Nirwahna und Selbstmord

M. Steingass —  5.4.14

Um es ganz deutlich zu sagen, ich sehe keine andere vernünftige Erklärung für das ‚Ziel‘ der Lehren des Protagonisten, als es als eine ziemlich abstruse und paradoxerweise vergnügliche Methode zu sehen, wenn denn gewisse Bedingungen gegeben sind, einen langsamen Selbstmord zu begehen. Diese schlichte Erklärung ist natürlich für die Mehrheit der X-Buddhisten heutzutage inakzeptabel, obwohl ihr Tun – oder besser: ihr Lassen – ganz klar die Zeichen eines solchen über die Zeit gestreckten Suizids trägt. Es ist recht interessant zu beobachten wie sie reagieren, wenn man diese Interpretation der Methode ihres geliebten Heiligen explizit macht. Meiner Erfahrung nach scheint das Erlöschen im Gotamischen Kalkül eines der kraftvollsten Ur-Worte zu sein, das blitzartig den Schwachsinn des X-Buddhisten entlarvt.

Das ist Teil eines Kommentars den Tomek Idzik letzte Nacht auf unserem englischsprachigen Blog veröffentlicht hat. Um was es hier geht, muss einem X-Buddhisten unverständlich bleiben. Nicht nur wegen der verwendeten Begriffe und Themen – das Lassen des X-Buddhisten zum Beispiel betrifft seine Apathie gegenüber der gegenwärtigen planetaren Katastrophe  – sondern auch wegen der prinzipiellen Andersartigkeit des Subjektes welches hier spricht: Die Stimme welche hier spricht, spricht aus einer für den X-Buddhisten im wahrsten Sinne des Wortes unvorstellbaren ‚Perspektive‘. Ihre barbarische Abartigkeit besteht vor allem darin, den kinematographischen Blick zu verlieren. Das perspektivische Selbst implodiert. Das ist nichts weniger, als ein wesentlicher Aspekt des Subjekts in Big Data.

Dass Tomek hier den Gotamischen Kalkül anspricht und da ich eine Übersetzung des Texte vorbereite der den Spekulativen Non-Buddhismus begründet, gibt mir obiges Zitat Gelegenheit den entsprechenden Eintrag aus der Heuristik zur Dezimation des X-Buddhismus vorab publizieren:

Gotamicher Kalkül. Die ersten Benennungen oder Ur-Worte – hergeleitet vom kanonischen Protagonisten, Siddhattha Gotama, dem Buddha – die ein gegebener X-Buddhist anwendet, um sein Modell von Sein und Werden darzustellen. Im Allgemeinen betrifft ein Kalkül die Tangente oder den Bahnverlauf stetiger, unmittelbarer Veränderung und die Fläche oder den Raum der sich daraus, wenn auch nur vorübergehend, ergibt. Als solcher betrifft der Kalkül die Quantifizierung von Grenzwerten der realen Welt. Newtons Gebrauch des Kalküls erlaubte eine mathematische Beschreibung physischer Phänomene. Im Gegensatz dazu befasst sich Gotama mit qualitativen Grenzwerten der realen Welt. Seine wichtigsten Begriffe sind die Konzepte die das Inventar des Dharma ausmachen. Verschiedene X-Buddhismen wenden wechselnde Oberbegriffe an. Ein Beispiel eines klassisch-buddhistischen Kalküls mag folgendermaßen aussehen: Ernüchterung, anzestrale Anamnesis, Verschwinden, Symbolische Identität, Nullheit, konzeptionelle Wucherung, Kontingenz, Welt, Oberfläche, Klarheit, Lösen-Erlöschen (nibbida, sati, anicca, anattā, suññatā, papañca, paticcasamuppāda, loka, sabba, paññā, nibbāna). Diese grundlegenden Konzepte sind brauchbare Kandidaten für einen gotamischen Kalkulus, denn sie sind wohl die sine qua non des klassischen Buddhismus (daher erste Benennungen bzw. Ur-Worte). Ohne sie ist die früheste buddhistische Fügung wenig mehr als ein platitüdenhaftes ethisches System, verbunden mit frommen Praktiken, situiert in einem langweiligen philosophischen Rahmen. Es ist gerade wegen robuster existentieller Postulate wie „Verschwinden“ und „radikale Kontingenz“, dass der klassische Buddhismus das Interesse der Denker dieser Welt, von Philosophen, Physikern und Künstlern, auf sich gezogen hat. Die große Ironie hierbei ist, dass klassisch orientierte X-Buddhismen selbst (z.B. säkulare, atheistische, agnostische, die der Waldtraditionen, traditionelle Theravada-, Vipassana-, MBSR- und einige andere) sich den ultimativ stimulierenden Schlussfolgerungen entziehen, die aus ihren eigenen Begriffen folgen – dem, oder einem, unausweichlichen Resultat. Das Ergebnis dieser Vermeidung ist, dass diese Begriffe den x-buddhistischen Diskurs wie ein Spuk verfolgen. Der Kalkül scheint einen anderen Bahnverlauf nicht nur zu erlauben, sondern geradezu zu fordern. Als Knotenpunkte im Netzwerk x-buddhistischer Postulate präsentieren sich da berechtigte bisher aber nicht untersuchte Fragen: Ist es nicht so, dass Konzepte wie Nullheit und radikale Kontingenz einen Schatten auf den x-buddhistisch-epikureischen Pfad der Eudaimonie werfen? Hängen nicht Ideen wie Verschwinden und Erlöschen wie eine dunkle Wolke über dem Ziel des Pfades, dem Nirvana, wenn dieses als heilender Ort ausgelegt wird, an dem „aller Durst auf ganz natürliche Art gelöscht“ wird? Das heuristische Werkzeug „gotamischer Kalkül“ fordert vom Fragenden, derartige Neuberechnungen x-buddhistischer erster Benennungen durchzuspielen und unerbittlich gegenüber jedem noch so unerwarteten Ergebnis weiterzudenken – wohin auch immer das führen mag. (Glenn Wallis, Speculative Non-Buddhism: X-buddhist Hallucination and its Decimation. In Cruel Theory | Sublime Practice, S. 134 f.)