Wiederkehr – My Reincarnation. Filmkritik

M. Steingass —  1.2.12

Ein Film von Jennifer Fox über Yeshi Silvano Namkhai, den Sohn Namkhai Norbus, und seinen Weg vom skeptischen jungen Italiener zum Dzogchen-Meister. Kinostart 2.2.12.

Als Twen hat der junge Silvano im Italien der 1990er Jahre alles andere im Kopf als sein Erbe zu akzeptieren – die spirituelle Tradition seines Vaters. Namkhai Norbu ist der Mann, der Dzogchen nach Europa brachte und der sich weigerte diese tibetische Philosophie geheim zu halten wie das von den konservativen Altmeistern aus Tibet gefordert wurde. Damit hat er einen wichtigen Beitrag zum Verständnis dieser Tradition geleistet.

Der Film „Wiederkehr“ erzählt eine Geschichte von Vater und Sohn, von modernem Europa und mittelalterlichem Tibet, von postmodernen erfolgshungrigen Menschen und heilsgläubigen Buddhismusjüngern. Er erzählt die Geschichte wie der junge Mann Yeshi Silvano Namkhai zunächst seine Rolle als Inkarnation eines tibetischen Lehrmeisters ablehnt, über viele Jahre hinweg mit seinem Schicksal hadert und sich schließlich der Tradition fügt. Silvano wird zu einem Dzogchenlehrer der wie viele andere auch um die Welt jettet und Dharmalehren verbreitet. Auch er ist nun einer dieser berühmten erleuchteten tibetischen Meister, die wirklich wissen worum es geht. Zumindest teilweise will der Film dieses Happyend vermitteln: Silvano ist nun Jamyang Chökyi Nyima, die personelle Wiedergeburt von Khyentse Chökyi Wangchug, dem Onkel und Lehrer seines Vaters. Auch das ist eine tibetische Tradition (besonders in der der Nyngmas), daß der junge Aspirant die Wiedergeburt des Lehrers seines Lehrers ist und somit eine durchgehende, dichte Kette der Übertragung und Verpflichtung gebildet wird in der Familienbande eine wichtige Rolle spielen.

Der Film zeigt, als guter, sachlicher Dokumentarfilm, aber auch eine andere Seite dieser Geschichte. Dabei ist sehr verdienstvoll, daß Jennifer Fox auf die üblichen Stereotypen verzichtet die heutzutage anscheinend jeden Beitrag über Buddhismus begleiten müssen: Süßlich-kitschige Gesänge vor malerischer Bergkulisse mit Mönchen und Räucherstäbchen. Auf solche Klischees verzichtet sie. Fox lässt die Protagonisten für sich sprechen. Sie zeigt sie im Alltag als Menschen aus Fleisch und Blut. Fox zeigt den jungen Italiener, Sohn des Tibeters und der italienischen Mutter, als skeptischen modernen Europäer der auf ein gutes Leben aus ist, der Erfolg im Beruf haben will und der an allem interessiert ist, nur nicht an tibetischer Tradition. Einen junger Mann, dem seit seiner Kindheit gesagt wird, daß er die Reinkarnation eines hohen tibetischen Geistlichen ist, der aber absolut keine Intention zeigt in die Fußstapfen seines Vaters zu treten.

Fox zeigt Vater und Sohn, und die restliche Familie, in sehr privater Umgebung. Das ist der Wert diese Filmes, da man hier sehr viel Details über die Menschlichkeit der Protagonisten lernen kann. Fox zeigt z.B. Namkhai Norbu mit seinen Jüngern in Italien, sie zeigt ihn während seiner Krebstherapie mit seiner Familie. Fox zeigt Namkhai Norbu beim schwimmen am Strand von Margarita, beim entspannen und beim Mittagessen, wo alles wie in einer x-beliebigen italienischen Familie aussieht. Sie zeigt aber auch die schweigende Beharrlichkeit des Vaters gegenüber dem störrischen Sohn und sie zeigt dessen klaren Blick auf die Verhältnisse. Er sieht wie die Europäer eine Heilserwartung auf den Vater projizieren und er benennt die Problematik darin – daß die Menschen vom Heiligen vom Dach der Welt nichts anderes erwarten, als das was sie schon immer von den Heilsbringern erwartet haben: Den ultimativen Dispens von den Beschwerlichkeiten des Lebens, die Erlösung. Fox zeigt zum Beispiel den verzweifelten Aids-Kranken, der in den wenigen Augenblicken die er für einige Sätze mit Namkhai Norbu hat, versucht zu erfahren was er tun soll mit dem Tod vor Augen, so plötzlich. Und wir sehen den Meister, wie er natürlich den Dispens und die Wunderheilung nicht leisten kann. In der Schlange der Ratsuchenden wartet schon der nächste. Es ist keine Zeit für so viel Leid. Wir sehen in dieser Dokumentation ganz normale Menschen und gerade deswegen auch die Spannung, die Polarität der Erwartungshaltung der Buddhismusjünger einerseits und des überforderteren Heilsbringers andererseits. Wir sehen im Prinzip das Problem des Buddhismus des Westens in dieser Vater-Sohn-Beziehung verkörpert. Das ist der Verdienst dieses Filmes, daß er diesen Blick zumindest nicht verstellt.

Die große Mehrheit, das kann man prognostizieren, wird diesen Film aber ganz anders deuten. Die große Mehrheit derjenigen die sich diesen Film ansehen werden, werden das sozusagen nicht aus anthroplogischer oder kulturkritischer Perspektive tun, sondern aus der Perspektive derjenigen Menschen die am Buddhismus sowieso nichts in Frage zu stellen haben – für die der Buddhismus fraglos das Höchste allen Wissens auf diesem Planeten darstellt. Das ist sehr schade, denn es wäre wünschenswert das auch buddhismusinteressierte Menschen, die sich ein kritisches Auge bewahren können, diese Dokumentation sehen.

Allerdings ist richtig, daß der Film auch dem Gläubigen viel bietet. Es geht hier auch darum, daß Reinkarnation ,bewiesen‘ wird. Die personale Reinkarnation des tibetischen Buddhismus. Namkhai Norbu sagt im Film, daß das Bewußtsein definitiv über den physischen Tod hinaus existiert. Von diesem hohen tibetischen Würdenträger verkündet, ist das ein über jeden Zweifel erhabenes Diktum und damit, zusammen mit dem im September 2011 erlassenen Edikt des Dalai Lama über die personale Reinkarnation als zu den unumstößliche Realien des buddhistischen Glaubens gehörend, eine autoritative Bestätigung der Existenz der Reinkarnation. Kein guter Buddhist kann es sich unter diesen Vorzeichen noch erlauben, die Reinkarnation zu bezweifeln – oder anders gesagt, von außen gesehen: Es ist ein weiterer Schritt des tibetischen Buddhismus in die Intoleranz!

Aber es ist eben die Qualität dieses Filmes, daß er diese Vorgänge nicht kommentiert. Der Zuschauer hat die Möglichkeit sich selbst ein Bild zu machen. Er wird nicht bevormundet. Vermutlich ist das nicht nur ein Verdienst von Jennifer Fox, sondern auch von Vater Namkhai Norbu und Sohn Khyentse Yeshe. Beide dürften den Film in dieser Form vor der Veröffentlichung gesehen und gut geheissen haben. Das bedeutet auch, daß die Problematik der heutzutage häufig völlig unkritischen Buddhismusrezeption die Rezipienten viel mehr angeht als diese glauben. Die Buddhismuskonsumenten sind es, die den Markt mitbestimmen indem sie auf die Meister eine Allwissenheit projizieren die selbst dem Papst nicht schlecht stünde. Natürlich, die Meister lassen auf sich projizieren und fügen sich in ihre Rolle aber man kann schon auch den Eindruck gewinnen, daß sie von der Naivität und Wundergläubigkeit westlicher Buddhisten genervt sind. Man kann es im Film an Namkhai Norbu gut beobachten. Warum machen der das mit? Es wäre gerade hier interessant mehr von den Buddhismus-VIPs zu hören, über ihre Motive sich diesem Dharmarummel zu opfern. Man ist nicht immer sicher, ob Namkhai Norbu vom Gebaren seiner Jünger wirklich so begeistert ist. Im Gegenteil, man meint manchmal einen Anflug von Missmut über seine stoische Mine huschen zu sehen. Daß er die Tradition erhalten will, ist sicher ein wichtiger und nachvollziehbarer Punkt, daß er es dabei aber im Westen mit völlig anderen gesellschaftlichen Voraussetzungen zu tun hat als in seiner Heimat, Voraussetzungen die sein Projekt unter Umständen bis zur Unkenntlichkeit verzerren, scheint ihm nicht klar zu sein. Es wäre spätestens die Aufgabe der Söhne, sich diese fehlende Bildung anzueignen um ein soziokulturelles Verständnis dafür zu entwickeln, wie das Selbst des Westens tatsächlich beschaffen ist. Khyentse Yeshe wäre ein solcher Kandidat. Er zeigt ein skeptisches Bewußtsein über die Rolle seines Vaters und dessen Interaktion mit den Jüngern. Zuletzt allerdings akzeptiert er seine Rolle innerhalb der Tradition.

Das ist der Punkt an dem im Film leider nicht genug zu sehen und zu hören ist. Die Wandlung vom Saulus zum Paulus ist in relativ wenigen Sequenzen zu verfolgen. Khyentse Yeshe erzählt von Träumen die er hatte, von Plätzen, die er dann in Tibet tatsächlich sieht. Viel mehr aber ist nicht zu erfahren über seinen Prozess. So bleibt es leider nicht nachvollziehbar welche Motive und Ausblicke auf die Zukunft ihn geleitet haben könnten, die Rolle eines gewöhnlichen Dharmalehrers anzunehmen. An diesem wichtigen Wendepunkt ist der Film zu oberflächlich.

In einer der letzten Szenen des Filmes sehen wir Khyentse Yeshe vor einem großen Publikum sprechen – über die „Natur des Geistes“, das eine zentrale Thema des Dzogchen. Man fürchtet in dieser Szene, nun einen dieser Lamas vor sich zu haben die erzählen was sie erzählen müßen um das Publikum zu bedienen, die aber nicht wirklich eine Ahnung haben von dem was sie da reden. Der Film hätte viel Raum gehabt hier Khyentse Yeshe zu befragen oder deutlich zu machen wie er plötzlich zum Meister wurde. Was zeichnet den jungen Mann nun aus, daß auch er nun ex cathedra zu den Gläubigen sprechen darf? Das bleibt offen.

Aber auch in diesem Manko bleibt der Film sehenswert – wenn man sich den kritischen Blick erlaubt der auch den Leerstellen Bedeutung zumessen kann und die Kritik in ihrer Produktivität sieht.

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  1. Film: Kumaré jetzt im Netz « Kritikos & Bodhi - Dezember 18, 2012

    […] den Zuschauer in eine spannungs- und erwartungs- und teilnahmsvolle Haltung versetzen. (Der Film Wiederkehr – My Reincarnation ist in dieser Hinsicht viel eher eine echte […]