Zen-Geschäftemacher

Christopher Hamacher —  17.2.15

M.St.: Das Geschäft mit dem Zen scheint zu blühen. Doch nicht immer verläuft es ganz reibungslos. Geld, Sex und Macht sind auch im Buddhismus wichtige Faktoren die es manchem Menschen schwer machen, ohne Irrungen auf die andere Seite des Flusses zu gelangen. Und überhaupt scheint das Floss oft wichtiger als das andere Ufer. Christopher Hamacher beleuchtet in diesem Beitrag ein wenig die ganz großen Projekte – wie auch ein ganz kleines, das so klein vielleicht gar nicht war.

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11 Antworten zu Zen-Geschäftemacher

  1. 
    Matthias M. 18.2.15 um 16:32 UTC

    Lieber Christopher,

    vielen Dank für deinen interessanten Artikel. Sehr eindrücklich finde ich den Aspekt, dass uns jegliche globale Prominenz buddhistischer Lehrer skeptisch machen sollte. Ich sehe das auch so. Deine Beschreibung von Kyudo Nakagawa finde ich sehr eindrücklich. Der Umgang Nakagawas mit seiner Schülerschaft, seinem Ende und seinem Erbe zeigt, wie man sich auch als Mensch ‚vergehen‘ lassen kann. Byung-Chul Han drückt dies folgendermaßen aus:

    ‚Der Zen-Buddhismus entwickelt […] eine Gelassenheit zum Tod, die frei ist von Heroismus und Begehren, die mit der Endlichkeit gleichsam Schritt hält, statt ihr entgegenzuarbeiten.‘

    Vielleicht sollten sich dies die im Text genannten ‚Imperatoren‘ des Zen zu Herzen nehmen. Ein „…herrliches Wiesengrundstück im Allgäu“ sollte nicht leichtfertig der Industrie in den Rachen geworfen werden.

    Du schreibst: „Kann man tatsächlich eine solch intensive und persönliche spirituelle Praxis in einem so großen Stil betreiben? Oder sind Kompromisse mit der ursprünglichen Lehre nicht irgendwann unvermeidbar?“

    Auch eine Lehre ist ephemeral, dem Wandel der Zeit unterworfen und an Raum und Zeit gebunden. Was meinst du, wenn du von ‚ursprünglicher Lehre‘ sprichst?

    Herzliche Grüße
    Matthias M.

  2. 
    Christopher Hamacher 18.2.15 um 18:45 UTC

    die „ursprüngliche Lehre“ kann vieles bedeuten. Ich habe die buddhistische Theorie nie ernsthaft studiert, aber ein Beispiel habe ich in dem Aufsatz zitiert, wonach „selbst wenn man explizit nach dem Dharma gefragt wird, ist es in neun von zehn Fällen trotzdem besser, den Mund zu halten.“ Das bedeutet für mich, dass der Lehrer nicht „lehren“ soll und eigentlich nicht mal lehren kann: Er kann höchstens zeigen, wie er lebt, und wenn das dem Schüler gefällt, ist seine Praxis womöglich nicht schlecht. Dagegen zieht es ein Geschäftemacher vor, möglichst vielen Leuten möglichst viel über Zen zu erzählen. Erstens ahne ich dann, dass sein Ego ziemlich groß ist (man denke an das Merzel-Zitat, wonach schlicht zu viele Menschen auf ihn für die Erleuchtung angewiesen sind), und so möchte ich nicht leben. Und zweitens, wenn ich nur ein schön produziertes DVD von jemandem kaufe bzw. nur ein von hunderten Schülern bin, kann ich schwer einen wahren Kontakt zu diesem Lehrer aufbauen. Ich kann höchstens sehen, wie er sich im Dokusan-Raum verhält; nicht mit tatsächlichen Problemen. Letztendlich ist es eine Frage der Dimensionen: Buddhismus ist eine zutiefst menschliche Praxis und braucht menschliche Größenordnungen. Sonst gibt’s halt Kompromisse. Und da verknüpfe auch an Deine Frage bzgl. Raum und Zeit. Die Verhaltensweisen von vor 2000 Jahren – bzw. vor 500 Jahren im feudalen Japan – interessieren mich nur bedingt. Was der Lehrer heute damit tatsächlich macht, ist viel relevanter.

  3. 
    Matthias M. 19.2.15 um 21:16 UTC

    Christoph,
    ich finde, du nennst einen wichtigen Punkt, indem du hervorhebst, dass es keine ‚Lehre‘ gibt, sondern vielmehr eine bestimmte ‚Art zu leben‘. Ob wir diese Art zu leben, diese Praxis letztendlich ‚Buddhismus‘ nennen oder nicht scheint mir ebenfalls nebensächlich, dies vor dem Hintergrund, dass es den ‚einen Buddhismus‘ nicht gibt. Wie du richtig sagst, geht es um den Umgang mit konkreten, tatsächlichen Problemen.

  4. 

    Ich finde es durchaus gelungen, einmal den Aspekt der einfachen Lebensführung als Kennzeichen praktizierten Zens herauszuarbeiten. Auch Doraku-an hat gerade in seinem Blog ein paar anschauliche Beispiele gebracht: http://blog.dorakuan.de/en/ (Beitrag vom 20.2.).

    Unglücklich ist die Vermischung mit dem Thema Sexualität. Das „Loslassenkönnen“ auch vom Materiellen als wesentliches Kennzeichen einer Zen-Übung steht nicht im Gegensatz zur breiten Bandbreite möglicher sexueller Verhaltensweisen (von der Abstinenz bis zur freien Liebe), letzteres Thema ist also komplexer und ruft auch regelmäßig heftigere Reaktionen hervor, was an sich schon befremden sollte.

    Andererseits ist auch die Sache mit dem „Reichtum“ und „Besitz“ und der „Vermarktung“ nicht so einfach. Nehmen wir an, ein Lehrer hat es einfach nicht im Blut und kommt in seinem bescheidenen Leben auf 15 enge Schüler, denen er etwas von seiner Weisheit und Lebensweise vermitteln kann. Ein anderer, der sehr umtriebig und unternehmerisch geschickt agiert, erreicht jedoch 100. Ist der Sache des Zen (im Sinne einer Hilfe auf dem Weg zu einer tieferen Einsicht) nicht mit dem Zweitgenannten durchaus gedient? Bekannte Meister wie Muso Soseki sollen Tausende beeinflusst haben und werden noch heute geachtet, obwohl sie sich sogar an der Politik beteiligten.

    Mit anderen Worten, manche von den Lehrern, die bescheiden lebten, hatten womöglich keine Wahl und hätten es gern anders gehabt. Wir wissen das nicht immer. Andere, die z.B. nicht durch Sexskandale oder besonderes Geschäftsgebaren bekannt wurden, wie Shunryu Suzuki oder Deshimaru, haben jedoch ihren Weg von Hinterzimmern in große Tempel ebenso gemacht, weil ihnen Anhänger Gebäude, Grund und Geld von sich aus spendeten. Interessanterweise wird das bei solchen noch immer recht beliebten Lehrern nicht in der Deutlichkeit gesehen wie bei denen, die durch sexuelles Fehlverhalten auffielen.

    Dann gibt es noch profane Zusammenhänge zu bedenken. Was bedeutet es, wenn Shimano 2 Millionen will, weil sie ihm womöglich zugesagt wurden? Dass seine Sangha naiv war oder dass sie einst dachte, er sei das wert (so wie die anderen dachten, Deshimaru sei es wert, dass man ein Schloss für ihn aufkaufe)? Nehmen wir an, Shimano würde, wie Sasaki, über 100 Jahre alt, und seine Frau gleich mit, dann würde eine Million eine gute Rente für den Rest der Zeit bedeuten (ca. 5000 Dollar für beide), nicht mehr. Und ein guter Anwalt würde raten, 2 Millionen zu verlangen, damit man sich ggf. auf eine Million gütlich einigt. So läuft das doch.

    Was ist einem der Zenmeister also wert? Wer es billig haben will, findet seine Lehren woanders. Wer seine Nähe fürchtet, braucht sie nicht zu suchen. Aber es wird immer Menschen geben, die meinen, sie müssten einem in ihren Augen Erwachten etwas zukommen lassen. Shakyamuni soll ja darum schon den Lumpini-Park geschenkt bekommen haben.

    Letztlich hängt das, was man bekommt, stark vom eigenen Geschick der Vermarktung und leider auch oft von der Fähigkeit ab, die Schwachstellen in der eigenen Biografie zu verschleiern. Meister darin ist Thich Nhat Hanh. Ich habe kürzlich festgestellt, dass meine Beiträge über ihn im Asso-Blog wegen hoher Zugriffszahlen teils unter den „Top 5“ auftauchen müssten, aber das geschah nicht. Offenbar hat diese Krake hinter den Kulissen sogar Google-Rankings manipulieren lassen, wie man auch vermuten darf, wenn man seinen Namen eingibt und zig Seiten braucht, um auf irgend etwas Kritisches zu stoßen.

    In Deutschland lässt sich dieses unterschiedliche Geschick vor allem an der Linie Oi Saidans aufzeigen, eines Lehrers, der „Übertragungen“ regelrecht verschenkt und sogar noch ein Taschengeld draufgibt. Am Besten macht es der erwähnte Polenski, der auch Freunde im Fernsehen hat und folglich das meiste Geld einsammelt. Was die Lehre angeht, so ist, was er von sich gibt, m. E. keineswegs weniger seicht als das, was man von einem Hatlapa oder Shoju Schwerdt liest. Letzterer aber ist sogar zu dumm, seine biographischen Lügen glaubhaft zu machen, und darum wird er nie wie Polenski absahnen.

  5. 

    Es kommt darauf an, was man unter Zen eben versteht. „Hilfe auf dem Weg zu einer tieferen Einsicht“ kann man möglicherweise auch in einem Lehrer, den man kaum sieht, oder von mir aus sogar in einem DVD, finden. Aber ein solches „Zen“ bleibt für mich bloß ein Erleuchtungsprodukt. Ich behaupte dagegen, dass die buddhistische Praxis viel zu persönlich und langfristig angelegt ist, um auf einer solchen oberflächlichen Weise vermittelt zu werden. Und dass der Geschäftemacher das nicht versteht, ist ein Indiz dafür, dass auch dahinter wenig steckt.

    Das ist das eine. Das zweite ist, wie die Lebensführung eines solchen Lehrers mir als Vorbild dienen soll. Was sagt es über sein inneres Leben, wenn er so umtriebig ist, dass alles größer, schöner, zahlreicher sein muß? Es ist durchaus wahr, dass manche Lehrer gerne mehr Schüler hätten, sind aber halt zu wenig begabt. Aber die ganz großen verzichten bewusst auf riesige Institutionen, weil sie ja wissen, dass was dabei verloren geht. Mittelmäßige dagegen nicht, mit den Folgen, die ich ja aufzeige.

    Das mit den Spendern ist ja nicht anders. Gute Lehrer können vernünftig mit Geld umgehen, andere nicht: man muss ja nicht gleich Aromatherapie und Postkarten anbeiten. Und als Schüler soll man das genau so gut beobachten, als was der Lehrer letztendlich sagt. Das ist teilweise Geschmackssache, aber ein gutes Gegenbeispiel wäre für mich hier Vanja Palmers.

  6. 

    Christopher: Oh, da täuschst du dich aber im Falle Shimano. Ich habe Kontakt zu einem – und er ist bei Weitem nicht der Einzige – der genau diesen langfristigen Weg mit diesem Lehrer geht bzw. gegangen ist.

    Meine Ansicht ist eine andere. Es liegt allein am Schüler. Es gibt welche, die den Kern der Sache schnell erfassen, und es gibt welche, die lieber zu verschiedenen Lehrern gehen und davon profitieren. Letztlich kann ein Schüler kaum bei einem Lehrer bleiben, der ihn nicht davon überzeugen kann, dass er ihm mehr zu vermitteln hat als der Schüler schon erfassen konnte.

    Vorbilder brauchen wir nach der Erziehungslehre in Kindheit und Jugend. Dieser Prozess sollte dann weitgehend abgeschlossen sein. Man kann nicht erwarten, dass einem als Erwachsenen jahrzehntelang ein anderer Erwachsener etwas vorlebt. Man hat selbst Vorbild zu sein, nicht der andere Erwachsene. Ich habe nie nach einem Vorbild in diesen Meistern gesucht, sondern nach Erkenntnishilfe. Dafür sind sie da. Meines Erachtens war das schon immer so, sonst hätten sich nach dem 2. Patriarchen ja alle anderen „ein Vorbild nehmen“ und den Arm abschlagen müssen.

    Eine spezielle Diskussion um einzelne Lehrer würde hier wohl bald abgewürgt. Aber ich verstehe den Hinweis auf Vanja Palmers als „Gegenbeispiel“ nicht. Der Mann ist Millionenerbe, dem stellen sich diese Fragen doch ganz anders. Und was dabei herauskommt ist, dass er so krude Sachen behauptet wie Milch sei ungesund. Er hat also das Geld, und wie er damit umgeht, ist sekundär, weil er zu komische Sachen von sich gibt und damit die Funktion „Erkenntnishilfe“ nicht hinreichend wahrnehmen kann. In meinen Augen.

  7. 

    Ich habe einen Artikel gefunden, der einige Punkte anspricht, die diese Diskussion betreffen:

    http://buddhiststudies.berkeley.edu/people/faculty/sharf/documents/Sharf2007.%20Tricycle%20Interview.pdf

    „The sangha literally embodies the Buddhist tradition; it transcends the self-concerns of any individual, especially the concerns that arise from placing our inner life at the center of the universe. So we must ask whether Buddhism, when practiced without the ties of community and tradition, instead of mitigating our tendency toward narcissism, actually feeds it.“

  8. 

    Danke für den Link. Diese Passage finde ich relevant:

    „But if institutions don’t matter, if basic knowledge and understanding of scripture don’t matter, and if Buddhism is reduced to an inner experience, however this might be construed, then authority becomes a matter of personal charisma. Lacking the support and the checks and balances that are part of a strong community life, the authority and prominence of any particular teacher, whether by choice or necessity, is based largely on his or her skill as an entrepreneur. In short, teachers are forced to market, however tacitly, their own enlightenment. And this is precisely the situation with so many teachers in America.“

    Das stimmt durchaus bei den Geschäftemachern. Es lässt sich besser vermarkten wenn man sich von der Tradition löst und als „spiritueller Entrepreneur“ gleich was Neues gründet, zB Daishin Zen oder Big Mind. Solche Lehrer werden dadurch prominenter als diejenigen, die bewusst auf solchen Methoden verzichten. Auf der anderen Seite haben wir leider auch allzuoft gesehen, dass innerhalb traditionelle Institutionen die „checks and balances of community life“ trotzdem nicht eingreifen. Oft kombinieren die Geschäftemacher beides: traditioneller, institutioneller Rang mit erfolgreichem Selbstmarketing. ZB Willigis Jägers nachträgliche Einholen einer chinesischen Dharma-Übertragung.

  9. 

    Hallo Christopher, bist Du Dir sicher im Falle Jäger, dass diese Dharma-Übertragung aus China existiert?

    Insgesamt könnte es jedenfalls schon helfen, wenn wir uns mit den Asiaten besser vernetzen. Ich bin dafür, dass wir die falschen Bonzen outen und an den Pranger stellen. Denn auch die, die Daishin und Big Mind Zen machen, behaupten ja, in einer traditionellen Linie zu stehen, und ihr Geschäft funktioniert nur über diese Täuschung. Darum sollten hier Fakten geschaffen werden und in einem ersten Schritt all diejenigen des Betrugs überführt, die nicht einmal die rechte Ausbildung und das Meister-Zertifikat haben und – adäquat zu anderen Berufen – damit auch nicht ausbilden dürfen.

    Wenn so der „Markt“ von den Kriminellen bereinigt ist, kann man sich ans Feintuning machen und die Inhalte derer genauer beleuchten, die tatsächlich „zertifiziert“ sind, um sich zu fragen, ob das denn hinreichend ist.

    Im nächsten Schritt wird man sich fragen, was einem tatsächlich im Buddhismus beigebracht werden kann oder sollte. Wenn das Hinhocken und Beobachten des Innenlebens alles ist, genügt dafür als Anleitung ein Blatt Papier oder für den Ausbilder ein Schnellkurs in Meditation.

  10. 

    Ich habe keine Ahnung, ob diese Übertragung tatsächlich „existiert“. Wie es zu der Zeremonie überhaupt gekommen ist, würde mich aber schon interessieren. Ich weiss nur, dass Jäger offensichtlich damit wirbt, und das ist schon bezeichnend genug. Wie Du sagst, ist die Frage, ob solche Papiere – selbst legitime – auch was wert sind, dann in einem zweiten Schritt zu prüfen.

    Bzgl. deines dritten Schrittes verknüpfe ich wieder an die Beobachtung, wie der Lehrer tatsächlich lebt und wie er mit Dingen wie Autorität, Geld, Macht usw. umgeht.

  11. 

    dooyen, #9

    die falschen Bonzen outen und an den Pranger stellen. Denn auch die, die Daishin und Big Mind Zen machen, behaupten ja, in einer traditionellen Linie zu stehen, und ihr Geschäft funktioniert nur über diese Täuschung.

    Du müsstest erstmal das Problem klären, was eine Tradition tatsächlich ist. Ich habe das Problem auf diesem Blog vielfach behandelt. Kürzlich habe ich das noch mal an einem Beispiel deutlich gemacht (S. 8 f.). Tradition reimt sich eben auch auf Projektion und dann sehen wir im Spiegel des Ostens auch nur wieder uns selbst – falls man genau genug hinsieht. Dieses Genaue hinsehen wäre ein Kriterium, das es zu beachten gilt. Eine anderes wäre die von Christopher angeführte Art der Lebensführung. Die Frage nach Traditionen ist dann unwichtig.