Ich muss nichts sein

M. Steingass —  9.5.14

Neulich auf dem Schulhof. Eine Lehrerin kommt mit einer ihrer Schülerinnen ins Gespräch. Die junge Frau ist auf dem Gymnasialzweig einer deutschen Gesamtschule. Sie kommt aus sozial ‚angespannten‘ Verhältnissen. So genannter Migrationshintergrund. Geschiedene Eltern, kein Kontakt zum Vater – „zuviel Stress“ –, wenig Geld. Das soziale Umfeld voller Versuchungen und Nötigungen. In einer kleinen deutschen Stadt mit hohem Anteil an Migranten. Schulklassen in denen fünf oder zehn Nationen, Kulturen, Sprachen aufeinander treffen. Überforderte und resignierte Lehrer, großartige Bildungsmöglichkeiten für quasi umsonst. Eltern die ihre Töchter mit 16 aus der Schule nehmen um sie an einen Cousin zu verheiraten. Andere Eltern die sich alles vom Mund absparen, um ihren Kindern eine guten Schulabschluss zu ermöglichen. Schwimmunterricht im Burkini oder im DSDS-Bikini. 5 € pro Schüler für den Einkauf eines halben Schuljahres Kochunterricht. Kinder die in Designerklamotten zum Unterricht kommen. Andere deren Kleidung offensichtlich zum ixten Mal aufgetragen wird. Kinder mit iPhone, Kinder mit Neid. 12-jährige deren kriminelle Karrieren vorgezeichnet sind. Andere die das Wissen geradezu saufen. Der ganz normale Wahnsinn an einer deutschen Gesamtschule.

Nennen wir die Schülerin Tybalt. Tybalt, das  ist der Hitzkopf aus Skakesspears Romeo und Julia der, kaum dass er Romeo zum ersten Mal begegnet, schon den Degen zieht. Später tötet Romeo ihn im Kampf. Eine Situation die einfach eskaliert. Warum? Wer weiss warum Leute sich gegenseitig umbringen? Wegen Bagatellen, wegen Unsinn, wegen Politik, wegen Nichts, weil sie was sein müssen. Die junge Frau jedenfalls, die Schülerin, spielt den Tybalt in dem Stück das ihre Klasse derzeit probt. Die Rolle passt zu ihr. Sie ist ein Punk, ein Hitzkopf, jemand der sich nicht dumm kommen lässt. Mit schräger Frisur, ‚Tunnel‘ im Ohr, Nieten und Stiefeln. Sie schwänzt häufig, ist ziemlich gescheit, zieht mit Typen rum, die dem Biedermann zuwider sind – und sie hatte Anorexie und ritzte sich. Das heisst heisst Magersucht und Schnitte in der Haut. Oder: Ich hasse was ich sein muss.

Sie erzählt wie sie runterkam vom Ritzen und von der Magersucht. Sie habe einen Typen getroffen, der sie zum „Meditieren“ eingeladen habe. Einzelheiten schildert sie kaum. Wie sie „den Hippie“ traf, wo, warum, und was der erzählte. Der Typ ist nicht ihr Typ. „Hippie und Räucherstäbchen“. Aber er lädt sie und ein paar Andere zur Meditation ein und aus irgend einem Grund geht sie mit obwohl sie ziemlich skeptisch ist.

Der Hippie hat in seinem Zimmer einen kleinen Tisch mit irgendeinem Bild drauf und ein paar Kissen davor. Er erzählt kurz wie man ein Weile bequem auf einem Kissen sitzen kann. Dann zündet er ein Räucherstäbchen an. Auf die Frage, was er denn erklärt habe, wie Meditation gehe, ist aus Tybalt nicht sehr viel herauszubekommen. „Dann war ich halt da. Ich hab mich einfach mal dazugesetzt und geguckt.“ Ihr sei das schon komisch vorgekommen aber es sei auch ganz witzig gewesen.

Die Sitzung bei dem Hippie regt etwas an. Tybalt probiert es zuhause wieder und kommt irgendwie auf einen Dreh der sehr interessant ist. „Ich setz mich hin und muss einfach mal nichts sein. Das ist gut. Ich kann auch die Wut sehen wie sie kommt und muss aber nichts machen.“ Sie erzählt, dass sie das jetzt regelmässig morgens und abends mache. Sie sieht die Dinge kommen und wieder verschwinden. Das hilft, die Wut gehen zu lassen. Diese Wut die manchmal aufsteigt, die dazu führt eine Klinge zu nehmen, irgendwas scharfes, selbst die Fingernägel und sich die Haut aufzukratzen. Oder richtig tief zu schneiden. Bis ins Blut. Diese Wut. Und nichts essen, einfach nichts essen. Auch aus so einem Impuls heraus. Den Hunger verhungern zu lassen. Bis nichts mehr da ist und man ganz leicht wird. Das geht beim Meditieren vorüber. Das hilft. Sie sieht, wie die Wut kommt und geht. Und das hilft ihr schließlich, das alles in den Griff zu kriegen. Irgendwie.

Wie es genau dazu kommt, dass sie so anders wird und ihre Anorexie und das Ritzen in den Griff zu bekommt, ist nicht leicht zu erfahren. Vermutlich spielen eine Reihe von Faktoren eine Rolle. Persönlichkeit, Intelligenz, sowas wie emotionale Kompetenz? Es ist schwer zu sagen. Tybalt berichtet auch, dass sie nun bei anderen viel genauer sehen könne, wie die Gefühle bekämen oder sich über etwas aufregten und dass sie selber besser sehen könne wenn ihr was nicht passte. Sie habe dann mehr Spielraum. Sie müsse nicht unbedingt reagieren.

Mehr Spielraum.

Eine Antwort zu Ich muss nichts sein

  1. 

    “Dann war ich halt da. Ich hab mich einfach mal dazugesetzt und geguckt.” Ihr sei das schon komisch vorgekommen aber es sei auch ganz witzig gewesen.

    Genau so soll es eigentlich sein. Einfach Raum geben, den Rest macht die Praxis. Dann passieren genau diese Wunder, so habe ich es auch an mir erfahren und bei vielen anderen gesehen.