DIE GLOSSE #08

M. Steingass —  6.9.13

Von den Pofallas des Buddhismus

Neulich nachts auf der Tanke. Irgendwo in Deutschland. Nach Stunden der Irrfahrt mit Ulysses, ich glaube wir waren schon beim Kapitel Nausikaa – Trotzdem, irgendwie muß mans ja loswerden – nach Stunden im Dunkel der Geisterbahn einer deutschen Autobahn, nach Stunden im Dunkel mit diesen Gasgebern, ihren Führerscheinen und ihren tonnenschweren Panzern, endlich eine Rast. Auf einer deutschen Raststätte: Erst Sprit für 100 Euro. Dann in die Warenödnis des nächtlich-grell illuminierten Verkaufsraumes. Vorbei an einem Klo aus dem heraus selbst um Mitternacht frühlingshaftes Vogelgezwitscher zu vernehmen ist. Und schließlich, nach Wochen ohne diese elenden Geschmacklosigkeiten der deutschen Esoterikindustrie, erleuchtet vor einem riesigen Bildschirm, Er! Er nun wieder: Diese Kunststofffratze einer missratenen Migration fernöstlicher Religion ins gelobte Land des Konsums. Ein Plastikbuddha vor’m Fernseh‘. Wie könnte man besser den Weg des Deutschen Buddhismus illustrieren als mit diesem Götzen der in stoischer Ruhe vor dem Instrument der Beschwichtigung sitzt? Tagein tagaus, schweigend, nicht-denkend, kritiklos, mampfend was immer die da oben ihm zu mampfen geben, bar jeder Haltung, erstarrt in einer Ekstase der Verblödung.

Via Baumarkt und Einrichtungshaus hat es der Buddha in jedes deutsche Wohnzimmer geschafft. Der Buddhismus bleibt dabei auf der Strecke. Via Fernseh‘ hat es die Demokratie in jedes deutsche Wohnzimmer geschafft. Die Demokratie bleibt dabei auf der Strecke. Der Buddha vor dem Fernseh‘, nächtens in einem dieser kleinen Supermärkte die sich entlang den Autobahnen aufreihen, zwischen all dem anderen Nippes: den Aufputschmitteln, Zuckrigkeiten, zwischen illustriertem Massenmord und Stargerummel, zwischen den Travelpussys aus’m Herrenklo und der lauwarmen Knackwurscht – dieser Buddha vor dem Fernseh‘ ist das treffliche Sinnbild einer postmodernen neoreligiösen Kultur in ihrer Symbiose mit den herrschenden Verhältnissen, die sich nahtlos einreiht in das Vergessen das erforderlich ist um an diesem Zirkus nicht irre zu werden.

Und wie es ein erhellender Zufall so will, flimmert gerade Pofallas Beschwichtigung über den Bildschirm. Was wir seit Wochen lernen, dass die seit einer Generation wachsende neue Technologie der Kommunikation zu einer unglaublichen Kontroll- und Normmaschine mutiert, ist laut dem deutschen Regierungssprecher „vom Tisch“. Alles ok. Don’t worry, be happy. Der schweigende Plastikgötze vor dem Bildschirm, angeblich bar jeder Regung – weder Lust, noch Abneigung, noch Apathie –, passt da so gut ins Bild, dass man dem Dekorateur der auf die Idee kam ihn so zu positionieren nur danken kann. Denn wo bitte gibt es im herrschenden deutschen Buddhismus etwas anderes als Beschwichtigung? Welche der Meinungsführer des deutschen Buddhismus praktizieren etwas anderes als Beschwichtigung?

PofallaBuddha

So wie die Pofallas der deutschen Politik uns suggerieren wollen, dass das was da seit Wochen durch einen mutigen Einzelgänger auf den Tisch kommt auf keine Fall ein Problem anzeigt, genau so wollen uns die Pofallas des deutschen Buddhismus davon überzeugen, dass es mit ihren Versprechungen absolut kein Problem gibt. Genauso wie die politischen Beschwichtigter, die Vorsänger des schwarz-gelb-rot-grünen Mainstreams, sind auch die buddhistischen Führer mehrheitlich lediglich an einem Erhalt des Status quo interessiert. Egal wo man sein Kreuz macht, egal welches X man im Buddhismus macht, es ist keine wirkliche Wahl.

Die Wahl im Supermarkt, aus einem Angebot von zehn oder zwanzig Klopapiersorten, ist nichts anderes als eine erzwungene Wahl. Egal was ich wähle, ich wähle immer das Selbe. Und was die großen Beschwichtiger, nicht zuletzt vor sich selbst, zu verbergen suchen, ist, daß wir schon lange keine Wahl mehr haben. Die erzwungene Wahl ist die Vorspiegelung einer Vielfalt die es nicht gibt. In der Politik ist es das ökonomische System das nicht zur Wahl steht – und nicht stehen darf – da die Ökonomie selbst, sprich die wenigen multinationalen Hersteller dessen was wir als Verbraucher zu konsumieren haben, sonst zur Disposition stehen würden. Apple, Nestlé, Springer – egal ob Wissen, Wasser oder Information – die Dinge werden kommodifiziert, also: zu Geld gemacht! Das steht nicht zur Debatte. Die erzwungene Wahl verhindert eine Erkenntnis darüber, dass ein grundsätzlich anderes Denken möglich ist. Das ist im Buddhismus nicht anders. Die Pofallas des Buddhismus können kein Interesse daran haben zu zeigen, dass Erkenntnis durch Buddhismus dazu führen könnte etwas ganz anderes als Buddhismus zu denken, als das was heute als Buddhismus verkauft wird. Deshalb gibt es auch hier die erzwungene Wahl zwischen dieser Linie oder jener Tradition – den Varietäten des X-Buddhismus – die lediglich verschleiert, dass ein größerer Zusammenhang nicht gesehen werden darf.

Dieser Zusammenhang ist der X-Buddhismus selbst als Teil des ökonomischen Systems, das nicht hinterfragt werden darf. Damit als ein Buddhismus, der mitverantwortlich ist für ein raubmordendes System das sich Inseln der Glückseligkeit – gated Communities – schafft um die herum die Menschen rechtlos sind. Dieser Zusammenhang ist aber mehr noch der, dass der Buddhismus selbst vor Langem das Denkwerkzeug dazu geschaffen hat, solche Zusammenhänge zu durchschauen. Was ist Nagarjunas Einsicht in die sogenannten zwei Wahrheiten – und vor allem darin, dass die absolute nur als konventionelle erscheint – anderes als die Aufforderung das Absolute als Missverständnis des Konventionellen zu verstehen? Das heisst, ein ernst gemeinter Buddhismus müsste die Verabsolutierung unseres ökonomischen Systems als Fehlleistung kritisieren, das heisst er müsste politisch radikal Stellung beziehen, das heisst er müsste die erzwungene Wahl als solche verweigern um statt dessen darüber nachzudenken wie ein wirkliche Wahl aussehen könnte.

Das heisst, wir überlassen den Pofallas des deutschen Buddhismus eine Wahl die sich nicht wirklich von der im Supermarkt unterscheidet. Und wir überlassen es ihnen, sich mit ihrem angeblich zeitlosen Trödel zu trösten. Wir überlassen es ihnen, es sich in einer Rumpelkammer der Geschichte bequem zu machen und dort zu verstauben.

Das heisst aber auch, dass man sich als Buddhist der sich kein X für ein U vormachen lässt, vor eine ganz andere Wahl gestellt sehen könnte. Die nämlich, das Risiko des Denkens einzugehen. Eines das darin besteht, überrascht zu werden. Von seinen eigenen Widersprüchen. Von den kleinen Rissen durch die etwas Leeres scheint: Das Neue.

4 Antworten zu DIE GLOSSE #08

  1. 

    Schön beobachtet und beschrieben. Allerdings kann maan es auch anders rum sehen: inmitten all des Wahnsinns eine Ikone der Stille, ein Sinnbild der Orientierung nach Innen statt nach Außen – egal wie kommerzialisiert und abgelutscht uns mittlerweile Buddhastatuen in ihrer Baumarktisierung vorkommen. Es gibt eine Stelle in Hermann Hesses´“Steppenwolf“ oder „Klingsors letzter Sommer“, wo der Protagonist in einem Autoradio ein ihm vertrautes klassishes Konzert hört, und erst vor Entsetzen über die Reduzierung und Verstümmelung des knarzenden Klangbreis abschalten will, dann aber in all der Verzerrung der bertragung die jenseitige Größe und Erhabenheit, quasi die reine Qualität der Klänge raushört. Quasi die Essenz des Sambhogakayas.

  2. 

    Hi Driving Man (Taxi Driver?). Orientierung nach innen… was wenn das Innen vom Aussen bestimmt ist? Wenn die psychologische, charakterliche, phänomenologische, überhaupt die ganze gedankliche Innenwelt (also alles, wenn man „gedanklich“ so definiert) vom Aussen bestimmt oder zumindest mitbestimmt ist? Wenn man das als Möglichkeit in Betracht ziehen muss, wie kann man dann sicher sein, dass die Orientierung des Innen nicht einfach eine weitere Einflussnahme des Aussen ist? Ich denke, vieles unserer (buddhistischen) Innerlichkeit ist von materiellen Einflüssen des Aussen verursacht. Die Kritik hier auf diesem Blog gilt dieser Beeinflussung und X-Buddhismus ist per Definition genau das: Buddhismus der sich dieses Bedingten Entstehens nicht bewusst ist.

    Andererseits, sehe ich was du auch meinen könntest. Es gibt Fähigkeiten des Menschen die mit diesem Aussen interagieren. Es gibt eine Stille die man kultivieren kann, die dieses Aussen zum schweigen bringen kann. Es gibt einen Cut Off. Der Unterschied zwischen dieser Stille, wie sie mit dem irrsinnigen Aussen unserer Verhältnisse interagiert, und wie sie dazu verhelfen könnte einen Freiraum zu schaffen in dem das von Aussen kommende mutieren kann einerseits und einer x-buddhistischen Stille die die Verhältnisse stillschweigend akzeptiert und die Stille lediglich nutzt, um zu beschwichtigen andererseits, dieser Unterschied ist es, um den es hier geht.

    Übrigens, Sambogakaya, also tibetisch Longku, würde ich gerade als den Raum (=Long) interpretieren, dessen Strukturen durch unsere Interaktionen entstehen – das Soziale. Sozusagen die Struktur in der Innen und Aussen als Kategorien nicht mehr funktionieren. Etwas in dem wir individuell zu Fleisch werden, mit Innen und Aussen, im Nirmanakaya, also tibetisch Tulku. Harrys bzw. Klingsors Erlebnis passt da. Es zeigt sozusagen wie der Tulku im Longku agiert.

  3. 

    Meine Herren, Matthias!
    Das sind ganz schön viele Worte – und ganz viel schöne Worte – um Selbstverständlichkeiten zu beschreiben. Die Debatte über die Henne und das Ei bzw. das Außen und das Innen müssen wir glaub´ ich hier nicht führen, oder? Man strauchelt ja schon dabei, zu definieren was wo anfängt bzw. endet. In der Erfahrungswelt unserer Spezies gibt es aber die Wahrnehmung (Illusion, wenn du willst) dass es ein Innen und ein Außen gibt. Da Sinne, Empfindung und Wahrnehmung den homo sapiens sapiens ständig auf Objekte „außen“ orientieren, ist es für die meisten eine neue, oft sogar beängstigende Erfahrung, bewußt den Bick nach Innen zu richten. Dass es da nichts zu entdecken git, kommt später ;-)
    „Orientierung nach innen… was wenn das Innen vom Aussen bestimmt ist? Wenn die psychologische, charakterliche, phänomenologische, überhaupt die ganze gedankliche Innenwelt (also alles, wenn man “gedanklich” so definiert) vom Aussen bestimmt oder zumindest mitbestimmt ist? “
    Was, wenn man sich eine Frikadelle aufs Knie nagelt und dran dreht bis UKW kommt? Der Fehler liegt hier ja schon in der Annahme, es gäbe einen Unterschied zwischen „Innen“ und „Außen“. Was wiederum schnurstracks die Fragen relativer und absoluter „Wahrheit“ aufwirft. Das Sein bestimmt das Bewusstsein – da ist was dran.
    …. naja… das führt zu weit hier…
    Gruss aus dem Trikaya
    Driving Man
    Sukhan

  4. 

    Danke Sukhan. Dein Antwort ist noch schlechter als meine.