nicht mehr epigonal, selbst- und nicht mehr fremdbestimmt ist?
    Jeder stirbt für sich allein. Die Angst davor ist unverfälscht, ganz und gar persönlich und doch allen fühlenden und reflektierenden Wesen gemeinsam. (Auch den Tieren in der Warteschlange.)
    F. G. Lorca schrieb sinngemäß: Der Duende erscheint nur, wenn die Möglichkeit des Todes gegeben ist. Das ist auch eine Metapher für: Kunst ist nur, wo die Bereitschaft gegeben ist, das eigene Leben (im direkten und im übertragenen Sinn) und zuerst auch jegliche Sicherheit zu riskieren. Im Zen sagt man auch: Lass los! Geh weiter! Was für den Kunstprozess gilt, hat für den Lebensvollzug umso mehr Geltung.

    Es gibt verschiedene Möglichkeiten, das erste torlose Tor zu durchschreiten. Ich schreibe hier nur über diese eine, meine und somit über authentische Erfahrungen:

    Viele Menschen hatten Schlüsselerlebnisse in Todesnähe. Das Kind, das in der Nacht leise ins Kopfkissen weint, weil der geliebte Großvater plötzlich nicht mehr da ist. Es wagt nicht, die trauernden Eltern danach zu fragen. Doch ahnt es schon, dass dies auch einmal den Eltern und ihm selbst geschehen wird. Noch bedrohlicher wirkt es, wenn z. B. ein Geschwisterteil zu Tode gekommen ist. Wird es, fragt sich das Kind, nun selbst auch bald sterben? Und was/wie ist das, nicht mehr zu sein? Der Verstand, mit der Frage überfordert, dreht durch und signalisiert bodenlose Angst. Das Kind muss, um emotional überleben zu können, Schutzstrategien (Abwehrmechanismen wie Abspalten, Verdrängen, Einschlafen) allein aus sich heraus kreieren. Dies lernt es einmal fürs ganze Leben. Bei späteren existenziellen Bedrohungen wird es darauf zurückgreifen. Wenn jedoch ein subjektiv nicht mehr integrierbares Unglück geschieht, kann dies dazu führen, dass mit dem Zusammenbruch der nun unwirksamen Abwehrmaßnahmen auch zumindest temporär Hirnfunktionen ausfallen. Guido Keller benannte an früherer Stelle (siehe Kommentar „Meditation und Kontrolle“) die gleiche Wirkung für den Ausfall von Gehirnarealen.

    Ein weiteres Beispiel: Suzan Segal beschreibt in ihrer Biografie „Kollision mit der Unendlichkeit“ die Folgen des Verlustes der Ich-Wahrnehmung, wahrscheinlich als Ausfall einer Hirnfunktion oder auch eines Hirnareals. (Sie starb an einem Hirntumor.) Den dauerhaften Verlust des Gefühls, eine Person zu sein, erlebte sie als veränderten Bewusstseinszustand mit anhaltender schwerer Angst. Nach zwölf Jahren, in denen sie vergeblich nach einer psychopathologischen Ursache und nach professioneller Hilfe gesucht hatte, waren es buddhistische und hinduistische Meister, die ihr eine spirituelle Erfahrung, die Realisierung der wahren Natur des Geistes, bestätigten. Die anhaltende Todesangst wurde ihr erklärt, sei bei einem solchen unvermittelten Sturz in die Leere des persönlichen Selbst eine normale Reaktion des Verstandes. Da sie allein ohne Aufklärung durch einen selbst „Realisierten“ aus dem Teufelskreis der Angst nicht herausfinden konnte, blieb sie dem, was manchmal auch als „Zen-Krankheit“ bezeichnet, verhaftet. Doch, so wurde ihr versichert, mit dem zunehmenden Verständnis des Prozesses ihrer „spirituellen Transformation“ würde die Angst vergehen und tiefe Freude würde sie erfassen, der Verlust ihres begrenzten Ich-Gefühls aber würde durch das Empfinden unendlicher Weite ersetzt werden.

    In diesem Zusammenhang ist es noch wichtig, da stimme ich Guido Keller wiederum zu, dass ein solches Erleben im Gehirn abgespeichert wird. Damit ist es möglich, sich ihm immer wieder anzunähern, vor allem in der Versenkungsübung. Da ist ein untrügliches Gefühl, das einem signalisiert, wieder auf der richtigen Spur zu sein. Es ist wie der leise Klang einer fernen Glocke, vom Wind herübergeweht, kaum wahrnehmbar und doch eine emotionale Silberschnur: Muße, Wohlbefinden. Dies ist meine Antwort auf die letzte Frage von Matthias nach den Qualitäten von Muße. Sie ist also ein fernes Echo auf ein früher erlebtes Glücksgefühl im „Nachher“.
    Impulse wie das Gefühl der Langeweile, der Drang wegzulaufen oder einzuschlafen werden nun als früh gelernte Abwehrstrategien verstanden, die immer wieder neu durchlaufen werden müssen, bis sie kaum noch stören und die Muße beginnt, als eine Art richtungsweisender Anker zu wirken.

    Sie ist nicht mehr oder weniger als eine Art meditativer Eingangszustand. Der „Umschlag“ erfolgt bei regelmäßigem Training nahezu unbemerkt nach einer kurzen Konzentrationsübung (z. B. auf die Atmung). Manche erkennen den „Durchgang“ auch an einer veränderten Wahrnehmung der Umgebung, da akustische und optische Signale anders verarbeitet werden. Das Wohlgefühl bewirkt zudem ein Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit, weitgehend unabhängig von äußeren Faktoren. Manchmal wird es auch als ein innerer Raum von Stille erlebt. Gläubige suchen und finden ihn in der Andacht und im Gebet, Artisten dagegen auf dem Hochseil.
    Alle in kreativen Berufen Arbeitenden (also darauf Trainierten) kennen diesen „Flow“, wie von to-mate oben schon benannt.

    Welche Methode sich für mich auch jeweils als praktikabel erweist, Nüchternheit und Klarheit sind dabei unerlässlich, jedoch braucht es keine Transzendenz und nichts Heiliges. Diese, so meine Erfahrung, sind auch nur Schutzwälle, also Abwehrstrategien.

    Eine kleine, sicher bekannte Übung zur Demonstration: Bei geschlossenen Augen wird ein irgendwie gearteter (auch diffuser) Raum „vor“ die Augen projiziert. Das Ich-Gefühl wird an der Position verankert, wo der Hinterkopf angenommen wird. Nun lässt man alles in dem Raum aufsteigen, was aus dem Unbewussten (an Gedanken, Gefühlen usw.) hervordrängt. Wenn es – mittels der Verankerung im Hinterkopf – gelingt, eine bloße Beobachterposition zu erhalten und keinen Impuls durch den willentlichen oder unwillkürlichen Zugriff des Bewusstseins mit zusätzlicher Energie anzureichern, versinkt/verschwindet alles auch wieder. In den größer werden Lücken zwischen den Impulsen scheint die Leere hindurch. Wird diese zunehmend im Bewusstsein zugelassen und dabei lediglich weiter beobachtet, entsteht schon bald ebenfalls jenes (richtungsweisende) Wohlgefühl. Tritt Angst dabei auf, kann diese wie ein beliebiges Gefühl behandelt werden. Es kann auch mit äußeren Impulsen wie dem Geräusch vorbeifahrender Autos geübt werden, wobei es auf die Lücken der Stille dazwischen ankommt.
    Diese Übung ist besonders vor dem Einschlafen und beim Aufwachen wirkungsvoll. Regelmäßig angewendet verbessert sie die psychische Stabilität und innerliche Ruhe, bewirkt bereits dadurch eine Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten im Krisenfall. Sie kann dann, gut eingeübt, Panikreaktionen verhindern und klares Denken bewahren helfen.

    Dieses Muße-Flow-Wonnegefühl, vorhin als richtungsweisender Anker beschrieben, ist dabei nicht mehr als ein Sprungbrett für die Expeditionen in die unendlichen Weiten der Leere, die vielleicht nur der leere Projektionsraum oder Metzingers Ego-Tunnel sind.

    Und: Keine Langeweile mehr, nirgends, vor allem kein Bedarf mehr an Abhängigkeiten von weltlichen oder überweltlichen Schutzgöttern.

  17. 

    Liebe/r Re

    Vielen Dank für deinen ausführlichen Text.

    Ich habe lange überlegt wie ich das „passing“ des englischen Originals übersetzen soll. „Passieren“ als Homonym für das Vorübergehen aber auch das Geschehen war dann doch die Wahl die mir richtig schien, obwohl es etwas merkwürdig klingt.

    Der Text thematisiert auch die Maßlosigkeit unserer Lebens auf diesem Planeten. Ich glaube nicht das ein solcher Text „folgen- oder tatenlos“ bleibt. Die Reaktionen zeigen es. Hier wie => dort. Er zeigt aber auch, daß die Diskussion auch ins stocken gerät wenn man nicht die bekannten buddhistischen Worthülsen benutzt. Tatenlos bleibt aber gerade ein solches Experiment bestimmt nicht.

    Es ist ja schon selbst ein Tat. Man kann diese vier Wahrheiten einfach wiederkäuen – das ist doch das was wir so häufig sehen im Buddhismus – sie aber in einen anderen und vor allem zeitgemäßen Zusammenhang zu überführen erfordert ganz praktische und kreative Denkarbeit. Nur so entsteht überhaupt etwas Neues. Das Experiment ist es was zählt – und die Funken die es schlägt.

    Zum Thema Praxis. Mir gefällt, daß du das alles am Schluss in den möglichen Kontext von Metzingers Ego-Tunnel stellst. Es gibt ein Für-und-Wider in Bezug auf seine Theorie. Eines aber ist sicher, es ist allemal besser eine gut begründete Theorie über das Bewusstsein und seine Phänomene zu haben als einfach nur zu sitzen und zu schweigen oder kritiklos Zeug nachzuplappern, das tradiert aber nicht hinterfragt wird. Ein wissenschaftlicher Zugang, der gleichzeitig die Hybris der modernen Wissenschaft meidet, wie sie z.B. in den Neuropäpsten ihren Ausdruck findet, die meinen mit ein paar bunten Computerausdrucken aus dem Tomografen in der Hand zu allem was sagen zu müßen, hilft einiges zu klären. Ob die dabei eintretende Ernüchterung vom Probanden ausgehalten wird, mag ein Zeichen für seinen Reifegrad sein – in diesem Sinne gibt es auch eine Hierarchie. Es ist Anfängerhaft an einen alles erlösenden Buddhismus zu glauben. Interessant wird es erst wenn er in wirklichen Kontakt mit der Neuzeit gerät.

    In diesem Sinne beurteile ich ein paar Punkte skeptisch. „Schlüsselerlebnisse in Todesnähe“ z.B. So weit ich weiss erlebt nur ein bestimmter Prozentsatz derjenigen die eine Nahtoderfahrung machen eines dieser Erlebnisse über die so viel geredet wird. Hier steht eine der skeptischen Fragen an, was uns diese Erlebnisse überhaupt in puncto Praxis zu sagen haben? Du bringst das ja im Zusammenhang mit dem torlosen Tor. Was aber soll das sein. Es ist eine dieser merkwürdigen Metaphern…. Ich bin mir nicht sicher was deine beiden Beispiele damit zu tun haben?

    Hat das überhaupt etwas mit meditativer Praxis zu tun? Suzan Segal z.B.: Es gibt Beispiel aus der Literatur zum Thema Gedächtnis, Icherleben etc. die zeigen, daß Verletzungen bestimmter Gehirnareale dazu führen können, sich nicht mehr als Ich zu erleben. Erinnerungen können dann als Erinnerungen von jemand anderem empfunden werden. Ich glaube nicht das das mit Ichlosigkeit im buddhistischen Sinne zu tun hat. Daß „buddhistische und hinduistische Meister“ dazu meinen etwas sagen zu können und daß es dann gleich wieder „Meister“ sein müßen, zeigt mir eher wie tief der Glaube sitzt, diese Meister hätten zu allem und jeden etwas zu sagen. Wenn sie Trost spenden, ok, daß sie wissen was ein Gehirntumor anrichtet, wage ich zu bezweifeln (wenn sie nicht gerade gleichzeitig Neurologen sind).

    Ich kann mehr damit anfangen, wenn du über eine veränderte Wahrnehmung sprichst. Also ein Merkmal dafür, daß man sich verändert. Oder das „Wohlgefühl“ als Zeichen für etwas. Als innere Stille. In Bezug auf solche Punkte wäre es interessant ein Gespräch zu beginnen. Darüber wer was wie erlebt. Dafür einen direkten Ausdruck finden. Das bedeutet allerdings kreativ zu werden – mit dem Risiko nicht mehr (sofort) verstanden zu werden.

    Was also heisst das „torlose Tor“ wenn wir es neu beschreiben und die lähmenden Metaphern zurücklassen?

    Was mache wir eigentlich mit der Muße? Nicht im Sinne wie kann man das jetzt wieder gewinnbringend anlegen, sondern in Bezug auf Moral, in Bezug auf den Mitmenschen?

    Was passiert wenn wir uns auf einen Umschlag zu bewegen einen Durchgang finden, uns überhaupt dafür Zeit nehmen bzw. uns Zeit dafür geben? Wie verändert sich z.B. die Qualität unserer Zeit?

    Ich stelle das einfach in den Raum. Es gäbe noch wesentlich mehr Punkte. Vielen Dank jedenfalls für deine Bemühung deine Erfahrung zu beschreiben. Ich glaube in Bezug auf meditative Praxis ist das einer der wichtigsten Punkte: darüber zu reden und Ausdruck jenseits der tradierten Metaphern zu finden – auch einen Ausdruck jenseits der autoritären Machtstrukturen zu finden, mit denen im Deutschen Buddhismus viel zu viel Kreativität unterdrückt wird.

  18. 

    Wo hier geht es ja richtig rund… bei dem Thema. Lieber Matthias . JA laut, unangepasst, mal so richtig direkt sagen was einem auf der Seele hockt.
    Ich hatte schon immer das große Problem all das was heilig ist, ernst zu nehmen, denn die Ruhe die ist nicht echt, sogar die heiligen sind nicht echt. Das einzige echte, war/ist die Kulisse…

    Ich finde es schade, das man auch (oder gerade) im Buddhismus den Heiligenschein wahrt und vor lauter knien und niederfallen das Gegenüber – den Menschen in Kutte – dabei vollkommen übersieht…
    Mir fehlt es an Wahrhaftigkeit, dem Menschen der einfach mal sagt: Scheiß drauf, lass uns einfach das Leben genießen.

    Im Buddhismus ist auch das ein Anhaften zuviel….

    Grüße von Jo

  19. 

    Lass es uns doch einfach den Scheissscheinheiligenschein des Buddhismus nennen. Ich habe nirgendwo solche Heuchler kennen gelernt wie im Buddhismus.

  20. 

    Lieber Matthias, liebe Jo,
    ich kenne keine Ideologie, ob religiös motiviert oder säkular, die ihre ganz irdischen Machtansprüche ohne Scheißheiligenscheine und ohne professionelle Heuchler durchsetzt und erhält. Deshalb ist der frühere Beitrag von Matthias über Ideologie (nach Pepper/Althusser/Marx) so treffend und erhellend. Dabei kann nicht oft genug betont werden, dass die eigene materielle Praxis das Kriterium der Wahrheit – und somit möglicher Selbstbefreiung – für einen in einer X-beliebigen Ideologie be- und gefangenes Menschen ist.
    Wenn jedoch die geheiligten Ideologien nicht mehr greifen oder angegriffen werden, werden nur allzu oft, wie wir es eben wieder erleben, verdeckte Gewaltordnungen sichtbar.

  21. 

    Lieber Matthias,
    nun mein Versuch, deine Rückfragen (vom 11.09.) zu meinem Kommentar (vom 07.09.) zu beantworten. Dies schließt insofern auch an meinen letzten Kommentar über Heiligenscheine und Heuchler an, da es hierbei, wie dort gefordert, unmittelbar um buddhistische (Versenkungs-)Praxis als einem Kriterium der (eigenen) Wahrheit geht.
    Zunächst zu deiner Frage über meine Verwendung der Formulierung vom ersten torloses Tor. Möglicherweise wäre es verständlicher gewesen, hätte ich es in Anführungszeichen gesetzt, um so den ironischen Grundton zu markieren.

    Einmal ist da die sehr frühe Lehre der „drei Tore zur Befreiung“ (Leerheit, Bezeichnungslosigkeit, Ziellosigkeit) drin. Und ich wollte damit nur andeuten, dass es mir bei dem beschriebenen „Umschlag“ von Langeweile in Muße nicht um Spekulationen über eine als irgendwie als vollständig gedachte Verwirklichung/Erleuchtung ging, sondern um die Beschreibung eines meditativen Eingangszustandes, der mit der Erfahrung von Bewusstseinsleere verbunden ist. Die Kategorie Leerheit steht insofern in Beziehung dazu, als sie eine theoretische Reflexion und Abstraktion über eine reale Erfahrung darstellt.
    Die begriffliche Kopplung mit der Zen-Metapher vom torlosen Tor (Mumonkan, eine Kōan-Sammlung) war dabei noch etwas spitzbübischer. Da schwingt diese Doppelbedeutung der Torlosigkeit als wiederum sowohl realer Erfahrung und theoretischer Ableitung mit: Es gibt beim besten Willen keinen willentlichen Zugang zu den gewünschten veränderten Bewusstseinszuständen, sie „passieren“, um deinen schönen Übersetzungsterminus noch einmal aufzugreifen. Da ist die Welt mit Brettern vernagelt, vermauert oder verhüllt. Gleichzeitig, so wird paradox geschlussfolgert, könne es zu dem „Einen“ (das kann auch eine implizite Ordnung sein) keinen Zugang geben, denn es gibt logisch betrachtet kein Außen, von dem ein Zutritt möglich wäre. Zen selbst wird manchmal als der weglose Weg, das torlose Tor bezeichnet. Ebenso spricht man von zahllosen Toren usw.
    Ich wollte mich nicht an diesen Sprachspielen der alten und neuen Patriarchen beteiligen. Dort wird es manchmal wirklich finster, wenn das „Passieren“ des großen Tores, und der Schranke, die die Patriarchen angeblich errichtet haben usw. als hehrer Wert und Schreckgespenst vor willigen Adepten errichtet werden. Lucius benannte es nach Sawaki in einem Kommentar (zu „Wer tut es?“) als die größte Lüge des Zen. (Allerdings gibt es dabei auch eine helle Seite, die tradierte und funktionierende Kōan-Übung.)
    Für mich war es eher eine Art Seitenhieb und eine Markierung, wo die Beschreibungsversuche eigener Erfahrungen mit der Zen-Semantik korrelieren. Mir ging und geht es um Erfahrungen, nicht um Kategoriensysteme.

    Deshalb werde ich zum besseren Verständnis noch einen anderen gedanklichen Zugang versuchen, der, wie von dir präferiert, eher in Richtung Metzinger geht.
    Peter A. Levine, Biophysiker und Psychologe, entwickelte eine Methode des Körpergewahrseins zur Traumaauflösung. In seiner lebenslangen Arbeit mit traumatisierten Klienten sammelte er Erfahrungswissen über körpereigene Mechanismen, die beim Menschen wie beim Tier zur Überwindung traumatischer Erfahrungen automatisch ablaufen (passieren) können. Allerdings können sie ebenso, besonders beim menschlichen Tier, blockiert sein. Dann entsteht eine sich chronifizierende posttraumatische Belastungsstörung, und das Trauma schreibt sich mit wechselnden Krankheitssymptomen in den Körper ein. Oft sind auch die Balance der Hirnsteuerung und die Stoffwechselregulation gestört. Deshalb, so Levine, versagt Gesprächstherapie bei Traumatisierungen weitgehend und es erfordert sogenannte Körperarbeit. Auch, wenn die das Trauma auslösende Gefahrensituation längst vorbei ist, können die Reaktionsschleifen von Überlebensreflexen weiter ablaufen, was dann mit anhaltenden schweren Angstzuständen verbunden sein kann.

    Levine, und hier ist der Zusammenhang mit Meditation zu sehen, hat außerdem wie andere auch, beobachten können, dass unwillkürliche Körperreaktionen bei der Auflösung (Transformation) eines Traumas denen ähneln, die z. B. beim sogenannten Erwachen der Kundalini (im ersten, dem Überlebens-Chakra) entstehen. Das heißt, werden die Überlebensenergien, die im Trauma im Körper „eingefroren“ oder auch „erstarrt“ sind, schlagartig freigesetzt, entstehen ekstatische Zustände ebenso wie tiefe Einheitserfahrungen, die gegebenenfalls als transzendental/religiös erlebt bzw. dann auch mystifiziert (verzaubert) tradiert werden.

    In seinem Buch „Sprache ohne Worte“ hat Levine ein sehr entzauberndes Kapitel unter dem Titel „Trauma und Spiritualität“ dazu geschrieben. Als ich in meinem ursprünglichen Kommentar den Zugang (das Umschlagen) vermittels eines Traumas zu beschreiben versucht habe, kannte ich das Buch noch nicht. Levine hat, deshalb das nachfolgende Zitat, eine gut verständliche Darstellung der ihm bekannten Zugangsmöglichkeiten gegeben. Wohl nicht zufällig bedient auch er sich der Pfad/Tor-Metapher:

    „Sowohl in der buddhistischen als auch in der taoistischen Tradition heißt es, dass vier Pfade zum spirituellen Erwachen führen. Der erste ist der Tod. Ein zweiter Weg zur Befreiung von unnötigem menschlichen Leid kann das jahrelange ernsthafte Praktizieren von Meditation sein. Das dritte Tor zur Befreiung öffnet sich durch bestimmte Formen von (tantrischer) sexueller Ekstase. Und die vierte Tür, heißt es in diesen Traditionen, ist das Trauma. Tod, Meditation, Sexualität und Trauma als Tore zum Erwachen haben etwas gemeinsam. Sie alle sind potenzielle Katalysatoren für tiefe Hingabe.“
    (Levine (2012): Sprache ohne Worte. München: Kösel, S. 423.)

    Als ich von „Erfahrungen in Todesnähe“ schrieb, meinte ich damit nicht zuerst Nahtoderfahrungen sondern traumatische Erfahrungen, die mit Todesangst verbunden sind und emotional als in Todesnähe erlebt werden können. Nahtoderfahrungen als Auslöser für ein Nicht-Selbst-Erleben tendieren, z. B. beim zeitweisen Zusammenbrechen lebenswichtiger Funktionen durch Organschäden wohl eher in Richtung des „ersten Pfades/Tores“ nach Levine. Allerdings haben sie mit Trauma-Ereignissen das häufige Auftreten außerkörperlicher Erfahrungen gemeinsam. (Auch Metzinger mit seiner langjährigen Meditationserfahrung schrieb im Ego-Tunnel über außerkörperliche Zustände.)

    Levine zitiert außerdem aus einem Artikel von Roland Fischer aus der Zeitschrift „Science“ wonach „spirituelle Erfahrungen nahtlos mit unseren primitivsten animalischen Instinkten verbunden sind.“ (Levine, S. 419) Dazu gehören auch angeborene Selbstregulationen und Selbstheilungsprozesse, wie sie analog bei Tieren zu beobachten sind.

    „Darüber hinaus scheinen genau die Gehirnstrukturen, die zentral für die Auflösung eines Traumas sind, auch für zahlreiche verschiedene „mystische“ und „spirituelle“ Erfahrungen zuständig zu sein.“ (Levine, S.420)

    Wenn also die Funktionsweisen schamanistischer/religiöser Praxen ernsthaft entzaubert werden sollen, dann scheinen mir Beschreibungs- und Erklärungsversuche in dieser Richtung lohnend zu sein.

    Vielleicht ist nun auch der Zusammenhang mit der von mir als Beispiel angeführten Suzanne Segal bereits deutlich. Wie andere junge Mittelstandsamerikaner ihrer Zeit praktizierte sie viele Jahre exessiv Transzendentale Meditation (bei Maharishi) und machte bereits sehr früh diverse Leere-Erfahrungen, verbunden mit „Glückseligkeit“-Erleben. Nur ein Zitat, das Thema des Beitrags betreffend:
    „Dieser Kurs war mein Eintritt in die Welt des Mysteriösen, weg von der Langeweile eines Heranwachsenden in die offenen Arme der Glückseligkeit.“
    (Suzanne Segal (2010): Kollision mit der Unendlichkeit. Reinbek: Rowolt, S. 29)

    Aber erst Jahre später sollte der entscheidende Durchbruch ohne erkennbaren äußeren Anlass „passieren“. Lange nachdem sie zu meditieren aufgehört hatte, da sich das Versprechen ihres Gurus – innerhalb von 8 Jahren Erleuchtung zu erlangen – nicht erfüllt hatte, stand sie schwanger an einer Pariser Bushaltestelle, und von einem Augenblick zum nächsten hörte sie auf, ein persönliches Selbst wahrzunehmen. (Dabei gab es eine Übergangszeit mit einem außerhalb ihres Körpers angesiedelten Beobachters.)
    Da sie annahm, verrückt zu werden, suchte sie das nächste Jahrzehnt ohne Erfolg Hilfe und Erklärung bei Psychotherapeuten. Sie studierte selbst Psychologie und promovierte, ergebnislos. Erst als sie begann, buddhistische Literatur zu lesen, verstand sie, dass die Lehre des Nicht-Selbst eine Beschreibung ihrer Erfahrung war. Daraufhin kontaktierte sie spirituelle Lehrer wie Jean Klein, Christopher Titmuss, Jack Kornfield, Andrew Cohen, Richard McGuire, um nur einige zu nennen, die sie bestätigten.

  22. 

    Hallo Re

    Ich habe gerade eine ausführliche Antwort aus versehen gelöscht, also muß es jetzt eine kurze tun.

    Ich muß sagen, deine Beschreibung eines „Leerheitserfahrung“ krankt meiner Ansicht nach genau an der Problematik die es zu vermeiden gilt. Es ist ein weitgehende Mystifizierung eines recht normalen Geschehens. Weder ausserkörperliche Erfahrung noch Kundalini sind heute noch adequate Beschreibungen von Erfahrungen. Segals Erfahrungen als „authentische Realisierung“ hinzustellen (siehe hier) ist problematisch. Levins Auflösung „blockierter“, „eingefrorener Energien“ sind typische New-Age-Formulierungen, die uns keinen Schritt weiter bringen (vgl. hier).

    Das Zitat von Levine ist in der Hinsicht sehr aufschlussreich.

    „Sowohl in der buddhistischen als auch in der taoistischen Tradition heißt es, dass vier Pfade zum spirituellen Erwachen führen. Der erste ist der Tod. Ein zweiter Weg zur Befreiung von unnötigem menschlichen Leid kann das jahrelange ernsthafte Praktizieren von Meditation sein. Das dritte Tor zur Befreiung öffnet sich durch bestimmte Formen von (tantrischer) sexueller Ekstase. Und die vierte Tür, heißt es in diesen Traditionen, ist das Trauma. Tod, Meditation, Sexualität und Trauma als Tore zum Erwachen haben etwas gemeinsam. Sie alle sind potenzielle Katalysatoren für tiefe Hingabe.“
    (Levine (2012): Sprache ohne Worte. München: Kösel, S. 423.)

    Allein schon von einer „buddhistischen Tradition“ im Singular zu reden ist falsch. Was aber heisst dann „spirituelles Erwachen“? Was heisst „ernsthaftes praktizieren von Meditation“? Was für eine „Meditation“ ist gemeint? was heisst „Befreiung“? Und zuletzt, was ist „tiefe Hingabe“?

    Tut mir leid das so entschieden sagen zu müßen, aber in meinen Ohren ist das genaue der esoterische Mumpitz, der dazu führt, daß sich viele Menschen von ein paar wenigen dazu verführen lassen jahrelang sinnlose Übungen zu machen (oder noch viel schlimmer ausbeuten lassen). Diejenigen nämlich, die eloquent genug sind und selbstbewusst genug im Auftreten können diesem Begrifflichkeiten unglaublich Eindruck bei denen schinden, die oftmals aus tiefen existentiellen Nöten heraus Hilfe suchen. Und genau weil diese unscharfen oder völlig sinnfreien Begriffe den Missbrauch so leicht machen, muss man sie abschaffen!

    Was ist eine Leerheitserfahrung? Zunächst mal anscheinend eine Erfahrung über die man sich nicht so leicht einige werden kann wie über eine Tasse Kaffee, da sie, vorausgesetzt es gibt sie, eine innere persönliche Erfahrung ist. Woher wollen wir also überhaupt wissen, daß wir über das Selbe sprechen… oder das Gleiche? Und wieso soll diese Erfahrung dann automatisch zu etwas Gutem führen?