DIE GLOSSE #02

M. Steingass —  1.3.13

Das Phantom und der Handkäs‘

Im Anschluß oder vielleicht auch auf Grund der Glosse #01 hat sich auf Hans Grubers Blog Selbstdenken und sehende Achtsamkeit eine Diskussion über Joachim Wetzkys Versuch über den Buddha im 21. Jahrhundert entwickelt: Buddhas Lehre für heute. Sekundiert wird Hans Gruber von Franz-Johannes Litsch der ebenfalls einen Beitrag zur Diskussion beisteuert. Die wesentlichen Punkte der Herren Gruber & Litsch kann man in einem Satz zusammen fassen: Wir wissen wie richtiger Buddhismus geht, die anderen nicht. Nebenbei wird mit einer Geste der Verachtung in Richtung auf die monotheistischen Religionen bemerkt, diese seien „Kinderreligionen“ und hätten ja wohl zu den Problemen die im 21. Jahrhundert die auf uns zu kämen kaum etwas beizutragen – ganz im Gegensatz zum Buddhismus natürlich. Dessen „Erwachsenenlehre des Dharma” könne da sehr wohl einen Beitrag leisten! Na, dann wollen wir mal schaun, was es mit dieser Lehre auf sich hat.

Es geht dabei nicht um Details dieser Diskussion. Man muss auch kein Pali können oder 10 Jahre in einer kalten Höhle meditiert haben, um den Superschlauen prinzipielle Denkfehler nachzuweisen, die sie ironischer Weise mit denen gemeinsam haben, denen sie einen „rechte Sichtweise“ absprechen. Egal wen man nimmt – Batechlor, Litsch, Gruber, den ewigen Dalai Lama, jeden x-beliebigen Diplomguru – alle kennen sie schließlich den ominösen „Kern des Dharma“. Das ist die Invariante in der sie sich alle gleich sind. Daß der Kern, je nach Belieben, mal so mal so aussieht, tut dabei wenig zur Sache. Mal sind es die so genannten „vier edlen Wahrheiten“, mal ist es „Achtsamkeit“, mal ist es einfach „Glück“ – egal. Der grundsätzliche Denkfehler dieser Bescheidwisser ist, daß sie immer schon unterstellen was sie beweisen wollen. Ein „zeitloser Kern des Dharma“ wird voraus gesetzt und dann auch gefunden. In dieser Selbstreferentialität sind X-Buddhisten jeder anderen Religion und jeder Philosophie gleich. Es gibt immer eine Setzung X, die die Wirklichkeit Y präformiert. Die Setzung X findet allerdings nicht bewusst satt sondern ist, besonders im Falle von X-Buddhismus und anderen Religionen, affektgeladen und im Prinzip eine Begierde danach, die Wirklichkeit Y unter Kontrolle zu bekommen. Bis zu einem gewissen Grad geht das gut – wenn nicht die eine tatsächlich unkontrollierbare Wirklichkeit in diesen Traum einbricht und ihn mit einem Schlag beendet.

Im Prinzip hat man es mit einem Wahnsystem zu tun, daß durch seine Setzung X in der Lage ist, Ereignisse in seiner Wahrnehmung weit gehend dem Bedürfnis nach Wirklichkeitskontrolle anzupassen. Was dabei aber geschieht, ist nicht etwa eine Form der Beobachtung sondern eine Form der Formung. Die Welt wird nach dem Bild das ich mir von ihr mache geformt . Für den X-Buddhismus gilt dabei: Die Welt ist dafür da, durch buddhistische Philosophie gestaltet zu werden. Die Welt ist Material des Glaubens und nicht etwa umgekehrt – der Glaube als Material der Welt, als ein Gedanke der Welt.

Die Welt als Material des x-buddhistischen Glaubens ist eine unverschämte Hybris und letztlich eine autokratische und undemokratische Anmaßung. Sehen wir uns deshalb an, wie ein Setzung X, die die Welt nach ihrem Ebenbilde formt, aussieht. Litsch & Gruber einigen sich auf folgende Formel:

Es geht immer nur darum, den zeitlosen “Dharma” oder die “Praxislehre” des Buddhas primär auf Basis der Redensammlungen im Palikanon herauszuschälen und in neuen Kontexten adäquat zu formulieren, so dass er bei den Menschen “ankommt”.

Togaphantom

Das Phantom im original griechisch-römischen Toga-Outfit. Gandhara, 1./2. Jhdt.

Dieser Satz ist in vielerlei Hinsicht problematisch. Er enthält z.B. einen Zirkelschluß: Das zu Beweisende, der Dharma, wird als im Palikanon enthalten voraus gesetzt. Es wird vorausgesetzt, daß es einen Buddha gab – einen „historischen Buddha“, wie Gruber nicht müde wird zu betonen, der als Garant für die Wirklichkeit des zeitlosen Dharma auftritt. Und es gibt die hochproblematische Synthese eines „zeitlosen“, an andere Stelle auch als „überkulturell“ bezeichneten Dharma, mit „neuen Kontexten“. Jeder soziologisch oder philosophisch halbwegs gebildete Mensch wird dagegen heute sofort einwenden, daß es einen „zeitlosen“ Text – in welcher Form auch immer, Schrift, Ton, Bild, Film, Ritual, Kleidung, Nahrungszubereitung etc. pp. – niemals geben kann, da der Kontext in dem eine tradierter Text auftritt diesen Letzteren immer schon mit beeinflusst. Der ganze Satz ist im wesentlichen das was man x-buddhistische Bauchrednerei nennen kann: Ein fulminant klingendes Wortgeklingel, das sich bei näherer Betrachtung als leer herausstellt.

Eine wesentliche Setzung aber, die im höchsten Maße beeinflusst wie hier die Welt Y durch X modelliert wird, ist das Bild vom „herausschälen“. Es ist eine Metapher – X – die etwas anderes – Y – repräsentiert. Wir können die Metapher sehen, die Wirklichkeit die sie beschreibt aber nicht – andernfalls könnten wir gleich die Wirklichkeit beschreiben. Wir könnten den Kern der Lehre, den zeitlosen Dharma selbst sehen anstatt über ihn zu reden. Die stillschweigende Voraussetzung die hier Geltung hat, ist, daß die Metapher wirklich die Wirklichkeit beschreibt. Wenn diese Voraussetzung aber stimmen würde, müssten wir uns nicht mehr um den „zeitlosen Dharma“ bemühen, sondern es würde reichen das „Herausschälen“ selbst zur eigentlichen Sache zu machen. Da das „Herausschälen“ einer Essenz auf Grund der Text/Kontext-Problemtik jedoch nicht möglich ist, laufen wir hier ins Leere. Die ganze Metapher mündet in einen Selbstwiderspruch, womit die Argumentation für einen „zeitlosen Dharma“ – zumindest in dieser Form – erledigt ist.

 Es zeigt sich, daß das Selbstverständnis des X-Buddhismus, wobei man bei Litsch & Gruber für das X  „zeitlos“ einsetzen könnte, auf einem irrationalen Argument beruht. Ganz besonders platte X-Buddhisten würden an dieser Stelle behaupten, daß mir die innere Reife fehlt, den Dharma wirklich zu verstehen. Ok, ist geschenkt. Vorüber ihr Schafe, vorüber. Litsch & Gruber würden evtl. einwenden, daß man eben die „Achtsamkeit“ in rechtem Ausmaß betreiben müsste, um den Kern der Lehre zu verstehen. Diese Achtsamkeit aber ist ihre eigene Setzung, die angeblich den Kern der Lehre ausmacht, der aber, wie wir sehen, gar nicht existiert. D.h. also Achtsamkeit als Kern der Lehre ist eine willkürliche Setzung, und die Aufforderung sie zu praktizieren um den Kern der Lehre zu erkennen, funktioniert genauso wie das Argument der ganz Platten von der mangelhaften Reife. Letztlich ist es immer die Hybris, die hier das Zepter schwingt – ganz im  Sinne des grassierenden Narzissmus unserer Zeit.

Damit könnte man die Sache als erledigt abhaken. Es gibt aber neben diesen logischen Argumenten noch eine Reihe ganz handfester, eher pragmatischer und man muss sagen, ziemlich postmodernere Argumente gegen einen ursprünglichen zeitlosen Dharma und seinen Garanten, den ominösen „historischen Buddha“, mit denen man diese wahnhaft Suchenden in die Schranken weisen kann – was doch in der einen oder anderen Diskussion nützlich sein dürfte.

Da wäre z.B. noch mal das Herausschälen. Wie wird das normalerweise betrieben? Man nimmt einfach den gesamten überlieferten Textkorpus und untersucht, welche Texte – ob Pali, Sanskrit, Chinesisch, Tibetisch oder sonstwas – die gleichen Aussagen machen. Den Rest schneidet man weg und übrig bleibt bei dieser Subtraktionsmethode die ursprüngliche Aussage. Stillschweigende Voraussetzung hier ist, daß es nur eine ursprüngliche Aussage gab und etwaige andere nicht einfach in Folge der historischen Umstände vergessen und ihre Überlieferungen zerstört wurden. Da letzteres nicht ausgeschlossen werden kann, ist es immer möglich, daß man eine zufällig überlebende ursprüngliche Aussage für die einzige hält. Und in der Tat findet die Forschung heute neben den angeblich einmaligen Palitexten andere völlig eigenständige buddhistische Traditionen. Linda Heuman zitiert in Who’s Buddhism is Truest Collett Cox, Professor für Sanskrit und Buddhistische Studien an der University of Washington:

„Anstatt zu fragen welche eine Sprache der Buddha sprach und was die früheste Version der Lehren repräsentiert, müssen wir eher akzeptieren, daß es von Beginn an verschiedene Berichte über seine Lehren, daß es unterschiedliche Sutras gab und daß es verschiedene Versionen von Sutras gab, die in verschiedenen Gegenden übermittelt wurden. Da wo es tatsächlich began könnten wir eine ganze Reihe verschiedener Quellen haben, die alle für sich beanspruchen die Lehre des Buddha zu sein.“ (meine Übersetzung)

Ursprünglich im Sinne von eindeutig? Denkste.

Übrigens, man kennt ja in den Texten diesen Repetitionen, d.h. bestimmte Sequenzen werden häufig wiederholt. Das ist ein typisches Merkmal der mündlichen Tradierung eines Textes, die es den Repetitoren erleichterte die Texte zu lernen. Jetzt könnte man fragen, hat der Buddha, einmal vorausgesetzt es gab ihn, auch schon so gesprochen? Wenn nein, liegt also schon hier eine Formatierung des Textes vor. Wenn ja, warum sollte er? Er hatte ja nichts auswendig zu lernen. Also hat er vermutlich frei gesprochen und in der Formatierung liegt eine erste Schicht der Redaktion des Textes  vor.

Aber gab es diesen „historischen Buddha“ überhaupt? Der Begriff „historisch“ den X-Buddhisten gerne anführen, soll ja genau das suggerieren – daß es den Kerl wirklich gab. Das Problem ist nur, daß unter dem Begriff „historisch“ wie ihn Historiker gebrauchen, etwas zu verstehen ist zu dem eine bestimmte Quellenlage existiert. Also Analen, Register, Chroniken, verschiedene unabhängig von einander entstandene Dokumente, Erzählungen, Reiseberichte etc. pp., die es ermöglichen, über Kreuzverweise etwa, einen ganz bestimmten Menschen der irgendwann lebte und dieses oder jenes getan hat, in Zeit und Raum zu lokalisieren. Fachleute sprechen aber in Bezug auf die Berichte die das Leben des Buddha thematisieren von „historisierenden“ Berichten. Nicht also von historischen Dokumenten, wie etwa denjenigen aus denen man die Kreuzzüge Alexanders im 3. Jahrhundert vor Chr. bis nach Ghandara rekonstruieren kann, sondern von Dokumente die rückblickend eine Person konstruieren. Es mag in diesen Historisierungen Spuren einer historischen Person geben (oder mehrerer) aber falls sie wirklich da sind, man kann sie nicht mehr „herausschälen“. Der Begriff von einem „historischen Buddha“ ist also schlicht und ergreifend falsch und damit wird der Garant des „zeitlosen Dharmas“ zu einem Phantom.

Dann haben wir das Problem, daß zwischen der Zeit in der das Phantom gewirkt haben soll und einer ersten Niederschrift in Pali ca. 300 Jahre liegen in denen mündlich tradierte wurde. In mündlichen Überlieferungen gibt es verschiedene Probleme (zumindest für diejenigen die Jahrtausende später nach dem Original suchen). Es gibt z.B. das Phänomen der „strukturellen Amnesie“. Das ist nichts anderes, als Teile einer mündlichen Übertragung vergessen werden. Da man keine Dokumente hat, aus denen hervorgehen würde, daß etwas vergessen wurde, fällt das vergessen unter Umständen gar nicht auf. Man vergisst, daß man etwas vergessen hat. Auch dies also eine Möglichkeit wie eine ursprüngliche Botschaft sich verändern kann.

Die angeblich ersten Niederschriften wurden in Pali gemacht. Jetzt wird aber berichtet, das Phantom habe darauf bestanden, daß seine Teachings nicht in der Hochsprache der damaligen Zeit, dem Sanskrit der Brahmanen, weiter gegeben werden sollten. Das Phantom sprach in einem lokalen Dialekt, in Prakrit vermutlich, und verordnete seinen Leuten, daß sie die Lehre wiederum in ihren lokalen Sprachen weitergeben sollten. Damit haben wir also verschiedene lokale Dialekte die dann in eine Paliniederschrift münden. Man stelle sich jetzt mal zum Vergleich vor, das Phantom habe in Frankfurt am Main gelehrt. Vor dreihundert Jahren und in einem breiten hessische Släng. Auf Grund der Kunde des großen Mannes kamen von überall her die wissensdurstigen wahren Suchenden. Einer aus dem Waldviertel in Österreich, ein aus dem Berner Oberland und einer aus dem Friesischen. Nun macht das Phantom bei einem Teaching eine Witz über einen Handkäs‘ mit Musik, der bei ihm zu einem mächtigen Darmwind führte. Worauf hin er sich dachte, was er dann auch als Gleichnis erzählte, wie drückend doch diese Darmwinde seien, obwohl sie im Endeffekt nichts wären als heisse Luft und Gestank – genau wie die Begierden die unser Ich dauernd plagen. Man solle also vom Handkäs‘ lassen, dann würde einen auch nichts drücken. Jetzt verbreitete sich also ins Friesische, ins Berner Land und ins Waldviertel die Kunde, man solle den Handkäs‘ lassen, damit einen das Ich nicht drücke. Ins jeweilige lokale Idiom transponiert, inklusive eines Begriffs der ausser in Hessen nirgendwo mit etwas Wirklichem zu verbinden ist – Handkäs‘. Jetzt machen sich also die Überträger der frohen Kunde daran, den Handkäs‘ zu kommentieren. Das sei vermutlich etwas, was aus Kuhmilch hergestellt werde, so wie man das überall mache und man solle also keinen Käse mehr essen usw. damit man von den Bedrückungen des Ich frei werde. Dreihundert Jahre später ist eine reichhaltige mündliche Kommentarliteratur entstanden, die erläutert warum man als Phantomist keinen Käse essen solle, obwohl, wie manche einwenden, nicht ersichtlich sei, was denn der Käse mit dem Ich zu tun habe . Wie auch immer, nun wird es in Hochdeutsch nieder geschrieben, ein findiger Verlag vermarktet die Lehre von der Ichlosigkeit durch Käselosigkeit und eine reichhaltige weitere, diesmal schriftliche Kommentarliteratur entsteht in der unter anderem nun auch nachzulesen ist, daß das Phantom schon immer den veganen Lebensstil gelebt und gelehrt habe, nur sei die Zeit damals für einen wirklichen veganischen Kult noch nicht reif gewesen, und so habe das Phantom lediglich damals die Samen der neuen phantomistischen Lehre von Ichlosigkeit durch Veganismus gelegt, die nun heute erblüten, womit nun schließlich die veganischen Apostel zu den einzig wahren Kennern würden, die den Kern der Lehre heraus geschälten. So ungefähr geht die Geschichte vom Handkäs‘ und der Erleuchtung.

Plastikphantom, Hessen, 21. Jhdt, mit integriertem Zimmerspringbrunnen.

Plastikphantom, Hessen, 21. Jhdt, mit integriertem Zimmerspringbrunnen.

Richard Gombrich, ein entschiedener Gegner der Theorie vom Phantom übrigens, berichtet an verschiedenen Stellen, daß das Phantom tatsächlich immer für ein nettes Wortspiel gut gewesen sei – was der nun schon misslichen Lage der wahren Suchenden die da dürsten nach dem Kern der Lehre, diese weitere Problemschicht hinzufügt (die wir den Käsehorizont nennen wollen): nicht nur hat er Dialekt gesprochen, den dann die Weiterträger des zeitlosen Dharma in ihren eigenen übersetzen sollten, wobei das Ganze auch noch verlust- und veränderungsfrei in einer gerade sich entwickelnden Hochsprache verschriftlicht werden sollte, nein, dieses  Phantom hat auch noch Witze und Wortspiele in seine Belehrungen eingebaut. Dieses Phantom war ein Witzbold (was es ja doch auch wieder sympathisch macht), es hat Denotationen verdreht oder auf konnotativen Bedeutungen anspielt, die kulturel bedingt oder gar nur aus einer bestimmten Situation heraus verständlich waren. Was bedeutet es z.B. wenn der Unbuddhist jemanden als „Buddhisten“ bezeichnet. Ob das jemand in 2500 Jahren noch verstehen wird?

Ok, bis hierher und nicht weiter, wird der wahre Suchende sagen. Das mag ja alles erwägenswert sein, und Gegenargumente werden sich schon auch finden lassen aber unbeschadet all dieser Einwände sei da schließlich noch die Achtsamkeit – und die sei schon immer so gewesen. Das merke man ja selbst, Achtsamkeit sei Achtsamkeit, und diese Form von Aufmerksamkeit könne sich nicht ändern.

Leider, leider gibt es auch hier keinen Entsatz für den Weisheitskrieger. Auch die Burg der Achtsamkeit könnte in Bedrängnis geraten. Macbeth war sich seiner Sache so sicher  – bis der Wald von Birnam doch zu ihm kam.

Erstens kann Achtsamkeit als Qualie betrachtet werden, also als ein Eindruck wie ein Geschmack oder eine Farbe, von dem man tatsächlich logisch nicht sagen kann, ob er bei einem anderen Menschen genau so auftritt wie bei einem selbst. Zweitens streiten Extremisten unter den Kognitionswissenschaftlern die Existenz solcher Qualia rundwegs ab (Daniel Dennet z.B.), was Buddhisten eigentlich aufhorchen lassen sollte. Drittens kann man mit Thomas Metzinger sagen, das die positiven Ergebnisse einer Achtsamkeitsübung sekundärer Natur sind. D.h. Achtsamkeit ist in seinem Sinne ein basale Form des Bewusstseins, das jedem Menschen eigen ist. Lediglich das Bewusst machen dieser Form des Bewusstseins führt über die notwendige Aufmerksamkeit die dazu nötig ist, zu einer Veränderung der Wahrnehmung. Eventuelle positive Veränderungen in der Persönlichkeit sind aber nicht primär durch diese basale Bewusstseinseigenschaft verursacht, sondern durch eine explizit ethisches Training.  In diesem Sinn müßte man dann auch einen Shantideva lesen, der in seinem Bodhicaryavatara Aufmerksamkeit und ethisches Training verbindet. Letzteres ist wiederum keine Besonderheit des Buddhismus, womit wieder eine Stütze x-buddhistischer Hybris erledigt wäre. Die Jhanas dann, Versenkungs- und Konzentrationszustände, müssen in diesem Lichte neu angesehen werden. Sie schrumpfen zu phenomenalen Effekten, die die Grenzen des Bewusstseins anzeigen. Diejenige nach innen, dorthin wo irgendwann nur noch die Biochemie arbeitet und das Bewusstsein sich auflöst in Materie. Auch hier also alles Normalität und keine Spur von den x-buddhistischen Versprechungen von was ganz Besonderem.

Ein weiterer Einwand hat mit dem Übergang von Oralität zu Schriftlichkeit zu tun. Walter Ong entwickelt in seinem Buch Orality and Literacy die Hypothese, daß der Übergang zur Schriftlichkeit eine andere innere Wahrnehmung erzeugt. Das Erlernen der Schrift, das Schreiben und Lesen lernen und die damit verbundene differenzierter werdende gedankliche Tätigkeit, die Entwicklung von Literatur, von literarischen Gattungen, Fiktionen, Geschichtsschreibungen usw. führen zu einer anhaltenden Veränderung der Person, zu einem Prozess der sich von alttestamentarischen Zeiten bis in die Gegenwart zieht und noch heute anhält. Das Phantom wirkte in einer noch schriftlosen Kultur. Welche innere Welt hatten diese Menschen? Welche Persönlichkeitstypen? Wir können unter diesen Umständen  nicht ohne weiteres davon ausgehen, daß meditative Zustände damals die gleichen waren wie heute – von allen anderen Einwänden ganz abgesehen. Wer heute von Achtsamkeit redet kann sich unter keinen Umständen gewiss sein, daß er das meint was das Phantom meinte.

Aber nicht nur solche Übergänge vom blossen Reden zum Schreiben und Lesen, haben starken Einfluss auf unser Bewusstsein. Die Sprachen selbst, in ihrer Verschiedenartigkeit, erzeugen unterschiedliche Bewusstseinsformen. Lera Boroditsky, eine Neuropsychologin, schreibt in ihrem kurzen Aufsatz How does our languages shape the way we think:

„Was wir gelernt haben ist, daß Menschen die verschiedene Sprachen sprechen, tatsächlich unterschiedlich denken. Selbst Zufälligkeiten der Grammatik können tief greifende Effekte darauf haben, wie wir die Welt sehen.“ (meine Übersetzung)

Reinkarniertes Phantom

Reinkarniertes Phantom

Es gibt keinen Weg für diejenigen die einen zeitlosen Dharma rekonstruieren wollen. Wenn man schon sieht, daß dieser zeitlose Kram ein logischer Denkfehler ist, dann wird mit all diesen zusätzlichen Einwänden sichtbar, daß der Versuch der Reproduktion eines ursprünglichen Dharmas eine Reduktion und Einschränkung darstellt. Die Argumente gegen das Phantom zeigen auch, daß die soziale Evolution eine schwer fassbare menschliche Vielfalt hervor gebracht hat. Die Reproduktion des Ursprünglichen bedeutet eine Negation dieser Vielfalt und damit der menschlichen Kreativität an sich. Es ist also im eigentlichen Sinne ein unmenschlicher Akt. Am Phantom festzuhalten ist eine selbstbezogene Anthropo-Logik, die darauf beharrt, daß der kleine Zirkel den sie zu überschauen in der Lage ist, das Ganze repräsentiert. Im Prinzip ist das die totale Stasis. Das ist es was passiert wenn sich eine Philosophie anmaßt, sich die Welt zum Material zu machen.

Zuletzt muss man sagen, daß die Idee vom Original selbst, als einer Präsenz, einer Identität, eines Genau-so-und-nicht-anders, lediglich eine Idee unserer Kultur ist. Die Idee vom Original selbst, ist eine Blüte kultureller Evolution. Mit diesem Argument kann man der Philosophie derjenigen die mit einer Abrissbirne namens Dharma jegliche Vielfalt zur heiligen Einfallt einebnen wollen, den Fangschuss verpassen. Und hier gilt auch, daß man das als X-Buddhist schon längst wissen könnte. Selbst bei uns ist seit mindestens hundert Jahren der Tod des Originals zu beklagen. Auch hier wieder muss man sagen, daß die Hybris des X-Buddhismus dazu führt, das einfach nicht zu Kenntnis zu nehmen. Nach Freud, und heute um so mehr, weiss man das selbst das Bewusstsein eines Individuums keine in sich geschlossene Form hat, die es ihm z.B. erlauben würde eine durchgängig konstante, einmalige Erinnerungsspur aufzubauen, auf der man, rückwärts gehend, jeden Erlebnis-Zeitpunkt seines Lebens exakt genau so wie er stattfand, wieder aufrufen könnte. Man weiss nach Freud und aus der Entwicklungspsychologie, daß das Spätere das Frühere beeinflussen kann. Auch hier erweist sich das Original als Trugschluss – als einer allerdings der ganz spezifisch unserer Kultur eigen ist. Der Koreaner und in Karlsruhe lehrende Byung-Chul Han schreibt in Dekonstruktion auf Chinesisch:

Im klassischen Chinesisch heißt das Original zhen-ji. Wörtlich bedeutet das „echte Spur“… ihr wohnt kein Versprechen inne … sie verdichtet sich nicht zu einer eindeutigen, eingestaltigen Präsenz. Vielmehr dekonstruiert sie die Idee jenes Originals, das eine unverwechselbare, unveränderliche, in sich ruhende Präsenz und Identität verkörpert … Der Ferne Osten kennt solche präkonstruktiven Größen wie Original, Ursprung oder Identität nicht.

Wir wissen nicht wie es in Indien zu Zeiten des Phantoms war. Vielleicht hatten sie da ja tatsächlich ein Original wie es sich bei uns seit der Renaissance entwickelt hat. Vielleicht gab es da wirklich Autoren, Künstlerpersönlichkeiten und Blogger die mit Vor- und Nachnamen unterschrieben und sich endlose Debatten über Nutzungsrechte geistiger Erzeugnisse lieferten.

Die X-Buddhisten mögen sich weiter in diese eine Möglichkeit hinein träumen. Der Rest der Welt wählt die Vielfalt.

Die Frage die bleibt, ist: was machen wir mit dem Material? Was machen wir mit diesem reichen kulturellen Schatz der da auf uns gekommen ist? Eines ist klar, den Kern herauszuschälen, das versuchen nur Narren. Was aber machen wir damit?

61 Antworten zu DIE GLOSSE #02

  1. 

    Ich finde diese Versuche, einen fiktiven frühen Buddhismus anhand des Palikanons zu konstruieren eigentlich sehr aufschlussreich. Wir haben ja seit Anfang des 20. Jahrhunderts da verschiedene Versuche.
    Grimm: Es gibt Seele und Wiedergeburt
    Debes: Es gibt keine Seele aber Wiedergeburt
    Batchelor: Es gibt weder Seele noch Wiedergeburt
    TNH: Nur Achtsamkeit und Ethik ist wichtig
    (Da ist es spannend, daß es sehr verschiedene Achtsamkeitsansätze gibt, von recht nüchteren aber sehr verschiedenen Ansätze von Goenka, Buddhadasa, Chah etc. bis zum süßlichen des TNH)
    Masefield: Das wichtigste Element zum Erwachen von Buddhas Jüngern war die persönliche Anwesenheit des Buddha.
    (Ich glaube, das vieles im Mahayana eine Reaktion auf diesen Fakt ist).
    Dann wär auch noch die Frage inwieweit man das Element des Mönchstums als ein superwichtiges Element ansieht (es gibt ja zwei Versuche von TNH und von Geshe Kelsang die Mönchs- und Nonnenregeln neu zu schaffen (bei TNH war es ja lange in der Diskussion, das er sich nicht mal an seine vereinfachten Regeln gehalten hat, aber das nur am Rande)

    Zum Lobpreis des buddhistischen Weges: Ich hab heut in einem Vortrag gehört, das es ein vergleichende Hirnstudie gab, wo man buddh. Mönche ne Stunde hat meditieren lassen und Benediktinermönche ne Stunde beten, die neurologischen Abbildungen waren sehr ähnlich.
    So stark scheint dann die Überlegenheit des Buddhismus doch nicht zu sein.

    Die andere Frage wäre immer mit wen sich Buddhisten vergleichen. Man muss sich ja nicht nur mit dem Theismus (Christentum etc. und da meist eher mit einer Volksreligion, weniger mit den Mystikern) vergleichen, man könnte ja auch mit ähnlicheren Ansätzen vergleichen (Daoismus, Osho, Jiddu oder U.G. Krishnamurti z.B.)

    Sicher sollte man auch noch einmal einen Blick auf die buddhistischen Ideen werfen: Ist Leben wirklich Leid? Ist Veränderung Leid, oder eher pulsierendes Leben?
    Bringt Gutes tun immer mehr Gutes hervor? Oder braucht das Leben beide Pole, den Plus und den Minuspol, und ist es so wie einem Magneten, ich kann versuchen, den Minuspol abzuschneiden, aber der Magnet bleibt trotzdem bipolar?

    (Chinesisches Denken ist sicher überhaupt sehr interessant, auch in bezug auf alternative Ansätze zum Buddhismus, aber auch des Buddhismus).

    Der Idee eines ursprünglichen Buddhismus, könnte man aber auch entgegenhalten, daß die Entwicklungen des Buddhismus eben auch auf Fehler im System reagiert haben, also vielleicht sogar intelligenter sein könnten.

    Zum: Die Frage die bleibt ist: was machen wir mit dem Material? Was machen wir mit diesem reichen kulturellen Schatz der da auf uns gekommen ist? Eines ist klar, den Kern herauszuschälen, das versuchen nur Narren. Was aber machen wir damit?

    Sollten wir etwas damit machen? Sollte man die 2000 Jahre Ballast wirklich mitschleppen? Wäre es nicht sinnvoller, neu zu beginnen?
    Sind Buddhas Fragen wirklich unsere?
    Und sollten wir alle das selbe damit machen (dann würden wir ja wieder auf das selbe reinfallen wie die Palibuddhisten)

  2. 

    http://vn-buddhist.blogspot.de/2012/08/thich-nhat-hanh-ein-kp-agent-im_28.html
    THICH NHAT HANH – EIN KP AGENT IM MÖNCHSGEWAND UND DIE BLUTSPUREN DER VERBRECHEN DER „UNIFIED BUDDHISTIC CHURCH OF VIETNAM“
    ODER WIE DIE VIETNAMESISCHE KOMMUNISTISCHE PARTEI
    DEN BUDDHISMUS ALS MACHTINSTRUMENT AUSNUTZT.
    (Teil 1.)

  3. 

    Matthias, In die Zukunft, werde ich versuchen häufiger und genauer auf Deine Posten zu kommentieren. Meine Meinung nach sind sie nicht nur hoch interessant und einsichtsvoll an sich, sondern auch sehr wichtig für die Förderung des (Un)Buddhismus in Deutschland. Das klingt einige Leser vielleicht übertrieben, aber ich werde das Punkt in künftige Kommentare weiter machen.

    Für jetzt möchte ich nur sagen, das die folgende Aussage von Dir absolut entscheidend für diese verrückte Un/non-buddhistischen Projekt ist. Ich habe das Gefühl das es sehr leicht und viel zu oft übersehen ist.

    Die Frage die bleibt ist: was machen wir mit dem Material? Was machen wir mit diesem reichen kulturellen Schatz der da auf uns gekommen ist? Eines ist klar, den Kern herauszuschälen, das versuchen nur Narren. Was aber machen wir damit?

    Das ist ja wirklich die Frage, die hinter der ganzen Kritik liegt. Es ist ja die Frage, die die Kritik zum Leben erweckt.

  4. 

    1. Da sollte man noch ein wenig differenzieren: Klar, es gibt Menschen, die den „Kern des Dharma“ kennen und verteidigen. Es gibt aber auch Menschen, die sich das aus dem Buddhismus holen, was ihnen sinnvoll und brauchbar erscheint. Das sind ja schon mal zwei grundsätzlich verschiedene Geisteshaltungen.

    2. Du schreibst: „Im Prinzip hat man es mit einem Wahnsystem zu tun, dass durch seine Setzung X in der Lage ist, Ereignisse in seiner Wahrnehmung weit gehend dem Bedürfnis nach Wirklichkeitskontrolle anzupassen.“ – Macht denn der Dekonstruktivismus etwas anderes? JEDES System, jedes Konzept ist lediglich ein Versuch, die Wirklichkeit erkennen und kontrollieren können. Egal ob Wissenschaft, Spieltheorie, Buddhismus, Dekonstruktion oder Marxismus: All diese Systeme versuchen die Welt nach ihren Vorstellungen zu Formen. THEORETISCH finden dabei viele dieser Systeme eine Losung, eine Idee, wie denn aus diesem Teufelskreis ausgebrochen werden kann: Der Buddhismus durch die Realisierung der Leerheit, der Dekonstruktivist durch unermüdliche Denkarbeit usw. – Doch in der Praxis ist es so, dass alle in ihrem System hängen und nicht rauskommen. Insofern ist auch der Dekonstruktivist lediglich ein X-Dekonstruktivist.

    3. „Die Welt als Material des x-buddhistischen Glaubens ist eine unverschämte Hybris und letztlich eine autokratische und undemokratische Anmaßung.“ Diese Hybris ist allen Menschen gemeinsam. Letztendlich gibt es immer ein System, eine Wahnidee, die sich durchsetzt und dann von einer Mehrzahl der Menschen missbraucht wird. War es in der Vormoderne die Kirche, die den Menschen ihr Weltbild aufdrückte (und es genügend Menschen gab, die dies mit sich lassen ließen), so verfallen in der Moderne die Menschen in den Wahn der (scheinbaren) Rationalität und Wissenschaft. Die Spieltheorie ist wohl die derzeit größte Hybris – und letztlich eine autokratische und undemokratische Anmaßung.

    4. Gibt es einen „zeitlosen Dharma“? Nun, selbst der Buddha (ob es ihn nun gegeben hat, oder nicht, ist nicht wichtig) sprach davon, dass „seine Lehre“ nach einiger Zeit untergehen wird. Insofern ist der Begriff „zeitloser Dharma“ immer in einen Zeitrahmen eingebettet. Die korrekte Frage ist daher: Gibt es eine Lehre des Buddha, die auch in der heutigen Zeit Relevanz besitzen könnte? Nun – in diesem Prozess befinden wir uns gerade und der Ausgang lässt sich nicht vorhersagen. Es kann sein, dass in 100 Jahren alle Schulen dieser Welt ganz selbstverständlich Achtsamkeit und Glückskunde unterrichtet werden. Und es kann sein, dass ein großer Prozentsatz der Bevölkerung sich mit dem „Nicht-Selbst“ auseinandersetzt. Doch ob dass dann noch Buddhismus ist, oder jemals war, kann heute noch nicht gesagt werden.

    5. Zum „Herausschälen“: Das ist ein wichtiger Punkt. Wie sagt Shunryu Suzuki Roshi: „Es ist nicht Sinn des Buddhismus, den Buddhismus zu studieren, sondern uns selbst.“ Da gehe ich ganz konform mit dem Handkäse.

    6. Zur Achtsamkeit: Ich sehe es eigentlich auch so: Achtsamkeit + Ethik. Und Beides sind keine buddhistischen Einmaligkeiten, sondern kommen in anderen Formen und Traditionen ebenfalls vor. Es ist vorstellbar, dass es in 100 Jahren lediglich Achtsamkeit, Ethik & Psychologie gibt und der Bezug zum Buddhismus vollkommen verschwunden ist. Das wäre doch in Ordnung. Es geht ja nicht darum die Asche des Palikanons anzubeten, sondern ein lebendiges Feuer der Praxis zu schüren.

    7. „Welche innere Welt hatten diese Menschen? Welche Persönlichkeitstypen?“ Tom Steininger formuliert es beispielsweise so: „Denn es macht einen großen Unterschied, ob jemand im mythischen Indien vor 2500 Jahren Erleuchtung suchte – zu einer Zeit, als wir Menschen uns mehr als Teil unserer Familienbande, unserer gemeinsamen mythischen Tradition und als Teil eines ewigen Kreislaufs der Wiedergeburt erfuhren, oder am Beginn des 21. Jahrhunderts, in dem wir uns vor allem als eigenständige Individuen mit unseren jeweils eigenen psychologischen Bedürfnissen und Problemen erleben.“

  5. 

    @Glenn Wallis: Dieser „reichhaltige kulturelle Schatz“ kann ja immer nur im Kontext des jeweils vorherrschenden kulturellen Weltbildes entdeckt und gehoben werden. Und hier wird es interessant:

    Soziologische und psychologische Studien zeigen, dass es heute – im Gegensatz zu früheren Zeiten – nicht nur EIN herrschendes Weltbild gibt, sondern mindestens drei. Wenn man so möchte, leben heute mehrere Kulturen nebeneinander.

    Dies bedeutet, dass der „kulturelle Schatz des Buddhismus“ auch in mindestens drei verschiedenen Formen gehoben werden muss. Und diese drei Formen werden sich zum Teil sehr heftig unterscheiden und sich sogar gegenseitig anfeinden (alles was dem eigenen Weltbild zuwider läuft, wird in der Regel angefeindet).

    Diese Perspektive verlangt von uns zu sehen, dass es für bestimmte kulturelle Gruppierungen zu einer bestimmten Zeit, es gar nicht anders möglich ist, die Dinge zu sehen. Ein 7-jähriges Kind, kann die Welt nicht mit den Augen eines Erwachsenen sehen.

    Es ist also komplex…

  6. 

    Eine Antwort von Hans Gruber auf diesen Blogpost:

    „Matthias Steingass:

    Das ganze von mir hier eröffnete Thema hat es an sich, dass es stark ausgedehnt werden kann. Das sieht man unschwer an Deiner heutigen Zitierung des Romans von Matthias Steingass. Die Länge einer Äußerung kann Qualität bedeuten, muss es aber nicht. Genauso bei der Kürze einer Äußerung.

    Es ist mir klar, dass ich immer wieder “ein Stein des Anstoßes” bin – sehr gut so, auch wenn es andererseits schon ziemlich traurig ist, dass es in der deutschen buddhistischen und wie gesagt besonders synkretistischen Szene ziemlich wenige solche Steine des Anstoßes gibt!

    Über die Gründe dafür sollte einmal sehr tief nachgedacht werden!

    Aber ich habe schlicht und einfach weder die Zeit noch die Lust, mich mit den diversen hierzulande über mich Empörten lang und breit auseinander zu setzen; und es wäre immer lang und breit. Früher habe ich es zum Teil gemacht. Heute nicht mehr. Man wird weiser. Und Anderes ist wichtiger. Die Empörten sollten sich lieber über die tieferen Wurzeln ihrer eigenen Empörung Gedanken machen; und warum sie so oft so Manches bei mir überlesen oder gezielt aus dem Kontext herausgreifen.

    Für diese “Enthaltung” bitte ich die Leser um Verständnis!

    * Außerdem ist der Kommentar von Steingass mit den Anmerkungen weiter oben zu der Wissenschaft und der historischen Philologie in Bezug auf die alten buddhistischen Quellen bereits zu einem guten Teil beantwortet.

    Die Quellenlage ist im Falle des frühen Buddhismus im Vergleich der verschiedenen Weltreligionen am besten oder verlässlichsten. Im Vergleich der verschiedenen frühbuddhistischen Kanons – lediglich der Palikanon des Theravada ist vollstandig überliefert worden, während andere frühbuddhistische Kanons bloß in größeren chinesischen Fragmenten erhalten sind – gibt es relativ weitgehende Übereinstimmungen; nicht jedoch im Vergleich zu den deutlich späteren “Reden” des Mahayana.

    * Aus jenen relativ weitgehenden Übereinstimmungen lässt sich eine Gründergestalt des historischen Buddhas erschließen, wie zum Beispiel auch der weltweit renommierte Indologe Lambert Schmithausen betont.

    * Aber es ist eine Eigenart Indiens, dass es keine Geschichtsschreibung im westlichen Sinne gegeben hat. Die Lehren der Personen haben dort immer mehr als die Personen selbst gezählt. Deshalb beweisen mangelnde geschichtliche Belege über den historischen Buddha nichts, außer dass dieser Mangel eine generelle Eigenart ganz Indiens ist. Außerdem entspricht das In-den-Hintergrund-Treten der Person voll und ganz der überlieferten Sicht des historischen Buddhas. Er hat immer auf den Dharma anstatt auf seine eigene Person verwiesen, ganz im Unterschied zu Jesus Christus oder Mohammed. Mit seinen berühmten letzten Worten hat er die Trauerneden ermahnt, nicht ihn selbst, sondern lediglich den “zeitlosen” Weg zur Zuflucht und zum führenden Licht zu nehmen.

    * Die mündliche Überlieferung im alten Indien war relativ verlässlich. Es kam im alten indien immer stark auf die innere Verwirklichung durch das Wort an. Deshalb zählte das gesprochene Wort viel mehr als das geschriebene Wort. Die Erinnerungsspezialisten, die die Worte des Buddhas auf den ersten Konzilen rezitierten, wurden von vielen anderen anwesenden Schülern streng “kontrolliert”. So konnten Fehler erkannt und ausgeschieden werden.

    * Die sich wiederholenden Passagen waren pure Erinnerungshilfen. Sie kamen nicht in den originalen Reden des Buddhas vor. Sie belegen vielmehr, dass es wirklich bloß um eine möglichst getreue Erinnerung ging. Ansonsten wären sie als Hilfen ja überflüssig gewesen.

    Neuübersetzer wie Bhikkhu Bodhi lassen sie auch weg, was ganz legitim ist.

    Sukzessive begann dann die Niederschrift der damals überlieferten Worte.

    * Wenn ich wiederholt von einem “zeitlosen Dharma” spreche, tue ich es im Sinne von Sam Harris´ Definition einer “kontemplativen Wissenschaft” in jenem grundlegenden Aufsatz zum für die heutige Zeit relevanten “Nichtbuddhismus”. Ein wichtiger Satz daraus:

    “Wenn die Methodik des Buddhismus (ethische Richtlinien und Meditation) echte Wahrheiten über den Geist und die phänomenalen Welt aufdeckt – Wahrheiten wie Leerheit, Selbstlosigkeit und Vergänglichkeit -, sind diese Wahrheiten nicht im Geringsten ,buddhistisch´.”

    [If the methodology of Buddhism (ethical precepts and meditation) uncovers genuine truths about the mind and the phenomenal world—truths like emptiness, selflessness, and impermanence—these truths are not in the least “Buddhist.”]

    Es geht um diesen in der Erfahrung verifizierbaren Kernbestand der buddhistischen Lehre, nämlich um die Entwicklung von Ethik, Ruhe und Einsicht auf der Grundlage einer systematisch und spontan eingeübten Achtsamkeit – der sich fundamental von den Glaubenslehren der Monotheismen unterscheidet. Genau deshalb ist Sam Harris mit seinem buddhistischen Praxishintergrund ein derart weitreichender und scharfer Kritiker der Monotheismen.

    Ich scheue mich genausowenig wie Harris in jenem grundlegenden Beitrag, die Glaubenslehren im Buddhismus, die jedoch – zumindest im alten Buddhismus – randständig sind, als irrelevant für uns heute im Westen anzusehen. Ich sehe den Begriff “Buddhismus” wie oben erklärt genauso kritisch wie Harris. Zur Unterscheidung vom geschlossenen westlichen “Ismus” in Bezug auf den “Buddhismus” spreche ich vom strukturell offenen “zeitlosen Dharma”, der logisch wie empirisch überprüfbar ist.

    * Der gesamte westliche Achtsamkeits-Boom mit seinem diversen therapeutischen Ablegern wäre ohne die jahrtausendealte Erfahrung mit diesem Thema und den daraus hervorgegangenen Meditationsmethoden in den buddhistischen Traditionen ganz unmöglich gewesen. Das lässt sich historisch klar zeigen (etwa in meinem Beitrag in jenem Sammelband). Die Effektivität der buddhistischen Achtsamkeitsmeditationen und der daraus hervorgegangenen westlichen Therapieformen ist vielfach neurowissenschaftlich nachgewiesen worden. Der Buddhismus boomt, weil er vielfach den Menschen hilfreiche Methoden vermittelt.

    Angesichts all dessen wirkt die Relativierung des Themas der buddhistischen Achtsamkeit durch Steingass bemerkenswert realitätsverneinend.

    * Ich schreibe hier keinen wissenschaftlichen Aufsatz, sondern Beiträge für eine breitere Leserschaft, um “in der Szene” sowie für die zunehmende Zahl interessierter Außenstehender wichtige Diskussionen anzuregen oder auch zu ihnen beizutragen. Zu diesem Zweck beziehe ich klare Positionen.

    Wenn ich von der “Lehre des Buddhas” spreche, meine ich die Lehre gemäß den ältesten vollständig überlieferten Redensammlungen des historischen Buddhas im Palikanon. Denn sie sind vom wissenschaftlichen Standpunkt unsere insgesamt verlässlichsten Quellen zu den Aussagen des Religionsbegründers. Wenn ich sage “Der Buddha hat gelehrt, dass” meine ich immer, “Gemäß der Überlieferung hat der Buddha gelehrt, dass” oder “Gemäß den alten Quellen hat der Buddha gelehrt, dass”.“

    Den ganzen Beitrag kann man hier nachlesen: http://www.buddha-heute.de/blog/buddhas-lehre-fur-heute/#comment-3655

  7. 

    Joachim schrieb: „JEDES System, jedes Konzept ist lediglich ein Versuch, die Wirklichkeit erkennen und kontrollieren können. Egal ob Wissenschaft, Spieltheorie, Buddhismus, Dekonstruktion oder Marxismus: All diese Systeme versuchen die Welt nach ihren Vorstellungen zu Formen. “

    Meinst du wirklich, das ein Konzept aufzubauen das selbe ist, wie ein Konzept zu zerstören?

    Joachim schrieb: „Es kann sein, dass in 100 Jahren alle Schulen dieser Welt ganz selbstverständlich Achtsamkeit und Glückskunde unterrichtet werden.“

    Und wir werden uns nach der islamischen Scharia sehnen.
    Ich hoffe, das sind nur Allmachtsfantasien einer (Möchtegern)Sekte.

    (Schon von einem Achtsamkeitsmeditationsboom zu schreiben ist ja sehr seltsam – von was für einer Größenzahl sprechen wir?).

    Ich hoffe, die Welt ist zu pluralistisch und zu intelligent (naja, das sei zu bezweifeln), als sich in eine Richtung drängeln zu lassen.

    Und ich denke auch nicht, das sich die buddhistische Ethik durchsetzen wird (Alkoholverbot hat man ja schonmal in Amerika probiert und es war nicht so ein großer Erfolg).
    Die Frage ist letztlich: Brauchen wir Techniken zur Achtsamkeit und brauchen wir Ethik? Ich hab den Eindruck, daß Menschen, die keiner formalen Ethik folgen, meist ethischer leben. Ähnliches gilt auch für Achtsamkeit. (Und es gibt eine Weltreligion – den Daoismus – die formale Ethik als Holzweg, als destruktiv ansieht. Wie groß die Bedeutung die formale Ethik innerhalb des Buddhismus wirklich ist (man denke an Katzen umbringende Zenmeister oder an den Amidabuddhismus, wo die Silas keine wesentliche Rolle spielen) ist dann noch eine andere Frage.

  8. 

    Zu einem fiktiven Urbuddhismus: Alle Richtungen fehlen meiner Meinung nach verschiedene Dinge:
    Die Lebendigkeit einer Tradition (es ist halt nur eine Kopfgeburt)
    Ein monastischer Orden
    Ein lebender Buddha
    Und ein Großteil bleibt immer noch Interpretation
    Und sie übernimmt die Fehler Buddhas

    Zu: Ich nehm mir ja nur ein paar Teile daraus:
    Klar, kann man machen. Inwieweit man dann aber wieder in die selben fallen tappt, die ja hier kritisiert werden, ist eine andere Frage.
    Es ist die Frage, ob man das dann noch unter dem Label Buddhismus laufen lassen sollte. Wenn ich gern Oblaten esse und Wein trinke, muss ich das ja auch nicht Christentum nennen.
    Sicher kann man Achtsamkeit (Naja, müsste man erstmal sehn, was das überhaupt sein soll – siehe den schon von mir erwähnten Brad Warner Artikel) praktizieren (und von mir aus auch Steine streicheln und lächeln). Aber genauso kann man Joggen oder Yoga oder Tai Chi oder Boxen praktizieren oder auf die Jagd gehn oder mit Freunden in die Kneipe oder die Welt retten.
    Es ist ein Möglichkeit seine Zeit zu gestalten von vielen. Nicht besser und nicht schlechter als andere.

  9. 

    Was heute fehlt, ist ein neuer Deshan.
    Das war der Typ, der die Katze durchgeschnitten hat.
    Ein wahrer Revolutionär seiner Zeit.
    Heraus kam Chan/Zen. Die damalige Essenz.

    Da es heute aber rtl und rtl2 gibt, müsste man sich schon was dramatischeres einfallen lassen.

    Eine bevorzugte Möglichkeit, seine Zeit „zu gestalten“ scheint hier das Rum-Labern zu sein (die einen sagen so, die anderen so; pubs!).
    Wenn es noch ein gepflegter Nihilismus wäre…

    Ich könnte es noch drastischerer formulieren.
    Aber dann ist der Un-Buddhisten-Blog nicht mehr jugendfrei.

  10. 

    @Jinen
    Den „Katzen umbringenden Zenmeister“ hast du nicht verstanden.
    Das arme Kätzje.

  11. 

    @Joachim. Ich stimme Dir im Ganzen zu. Ja, um etwas wertvolles von dieser “reichhaltige kulturelle Schatz” zu erschaffen ist auf jeden Fall komplex. Genau deswegen brauchen Wir scharfe Kritik, wie die von Matthias.

    Ich verstehe nicht Dein Punkt von “mindestens drei verschiedenen Formen.” Warum nur drei?

    Ich glaube übrigens nicht dass wir auf der Suche nach einem universalen Paradigma hier sind, sondern immer nach einem ganz immanenten, lokalen.

  12. 

    Jinen. Danke, du führst ein paar weitere wichtige Punkte an, an denen man die Willkur der Deutung sieht. Von Grimm bis Batechlor und anderen heutigen Deutern des Buddhismus ergibt sich damit das Bild einer Deutungsgeschichte des Buddhismus im Westen in die sich auch Hans Gruber einreiht. Zum Beispiel mit seinem permanenten Verweis auf Sam Harris als den nun endlich wahren Buddhisten. Oder auf Gen Gendlin – Focusing – der sich auch irgendwie, laut Gruber, richtig buddhistisch anhört. Ich finde den blinden Fleck solcher Leute wirklich belustigend: sie sind Teil einer Kette von Deutungen, sehen sich selbst aber stets als das Nonplusultra.

    Dein Einwand, das Gebet der Benediktiner betreffend ist auch sehr wichtig. Es gibt einen Mode, Buddhisten bei ihrer Meditation das Gehirn zu scannen. Ja warum macht man das nicht wenn Christen beten, Sufis sich im Kreis drehen, Oshos Jünger ichweisnichtwas machen, Moslems sich gen Mekka wenden oder ins Gebet vertieft den Stein umkreisen? Hans Gruber ist im Hinblick auf diese Frage ein schönes Beispiel für die Arroganz und Naivität eines X-Buddhisten. Er sagt:

    Die Effektivität der buddhistischen Achtsamkeitsmeditationen und der daraus hervorgegangenen westlichen Therapieformen ist vielfach neurowissenschaftlich nachgewiesen worden.

    Mag sein, nur andere Formen der Achtsamkeit, werden einfach nicht untersucht. Das ist genau das was man an diesen Leuten kritisieren muss: Sie halten den kleinen Zirkel den sie zu überschauen in der Lage sind, für das Ganze.

    Es stimmt also wie du sagst: Die andere Frage wäre immer mit wem sich Buddhisten vergleichen. Wie man sieht besteht die Antwort eines X-Buddhisten darin eine möglichst selektive Auswahl vorzunehmen, um so eine favorisiertes Bild der Wirklichkeit zu errichten.

    Das ist ein wichtiger Punkt um den es hier geht, die Frage: Wie gestalte ich Wirklichkeit? Wie sich am Beispiel Hans Grubers zeigt, tut der X-Buddhismus so als könne er die Welt umfassend erklären, tatsächlich aber beschränkt er sich auf einen kleinen Ausschnitt der Welt die er dann fürs Ganze nimmt. Gruber behauptet z.B.:

    „Der in Europa sehr populäre Vipassana-Lehrer Bhante Sujiva vertritt die Haltung, dass sich durch konsequente Achtsamkeitspraxis jedes Problem lösen lasse; und zwar auch solche, für die gewöhnlicherweise Therapeuten als zuständig erklärt werden.“

    Das ist die typische Hybris: Man vernarrt sich in ein Technik und die soll dann für alles gut sein. Was soll man dazu noch sagen?

    Wie gestaltet man Wirklichkeit? Joachim wendet ein „JEDES System, jedes Konzept ist lediglich ein Versuch, die Wirklichkeit erkennen und kontrollieren können. Egal ob Wissenschaft, Spieltheorie, Buddhismus, Dekonstruktion oder Marxismus: All diese Systeme versuchen die Welt nach ihren Vorstellungen zu Formen.

    Das stimmt eben so nicht. Dekonstruktion und Marxismus sind Versuche zu verstehen, wie wir unsere Wirklichkeit formen. Sie verstehen, daß es uns normalerweise nicht-bewusste Kräfte gibt, nach denen wir unsere Wirklichkeit formen. Das ist etwas ganz anderes als ein X-Buddhismus der willkürlich Aspekte aus der Wirklichkeit heraus greift deren Formgebungsgesetze ihm nicht bekannt sind, um mit diesen dann alle Wirklichkeit zu erklären. Derrida macht mit seiner Dekonstruktion z.B. deutlich, daß es ein Original, im Sinne der Präsenz einer einzigartigen Identität von etwas, nicht gibt. Am Beispiel Hans Gruber wird jedoch deutlich, daß ein X-Buddhist das überhaupt noch nicht verstanden hat. Die Dekonstruktion selbst hat zwar den Schwachpunkt, daß sie statt der Identität dann die Differenz verabsolutiert. Aber zumindest befreit sie einen aus der Falle einer Originalitätssucht.

    Auch eine tatsächliche Wissenschaft, also eine die sich nicht an den Kapitalismus verhurt, sondern einem Objekt möglichst unvoreingenommen gegenüber tritt und es zu untersuchen beginnt, wobei sie auch die Bedingungen mit bedenkt, unter denen sie ihre Erkenntnisse gewinnt, um dann zu einer Theorie zu gelangen, ist nicht etwas das sich die Welt naiv nach seinen Vorstellungen formt. Eine solche Wissenschaft als einen weiteren willkürlichen und beliebigen Versuch darzustellen eine Vorstellung von der Welt zu bekommen, ist das typische postmoderne Missverständnis: Nichts ist war, alles ist erlaubt. Das stimmt so nicht.

    Deswegen ist die Frage wichtig, was wir mit dem Material machen? Oder besser wie wir mit ihm umgehen.

    Mit einem hat Hans Gruber halbwegs Recht, meine Argumentation ist (zumindest teilweise) eine „relativistische“. Ich sage, es gibt zumindest die Möglichkeit, daß alles ganz anders sein könnte, weshalb die Suche nach einem Original (wenn man mal vom dekonstruktivistischen Fangschuss absieht, der das Original sowieso ins Nirwahna befördert) Zeitverschwendung ist. Die beispielhaft x-buddhistische Antwort von Hans Gruber auf dieses Problem ist, Gegenargumente ignoriere ich, ich behaupte einfach weiter,daß das Original existiert. Die postmoderne Antwort ist, prima alles ist möglich, also kann ich mir raussuchen was mir passt.

    Diese zwei Varianten gibt es. (Wobei man bei einem Hans Gruber noch fragen sollte, ob er wirklich so antisynkretistisch ist, wie er tut? Bei ihm passt sich ja auch alles was er braucht in seinen X-Buddhismus ein – egal ob Sam Harris oder Gen Gendlin. Im Prinzip ist das genauso postmodern (und selbstverliebt) wie jede x-beliebige neue Tantraschnulze.)

    Die Frage ist, müssen wir uns bei dem Umgang mit dem Material mit diesen zwei Varianten zufrieden geben? Es gibt die infantile Regression hin zu einem erträumten Original, und es gibt die postmodern-manische alles-ist-möglich-Variante. Erstere beschneidet nach einem biografisch bedingten Willkürmuster, Letztere ergibt sich einer unkontrollierten Sammelwut, die keine Unterscheidung mehr kennt.

    Meine „relativistische“ Analyse könnte zu der Annahme verführen, ich tendierte zu Letzterem. Ich glaube aber nicht, daß man auf die beiden genannten Möglichkeiten beschränkt ist. Hier wird wichtig was Glenn anmerkt:

    Ich glaube übrigens nicht dass wir hier auf der Suche nach einem universalen Paradigma sind, sondern immer nach einem ganz immanenten, lokalen.

    In dieser Hinsicht denke ich, daß zunächst eins wichtig ist. Der X-Buddhismus geht davon aus, daß der Dharma ein universales Paradigma ist (das sich nichtsdestotrotz an jegliche Situation anpassen lässt) an dem sich der Mensch zu orientieren hätte. Es kommt darauf an, diese Relation umzukehren. Der Mensch und der Gedanke sind zuerst da. Und diese Operation darf nicht so aussehen, daß „noch mal was drauf gepackt“ wird (wie Jinen im anderen Thread vermutet). Das Ergebnis sollte so aussehen, daß jedes Paradigma durch diese Operation entuniversalisiert wird. Egal welchen Gedanken man hat, und irgend einen hat man immer, der Gedanke ist zuerst als ein Ausdruck der Wirklichkeit da. Damit wird jeder Gedanke zu einem lokalen Ausdruck von Wirklichkeit. Man kann aber nicht umgekehrt von diesem Gedanken auf die Wirklichkeit als solche schliessen. Damit bleibt weiter jeder Gedanke denkbar – Palibuddhismus, Dekonstruktivismus, Zen, Marxismus usw. – aber keiner dieser Gedanken kann mehr die Wirklichkeit absolut gestalten. Das hat zur Folge, daß auch Gedanken über den Menschen und seine Natur zu lokalen Gedanken werden. D.h. ein Gedanke über die Natur des Menschen kann nicht mehr verallgemeinert werden. Vieles im Buddhismus dürfte damit als heute irrelevante lokale Erscheinung weg fallen. Oder Aussagen wie alles Leben ist Leiden wie Jinen anmerkt, werden höchst fragwürdig. Allerdings ist das keine postmoderne Beliebigkeit, da aus den lokalen Gedanken lokale Notwendigkeiten entstehen….

  13. 

    Die Frage, was machen wir mit dem Material – und wie gehen wir damit um? halte ich für relativ einfach – wir machen nämlich das, was wir immer mit Materie und Material machen – wir assimilieren es. Und da gibt es sicherlich kulturelle Unterschiede, wie das am Beispiel Chinas zu sehen ist, wobei es sich hier auch um eine Folie handelt vor der bestimmte Prozesse betrachtet werden. Kopieren ist die Form der Aneignung, die auf direkte Eroberung und Vereinnahmung verzichtet, damit aber das Original einer Kritik unterzieht und es auch entwertet. Die Suche nach dem Ursprung und dem Kern der Lehre ist gleichfalls eine Form der Aneignung, die in unserer Kultur gründet und mit der Frage des Nutzen verknüpft ist. Litsch und Gruber sind daher Verkäufer, die Ideen, Ideologien handeln, wie Autos oder Waschmaschinen. Deshalb sind sie Zwischenträger, Vermittler und nicht Produzenten, Konsumenten oder Nachahmer. Sie sind aber auch nicht Gründer oder Stifter oder Erfinder einer Idee, die gleichsam Bestehendes zerstört und sich durchsetzen muss gegen das Vorhandene, wobei diese Durchsetzung vom Gründer entkoppelt erfolgt, denn sie würde die Gründungsidee u.U. beschädigen. Hier sehe ich Batchelor angesiedelt, der sich als Neugründer versucht, aber doch nur eine Form der Assimilation schafft.
    Ich denke, man muss alle diese ideologischen Plattformen verlassen und sich auf die Singularitäten (Systemtheorie) einlassen, die dann auf lokaler Ebene sich bewähren oder nicht. Hier liegt dann auch die Freiheit jedes Einzelnen, sich seine eigene Idee von der Welt zu basteln und sie mit seinen Freunden zu teilen. Und wenn was dran ist, dann wird die Sache kopiert. Kritik ist dabei notwendig als Entkernung und wildes Kopieren ist ebenfalls notwendig als Verbreitung, solange noch keine Tradition (Produktion – Verfahren zur Kopie eines Prototyps – und Vertrieb) aufgebaut ist.
    Nach einem universalen Paradigma braucht man nicht zu suchen – das gibt es bereits und findet sich im chinesischen Tiānxià – Alle unter dem Himmel – die Frage ist bloß, wer ist mit „Alle“ gemeint? Dieser Universalitätsanspruch hat auch das Christentum und der Islam, und natürlich auch der Kapitalismus, der ein religiöses Paradigma ist. Selbstverständlich ist der Dharma – das Gesetz – dieser universale Anspruch auch.

  14. 

    Nochmal zu den Forschungen. Ich hab gestern nen (allerdings auch schon 2 Jahre alten) Vortrag über Meditation und Hirnforschuing gehört. Da meinte jemand, sie würden gern auch vergleichende Studien durchführen, nur kann man in der Röhre weder Yoga noch Tai Chi machen. (Und ich fänd ja auch interessant andere dann auch zu testen – jemand, der regelmäßig angelt, jemand, der jeden Tag ne Stunde auf ner Bank sitzt und in nen Fluss schaut, jemand, der jeden tag in seinem Schaukelstuhl auf dem Balkon ne Stunde lang ne Pfeife raucht – um auch Sachen einzubeziehen, die für den Buddhisten absolute No gos wären).
    Wie man die Ergebnisse deutet, ist halt auch noch eine umstrittene frage.

    Und selbst wenn man sie so interpretieren würde, daß die Übungen einen Nutzen haben, wäre doch auch noch die Frage in Bezug auf was. (Auf Gesundheit und Langlebigkeit sicher nicht unbedingt, die Ikone der Tabakindustrie Helmut Schmidt wurde ja wesentlich älter als der letzte Karmapa z.B.). Man sollte also erst einmal klären, was überhaupt die Ergebnisse an Aussagekraft haben. (Und ob diese Aussagen irgend etwas mit den Zielen der jeweiligen Religion zu tun haben).

    Dann erinnere ich mich (hab ich glaube schonmal erwähnt), das jemand ein Interviewbuch geschrieben hat mit Leuten, die Einheitserfahrungen hatten/haben. Dabei stellte er zu seinen großen Erstaunen fest, das ein großer Teil von ihnen weder spirituelle noch meditative noch integrale Übungen praktiziert haben. (Mich erinnert das auch an U.G. Krishnamurtis Aussage, das Erwachen (oder Kalamität, wie er es nannte) nicht wegen, sondern trotz Meditation geschah). Jemand wies auch drauf hin, daß drei der größten Heiligen des Hinduismus im 20. Jh. (Ich erinner mich an Ramana Maharshi) vor ihrem Erwachen keine Übungen praktiziert haben.
    So wär auch mal die frage zu stellen, wie groß der ursächliche Zusammenhang zwischen Übung und Erwachen (was immer das sein mag) überhaupt ist.

    Auch würde ich Grubers Allmachtfantasien einer Technik nicht auf den gesamten Buddhismus übertragen. Da gibt es auch entgegengesetzte Ansätze (wenn ich mich recht erinnere sogar im Theravada). Und hier müssten doch selbst die integrale Fraktion protestieren. Ich bin da sicher weniger bei Gruber, eher bei Mr. Wilson (zumindest was dieses Zitat angeht):
    „Die spirituelle Szene ist die Ansammlung der größten Egos überhaupt. Es ist die Ansammlung der größten Spinner und egozentrischten Gutmenschen, durchmischt mit verirrten Drogenheinis, die erst mal auf Entziehung müssten.

    Nahezu alle in dieser Szene wären in einer soliden Psychotherapie besser aufgehoben als bei einem spirituellen Lehrer, da es diesen Menschen in erster Linie um die Beseitigung ihrer tiefsitzenden Lebensprobleme geht und nicht um die mentale Befreiung. Lebensprobleme wird es aber auch nach der Befreiung geben…“

  15. 

    Noch ein paar Gedanken zu einer Konstruktion eines Urbuddhismus (Auch betreffend des „reichhaltige kulturelle Schatzes“). In Teilen geht er mir nicht weit genug zurück (Obwohl sowohl Grimm als auch Batchelor ein paar Ansätze haben). Letztlich bräuchte es ein Studium der vorbuddhistischen Tradition (besonders der Upanishaden) um zu sehn, was lehrt da der Buddha anderes (Grimms Ansatz war ja in die Richtung gehend: eigentlich nichts, andere würden sicher die Anatman Lehre dazu zählen, (obwohl man selbst da schauen kann, wie weit weg sie wirklich von einer Atman=Brahman-Lehre ist) und in einer partiellen Abwendung vom Götterglauben). Dahinter steht sicher auch ein wenig die Frage, inwieweit ist es sinnvoll, dieses vorbuddhistischen Glauben auch zu übernehmen.

    Auch finde ich interessant zu schaun, inwieweit Gruber und Co. auch Dinge in den Palikanon hineinlesen, die da nicht da sind. Man könnte ja genauso Buddhas Abkehr und auch nicht Zurückkehr zum Königsamt als Abkehr von einem engagierten Ansatz, um die Welt zu verbessern, sehn.

    (Überhaupt ist es da interessant, wie man ihn verschieden lesen kann. Das fängt ja damit an, das Buddhisten meinen, seine Praxis hätte ihn zum Erwachen geführt, aber nicht sein Asketentum, danach hat er aber wohl nur ne Nacht praktiziert oder vielleicht auch nur einfach unter einen Baum gesessen. Man könnte es also auch so lesen, daß es Einsicht in die Sinnlosigkeit seiner Praxis war. Eine zweite Ebene ist, daß Buddha als die Verkörperung von Mitgefühl gilt. Auch hier ist eine realistischere Sichtweise, daß er Frau und Kind verliess, und nach seinem Erwachen auch nicht zu ihnen zurückkehrte (sie lediglich später in seinen Orden aufnahm – zumindest seinen Sohn). Mitfühlendes Handeln sieht meiner Meinung nach anders aus.)

    Aber letztlich ist die Frage, was bringt dieser „reichhaltige kulturelle Schatz“ wirklich mehr, was ein einfaches Dasitzen und Nichtstun oder als andere Ansätze wie Daoismus oder upanischadischer Hinduismus oder Christentum oder meditativer Atheismus oder Yoga nicht bringen.

    Zum Thema „reichhaltiger kultureller Schatz“ fällt mir auch noch Ein Satz aus dem „Über Zen“-Text von Daio Kokushi ein:

    „In der Absicht, Blinde anzuziehen,
    ließ Buddha seinem goldenen Munde
    spielerische Worte entspringen;
    seitdem sind Himmel und Erde
    überwuchert mit dichtem Dornengebüsch.“

    Vieles im westlichen Buddhismus kommt mir wirklich wie die Tätigkeit von Dornengebüschpflegevereinen vor.

  16. 

    Dieses wortreiche Eingeständnis der eigenen Ratlosigkeit ist ohne Zweifel lobenswert, auch wenn es als eine unausweichliche Folge solcher Art des Herangehens längst absehbar war.

    Liegt da etwa tatsächlich ein fälliger Entschluss in der Luft, ob das Erbe, „dieser reiche kulturelle Schatz“, nun angetreten oder abgelehnt werden soll?

    Wohl kaum, es ist bloss eine bedauernswerte, allmählich chronische, lähmende Entscheidungsunfähigkeit, – da die aufregende Aussicht auf spirituelle Benefits, und die Hoffnung, den Durst endlich an der Quelle stillen zu können, – dort der oberkluge Verzicht wegen mutmasslich unberechenbaren Folgekosten, und die belastende Befürchtung, in der globalen religiösen Lotterie doch nur eine Niete zu ziehen.

    Eine sofortige Erste-Hilfe-Massnahme wäre übertrieben, aber die Erkenntnis, dass es sich eben um eine kolossale Aporie handelt, die der griechische Zeitgenosse des „Phantoms“ in die Worte „ich weiss, dass ich nicht weiss“ fasste, mag zumindest palliativ wirken.

    Für das weitere Vorgehen wird eigentlich von allen Weisen, welche diese Welt „besucht“ haben, empfohlen, zuerst bei sich selber nach dem Grund dieser Ratlosigkeit zu suchen. Das „Phantom“ hat diesbezüglich schon mal ein paar, möglicherweise noch heutzutage hilfreiche, Tipps beigesteuert, zB was die kleine Menagerie betrifft, die jeder Mensch seiner Meinung nach unterhält, nun, etwas derber ausgedrückt, der Stall eben, mit Hahn, Schlange und Schwein … man versteht …

    Dass all diese Einsichten nun mal fürs Erste nicht wirklich glücklich machen, liegt auf der Hand.

    And: That’s dukkha. –> Embrace dukkha.

  17. 

    Das Phantom ist genau hier beschrieben – danke für den Hinweis auf
    Daio Kokushi

    Es gibt eine Wirklichkeit, die vor Himmel und Erde steht.
    Sie hat keine Form, geschweige denn einen Namen.
    Augen können sie nicht sehen.
    Lautlos ist sie, nicht wahrnehmbar für Ohren.
    Sie Geist oder Buddha zu nennen, entspricht nicht ihrer Natur,
    wie das Trugbild einer Blume wäre sie dann.
    Nicht Geist noch Buddha ist sie,
    vollkommen ruhig erleuchtet sie in wunderbarer Weise.
    Nur dem klaren Auge ist sie wahrnehmbar.
    Das Dharma ist sie und jenseits von Form und Klang.
    Das Dao ist sie, und Worte haben nichts mit ihr zu tun.
    In der Absicht, Blinde anzuziehen,
    ließ Buddha seinem goldenen Munde
    spielerische Worte entspringen;
    seitdem sind Himmel und Erde
    überwuchert mit dichtem Dornengebüsch.
    O meine lieben und ehrenwerten Freunde,
    die ihr hier versammelt seid:
    wenn ihr euch danach sehnt,
    die donnernde Stimme des Dharma zu hören,
    gebt eure Worte auf, entleert eure Gedanken,
    dann kommt ihr so weit, das eine Sein zu erkennen.

    Und von diesem Standpunkt aus ist das Phantom nichts anderes als der Handkäs. Leider braucht es eben Zeit, bis das erkannt wird – das eine Sein – Handkäs.

    Btw – wie quotiert man hier oder schreibt kursiv?

  18. 

    G.K. fragt

    Liegt da etwa tatsächlich ein fälliger Entschluss in der Luft, ob das Erbe, “dieser reiche kulturelle Schatz”, nun angetreten oder abgelehnt werden soll?

    Erbe annehmen oder ablehnen? Das suggeriert, daß was fertig vorliegt das anzunehmen wäre. Daß man davon nicht ausgehen kann ist die Assage des Textes. Die Frage ist, was will man mit dem Material machen. Eine Antwort gibt die spirituelle Szene, wie Jinen schreibt: „Die spirituelle Szene ist die Ansammlung der größten Egos überhaupt.“ (Jinen, ist das der Rober Anton Wilson?) Um diese Materialverwendung geht es nicht – sich das Ego aufpumpen. Apropos, bist du da vor sicher? Du klingst wieder so… wie soll ich sagen? Altmeisterlich.

    Wie Jinen sagt, die Frage ist auch, will man überhaupt was damit machen? Ich tendiere da eher zu einem Nein. Jedenfalls was so versimplifizierte Rezepte mit Hahn, Schlange und Schwein angeht… und dann Dukkha erkennen. Bitte, ich kann’s nicht mehr hören. Dieses ganze Geraune.

    Da finde ich Aikos Vorschlag über Singularitäten nachzudenken wesentlich interessanter. Singularitäten

    die dann auf lokaler Ebene sich bewähren oder nicht. Hier liegt dann auch die Freiheit jedes Einzelnen, sich seine eigene Idee von der Welt zu basteln und sie mit seinen Freunden zu teilen. Und wenn was dran ist, dann wird die Sache kopiert. Kritik ist dabei notwendig als Entkernung und wildes Kopieren ist ebenfalls notwendig als Verbreitung, solange noch keine Tradition (Produktion – Verfahren zur Kopie eines Prototyps – und Vertrieb) aufgebaut ist.

    Da steht jedem frei mit dem Material zu machen was er will. Beispiel => hier.

    Danke auch Jinen für dein ergänzenden Widersprüche. Die Beispiel Yoga und Tai Chi zeigen, daß man manchmal was nicht messen kann, weil es nicht in die Maschine passt.

    Und U.G. Krishnamurti betreffend. Ich weiss zwar kaum was über den, aber er scheint schon eher ein Interessanter zu gewesen sein.

    Ja und vielleicht ist meine Fomulierung „reichhaltiger kultureller Schatz“ schon viel zu pathetisch.

    Vielleicht kann man mit der Frage, was soll man damit machen?, die Frage verbinden, was soll ich tun?

    ——–

    Aiko. Man kann in diesem WordPress-Theme in den Kommentaren leider nicht quotieren. Deshalb kursiviere ich immer Zitate, damit sie etwa rausstehen. Dazu kann man die üblichen html-Dinger nehmen: siehe => z.B. hier

  19. 
    symptomträger 5.3.13 um 15:07 UTC

    „was soll ich tun?“
    tu was du willst!

  20. 

    Geschichtlich betrachtet war der „Buddhismus“ nicht gefeit gegen manichäistische Tendenzen und ist es auch heute nicht (… wir sind die Guten, die andern die weniger guten …)

    Deswegen ist berechtigtes Misstrauen oder sogar dezidierte Ablehnung gegenüber gewissen Repräsentanten eines X-Buddhismus durchaus angebracht.

    Die Annahme, dass der grösste Teil des „Buddhismus-Wissens“ (und seiner Kritik) auch bei Unbuddhisten vermutlich nicht aus der eigenen Erfahrung stammt, sondern Wissen aus zweiter, dritter, vierter Hand darstellt, dürfte nicht so falsch sein. Fast unser ganzes Wissen ist in dem Sinne ausgelagertes Wissen, von andern Menschen erzeugtes Wissen, dessen wir uns gerne und ständig bedienen.

    In diesem Sinne betrachtet, liegt der Vorteil einer Sangha unter anderem darin, durch die stattfindende soziale Kommunikation, first hand-Informationen und einen „angenehmen Episodenfluss“ zu erzeugen.

    Da Unbuddhisten nun gerne auf dem Trapez rumturnen, sei angemerkt, dass beide Wissenskomplexe, der 2500 Jahre alte „buddhistische“ und der moderne, letzten Endes auch wieder nur Episoden in einem viel grösseren Entwicklungsvorgang darstellen, – dass also ein doppeltes Netz gespannt ist.

    Daher wäre es das Mindeste, von ihnen erwarten zu dürfen, auf einen Modus des „kooperativen Zweifels“ umzuschalten, in dessen Rahmen dieser „reiche kulturelle Schatz“ an Wissen gehoben werden kann, dh einer radikalen text-kritischen Neubeurteilung unterzogen und auf eine Kompatibilität zu unserem modernen Wissen überprüft werden kann.
    Das bedeutet vor allem, einigen wenigen spezialisierten Sprach- und Kulturwissenschaftlern zu trauen. Und der freien Presse, zu der dieser Blog hier ja auch (noch) zu zählen ist.

    Sonst bleibt den Unbuddhisten, den kühnen Protagonisten eines „generalisierten Misstrauens“, eines Tages nur noch übrig, den ganzen „Buddhismus“ zu einer „Nirvana-Hoax“ zu erklären …

    Das wäre doch wirklich schade …

  21. 

    Hi G.K., ich kann deine herablassende Art verstehen. Ich bin ja schliesslich selbst so. Der Unterschied ist, daß ich Argumente benutze.

    Es geht hier in diesem Text um ein paar davon. Ich hatte eigentlich erwartet, daß jemand Gegenargumente bringt. Aber das trifft wohl nicht zu. Ich hatte diese Diskussion schon mal mit einem Bikkhu, der hat sich wenigstens gewehrt, und zwar nicht mal schlecht.

    Ohne diese Gegenargumente bleibt die Aussage stehen, daß diejenigen die nach einem historischen Buddha und nach einem originalen Buddhismus suchen, den Schildbürgern vergleichbar sind, die erst ein Rathaus ohne Fenster bauen und dann das Licht in Eimern rein schleppen wollen.

    Auch du könntest auf die Argumente eingehen anstatt von einem „generalisierten Misstrauen“ zu sprechen.

    Das Projekt das dir vorschwebt, die radikale text-kritischen Neubeurteilung und eine Prüfung der Kompatibilität zu unserem modernen Wissen, wie kann man sich das im einzelnen vorstellen?

  22. 

    Dein kleiner Handkäs gegen meine rollenden Emmentaler, da hast Du keine Chance …

    Bitte versteh mich nicht immer falsch, das ist mitnichten herablassend gemeint, im Gegenteil! Du hast einen sehr umfangreichen, interessanten Text lanciert, dazu sind viele Kommentare eingegangen, erste Standpunkte und Meinungen folgten, und jetzt könnte die Diskussion losgehen.

    (Da wäre es im übrigen hilfreich, wenn Deine Texte übersichtlicher strukturiert wären, entweder mit Titeln und Untertiteln, oder mit Abschnittszahlen, etc., und die Kommentare laufend auch mit Nummern versehen würden, wordpress kann das …)

    Im ersten Abschnitt nimmst Du Bezug auf die „Herren Gruber & Litsch“.
    An den Texten von H. Gruber gibt es für mich nichts auszusetzen, sie sind fundiert, das sind immer klare, ruhige Formulierungen. Mag ich.

    Den Ausdruck „Kinderreligionen“ halte ich auch für missglückt, besser wäre „Waisenkinder-Religionen“, denn in diesen Religionen ist immer bloss von einem Gott Vater, von einem Schöpfer die Rede, – ja, was ist denn mit der Gott Mutter passiert? Aha, hier ist doch tatsächlich der Gipfel des patriarchalischen Denkens erreicht, aus heutiger Sicht aber stellt dies die frechste Usurpation der seit jeher vor den Augen aller sich abspielenden weiblichen Schöpfung des Lebens dar. Und weil dieses Denken, diese Mythen immer noch sehr stark unsere Verhältnisse (natürlich nur ausserhalb des stillen Kämmerleins) in eher negativer Weise bestimmen, finde ich die leicht kritische Bezugnahme von H. Gruber allemal für gerechtfertigt.

    Davon ausgehend fände ich es also wertvoll, die Begriffe „gender/sex“ mal auf den „Buddhismus“-Komplex anzuwenden, immer auch im Vergleich zu den vorderorientalischen Vaterreligionen, dh was hat der „Buddha“ ursprünglich dargestellt, was stellt er heute dar, passt dies zu unserer Lebenswirklichkeit?

    Urspünglich aus einer Kriegerkaste stammend, tritt (vielmehr sitzt) er uns ziemlich als das Gegenteil eines machohaften Helden gegenüber. Ein friedlicher Mann! Wer findet denn heutzutage einen weichen Mann attraktiv? Die Frauen? Ich meine dies überhaupt nicht polemisch.

    Wem ist nicht schon aufgefallen, dass an Retreats der Anteil der Frauen durchwegs höher ist als der der Männer. Das ist bemerkenswert, weil die Welt des „Buddha“, wie sie uns aus den frühen Lehrreden bekannt ist, zwar zuerst eine fast ausschliessliche Männerwelt war, in die aber schon zu Lebzeiten des Buddha Frauen einen fast gleichberechtigten Zutritt hatten.

    In diesem Sinne, eine „Prüfung der Kompatibilität zu unserem modernen Wissen“, wie oben angeregt, wird auch Konsequenzen für „unser tägliches Leben“ mit sich bringen, egal ob wir uns nun als säkular, X oder Un betrachten.

    Du siehst, Matthias, zu welchen „tiefen“ Gedanken und Überlegungen Deine Texte animieren …

    Gruss

    Guido

    (Fortsetzung folgt)

  23. 

    Guido.

    Was die Formatierung angeht. Den Text anders gestalten kann man machen. Werde ich mal bedenken. Was die Nummerierung der Kommentare angeht, die gibt es in diesem WordPress-Theme leider nicht. Ich habe das am Anfang nicht beachtet und das Theme auf Grund des Layoutes gewählt. Irgendwann wird da eine Anpassung nötig sein. Man aber auf einzelne Kommentare mit einem Link verweisen. dazu auf das Datum des Kommentars klicken, Link aus Browser-Adressleiste kopieren und per html einbinden.

    Was Hans Gruber und Franz-Johannes Litsch an geht. Sie haben etwas zu sagen, das stimmt. Die Diskussion auf die ich mich im Text beziehe bietet reichlich Themen. Ich habe eines herausgenommen: das Original, die Suche nach dem Original und letztlich die gut begründbare Behauptung, daß das Original eine Chimäre ist. Das ist der eigentliche Punkt.

    Das mit den Kinder bzw. Erwachsenenreligionen verweist auf die typisch x-buddhistische Hybris im Buddhismus und dem was das jeweilige X beliebiger Weise darunter versteht. Jinen hat hier ein paar Beispiele für den Versuch, einen fiktiven frühen Buddhismus anhand des Palikanons zu konstruieren genannt:

    Grimm: Es gibt Seele und Wiedergeburt
    Debes: Es gibt keine Seele aber Wiedergeburt
    Batchelor: Es gibt weder Seele noch Wiedergeburt
    TNH: Nur Achtsamkeit und Ethik ist wichtig

    Die Rekonstruktionen sind beliebig und denken immer von Standpunkt aus, in dem das Bewusstsein des jeweilige Interpreten sich ausgeprägt. Hans Gruber z.B. empfindet Sam Harris als Vertreter eines „zeitlosen Dharmas“. Auch Gen Gendlin (Focusing) wird bei ihm irgendwie buddhistisch. Sicher, vorstellbar ist, daß Gruber mit „zeitlosem Dharma“ etwas meint was nicht zeitlos ist, sondern etwas das sich in ganz bestimmter Weise in der jeweiligen Zeit zeigt ohne eine eigene Form zu haben. Das wäre z.B. durch die Formel vom bedingten Entstehen ausgedrückt. Wenn das aber so ist, dann müssen wir eine andere Sprache finden und können nicht mehr von einem „herausschälen“ reden. Diese Metapher, so wie sie in dem Zitat von Gruber & Litsch verwendet wird, mündet in einen Selbstwiederspruch. Man These wäre, daß sich Hans Gruber zwar von einem allzu engen oder sogar naïv-blöden Buddhismusbild emanzipiert, daß er aber andererseits doch noch der Lehre des Phantoms einen bestimmten emotionalen Stellenwert einräumt. Als gäbe es da eine Zuflucht. Ansonsten würde er tatsächlich, wie Sam Harris das fordert und wohl auch praktiziert, aufhören vom Buddhismus zu reden. Wir könnten alle einfach sagen, ich mach Vipassana, ich mach non-dzogchen, ich mach Batchelor und was irgend ein Phantom sagte ist egal. Mit dem was dieses Phantom produzierte kann man sich aus vielen Gründen beschäftigen aber irgend ein Buddhismus muss nicht mehr im Vordergrund stehen. Aus welchem anderen Grund sollte man ihn brauchen als dem, daß er einen dogmatische Heimat bereit stellt in der man sich ultimativ absichern kann? Diese Absicherung aber gibt es nicht. Wenn man das als ultimative Aussage des Buddhismus nimmt, so wie ich sie jetzt verstehe, implodiert der „Buddhismus“. Aber man muss wirklich den Schritt tun das Etikett aufzugeben. Und ich kann dann auch nicht mehr meinen Narzissmus damit befriedigen.

    Wenn du fragst,

    was hat der “Buddha” ursprünglich dargestellt, was stellt er heute dar, passt dies zu unserer Lebenswirklichkeit?

    dann geht das nach dem vorher gesagten nur noch unter bestimmten Voraussetzungen. Daß man sich nämlich zu allererst klar zu machen versucht unter welchen Voraussetzungen ich tatsächlich denke. In Bezug auf den „Buddhismus“ ist in dieser Hinsicht der erwähnte Artikel von Linda Heuman Who’s Buddhism is Truest wirklich lesenswert. (Wäre das nicht ein nächstes lohnenswertes Übersetzungsprojekt?) Genauso wie die Metapher vom „heraus schälen“ Suggestivwirkung hat, hat das auch das Bild vom evolutionären Baum das bezeichnen soll, wie die Lehre sich entwickelt hat: Es gibt einen Ausgangspunkt, aus dem sich in vielen Verästelungen die Varianten der Lehre entfalten. Die Suggestion ist, man müsse nur an diesen Ursprung zurück, dann hätte man die ursprüngliche Lehre. Nur, hier wird wieder voraus gesetzt was es zu beweisen gälte, daß es die eine originäre Idee eines Menschen gab aus das alles hervorging.

    Hier ist Aikos Hinweis wichtig:

    Ich denke, man muss alle diese ideologischen Plattformen verlassen und sich auf die Singularitäten (Systemtheorie) einlassen.

    Das Phantom könnte eine solche Singularität gewesen sein. Nicht ein Individuum, sondern ein Ereignis. Natürlich gab es Individuen in dieser Singularität, vielleicht auch ein besonders wichtiges. Das bleibt aber mehr oder weniger historische Spekulation – (die auch völlig daneben liegen kann, wie das Beispiel Paulus, auf das Jinen verweist zeigt. Gab es Paulus wirklich?). Und es ist auch nicht wichtig. Es gab aber ein singuläres Ereignis, das offensichtlich von derartiger Kraft war, daß seine Schockwellen bis heute spürbar sind. Diese Ereignis ist aber keine Schöpfung aus dem Nichts, also etwas was plötzlich am vermeintlichen Ausgang seiner Geschichte einfach so da ist, sondern es ist schon ein Prozess der aus einer Unzahl von Voraussetzungen besteht. Das genaue Bild dieses Vorganges muss uns verschlossen bleiben (siehe meine Gründe im Text). Aber wir haben es mit einem Prozess zu tun, der bis heute andauert und in dem wir uns plötzlich, als aktiv Gestaltende!, wieder finden. Auf jeden Fall muss es einen ausserordentlich starkes Ereignis gegeben haben. Mehr kann man nicht sagen. Den guten Historikern, Archeologen, Buddhologen usw. kann man die begründete Spekulation überlassen, was möglicherweise geschah – wenn sie gleichzeitig auf die Bedingungen ihrer Erkenntnis achten.

    Man muss ich also von den suggestiven Metaphern, Vergleichen und Beispielen verabschieden. Man muss die Begierde loswerden, wissen zu wollen was wirklich geschah. Die möglichen Antworten auf meine abschliessende Frage im Text sollten unter dieser Voraussetzung stehen.

    Was passiert, wenn wir versuchen uns von diesen Voraussetzungen zu lösen, die unser Buddhabild bestimmen? Wenn wir das zur Voraussetzung machen, wenn wir mit dem Material arbeiten wollen.

    …ok, ich bin jetzt ein wenig abgedriftet. Deine gender/sex Frage Guido. MIr ist nicht ganz klar, was du damit meinst. Meinst du mit dem „friedlichen Mann“ oder dem Frauenanteil bei Retreats das Phänomen, daß wir in das Phantom hineininterpretieren was wir gerade vorfinden?

  24. 

    Matthias

    ich komme noch auf Deine Fragen zurück.

    Zuerst möchte ich jedoch auf den Kommentar von tt (02) hinweisen und den darin aufgeführten Link bezüglich TNH – was soll denn das? Wenn auch nur ein Wort auf dieser verlinkten Site wahr ist, gebe ich mein „Parteibuch“ gleich zurück … Nein, im Ernst, weisst Du diesbezüglich mehr?

  25. 

    Das tt-Link ist Spam. Ich hab’s voreilig freigeschaltet und dann stehen lassen. Es hat weder was mit diesem Thread zu tun, noch geht es dem Absender um Diskussion. Ich tippe auf nationalistische Vietnampropaganda.

  26. 

    Felix hat gestern das hier im Impressum gepostet. Die Kommentarfunktion dort war versehentlich an. Ich kopiere den Text hierher.

    ————

    Felix Lampe

    8. März 2013 um 19:10

    hallo Matthias,
    welche linkkette mich hierhin gebracht hat, kann ich nicht mehr sagen, nur: welch erfrischender fund, dein blog, in der wüste buddhistischen nichtdenkens mit ihren dharmafatamorganas. hoffe, irgendwann mal wieder mehr zeit zu haben, um mich dann an etwaigen diskussionen zu beteiligen. für heut nur dies: eben stand ich im kaiser’s über die tiefkühlpizzen gebeugt, als das sanfte shoppinggedudel unterbrochen wurde für eine noch sanftere durchsage, die folgendes ankündigte: Buddha im Boulevard.
    ich finde, punkt 10 auf der karte, den buddhamuseumsshop, hätten sie echt nicht bringen müssen, man versteht die pointe auch so…
    beste grüße aus berlin
    felix

  27. 

    Hallo Felix, willkommen und Danke für deine erfrischende positive Einstellung.

    Das Buddha-Museum aus Traben-Trarbach macht anscheinend öfter solche Veranstaltungen. Es gab auch schon eine in Frankfurt/Main. In einem großen zentralen Event-Shopping-Center, der Zeil-Galerie. Das Bild am Anfang der Glosse #00 stammt von dieser Ausstellung.

    Nach dem Ausstellungsbesuch kann man in „Deutschlands Ayurveda-Gesundheitshotel Nr. 1 nachhaltig [sic!] entspannen und regenerieren.“ Wahrscheinlich ist das auch nötig, denn wenn man sich 1800 verschiedene Buddhas reingezogen hat, ist einem vermutlich erstmal schlecht. Zum „nachhaltigen regenerieren“ empfiehlt sich noch eine CD aus dem Buddha-Museum-Museumsshop für 19,95.

    Ich frage mich allerdings ob ein ordentliches Schöppsche Moselwein da nicht besser wirkt und auch noch preiswerter ist?

  28. 

    Mal noch ne kleine Geschichte zur Erwachsenenreligion Buddhismus und zu der Vorstellung, das Vipassana alle Probleme lösen kann.
    Ne Freundin hat mir gestern erzählt, daß sie ein Gespräch mit ihrem Exfreund hatte, der so fast einmal im Monat ne Woche bei den Goenka-Leuten sitzt. Sein Vater war letztens an Leukämie gestorben und hat wohl in der letzten Zeit dann auch sehr gelitten. Aber das tat ihn nicht leid, weil es war ja seine eigene Schuld. Er hat seinen Vater ja schon 10 Jahre lang gedrängt, mit zu den Vipassana-Kursen zu kommen. Aber der wollte ja lieber mit seinen Hund spazieren gehn, als Vipassana zu sitzen. Hätte er mit Vipassana gesessen, hätte er keine Leukämie bekommen (Was er ihm auch gesagt hat).

    Vielleicht ein extremes Beispiel. Aber aus meiner Sicht ist das nicht so weit weg von einem extrem fundamentalistischem Christentum. Ich glaube, daß viele Leute, die “Kinderreligionen” angehören, oder Atheisten, die weder an Ethik noch an Meditation interessiert sind, sich angemessener verhalten hätten.

    Vom ehrwürdigen Ole Nydahl stammt der Satz (meiner Meinung nach das beste, was er je gesagt hat): Sieh dir dir deine Lehrer und langjährige Praktizierende an und überlege dir, ob du in 10 oder 20 Jahren auch so sein willst wie sie. (Passt ja fast auch zum „Zen hat keine Moral!“-Artikel)

  29. 

    Jinen, ja ein trauriges Beispiel. Und es passt gut zu der Verwirrung die bei vielen Menschen entsteht, die ihr Heil in einer Religion suchen – sei es Buddhismus oder was auch immer. Das kann nur aus einer Heilserwartung entspringen, die (auch) in sektenartigen Strukturen à la Zernikow und Shimano zu finden ist.

    Den Satz von Dilpomlama Ole kann ich nur unterstreichen (und ich möchte nicht so werden wie er).

  30. 

    Hans Gruber hat nun einseitig die Diskussion – die einzig er und niemand anderes erwünscht und ins Leben gerufen hat – beendet. Sie ist ein schönes Beispiels dafür, wie man sich im „Gesetz des Dharma“ verfangen kann. Buddhismus auf dieser Ebene macht für mich keinen Sinn.

    http://www.buddha-heute.de/blog/buddhas-lehre-fur-heute/

  31. 

    Lieber Joachim,
    das ist das gute Recht eines jeden Webseiten-Betreibers, so wie es auch dir bezüglich der Kommentatoren deiner facebook-Seite zusteht, die du ja auch einfach sperrst, wenn die Beiträge dir nicht in deinen Vorstellungskanon passen. Weshalb beklagst du das bei anderen, was du dir sselbst zugestehst?

  32. 

    Lieber Aiko, wo siehst du da eine Klage? Ich schreibe „Gruber hat nun die Diskussion einseitig beendet.“ Das bedeutet, die Diskussion kann nun als fertige Diskussion betrachtet und gelesen werden. Und wie gesagt ist für mich diese Diskussion ein Beispiel dafür, wie man sich im „Gesetz des Dharma“ verfangen kann.

    Es wäre schön, wenn hier wieder Inhaltliches diskutiert wird.

  33. 

    Joachim, bezüglich deiner Anmerkung zur Schliessung der Diskussion bei Hans Gruber.

    Hans schriebt z.B. „Stephen Batchelor oder andere haben schlicht und einfach nicht das ethische, geistige oder kognitive Rüstzeug, diese uralt bewährte und laut relativ verlässlichen Quellen weitgehend auf den historischen Buddha selbst zurückgehende Praxislehre des Dharma für heute “passend” zu “modifizieren” oder “aufzubessern”.

    Das ist die typische buddhistische Hybris und ich habe mich dazu schon geäussert. Es ist scheissegal ob einer Batchelor oder Gruber heisst, sie sitzen alle im gleichen Boot. Sie glauben alle an das gleiche Gespenst, den „historischen Buddha“. Alle glauben sie, daß das was ihnen die Zufälle der Geschichte an Abfällen übrig lässt das eine Echte Wahre Schöne Gute ist. Das ist ein Geschichtsbild das seit dem 19. Jahrhundert überholt ist.

    Besonders lustig auch Grubers Ablehnung des Synkretismus, wo er ihn doch selbst betreibt. Synkretismus, könnte man verallgemeinern, heisst das Eine mit dem Anderen zu erklären, ohne zu einem neunen Begriff zu kommen – und damit zu etwas überhaupt Neuem. Gruber erklärt seinen „zeitlosen“ Dharma einfach mit dem was Sam Harris ihm liefert. Ob Harris mit dem was Huber ihm da andichtet zufrieden wäre, ist noch eine ganz andere Frage? Harris lehnt den Begriff „Buddhismus“ insgesamt ab, weil der Begriff eine westlich-esoterische Heilslehre bezeichnet und nicht etwas, das dem Menschen dazu verhelfen könnte seinen Verstand zu erweitern. Paradoxer Weise sieht das Gruber selbst, bezeichnet sich aber fleissig weiter als Buddhisten. So irrsinnig muss man erstmal sein… naja, wir reden über einen X-Buddhisten, muss man sich also nicht wundern.

    Sam Harris lehnt den Terminus “Buddhismus” besonders gut begründet und besonders weitreichend ab. Denn er ist heute eindeutig der einflussreichste Vordenker mit einem “buddhistischen” Praxishintergrund, der in seinem Falle ein tiefer “Dharma”-Hintergrund ist“ schreibt Gruber.

    Derartige Satzgeschwulste sind ein typisches Zeichen x-buddhistischer Verblendung. Zirkuläres denken par excellence. Lernen kann man daraus wie diese ‚Vordenker‘ (Gruber in dem Falle, nicht Harris, den Gruber zu seinem machen will damit er sich das Nachdenken sparen kann) sich im Kreise drehen und dabei nichts sagen, als das Wasser nass ist weil es nass ist – und dabei noch glauben, man könne einen problematischen Begriff entschärfen indem man ihn Anführungszeichen setzt.

    Andererseits muss man klar sagen, daß Gruber Recht hat mit seiner Kritik an der Publikationspraxis von Buddhismus aktuell. Der aktuelle Buddhismus mag viele Idiotismen hervorbringen aber es sind eben nicht alle Menschen die sich Buddhist nennen X-Buddhisten: siehe z.B. Sulaki Sivaraksa. Der Klüngel in der Redaktion von Buddhismus aktuell ist das typische Beispiel eines narzisstischen x-buddhistischen Sektierertums. Manfred Folkers zum Beispiel, einen Schwachsinn wie seinen Beitrag in Buddhismus aktuell 1/2013 als Buddhismus zu bezeichnen, auf so eine Idee muss man erstmal kommen.

    Und du lieber Joachim ziehst am gleichen Strang – auch wenn du gerne anders tust indem du sagts, du seist kein Buddhist. Aber das ist wie mit den Anführungszeichen, man befreit sich nicht von einem Aberglauben indem man ihm einen wissenschaftlichen Anstrich gibt. Das ist die wesentliche Tätigkeit Ken Wilbers. Du Joachim zeigst zwar einige kritische Ansätze, aber du steckst selbst tief in der esoterischen Falle. Ob du das nun Buddhismus nennst oder ob es was Integrales ist, ist egal.

    Fairerweise muss man zu Gruber noch sagen, daß der Mann einfach über etwas Bescheid weiss. Das ist ein hoher Wert, vor allem in der buddhistischen Szene in der Wissen generell durch beten ersetzt wird. Man könnte mit ihm intelligent streiten. Vielleicht werde ich das bezüglich der historischen Frage noch mal tun…

  34. 

    Ja, das ist die Frage: Sind alle transpersonalen Ansätze gleich esoterische Ansätze? Gibt es überhaupt eine Transpersonalität? Also etwas, das über das Personale hinausgeht?

  35. 

    Die erste Frage kann ich nicht beantworten, da kenne ich mich nicht aus. Aber gibt es eine Transpersonalität? Wenn ich das Wort als solches nehme, als „jenseits der Person“ oder „über die Person hinaus“, dann auf jeden Fall: ja!

  36. 

    Es geht also darum, Wege zu finden, die „über die Person hinausgehen“ – und sich nicht in mythischen Geschichten oder überzogenen Heilserwartungen zu verlieren. Das würde ich als den Kern einer zeitgemäßen Spiritualität definieren (neben der Integration von Ethik und der Überwindung von struktureller Gewalt).

    Wie siehst du das?

  37. 

    Dem würde ich zustimmen. „Über die Person hinaus“ ist aber ganz materiell gedacht, also nicht jenseitig. Vielleicht sogar in einer Weise ohne Personen. Das würde die Ethik betreffen, wir würden jeglichen Narzissmus verlieren. Das heisst wir hätten, natürlich, unserer biografisch bedingten Eigenarten, wären aber in gewisser Weise nicht mehr auf sie angewiesen um uns zu definieren (wie man so schön sagt). Was die „strukturelle Gewalt“ anbelangt bin ich Pessimist – was aber wieder an meiner biografischen Eigenart liegen mag… Ich sehe nicht wie wir aus dieser Falle entkommen können, in die wir als Menschheit geraten. Wir versuchen alle auf lokaler Ebene etwas zu tun aber sobald es über unser soziales Molekül hinaus geht, sind die Strukturen der strukturellen Gewalt zu stark.

  38. 

    Ken Wilber sieht ja die Zukunft des Menschen in einer Mensch-Roboter-Verbindung. Auch wenn das erstmal abwegig klingt, so bestünde in dieser Verbindung wohl die nachhaltigste Gelegenheit die strukturelle Gewalt zu beenden. Das Intelligenzniveau würde sich einfach drastisch anheben.

    Erlaube mir, zwei links zu setzen. Einmal einen gegen den Transhumanismus. Einen, indem der Dalai Lama sich dafür ausspricht:

    http://www.sein.de/gesellschaft/zusammenleben/2013/transhumanismus-die-groesste-gefahr-fuer-die-menschheit.html

    http://2045.com/dialogue/29819.html

  39. 

    *schmunzel* Wie sich das Ego doch verstecken mag, wenn es sich selber sieht. Dann versuchen wir es als Transhumanist: will man ja was sein. Keine Sorge, Transhumanist und die Cyberspace-Extasse, ist ein guter kabarettistischer Ausdruck dafür und passt vollkommen. Sache ist halt, das sich die Künstliche Welt nun auch nicht aus dem Nichts erhält und Ernährt. Aber den Schmerzteil, kann man dann bei den Vibrationsrobotern vielleicht weglassen, was ihnen vielleicht aber keine Überlebensmotivation geben wird. Mit einem Ephatiemodul, werden sie wohl auch schnell die Sphäre der Existenz verlassen. Was für ein Eigentor in der Suche nach dem Intersein.

    Aber du bist geschickt, das muß man dir schon lassen, wie du Matthias wieder eine Fährte zu legen auf die er gleich aufspringt, in der Suche nach was festen.

  40. 

    Joachim. Wie soll den die strukturelle Gewalt durch die Mensch-Maschine verringert werden? Bzw. wie soll das durch ein erhöhtes Intelligenzniveau geschehen? Und leben wir nicht schon längst eine Mensch-Maschine-Verbindung? Was ist z.B. das Internet? Oder was ist eine Steinaxt?

    Johann. Wenn du nichts Substanzielles zu sagen hast, dann lass es ganz. Bei dir sehe ich wieso ich von euch oberlehrerhaften Buddhisten die Schnauze schon lange voll habe. Hast du irgendwas zu den Themen auf diesem Blog beizutragen? Ich kann in deinen Kommentaren nichts erkennen als den typischen buddhistischen Dünkel. Fuck off.

  41. 

    Weist du Matthias, das erinnert mich an die Zeit, als ich neben anderen Berufen auch ein paar Hardrocklokale besessen und geführt habe. Großartige Jungs and Mädls, rau ungehobelt und nicht halb so wie man glaubt, wenn sie etwas vertrauen haben.
    Dennoch hat es den einen oder anderen manchmal den Vogel raus gehauen und das einige was da geholfen hat, war ihnen am nächsten Tag ein Foto zu zeigen, wie sie sich gegeben haben. Dann war Scham wieder da und Sie hatten gelernt, das sie nicht wirklich immer wissen was sie tun und oft sehr unachtsam sind.
    Striptease hat auch sein gutes. Nimm dir nur immer Zeit, dir die alten Bilder anzusehen und manchmal hilft auch der Gedanke: „Was würde meine Mutter denken, wenn sie so ein Bild von mir sieht.“

    Rock’n’Roll hat sehr viel mit Ehrlichkeit und Charakter zu tun den krachen solch im eigenen Herz.

    Im übrigen: „If you define your self, you limit your self.“

  42. 

    Sehr geehrter Herr Steingass,

    ich verlange von Ihnen, dass Sie sich für ihre bösartige, verleumderische, verfäschende und unterstellende öffentliche Polemik gegen mich in Ihrem Beitrag „das Phantom und der Handkäs“ öffentlich entschuldigen.

    Sie kennen mich überhaupt nicht, Sie wissen nichts von mir, Sie haben offensichtlich keine Anhung, was ich denke und schreibe und sie sind auch nicht in der Lage, mich mit einem einzigen zutreffenden Zitat wiederzugeben, aber Sie polemisieren in Ihrem Beitrag gegen mich ohne jeden Grund und Anlass. Aus einem einzigen Hintergrund, weil der Indologe Hans Gruber in seinen Web-Blogbeiträgen mich in letzter Zeit gelegentlich erwähnt oder sich auf von mir (angeblich) gemachte Aussagen bezogen hat. Daraus schliessen Sie ohne jede Nachprüfung, ich wäre mit Hans Gruber befreundet, verbündet, einer Meinung, ja verschworen, was auch immer. Tatsache ist, dass ich mit Hans Gruber keinerlei Zusammenarbeit oder nähere Beziehung oder engeren Kontakt habe. Alles was der Fall ist, ist dass ich mit ihm in einigen Punkten übereinstimme und in anderen Punkten nicht übereinstimme, so wie das auf jeden x-beliebigen buddhistischen oder auch nicht-buddhistischen Autor oder Menschen ebenfalls zutrifft. Hans Gruber ist für sich selbst verantwortlich und ich für mich und ich verbitte mir jede von Ihnen aus der Luft gegriffene Gleichsetzung seiner Sichtweisen und Positionen mit meinen.

    Insbesondere weiße ich Ihre Unterstellung zurück, ich würde einen „immerwährenden Dharma“ vertreten, der im Pali-Kanon enthalten sei und den ich repräsentieren oder vertreten würde. Hätten Sie jemals einen einzigen Satz von mir gelesen, würden Sie wissen, dass das eine völlig abstruse Verfälschung meiner Ansichten ist. Doch praktizierte Ethik, sachliche Redlichkeit und inhaltliche Ernsthaftigkeit scheint nicht Ihre Sache zu sein. Provokation ist, was im Zeitalter des Internets erfolgreich ist. Danach richten Sie sich. Und so arbeiten Sie – wie so viele heute – nach der Devise, wirf nur heftig genug nach allen Seiten mit Dreck, das macht Spass und ist cool und es bleibt dort auch bestimmt etwas hängen.

    An wem vor allem etwas hängen bleibt, das sind Sie selbst.

    mit wenig freundlichem Gruß
    Franz-Johannes Litsch

  43. 

    Sehr geehrter Herr Litsch

    Ihrem Antrag auf öffentliche Entschuldigung meinerseits wegen „bösartiger, verleumderischer, verfälschender und unterstellender öffentlicher Polemik“ kann nicht entsprochen werden.

    Begründung. Es handelt sich bei dem Beitrag Das Phantom und der Handkäs‘ um eine so genannte „Glosse“.

    Anmerkung 1. Ich bitte sie auf das Höflichste, sich mit dem Begriff und der Darstellungsform der Glosse zu befassen. Hierzu mögen sie angelegentlich einiger Recherchen im Internet auch einmal nachlesen, was Ich zur Anwendung der Glosse in Bezug auf den Buddhismus geschrieben hat. Ich darf sie dazu auf dieses => Link verweisen. Sie werden feststellen das „praktizierte Ethik, sachliche Redlichkeit und inhaltliche Ernsthaftigkeit“, wie von ihnen gefordert, nicht Sache einer Glosse ist.

    Anmerkung 2. Die Zielrichtung der Glosse über Das Phantom mit dem Handkäs‘ ist der so genannte historische Buddha und meine wohl nicht gänzlich unbegründete Behauptung, daß es keinen Weg gibt einen „zeitlosen Dharma“ zu rekonstruieren. Was diese beiden Punkte angeht, genügt ein kurzer Blick in ihre Schriften, um zu erkennen, daß auch sie dem Phantom mit seiner zeitlosen Einsicht huldigen.

    Sie sprechen in ihren Texten häufig von „dem Buddha“ in einer Weise aus der ganz unmissverständlich hervorgeht, daß sie von einer historisch rekonstruierbaren Figur reden (Beispiel ihre Einführung zum engagierten Buddhismus). Ebenso verwenden sie in ihren Texten die beliebte rhetorische Figur vom Buddha, der Einsichten, die wir heute machen, schon immer vorweg genommen habe (Beispiel Das Ich als Ware). Beides, behaupte ich, sind Fata Morgana. Weder gibt es einen historischen Buddha, es gibt höchsten einen, der aus historisierenden Texten zusammengemogelt wird. Noch gibt es zeitlose Einsichten die dieses Phantom hatte, höchstens gibt es Interpretationen darüber, welche Einsichten es in jener Zeit gab – diese Einsichten bleiben aber unsere Interpretationen und Spekulationen und stehen immer unter dem Vorbehalt der Frage wie diese Hermeneutik entsteht?

    Schlussbemerkung. Aus dem Vorhergehenden ergibt sich die Frage: Wozu Buddhismus?

    Ihre Auffassung zu Fragen die sich in unserer Zeit stellen sind durchaus richtig und wichtig. Das Ich als Ware etwa greift eine Thematik auf, die mir selbst sehr am Herzen liegt die aber dem Buddhismus aktuell mangels intellektueller und politischer geistiger Kapazität völlig abgeht. (Werfen sie doch hierzu bei Gelegenheit einen Blick auf meinen kleinen Aufsatz Meditation und Kontrolle.) Auch dem was sie prinzipiell in ihrer Einführung zum engagierten Buddhismus sagen kann ich nur zustimmen – insbesondere im Abschnitt Engagierten Buddhismus praktizieren. Wer könnte etwas gegen die sechs Punkte die sie dort auflisten sagen? Nur die Frage bleibt: Wozu brauchen sie den Buddhismus dafür?

    Ich sehe, was man unter einer „Übung des Loslassen“ verstehen kann. Da wären wir wahrscheinlich nicht weit auseinander. Aber ihnen stellt sich das Problem, daß ihnen ein zeitgenössischer Buddhismus das Wort im Mund herum dreht. „Loslassen“ ist für den zeitgenössischen Buddhisten nur noch der Rückzug ins Private, in eine Innerlichkeit des Verstummens vor den sich aufdrängenden politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Fragen heute. Durch „loslassen“ im Sinne des Buddhismus aktuell wird gerade das angepasste apolitische Ich geformt, daß sich dem rasenden Kapitalismus widerspruchslos ausliefert. Es wird damit zum willfährigen Erfüllungsgehilfen der Katastrophe die sich abzeichnet.

    Letztlich muss man ihnen zwei Fragen stellen: Erstens, wozu brauchen sie einen historischen Buddha der bestenfalls ein historisierter ist? Zweitens, wie stellen sie sich zu der Tatsache, daß der Buddhismus aktuell ihnen ihre Sprache vergiftet, so daß man unter „loslassen“ letztlich nur noch eine schweigende Zustimmung zur Zerstörung unseres Planeten verstehen kann?

  44. 

    Franz-Johannes. Sie schrieben: „Insbesondere weise ich Ihre Unterstellung zurück, ich würde einen “immerwährenden Dharma” vertreten, der im Pali-Kanon enthalten sei und den ich repräsentieren oder vertreten würde. Hätten Sie jemals einen einzigen Satz von mir gelesen, würden Sie wissen, dass das eine völlig abstruse Verfälschung meiner Ansichten ist.“

    Es wäre also sehr hilfreich, wenn Sie die oben zitierte Aussage von Ihnen mit dem untereren Zitat abstimmen würden.

    „Es gibt für mich einen wichtigen Unterschied zwischen kreativer Neudeutung und verfälschender Umdeutung.“

    Auf welcher Grundlage entscheiden Sie sich, ob eine Lehre eine kreativ Neudeutung oder eine verfälschende Umdeutung ist? Ich meine, dass Ihre Antwort auf dieser Frage entscheidend ist. Wenn Sie behaupten, dass es eine solcher Grundlage nicht gibt, dann ist das Konzept von „verfälschender Umdeutung“ sinnlos. Aber ich glaube, dass eine Grundlage doch bei Ihnen zu finden ist. Laut Ihrer „Engagierten Buddhismus“ Website ist die entscheidende Grundlage genau was Matthias Steingass behauptet. Sie ist nämlich der immerwährende Dharma, der im Pali-Kanon zu finden ist. Man muss bloss Ihren allererstern Satz lessen, um auf diesen Schluss zu kommen: „Engagierter Buddhismus hat seine Grundlage in der Lehre und Lebenspraxis des vor 2500 Jahren lebenden Weisheitslehrers Gotama Sakyamuni Buddha.“

    Können Sie so eine Meinung haben ohne weiterhin an das Buddha-Gespenst zu glauben? Denn nur, wenn man das Buddha-Gespenst so historisiert, kann man in “seiner” Lehre eine “Grundlage” oder immerwährenden Ausgangspunkt finden. Ich muss Sie fragen: wann haben Sie zuletzt Ihren Aufsatz „Was ist Buddhismus?“ gelesen? Ich meine den Aufsatz, der so anfängt: “Am Ausgangspunkt des Weges des Buddha und damit des Buddhismus steht…”

    Glenn Wallis

  45. 

    Joachim, was ist eigentlich mit dir? Soll ich in Zukunft überhaupt noch auf deine Beiträge eingehen? Mir scheint, besser nicht.

  46. 

    Nur keine Sorge, Joachim ist gerade am fischen im Buddhaland. Wenn da nix anbeißt, kommt er schon wieder. Er hat gerade den Buddhismus 2.0 Köder ausgelegt: http://www.buddhaland.de/viewtopic.php?f=1&t=11437 und macht für euch stark Werbung.

    Es regt sich um den Köder wie in einem Forellenteich der stets überfüttert wird. Schon mal überlegt dort mitzufischen? Abwechslung mögen auch Überfütterte.

    Was denkt ihr, was es für ein Gewinn wäre, wenn alle Foren und Diskussionen zur Achtsamkeit auf Gefühle, Geistesformationen… ja sogar Körper neben dem gewöhnlichen Gebrauch nutzen würden. So viel Unsinn kann gar nicht geschrieben werden, daß man nicht einen Nutzen daraus ziehen könnte.

    Hab ich das Gedicht über die Fische schon mal gebracht?

    In einem bemerkenswerten Stück Poesie (Sn 4.15), beschrieb Buddha einst das Gefühl von samvega (Terror oder Schaudern) daß ihn dazu brachte nach einer Beendigung des Leidens zu suchen.

    Erzählen werde ich
    wie ich
    samvega verspürte
    Die Leut’ zappelnd zu beobachten
    wie Fische in einer Wasserpfütz’,
    im Wetteifer mit einand’.
    Sah ich’s, und
    Angst kam in mir auf.

    Die Welt ist gänzlich
    ohne jede Substanz.
    Alle Richtungen waren
    verworfen und abgeschnürt.

    Einen Zufluchtsort mir erhoffend,
    erkannte ich nichts,
    das nicht für Klage offen war.
    Letztlich nicht anderes zu sehen
    als Wetteifer,
    verspürte ich Unzufriedenheit.

    Anstelle jedoch das Problem damit zu lösen, nach einem großen Ruder für sich und seine Gefährtenfische zu suchen, suchte er im Innen, um herauszufinden, warum Leute überhaupt Fische werden wollen würden.
    Was er vorfand war ein Pfeil eingebettet in seinem eigenem Herz:

    Und dann erkannte ich
    hier einen Pfeil
    so schwer zu sehen,
    eingebettet im Herz.
    Eingenommen von diesem Pfeil
    läuft man in alle Richtungen.
    Ihn jedoch einfach
    herauszuziehen,
    du werder läufst
    noch sinkst.

  47. 

    Schlaftabletten, alles Schlaftabletten. Du, Joachim, Batchelor, das Buddhaland, alle!

  48. 

    Na jetzt sei nicht so. Also wenn du Unterhaltung brauchst und Aktsch’n dann muß du daß doch nur sagen. Glaubst du wirklich wir lassen Dich hier im Stich?

    Ich habe was zum erregen!

  49. 

    Johann, beantworte mir mal in knappen Worten, ohne Zitate, die Frage die ich oben auch Franz-Johannes Litsch gestellt habe: Wozu Buddhismus?

  50. 

    Matthias, gut das du diese Frage stellst.

    Die Lehre Buddhas: Um Begierde (tanha) und damit das Leiden zu beenden.
    Buddhimus: Um ein alternatives Objekt der Begierde zu haben.

    Das eine schließt da andere jedoch weder ein noch aus noch ist daß eine vom anderen in unbedingter Abhängigkeit. Dennoch kann sich jeder überlegen, und das wäre sich auch gut, wozu er „Buddhismus“ denn nun wirklich nutzt. Es kann durchaus sein, daß man unwissentlich (aus Unwissenheit) das Leiden – weil das Mittel aus dem Leiden nicht richtig angewendet – damit vielleicht sogar mehrt.

  51. 

    Du meinst sicher „die Lehre des Phantoms“, oder? Und den Phantomismus? Hast du den Text eigentlich gelesen? Ich frage mich, wie man ohne Anführungszeichen von einer Lehre Buddhas schreiben oder reden kann?

  52. 

    Sicherlich kann man ohne Anführungszeichen reden, aber nicht alle können es ohne Anführungszeichen verstehen.

    Auch später, hatten Mönche diese Fragen selbst Königen erklärt:

    Der König sprach: „Hast du wohl, ehrwürdiger Nāgasena, den Erleuchteten schon gesehen?“

    „Nein, o König.“

    „Oder haben ihn vielleicht deine Lehrer gesehen?“

    „Nein, o König.“

    „Somit hat der Erleuchtete wohl gar nicht gelebt, o Herr?“

    „Wie? Hast du denn schon wohl den Uhāfluß im Himalaja gesehen?“

    „Nein, o Herr.“

    „So existiert der Uhāfluß wohl gar nicht?“

    „Doch, o Herr! Wenn auch weder ich noch mein Vater ihn gesehen haben, so existiert er dennoch.“

    „Ebenso auch, o König, hat der Erhabene gelebt, obgleich weder ich noch meine Lehrer ihn gesehen haben.“

    „Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!“

    (Buddhassa atthinatthibhāvapañho)

  53. 

    …wie man ohne Anführungszeichen von einer Lehre Buddhas schreiben oder reden kann?

    Achtsam und geduldig alles erklären.
    Buddhimus hatte ich deshalb unter Anführungszeichen gesetzt, weil es sich für den einen um:

    „Buddhimus als Objekt der Begierde (Identifikation handelt“
    den anderen
    „Buddhismus als der Weg aus dem Leiden“ – die Lehre, der Weg
    und wieder andere
    „Buddhismus als eine Identifikation um den Weg aus dem Leiden nicht zu verlieheren“
    und wieder andere
    „Budhdhimus kein Thema mehr ist“ – weil gewonnenes Vertrauen sie schon auf den Weg gebracht hat.
    uhhh… und dann vergaß ich noch den Fall, der eigentlich dem ersten entspricht
    „Buddhismus als mehr oder weniger bewussten Zeitvertreib“

    Verwende Dhamma – Vinaya, Ordnung und Zucht, daß ist sicherer als die neumodische Weise soetwas Buddhismus zu nennen.

  54. 

    Was den klugen Nagasena angeht: Per Analogieschluss kann man sich alles beweisen. Ausserdem hast du schon wieder zitiert… so weit reicht deinen ‚Achtsamkeit‘, daß du schon in der zweiten Antwort meine Bitte vergisst?

    Ansonsten: „Wenn Buddhismus kein Thema mehr ist“, ja, damit sollten wir bald mal wirklich Ernst machen.

    Also hören wir auf mit diesem Zeitvertreib und fangen mit unserer Zeit was ordentliches an.

  55. 

    Sehr gute Idee, Matthias!

    Rezitieren ist nun mal die Angewohnheit, die Tradition in dieser Tradition und hat auch viel mit „nicht identifizieren“ und nicht zum eigenen machen wollen zu tun. Schade ist nur, daß man heute den Individualismus zu hoch hebt, daß es ein Tabu ist, wenn man Wahres und gutes weiter gibt und den Anschein erweckt, es nicht selbst erfunden, kreiert zu haben.

    Zur Achtsamkeit: Ich kann nicht Achtsam auf das sein (es sei den ich könnte deine Gedanken lesen), was du dir vielleicht wünschen tust. Ich könnte mich ganz klar auf deine ausgedrückten Wünsche beziehen, so sie auch das ausdrücken, was du wirklich möchtest. Und dennoch ist es nicht immer nützlich Wünsche zu erfüllen und das ist ein ganz wichtiger Punkt.

    Denk an deine Mutter, wenn du eine Lehre hörst. Auch damals warst du zornig, weil sie dir nicht deinen Wunsch erfüllt hat, doch heute kannst du es vielleicht verstehen, warum sie da nicht tat. Damals warst du noch nicht so klug und hast es ihr sogar übel genommen.

    Was „Ansonsten: “Wenn Buddhismus kein Thema mehr ist”, ja, damit sollten wir bald mal wirklich Ernst machen.“ möchte ich einen Satz von Sinn her rezitieren, denn man gut verstehen sollte und nicht falsch verstehen sollte. Es kann gut sein, daß ich dir jetzt recht gebe und es dennoch falsch verstanden ist:

    „Wenn etwas schlecht ist, dann mach es gut. Wenn du es nicht gut machen kannst, dann las es sterben“
    (Ajahn Chah)

    So solltest du mit jeder Geisteshaltung, Idee, mit jedem Phänomen das dir erscheint umgehen.

  56. 

    Es ist doch ganz einfach:
    Man setzt sich einfach regelmäßig, jeden Tag auf seinen Hintern, mit dem Gesicht zur Wand, hält 30 – 45 Minuten ganz einfach die Schnauze und denkt das Nichtdenken.
    Möglichst morgens und abends.
    Die Phnatome verschwinden mit der Zeit.

  57. 

    Verdrängen oder Kompensationsarbeit, auch eine „Lösung“, zumindest für eine Zeit. Ja.

  58. 
    Brigitte Fölkel-Kopp 18.4.13 um 09:01 UTC

    Mit Interesse habe ich den obigen Artikel gelesen und natürlich
    versucht, vorurteilsfrei zu bleiben: Puh, harter Tobak. Für mich als
    Christin auch nicht einfach, da ja auch an der Existenz Jesu (historisch)
    gezweifelt wird !
    Toll wäre wirklich und wahrhaft ein Neubeginn ohne irgendwelche
    Religion, die ja letztendlich immer zu einem Übel mutiert.

    Jesus wollte im übrigen keine Religion gründen
    und Buddha vielleicht auch nich . . .
    Der Mensch verbiegt diese lichtbringenden Gedanken und
    Lehren für seinen eigenen Machtanspruch bis zur Unkenntlichkeit
    zurecht.

    Liebe Grüße an Hanzee und Jinen

  59. 

    Der Mensch *schmunzel*
    Kühle Grüße zurück bevor ein Handkäs’ draus wird.
    _()_

  60. 

    Hallo Brigitte,

    möglicherweise ist das Ende der Hoffnung, daß es da historisch belegbare Bürgen für unser Hoffen auf einen ursprünglichen Sinn geben mag, der richtige Anfang. Wir haben ja eine Idee, von einem guten Leben, ganz allgemein davon, daß etwas nicht stimmt und daß etwas anders, nämlicher besser werden sollte! Warum nicht dieser Idee vertrauen? Dieser Idee die wir haben. Wozu brauchen wir den Bürgen von damals? Sicher, es gibt eine Tradition, eine christliche oder buddhistische, aus der wir schöpfen können. Warum nicht diese Tradition zusammen mit der Idee verwenden die wir jetzt haben.

    Jinen hat darauf hingewiesen, daß es Theologen gibt die gut begründet an der Existenz der Person Paulus zweifeln. Aber deswegen werden noch lange nicht die Texte im neuen Testament die ihm zugeschrieben werden wertlos. Es ist doch sowieso so, daß gerade in dem Augenblick – und nur in diesem Augenblick – in dem ich diese Texte lese, sie zum Leben erwachen. Es gibt nichts ausser einem Menschen der sie liest und denkt, in dem sie lebendig werden. Es ist also kein Bürge nötig, um das zum Leben zu erwecken, was einen Text ausmacht – sein Sinn – was im Buddhismus wie im Christentum heisst: Es kann besser werden! Die Aufgabe der Hoffnung, daß wir einen Bürgen benötigten, ist gerade der Anfang der wirklichen Arbeit, weil wir uns dann nicht mehr auf einen Menschen verlassen müssen der unsere jetzige Situation ja nicht kannte.

    Der Spekulative Non-Buddhismus beschreibt den Augenblick der Aufgabe der Hoffnung so:

    „Irreversibles Ungleichgewicht, Dezentrierung (Ancoric loss). Ein affektiver Zustand. Das irreversible Ende der Hoffnung, daß „Buddhismus“ die magische Zuflucht (thaumaturgical refuge) ist, die er in seiner Selbstdarstellungsrhetorik für sich in Anspruch nimmt. Der spekulative Non-Buddhismus setzte eine Haltung des Nicht-Hoffens voraus. Interessanterweise gleicht der Verlust des Ankers der dem Buddhismus eigenen „Ernüchterung“ und erinnert an seinen Tropus vom „Verlassen der Heimat“. (Glenn Wallis)

    Und vielen Dank dafür, daß du den starken Tobak vorurteilsfrei inhalierst.

  61. 

    Die Religion „spekulative Non-Buddhismus“… *schmunzel*

    Das mit dem Verlassen der Heimat gab’s ja auch im Christentum, aber wurde von den Hausnern, als sie die Lehren zu Okkupieren begannen, natürlicherweise verdrängt um es dann irgend wie doch wieder auf die Reihe zu bekommen, weils ja doch ned so schlecht ist, für das Ziel (selbst gemacht, natürlich):

    „Schließlich wird auch in einem religiösen Kontext von Heimatlosigkeit gesprochen. Vor allem im christlichen Kontext der Nachfolge Christi gilt Heimatlosigkeit neben Familienlosigkeit und Besitzlosigkeit als ein Merkmal eines apostolischen Lebensstils. Dabei steht jedoch die Relativierung und der Verlust der irdischen Heimat im Gegensatz zum Gewinn der „himmlischen Heimat“ bei Gott.“ (wiki)
    de.wikipedia.org/wiki/Heimatlosigkeit