Non-Buddhismus in Kürze

M. Steingass —  27.4.14

Des öfteren wurde ich inzwischen gebeten, Non-Buddhismus in einer Kurzdarstellung zu erklären. Sei es in einer kleinen Broschüre à la Batchelors Ein Säkularer Buddhismus, sei es, „das Programm der Unbuddhisten auf einer DIN A 4 Seite allgemeinverständlich zu formulieren“, sei es, „mit 2000 Zeichen“ non-buddhistische Einwände in einer Buddhismus-Zeitschrift zu formulieren, sei es, „non-buddhistische Praxis“ zu beschreiben oder sei es gar, zu erklären, wie man Non-Buddhist werden könne. Nichts von alledem ist möglich, da das Non nicht eine weitere Iteration buddhistisch-religiöser Denkmodelle ist, sondern da es an den einzelnen Menschen die Forderung stellt, selbst in einer Art Ex-Position zu etwas Anderem zu werden. In einem grundsätzlichen Shift eine andere Wirklichkeit zu gestalten. Jede Form parteipolitischer Programmatik führt zum genauen Gegenteil dieser Ex-Position.

Für englischsprachige Interessierte ist die Ex-Position des Non-Buddhismus im Buch Cruel Theory | Sublime Practice nachlesbar. Nachlesbar nicht im Sinne einer Betriebsanleitung, die zu irgendwas führt, sondern nachlesbar in dem Sinne, dass man sich darauf gefasst machen muss, zuletzt auf sich selbst zurück geworfen zu sein. Auf ’sich‘ selbst als radikal non-essentiell (anatta) dem Zu-Fall unterworfen (paticcasamuppada). Insbesondere Glenn Wallis‘ Text Speculative Non-Buddhism: X-buddhist Hallucination and its Decimation im genannten Buch, ist hierzu der Ausgangspunkt. Für deutschsprachige Leser werden hier auf diesem Blog demnächst entsprechende Übersetzungen erscheinen. Eine vollständige Übersetzung des Textes ist im weiteren Verlauf des Jahres geplant.

Radikal non-essentiell dem Zu-Fall unterworfen

Diese Formulierung beinhaltet die Non-Essenz des Buddhismus  – das was ihn von theistischen Religionen zum Beispiel unterscheidet. In diesem Kontext formuliert der Non-Buddhismus eine zentrale Frage:

Was passiert, wenn man dem Buddhismus seine transzendentale Projektion nimmt?

Transzendentale Projektionen (Plural) können als Essenz verstanden werden, die in einer Sache, in einem Wesen, einem Menschen, in einem Weltbild, in einer Ideologie, in irgendetwas Gegebenem gegeben wird. Das Non in non-essentiell – wie auch im Non-Buddhismus – verweist dabei nicht auf die Abwesenheit einer Essenz, sondern auf eine bestimmte Auffassung von ihr. Die Dinge haben Essenzen. Ein Becher etwa, das Trinken daraus. Ein Mensch, die Zeitlichkeit seiner Leidenschaften. Diese Essenzen können sich aber wandeln. Der Becher kann das Gift enthalten, das der Mensch zuletzt trink. Der Mensch kann zu einem kalten Diener des Kapitals werden. In beiden Fällen stirbt dasjenige, was eine Sinngebung ermöglichte. Die transzendentale Projektion (Singular) des Buddhismus ist das Missverständnis, dass es eine und nur eine Projektion geben könne. Das ist im westlichen X-Buddhismus das verfluchte Erbe des Monotheismus bzw. einer religiösen Perversion die letztlich den Menschen vom Spiritualen abschneidet – vom Erhabenen des Lebens an sich.

Der X-Buddhismus ist damit als ein Weltbild definiert, das eine exklusive, einmalige transzendentale Projektion für sich in Anspruch nimmt.

Es gibt zwei zentrale Missverständnisse die sich in einem so verstandenen X-Buddhismus zeigen:

Es gibt eine Geschichte & Es gibt ein Selbst!

Beide Missverständnisse führen im X-Buddhismus zu spezifischen und zentralen falschen Auffassungen. Zum einen ist das die Auffassung, dass es eine Form des historisch in Zeit und Raum exakt lokalisierten Wissens gibt, das Der Buddha wusste; bzw. die Auffassung, dass es diese in Zeit und Raum exakt lokalisierbare Person gegeben habe. Diese Auffassung ist mit unserem heutigen Wissen über das entstehen von Wissen nicht mehr vereinbar. Es gibt viele empirische Punkte an denen man fest machen kann, dass zumindest die Möglichkeit besteht, dass das Wissen vor 2500 Jahren für uns heute nicht zugänglich ist. Eine Diskussion darüber würde den Rahmen hier sprengen. Man kann sich aber beispielsweise mit dem Begriff der Episteme befassen, so wie in Michel Foucault eingeführt hat, um einen Eindruck davon zu bekommen, was hier gemeint ist.

Das andere zentrale x-buddhistische Missverständnis zeigt sich in der so genannten Meditation. Der im letzten halben Jahrhundert im Westen entstandene X-Buddhismus postuliert fast ausnahmslos eine Innenschau als Meditation, bei der der Mensch auf einer Reise in die Tiefe seiner Seele zu einer zentralen Wahrheit vordringen soll, die ihn und alles um ihn herum dann ein für alle mal erlösen soll. Die christlich konnotierten Begriffe Tiefe der Seele und Erlösung sind hierbei bewusst gewählt, denn letztlich handelt sich hier, wie beim originalen Gedanken des Buddha, um abendländische Erbschaften, die in die exotische Lehre aus dem Osten projiziert werden. Die Meditation setzte dabei immer voraus, dass es ein Selbst gibt, zu dessen Kern man vordringen müsse, und sie weiss nicht, dass dieser Kern immer nur ein Nicht-Kern sein kann der den Umständen geschuldet ist, in denen man sich findet.

Diese beiden falschen Sichtweisen finden sich im X-Buddhismus in vielen Variationen, die sie nicht immer sofort erkennbar machen.

Kontrastierend lässt sich der Non-Buddhismus daher wie folgt beschreiben:

1. Es gibt keinerlei historisches Wissen, das uns in irgend einer Weise garantieren würde, mit der Situation in der wir uns jetzt befinden besser fertig zu werden, als mit dem Wissen, das sich uns jetzt bietet.   2. Meditation ist kein Ersatz für fehlendes Wissen.

Die Konsequenzen aus diesen beiden Axiomen sind erheblich. Der erste Punkt zum Beispiel führt – in Kombination mit der digitalen Revolution der Technologie – zu dem Phänomen, dass alles mit allem rekombinierbar wird. Einer Realität, die erheblich Auswirkungen auf unser Leben hat, ohne dass man sich ihnen entziehen könnte, denen der X-Buddhismus aber gerne mit der Fiktion vom Original zu entgehen sucht. Die x-buddhistische Meditation mit ihrer Flucht ins vermeintlich private Innere ist der Versuch, sich dieser Realität zu entziehen. Damit ist der X-Buddhismus Weltflucht.

Das Kontrastprogramm des Non ist dagegen der Versuch in den Raum vorzustoßen, der jenseits einer postmodernen Beliebigkeit liegt, bzw. was der Mensch in seiner totalen Rekombinierbarkeit noch sein kann – oder ob er überhaupt bleibt, denn der Gedanke, dass der Mensch verschwindet, ist auch möglich. Dabei geht der Non-Buddhismus (selbstverständlich) davon aus, dass das Wissen heute genau der Punkt ist, an dem anzusetzen ist. Auch was den Buddhismus selbst anbelangt, denn verschiedene Wissenschaften wie etwa Archäologie, Philologie, die verschiedenen Buddhologien, Sprachwissenschaften, Anthropologie usw. usf. gewähren tatsächlich Einsicht in das was war – ohne allerdings, das man diese Einsichten mit einem tatsächlichen Sein verwechseln dürfte, das sich uns erschlösse. Das Non bedeutet die Akzeptanz, dass man gewissermassen eingeschlossen ist in ein Jetzt. Einem Jetzt allerdings das völlig anders geartet ist, als das vermeintliche Jetzt der x-buddhistischen Meditation. Diese Jetzt des Non ist immer ein Effekt aus Pre- und Protentionen, also aus Vorhergehendem welches Erwartungen schürt und aus Folgendem welches Erwartet wird. Das ist der Mensch in seinem Bewusstsein als zeitliches Wesen.

Die Meditation – oder besser: verschiedene Meditationsformen – sind dabei lediglich athletische Übungen, diätische Massnahmen oder Übungen der Selbstkontrolle über eine nicht bewusste Fremdkontrolle. Wobei letztere in der Subjektentstehung zunächst immer unsichtbar bleibt, d.h. das radikal Non-Essentielle dem Zu-Fall Unterworfene erscheint als etwas von der Natur Gegebenes – als etwas immer schon Daseiendes –, das sich aber bei entsprechender Untersuchung als bedingt erweist.

Hier ergibt sich eine politische Frage, die den eigentlichen Anfang des Non-Buddhismus ausmacht, denn das angeblich Natürliche, schon immer Daseiende, ist ein Effekt der Bedingungen des Seins in denen sich der jeweilige Mensch findet. Wir wissen das! Die Frage ist dann, wie kommt es, dass dieses Wissen um die radikale und sozusagen völlig un-natürliche Bedingtheit des Menschen kein Allgemeingut ist? Spätestens an dieser Stelle tritt der Non-Buddhismus aus jeglichen Resten einer selbstverliebten Innerlichkeit heraus und beginnt, wie viele andere auch, eine Menge weitere unbequeme Fragen zu stellen.

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Das Buch: Cruel Theory | Sublime Practice