tazlab 2013: Neuroquatsch, Politillusion und die Zeit der Anderen

M. Steingass —  22.4.13

Das tazlab 2013: Was ist das, was hat das mit Buddhismus zu tun, um was geht es in diesem Text und was soll man lesen?

Was das tazlab ist, darüber informiert => hier ein kurzer Text: „Ein politisch-kulturelles Forum gegen das Anything goes.

Was das mit Buddhismus zu tun hat? In gewissem Sinne gar nichts: Buddhismus heute ist im deutschsprachigen Raum und vermutlich im ganzen ‚Westen‘ zu allermeist eine apolitische und in Bezug auf einen notwendigen gesellschaftlichen Wandel irrelevante Erscheinung. Noch schlimmer, Buddhismus heute verstärkt und fördert mit seinem Innerlichkeitskult und seinem Narzissmus eine Haltung in der eine sich anbahnende Katastrophe durch beständiges meditatives Wegsehen gefördert wird. Diese Form des Buddhismus nennen wir X-Buddhismus. Das ist eine Haltung, die glaubt durch eine politische oder philosophische Entscheidung eine endgültige Lösung, eine Art Endlösung, die uns Deutschen ja immer besonders am Herzen liegt, zu finden. Mit dieser Entscheidung wird immer schon die Antworten mit geliefert – die berühmt berüchtigte Patentlösung (Euro-Rettungsschirm, Erleuchtung, Merkel, Dalai Lama). Wie wir aber sehen werden, ist unser Problem heute, daß wir uns in einer Situation befinden in der es nur ein sehr grosses Fragezeichen gibt. Sonst nichts. Non-Buddhismus akzeptiert das Fragezeichen und wird, da hinter dem Fragezeichen etwas Neues lauert, verschwinden sobald dieses sichtbar wird. Dazu und was das tazlab bzw. die drei im folgenden angesprochenen Autoren mit Non-Buddhismus zu tun haben könnten, in einem später Beitrag mehr.

Hauptsächlich geht es jetzt um drei Veranstaltungen des tazlab 2013 :

  1. Die Neuromythologie, Felix Hasler
  2. Die Politikillusion, Harald Welzer
  3. Die Zeit der Anderen, Byung-Chul Han

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Neuromythologie

Alle Welt scheint seit dem Jahr 1990 in dem Georg Bush der Ältere das Jahrzehnt der Hirnforschung ausgerufen hat, zunehmend davon überzeugt zu sein, daß Hirnforschung alle unsere Probleme lösen wird. Eine typische politisch-philosophische Entscheidung, der Traum von dem Einen. One Size fits all. Das Allheilmittel. Neuro wird ’s schon richten. Felix Hasler, Autor des Buchs Neuromythologie, eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung, kann entsprechend eine beeindruckende Liste an Erscheinungen des grassierenden Neuro-Enthusiasmus auflisten. Es gibt nichts was es nicht gäbe und der aufmerksame Beobachter wird entsprechend auch sofort misstrauisch bei so vielen Heilsversprechen. Es gibt Neuro-Philosophie, -Soziologie, -Epistemologie, -Theologie, -Ethik, -Ökonomie, -Didaktik, -Marketing, -Recht, -Kriminologie, -Forensik, -Finanzwissenschaften, -Verhaltensforschung. Es gibt sogar Neuro-Kinematographie, -Kunstgeschichte, -Musikwissenschaften, -Germanistik, -Semiotik, -Politikwissenschaften, ja sogar Neuro-Architektur und Neuro-Ergonomie. Natürlich gibt es auch eine Neuro-Psychonanlyse und ich vermute mal, demnächst gibt es auch für den Nachwuchs ein Neuro-Playmobil und einen Neuro-Kindergarten.

Daß der Kindergarten dann bis weit ins Erwachsenenalter eines Wissenschaftlers reichen kann, vermutet man als Laie nicht. Felix Hasler macht aber gerade das deutlich. Wobei man wissen muss, Hasler selbst ist kein Laie. Er ist von Haus aus Pharmakologe, war am Zürcher Burghölzli tätig, der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, und hat dort zehn Jahre in der Arbeitsgruppe Neuropsychopharmacology und Brain Imaging gearbeitet. Er ist damit also kein weltfremder Philosoph der seine Deutungshoheit über Sinn und Zweck des Menschseins verteidigen muss.

Hasler macht in seinem kurzen Vortrag verschiedene Widersprüche deutlich, denen man in der Hirnforschung begegnet. Unter anderem, daß die heute so populären bunten Hirnbilder in denen bestimmte Hirnareale farbig markiert sind, nur auf Grund hochkomplexer maschineller und rechnerischer Verfahren entstehen. Dabei sollen die markierten Areale im Gehirn mit bestimmten menschlichen Eigenschaften, Tätigkeiten oder Zuständen korrelieren – das Zauberwort der Statistik: Korrelation.

Hasler listet eine Reihe von Problemen mit diesen Korrelationen auf.

Erstens verhalten sich  die verwendeten Algorithmen häufig sehr sensibel was die in ihnen enthaltenen Variablen angeht. Einfach ausgedrückt: Dreht man ein wenig an einer Einstellung, wird evtl. plötzlich ein ganz anderes Hirnareal eingefärbt.

Zweitens sind nach Haslers Aussage viele Studien der Hirnforscher nicht reproduzierbar. Die Reproduzierbarkeit eines Experimentes ist aber das A&O bei der Hypothesenbildung. Eine Hypothese ist wertlos, wenn sie zu einem Versuchsaufbau führt, der keine reproduzierbaren Ergebnisse auswirft.

Drittens lassen sich in jedem Datenberg Muster finden. Das so genannte Data Mining, das dazu verwendet wird, wird in vielen Wissenschaften betrieben. Vereinfacht gesagt kann man per „Überoptimierung“  alle Variablen eines gegebenen Algorithmus so einstellen (serielles Durchtesten aller Einstellmöglichkeiten per Rechner), daß er dann eine Aussage über ein Muster zu machen scheint. Man kann das an einem Beispiel aus dem Finanzbereich leicht deutlich machen: Ex post, im Rückblick, kann man einen Algorithmus der Kauf- und Verkaufsentscheidungen fällen soll, leicht dazu bringen Gewinne zu fabrizieren. Ex ante allerdings, in die unbekannte Zukunft hinein über die noch keine Daten vorliegen, wird er kaum funktionieren. Das liegt daran, daß man lediglich per Überoptimierung diejenigen Einstellungen für die in einem  Algorithmus enthaltenen Variablen gefunden hat, die eine Abbildung vergangener Daten erzeugen. Man hat aber keine Korrelation gefunden zwischen einem Verhalten in der Zukunft und den Daten in einem Datenberg. Dieser wissenschaftliche Kindergarten, der eine Abbildung einer Sache mit einer Korrelation zweier Sachen verwechselt ist anscheinend genauso wie in den Finanzwissenschaften auch in den Hirnwissenschaften zu finden.

Viertens gibt es da noch die, ad-hoc von mir so genannten, multiplen Korrelationen. Hasler macht das am Beispiel der kognitionswissenschaftlichen Untersuchung der romantischen Liebe deutlich. Er erläutert, daß bei Menschen denen man, derweil sie in einem Hirnscanner (z.B. fMRT) liegen, Fotos geliebter Partner zeigt, eine bestimmte Hirnregion ‚aufleuchtet‘ – eine „fMRT-Signatur“ für romantische Liebe im anterioren cingulären Cortex. Das Problem: diese Signatur gibt es auch bei amerikanischen Wechselwählern, denen man ein Bild von Hilary Clinton zeigt, wenn Frauen zwischen potentiellen Sexpartner wählen müssen oder wenn man im Scanner liegend gekitzelt wird – um nur eine ganz kleine Auswahl an Beispielen zu nennen. Wenn man also das nächste Mal eine Meldung wie diese sieht: „Rassismus lässt sich im Hirn zeigen„, dann sollte man sich nicht nur fragen, ob man Rassismus nicht viel einfacher identifizieren kann?

Fünftens geht es um bestimmte Basisannahmen. Laut Hasler wird häufig mehr oder weniger drauf los gescannt, ohne daß eine vernünftige und stichhaltige  Arbeitshypothese vorliegt. Wie verhält es sich z.b. mit der Korrelation der Durchblutungsveränderung  (die meistens gemessen wird) und dem Bewusstseinsakt (verliebt sein)? Ist Ersteres ursächlich für Letzteres oder umgekehrt… oder ist die Ursache für die Durchblutungsveränderung möglicherweise  eine ganz andere. Beispiel für eine solche falsche Korrelation auf Grund eine schwachen, falschen oder nicht vorhandenen Arbeitshypothese: Ein Ausserirdischer misst die Lebenserwartung (weisser) Europäer und (schwarzer) Afrikaner. Er kommt zu dem Schluss, daß die weiße Hautfarbe das Merkmal einer Rasse ist, die eine höhere Lebenserwartung hat…

Das ist nur eine kleine Auswahl aus einer Vielzahl von Möglichkeiten, wie sich die Hirnforschung verrennen kann.

Der nun kommende letzte Punkt ist allerdings der wichtigste: die ‚Korrelation‘ zwischen Hirnforschung und Pharmaindustrie. Die Pharmaindustrie ist ein MultimilliardenDollarUnternehmen. Die Forschung braucht Geld für ihre Aktivitäten, die Pharmakologen brauchen Belege für die Wirksamkeit ihrer Medikamente. Stark vereinfacht und zugespitzt ist damit klar, welcher Mechanismus die Produktion dieser Form wissenschaftlicher Erkenntnis befeuert: das Kapital. Die Möglichkeit, (scheinbar) möglichst genau bestimmte physiologische Vorgänge bestimmten Bewusstseinszuständen zuzuordnen, wird damit für die Pharmaindustrie zu einem wichtigen Instrument. Umgekehrt können Universitäten die entsprechende ‚Forschungen‘ anbieten erwarten, gefördert zu werden. Hasler stellt die entsprechenden Zusammenhänge in seinem Buch umfassend dar (Kapitel 5: Neuro-Manipulation und der Verkauf von Krankheit).

Diese Beispiele sollten ausreichen, um einen  gesunden Skepsis gegenüber dem Neuro-Hype zu entwickeln. Man sollte Haslers Buch unbedingt lesen, wenn man sich mit der Matiere eingehend befassen will. Der Neuro-Hype will uns weiss machen, daß so ziemlich alles was uns als Mensch angeht, durch die moderne Hirnforschung erklärbar und damit beherrschbar und korrigierbar wird. Die ‚Korrelation‘ zwischen Pharmaindustrie und Neuro-Wissenschaften macht allerdings deutlich, daß eine Vielzahl der Korrelationen zwischen bewusstem Mensch und Neuro-Chemie möglicherweise nicht auf Grund von wissenschaftlichen Fakten ‚existieren‘, sondern mit einer ganz anderen Motivation auf die Welt kommen. Daß dem so ist, dafür bietet Hasler zwar nicht als Erster aber in ziemlich spannend aufbereiteter und fundierter Form eine Argumentationsbasis.

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Politillusion

Das jüngst von Harald Welzer erschienene Buch Selbst Denken, Eine Anleitung zum Widerstand scheint da in gewisser Weise auch passend. Anstatt sich fraglos von einem Arzt z.B. ADS diagnostizieren zu lassen und dann die entsprechenden Pillen einzuwerfen, könnte man tatsächlich damit anfangen den Konsum derartiger vorfabrizierter Normen zu beenden.

Zunächst aber etwas Mistrauen. Das Buch hat es bis in die Spiegel-Bestseller geschafft. Das muss nichts mit mangelnder Qualität zu tun haben. Die Frage ist, ob es etwas bewirken kann oder ob es ein weiterer wohlfeiler Aufreger  à la Empört Euch! oder Der Kommende Aufstand dient, den jeder im Bücherschrank aber keiner gelesen hat? Es ist genauso aufgemacht wie die genanten Bücher. Damit läst sich eine wichtiger Teil der Problematik illustrieren, mit der wir es zu tun haben: Der Kommende Aufstand ist ein Aufruf oder eine Anleitung zur Revolte und das Cover von Welzers Buch ist dem Cover dieses Aufrufes nachempfunden. Das ist eines von unzähligen Beispielen von Punkrock bis zum RAF-T-Shirt, wie effizient das System in dem wir funktionieren darin ist, selbst noch den Aufruf zu seiner Zerstörung zu verwerten. Warum das so sein kann, wird mit Byung-Chul Han besser sichtbar. Zunächst aber zu Welzer.

Welzer macht in seinem Vortrag auf ein interessantes Phänomen aufmerksam, das uns allen wohl bekannt ist: Es gibt eine Kenntnis-der-Probleme und es gibt ein Weiter-wie-bisher. Seit den Grenzen des Wachstums 1972 gibt es ein zunehmendes Bewusstsein der ökologischen Probleme, die der Kapitalismus verursacht. Es gibt dementsprechend eine wachsende „Besorgnisindustrie„, wie sie Harald Welzer, durchaus selbstironisch, nennt. Daneben gibt es aber in einem Paralleluniversum das ganz gewöhnliche Weitermachen in den Strukturen die die Besorgnis auslösen – von uns allen. Gerade auch bei den Grünen. „Gerade“ weil der grüne Slogan der effizienteren Ressourcennutzng der urkapitalistische Gedanke ist: Effizienzsteigerung, mehr Mehrwert. Das ist der kapitalistische Mechanismus der die Probleme erzeugt mit denen wir zu kämpfen haben. D.h. eine grüne Politik, die nicht die Strukturen sichtbar macht und die Widersprüche aufzeigt denen wir unsere Probleme verdanken, kann Ressourcen so effizient verwenden wie sie will, wir fahren so oder so irgendwann gegen die Wand weil das eigentliche Problem die Effizienz und damit auch die Beschleunigung ist, die Menschen als Menschen zerstört. Der Grundwiderspruch um den es geht, wird somit gerade in der grünen Politik sichtbar indem sich in ihr Besorgnisindustrie und Mehrwertindustrie in ein und derselben Entität inkarnieren. Das ist die Politillusion um die es geht.

Der Witz ist natürlich, daß wir das alle längst wissen. Und bei der Frage was wir denn tun könnten, kann freilich Welzer auch nicht viel sagen. Er gibt allerdings zu Recht zu bedenken, daß man die Lösung des Problems nicht fertig serviert bekommt – gerade das aber ist es was wir alle zu erwarten gewohnt sind. Er spitzt es zu in dem er sagt, sinngemäß formuliert: ein revolutionärer Akt kommt leider ohne Umtauschgarantie. Wir wissen nicht was passieren wird, wenn wir etwas wirklich Neues entwerfen (per Definiton: etwas Neues ist vor seinem Erscheinen nicht bekannt). Wir sind aber gewohnt uns abzusichern – I hedge my position sage ich als Trader – wir wollen eine Umtauschgarantie. Oder anders ausgedrückt, wir wollen zwar ein Energiewende, aber dann bitte ohne steigende Stromkosten.

Widerstand gegen sich selbst

Ein Teil der Lösung ist nach Welzer Widerstand gegen sich selbst. Man kann argumentieren, daß Veränderung nur über ausreichende Masse möglich ist. Wenn die  Deutschen, im statistischen Durchschnitt, nur noch 50% der heutigen Fleischmenge äßen, würde die deutsche Fleischindustrie kollabieren. Ich allein kann gar nichts bewirken. Welzer dreht die Problematik herum und sagt: Selber denken bedeutet Widerstand gegen sich selbst! Das ist Kants Frage (immer noch, schon wieder, zum wievielten Mal?): Was soll ich tun?

Im wesentlichen appelliert Welzer an die „Verpflichtung auf die eigene Verantwortung“. Widerstand gegen sich selbst heisst dabei, noch viel mehr als bei Kant, Bewusstsein darüber was das eigene Bewusstsein strukturiert. Widerstand heisst dabei Anstrengung. Im Mainstream denken ist einfach – falls es überhaupt denken ist. Widerstand heisst, es sich unbequem zu machen. Und zwar ohne auf die Anderen zu warten. Und man riskiert dabei tatsächlich etwas, ohne daß man einen Umtauschzettel dabei hätte.

Welzer gibt ein kleines Beispiel. Eine Einladung zum Essen. Leckeres Thunfisch-Carpaccio kommt aus den Tisch. Die bequeme Variante lautet, ich ess zwar keinen Thunfisch weil die Meer längst leer sind, aber der hier ist eh schon gekauft, macht also nix. Die riskante Variante ist die, die hübsche Gastgeberin zu verärgern und sich quer zu stellen: Ich esse keinen Thunfisch! Nein! – Ich esse meinen Thunfisch nicht! –Nein, meinen Thunfisch ess ich nicht! Natürlich wird irgend ein Oberschlauer in der Runde auf einen solchen Einfall mit Wilhelm Busch o.ä. kommen. Man macht sich unbeliebt und wird lächerlich gemacht.

Aber ist das so? Und reicht das? Ist das nicht ein wenig naiv? Ausserdem, werden nicht gerade alle vegan? Das ist doch der neuste Hype. Da passiert doch schon eine Menge, oder? Naja, veganisch kochen kann durchaus eine sehr teure Angelegenheit werden (man will ja schließlich nur beste Zutaten. Alles Bio, klarer Fall). Widerstand also nur für die, die es sich leisten können? Also doch mit Umtauchschein? Wie sieht wirklicher Widerstand ohne Umtauschschein aus?

Im Kern bleibt Welzer im Vortrag und Gespräch mit Peter Unfried merkwürdig blass. Im Kern wissen wir das auch schon… daß wir nicht warten sollten, sondern selber etwas tun müssen. Und daß unsere ganze Fairtrade-Industrie gut gemeint aber schlecht gemacht ist, mindestens daß wir wesentlich mehr tun müssen als endgültig auf Bionade umzusteigen (wer sich’s denn leisten kann). Die Literatur die uns die Analysen liefert, kann man in Zentnern wiegen. Vom Empire (Hard, Negri) bis in zur Logik der Welten (Badiou) liegen schwergewichtige Theoriekonstrukte vor, die uns den Mechanismus unserer Welt klar machen wollen. Warum aber bleibt der Widerstand aus?

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Die Zeit der Anderen

Einen im Vergleich zu Badiou leichter verständlichen Teil der Antwort gibt Byung-Chul Han (ausgesprochen ≈ Bajong-Chul Han; hier eine kurze Einführung). Han setzt eine Analyse fort, die mit Foucault began und von Deleuze kurz und pointiert fortgesetzt wurde. Foucault sprach von der Souveränitätsgesellschaft und der Disziplinargesellschaft.  Deluze dann von der Kontrollgesellschaft. Diese drei Typen sind eine Klassifizierung, die im wesentlichen drei Formen des Subjekts unterscheidet:

In der Suveränitätsgesellschaft ist der Mensch dem Souverän ausgeliefert. Decapitation ist das Signum. Friedrich I. lässt den Freund seines Sohnes vor dessen Augen köpfen. Niemand kann dieses Urteil anzweifeln oder Einspruch erheben. In der aufkommenden Industrialisierung wird der Mensch zunehmend diszipliniert um sich in den Produktionsprozess einzufügen. Er erhält auch einen anderen Wert, seine Produktivkraft, und deshalb auch einen anderen Status als Individuum. Es hat nun einen größeren Spielraum für Ausdifferenzierungen. Die Möglichkeiten Mensch zu sein verändern und vervielfältigen sich. Die Hierarchie wird reicher. Zwischen den Extremen Bettler und König gibt es bedeutend mehr Möglichkeiten zu Grunde zu gehen als zu Zeiten des Souveräns. Aber: Ein Ausbruch aus der Ebene in der man sich findet, bleibt schwierig bis unmöglich. Der Verstoß gegen soziale Gesetzte wird schwer geahndet (Oskar Wild). Die Hysterie ist die Signaturkrankheit. Der Übergang zur Kontrollgesellschaft kündigt sich Anfang des 20. Jahrhunderts an (Kafka, Der Prozess). Ihre vorläufige Vollendung erfährt sie seit den 1980er Jahren, nachdem viele Forderungen aus den 1960ern nach mehr Flexibilität, Autonomie, Selbstbestimmung und -verwirklichung im Arbeitsleben umgesetzt wurden. Wir sind nun frei. Weder soziale Zwänge noch Hierarchien engen uns ein. Ein Aus-, oder Umstieg in jede gewünschte Richtung ist jederzeit möglich – wenn wir in der Lage sind genügend zu leisten, denn: die Freiheit ist die Freiheit zur Leistung. Ich kann etwas tun, muss es aber nicht. Die Kontrolle liegt ganz bei mir. Herr und Knecht sind vereint. Das ist die Crux an der Sache: Es ist kein Widerstand mehr möglich weil ich Herr meiner selbst bin. Einen anderen Herren gibt es nicht mehr. Die Zwänge denen wir ausgesetzt sind, werden internalisiert und wünschenswert.

Das Diktat eines stets gesunden und wohl geformten Körpers und das Diktat eines lebenslangen Lernens sind wünschenswerte Ideale denen man sich gerne unterwirft. Was wir dafür zu leisten haben, tun wir mit Freude. Beides sind selbstverständliche Anforderungen in der Arbeitswelt. Niemand muss einem das noch einbleuen. Die Disziplin das zu tun was wir sollen, haben wir selbst übernommen. Wir haben die Kontrolle. Was dabei verloren geht, weil wir es nun alles selbst können, sind die Anderen. Es gibt kein Aussen mehr. Niemanden mehr an den man sich wenden könnte. Es ist alles selbstverständlich.

In der Hierarchie der Disziplinargesellschaft ist ein Vergleich zwischen Herr und Knecht unmöglich. Der erniedrigte Knecht ist nicht satisfaktionsfähig. Er steht auf einer derart andersartigen Stufe, das man ihn gar nicht als Mensch sieht. Aber die Antagonisten können aus ihrer Differenz heraus handeln. Heute dagegen in einer flachen oder gänzlich hierarchielosen Gesellschaft ist der ständige Vergleich Regel und willkommene Pflicht. Die Differenz ist aufgehoben. Die Synthese eingetreten. Über den ständigen massenhaft stattfindenden Vergleich verteilen sich die Normen, denen man wie selbstredend entspricht, gleichmässig über alle Individuen. Es findet eine stille, unsichtbare Dispersion statt. Durch sie sind wir nun alle gleich. Die Anderen verschwinden. Wir sehen nur noch uns selbst.

Symptomatisch dafür ist Facebook. Die Selbstdarstellung ist das erste und oberste. Und sie muss so angelegt sein, daß ich möglichst viele Likes bekomme. Die Normen die uns ausmachen werden hier am deutlichsten sichtbar als diejenigen die ich willig akzeptiere und über den Mechanismus des Like-Buttons umsetzte. Die Anzahl der Freunde zählt, es gibt keinen Feind mehr –: keinen Widerspruch, keinen Gegensatz und deshalb keine Möglichkeit zum Protest mehr. Facebook ist die Inkarnation der Unmöglichkeit eines weiteren Protestes.

Das ist der wesentliche Punkt, weshalb Der Kommende Aufstand nicht wie gedacht stattfinden kann. Es gibt keinen Widerpart mehr.

Fragezeichen

Da wir nur noch gleich sind, Herr und Knecht verschmolzen, ist ein Widerstand im alten Sinn nicht möglich. Es sei denn ich richte ihn gegen mich selbst. Die Depression ist ein Zeichen dieses letzten Einspruchs. Ich verbrenne mich selbst in meinem eignen unausgesetzten Leistungsanspruch – bis zum Burnout. Das Verständnis dieser Situation ist möglicherweise von zentraler Bedeutung, wenn es um die Frage geht, wie man sich wehren kann… wenn man überhaupt einen Begriff davon hat, daß es etwas gibt gegen das sich zu wehren notwendig ist. Das verschwindet ja gerade mit dem Anderen, dem Unterschied, mit der Ausrottung jeder Differenz: das Bewusstsein davon daß etwas falsch ist. Es gibt plötzlich ein richtiges Leben im Falschen, weil das Falsche einfach aufhört zu existieren. Es gibt nur noch einen Like-Button.

Das Fragezeichen, von dem eingangs gesprochen wurde besteht also darin, daß Widerstand auf eine ganz perfide Art unmöglich wird. Nicht dadurch daß man ihn verbieten würde, sondern dadurch, daß es die Anderen nicht mehr gibt, gegen die man ihn richten könnte.

Die Situation ist schwer verständlich und in dieser Skizze sicher nicht ausreichend wieder gegeben. Deshalb wird es notwendige sein, von den bisher genannten am ehesten Byung-Chul Han zu lesen. Er trifft einen Nerv und artikuliert diese komplexe und völlig neuartige historische Situation so, daß man ein Verständnis dieser Situation finden könnte mit dem es uns schließlich möglich wäre, eine andere Form von Einwand und Protest zu entwickeln.

Die Frage ist: wie kann man Widerstand leisten, wenn die letzte und einzige Kontrollinstanz in uns selbst liegt und die Anderen aufhören zu existieren?

Zeit

Byung-Chul Han gibt selbst in seinem Vortrag einige Hinweise, was anders sein könnte. Es ist viel die Rede von „Beschleunigung“ und das wir von einer immer größeren Beschleunigung aufgefressen werden, daß wir immer weniger Zeit haben. Das stimmt nur zum Teil. In Hans Sichtweise kommt uns nicht die Zeit abhanden sondern es sind Zeitformen die wir verlieren. Die Beschleunigung vernichtet alle anderen Zeitformen. Entsprechend ist Entschleunigung immer noch Teil der Beschleunigungskultur. Ich brauche schleunigst ein entschleunigtes Wochenende, möglichst noch bei einem Wochenendzenseminar bei diesem Zenapostel in Wolkenkuckucksheim mit seinen sündhaft teuren Kursen, um Montag wieder fit zu sein – für noch mehr Mehrwert.

Han macht darauf aufmerksam, das bestimmte Tätigkeiten keine Beschleunigung zulassen. Er merkt an, daß die Zeit des Gebetes nicht beschleunigt werden kann. Daß das Ritual nicht beschleunigt werden kann (oder wie soll man sich eine beschleunigte Messe vorstellen?) Und man muss hinzufügen, ich brauche keinen Zen denn das Gebet kann überall stattfinden. Die Messe auch.

Ich denke, das sind vorläufige Ansätze über die man nachdenken muss. Welche Zeitformen gilt es zu erhalten oder neu zu erfinden? Kann man ein Gespräch beispielsweise beschleunigen? Dasjenige der Liebenden etwa? Wer wollte das überhaupt? Diese Verwunderung und das Erstaunen über dieses ausserordentliche Ereignis, das so unversehens über uns hereinbricht. Wollte man so etwas beschleunigen?

2 Antworten zu tazlab 2013: Neuroquatsch, Politillusion und die Zeit der Anderen

  1. 

    Diese Interview mit Bosch-Betriebsrat Hans Peter Kern über „Verdichtung“ illustriert bestens die angesprochenen Probleme wie die Synthese von Herr und Knecht im Subjekt der Kontrollgesellschaft funktioniert.

    Aber der Herr Betriebsrat wagt es nicht, sehr weit zu gehen. Ganz zaghaft und vorsichtig mahnt er an: „Hilfreich ist es unter anderem, wenn Unternehmen den Austausch von E-Mails [per Smartphone] im firmeneigenen Netz abends ab einer bestimmten Uhrzeit unterbrechen.“

    Die neue Technologie Smartphone ist eines der Kernelemente Arbeitnehmer bis weit über ihre vertraglich vereinbarten Arbeitszeiten hinaus auszubeuten. Bis hin zu einer 24/7-Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit.

    Da kommen die jetzt endlich drauf, daß man das ein wenig besser kontrollieren sollte.