Vom Kitsch der Erleuchteten

M. Steingass —  6.2.15

Vom Kitsch der Erleuchteten wurde am 4.2.15 im Rahmen der HALKYONISCHEN ASSOZIATION FÜR RADIKALE PHILOSOPHIE als Vortrag im Frankfurter SIKS e.V. gehalten.

Der Vortrag verfolgt im Wesentlichen drei Spuren:

  1. Der X-Buddhismus als eine Reaktion gegen die Moderne. Ausgehend von Schopenhauers Rezeption der Upanishaden und seines Begriffes von Leerheit, in Zusammenhang mit Schopenhauers Kunstbegriff, wird Karl Eugen Neumann zum Prototypen des heutigen X-Buddhisten.
  2. Der Begriff der Substanz in der westlichen Philosophie und Religion gegen den Begriff der Leere aus dem indischen Buddhismus. Die Vermutung ist, dass Buddhismusrezeption im Westen von Anfang an und bis heute dadurch erschwert wird, dass man den buddhistischen Begriff der Leere im Zusammenhang mit dem Begriff von der Substanz denkt. Hypothese ist, dass buddhistische Denker möglicherweise von vorne herein nicht Substanz dachten und von daher ein Verständnis ihrer Philosophie erschwert oder verunmöglicht wird.
  3. Ausgehend von François Laruelles non-philosophischer Idee, Materialien der Welt als erste Benennungen, in Form transzendentaler Axiome, zu setzen, wird darüber nachgedacht, ob indische Philosophen wie zum Beispiel Candrakīrti und Vasubandhu in dieser Hinsicht Material liefern könnten.

Das Manuskript findet sich hier => Vom Kitsch der Erleuchteten

*

O-Ton

Ich bin zu Beginn des Vortrages nur kurz explizit auf den Spekulativen Non-Buddhismus eingegangen. Der Vortrag selbst verfolgt aber genau das, was seine zentralen Fragestellungen sind:

  1. Was bleibt vom Buddhismus übrig, wenn man ihn all seiner transzendentalen Repräsentation beraubt?
  2. Gibt es Materialen die es, nach der „Dezimierung“ (Glenn Wallis) des Buddhismus, noch wert sind in Betracht gezogen zu werden.
  3. Wie könnte das Subjekt dann aussehen?

Materialien zum Spekulativen Non-Buddhismus gibt es auf dieser Website reichlich. Insbesondere unter dem Titel:

Drei Texte des Spekulativen Non-Buddhismus

12 Antworten zu Vom Kitsch der Erleuchteten

  1. 

    Einer der entscheidenden Sätze in deinem Vortrag, den ich unterschreiben könnte, lautet: „Der Buddhismus so wie er heute im Westen existiert, wird durch Erkenntnisse indischer Mahayana-Philosophen zerstört.“ Es lohnt sich also durchaus, mal in die Entwicklungsgeschichte des Buddhismus zu schauen und sich zu fragen, welche Lehrer und offiziellen Vertreter des Buddhismus uns offensichtlich verarschen, weil sie hinter uralten Erkenntnissen zurückbleiben.

    Ein paar Details in deinem Vortrag halte ich für falsch. Die Bilderstürmerei und das Nichtrituelle sind viel älter als die Romantik oder Suzuki und Kitarô, ich habe gerade das Linji Yulu übersetzt, das auch dafür steht. Und tatsächlich wurde schon vor dem Linji Yulu aus der Song-Dynastie der herkömmliche Buddhismus auf den Kopf gestellt, inklusive seiner Praktiken wie der Meditation. Im Grunde mache ich also das Gleiche wie du oben, wenn ich mir das frühe Chan anschaue – nicht mit der Annahme, das Frühe müsse das Tiefere an Erkenntnis automatisch bergen, sondern um zu fragen, ob evtl. was verloren ging, was wichtig sein könnte.

    Aus der Verlagspraxis kann ich sagen, dass es gar nicht die romantisch Verbrämten – wie der Nuttenbefruchter Ikkyu – sind, die sich am besten verkaufen, sondern die Repräsentanten ausgedehnten Zazens wie Sawaki. Aus der Dojo-Praxis im Zen kann ich sagen, dass dort im Gegenteil Bilder aufgehängt werden und Rituale eine große Rolle spielen. Es mag sein, dass im erweiterten Kreis der „nicht praktizierenden“, aber interessierten Buddhisten, ein Hang zum romantisch verklärten Buddhismus überwiegt, im Alltag der Praktizierenden geht eine solch möglicherweise insgeheime Einstellung jedoch mit der Sehnsucht nach Regelwerk – und insbesondere im tibetischen Buddhismus – komplexer Symbolik einher. Was sich regelmäßig in Foren zeigt, ist, dass die Praktizierenden immer mehr Ballast anhäufen, statt ihn abzulegen, und dass ihre Lehrer dazu meist beitragen.

    Aus meiner Sicht ist es also umgekehrt. Chan-Buddhismus war von vornherein darauf aus, Regeln zu sprengen, der heutige Zen-Adept hat vor allem ein Interesse daran, sich in Worten und Regeln Sicherheit zu suchen. Tatsächlich könnten solche Adepten von D. T. Suzuki lernen, sie orientieren sich aber an anderen und werden schnell zu Lätzchenträgern.

    Bezogen auf den Text des Palikanon kann ich zwei Ansichten in deinem Essay nicht stützen. Zum einen findet man dort sehr wohl „Spekulationen über die Herkunft des Menschen überhaupt, über Anfang und Ende der Welt“, möglicherweise hast du eine von mir mitinitiierte Diskussion im Buddhaland-Forum gesehen, die dazu dienen sollte, des Shakyamunis begrenzte Sicht auf diese Dinge zu demonstrieren. Zum anderen ist die Ich-Vorstellung den Indern seiner Zeit bekannt gewesen, darum werden ihm ja gleich nach der Geburt die berühmten Worte: „Unter dem Himmel bin ICH allein der von der Welt Geehrte“ in den Mund gelegt. Für den ganzen Gautama-Mythos ist die Vorstellung eines personalen Ichs, wie sie dann auch der Jesus-Legende und anderen zugrunde liegt, also vonnöten. Das ist einer der vielen Widersprüche des Palikanons.

    Ein anderer zentraler Punkt deines Essays ist die Leere, die im Westen fälschlich von der Substanz her gedacht würde. Sicher sollte man Leere als „weder Sein noch Nicht-Sein“ begreifen, um der genannten Gefahr des Nihilismus zu begegnen. Allerdings haben von Schopenhauer und Co. völlig Unbeeinflusste Chan-Lehrer bereits in den überlieferten Kôan mit den Fragen nach der Subjekt-Identität („Zeig mir dein Gesicht vor der Geburt deiner Eltern“) klare Bezüge zu dem geschaffen, was man bei uns durchaus mit Form, Essenz und Substanz wiedergeben kann. Was bleibt (an Form, an Essentiellem), wenn du dich, Suchender, immer weiter dekonstruierst? Bei Nagarjuna ist es die Leere von der Selbst-Natur (svabhava).

  2. 

    Zu 1.:Dem „Der X-Buddhismus als eine Reaktion gegen die Moderne.“ widerspreche ich aber entschieden. Gerade der X-Buddhismus ist doch Teil des ganzen Selbstverbesserungs- und Glücksentwickel-Märchen-Marktes der Moderne. Das Problem ist eher, das er eben keine Alternative zur Moderne ist, sondern ihr sich angedient hat.
    Zu 2. „Der Begriff der Substanz in der westlichen Philosophie und Religion gegen den Begriff der Leere aus dem indischen Buddhismus.“ Es gibt doch aber in der westlichen Philosophie durchaus andere Ansätze (die dem Buddismus und noch mehr dem Daoismus nahe sind) man denke nur an Whiteheads Prozess-Philosophie.

  3. 

    dooyen du schreibst

    Allerdings haben von Schopenhauer und Co. völlig Unbeeinflusste Chan-Lehrer bereits in den überlieferten Kôan mit den Fragen nach der Subjekt-Identität (“Zeig mir dein Gesicht vor der Geburt deiner Eltern”) klare Bezüge zu dem geschaffen, was man bei uns durchaus mit Form, Essenz und Substanz wiedergeben kann.

    Damit setzt du voraus was ich in Frage stelle. Ich stelle die Frage, ob man einfach so voraussetzten kann, dass das was die meinten, das ist, was wir meinen. Ich formuliere die Hypothese, dass die andere Begriffe gehabt haben könnten.

    Was Geschichten aus dem Palikanon angeht: Das ist nicht mein Thema gewesen. Ich habe mich mit Absicht auf einen kleinen Ausschnitt Madhyamaka und Yogacara konzentriert. Die Rechtfertigung, sich Material derart anzueignen, ergibt sich aus einem Verständnis dessen was ich im Dritten Teil andeute. Man muss auch unterscheiden zwischen Volksreligiosität und dem was Gelehrte sagen. Es ging mir nicht um die tausendundeinte Geschichte über den wundertätigen Buddha.

    Es wird auch nicht in Abrede gestellt, dass es vor dem Zen nach Suzuki usw. schon Bilderstürmerei usw. gab. Zen à la Suzuki ist ein Beispiel für den Mechanismus der Aneignung, den ich im ersten Teil darstelle. Und ob nun die Leute fleissig sitzen oder nicht ist auch relativ egal, es geht immer um den Mechanismus der Selbstreferenzialität und Autorität.

    Auf was schliesslich „Chan-Buddhismus von vornherein aus war“, bleibt zu fragen. Die Probleme, das heraus zu bekommen, deuten sich ja schon in deinem Text zum Rinzai-roku an: Editionsgeschichte, Überlieferungsgeschichte (Niederschrift 250 Jahre nach dem Leben Linji Yixuans), Übersetzungsfragen (Begriffe und ihre Bedeutungen in ihren jeweiligen historischen Apriori) usw. usv.

    Giri:

    Reaktion gegen die Moderne. Das ist im historischen Zusammenhang gemeint.

    Whiteheads Prozess-Philosophie. Es ging nicht darum, zu verneinen, dass es im Westen nicht auch Wege weg vom Substanzdenken gäbe. Natürlich gibt es die. Es geht um das was ich oben gegenüber dooyen auch angedeutet habe: Buddhismusinterpretation im Westen ist möglicherweise schief gewickelt, wenn sie von ihren eigenen Begriffen unkritisch ausgeht.

  4. 

    Matthias,

    du schreibst in deinem Vortrag:

    „Wir haben damit das wesentliche Element des Kitsches vor uns. Die Zirkularität, die Selbstreferenzialität bzw. die Autopositionierung. D.h. wir finden im Buddhismus des Westens Strukturen, Kategorien und Ideen des Westens, die zum Teil im Buddhismus Asiens nicht zu finden sind.“

    Mich würde interessieren, ob bzw. wo in dieser Aussage Laruelle’s Element der ‚Entscheidung‘ zu finden ist. Könnte man sagen, dass die Erfinder des westlichen Buddhismus wie beispielsweise die Vorzeigefigur D.T. Suzuki westliche Denkvoraussetzungen über fremde Denkmodelle stellen und somit eine Denkstruktur etablieren bzw. sich für eine Denkstruktur entscheiden, die vollkommen ‚westlich‘ eingefärbt ist? Da ‚westlicher Wein in buddhistischen Schläuchen‘ ein wesentiches Merkmal des X-Buddhismus ist, würde es mich interessieren, inwiefern dieses Merkmal mit Laruelle’s Prinzip der ‚Entscheidung‘ zusammenhängt.

  5. 
    Matthias M. 7.3.15 um 12:55 UTC

    Vielleicht hängen ‚Zirkularität/Selbstreferenzialität‘ und ‚Entscheidung im laruelleschen Sinne‘ gar nicht zusammen. Das Verständnis des Zusammenhangs bzw. Nichtzusammenhangs würde mir einfach helfen, beide Prinzipien besser zu verstehen und einzuordnen.

  6. 

    Doch, sie hängen zusammen. Man kann sie sogar als das Selbe bezeichnen. Komme später darauf zurück. Habe gerade keine Zeit. CU

  7. 

    zu #6: Alles klar Matthias. Ich übe mich in Geduld und freue mich auf deine Ausführungen.

  8. 

    Matthias, #4

    Da ‘westlicher Wein in buddhistischen Schläuchen’ ein wesentiches Merkmal des X-Buddhismus ist, würde es mich interessieren, inwiefern dieses Merkmal mit Laruelle’s Prinzip der ‘Entscheidung’ zusammenhängt.

    Ich habe gestern schon versucht, eine Antwort zu geben. Allein, ich bin daran gescheitert nochmals eine Erläuterung zu schreiben. Eine kleine Google-Suche entscheidung site:unbuddhist.com ergibt eine ganze Reihe von Stellen auf diesem Blog, wo versucht wurde die Entscheidung zu erklären. Es gibt auch das Tag Entscheidung (nach Laruelle) rechts in der Seitenleiste. Vielleicht hilft das weiter. Ich gebe also die Frage an dich zurück.

    Im hier besprochenen Fall braucht man übrigens keine Laruelle. Was Zen angeht, Suzuki usw. ist der Fall so einfach gelagert, das normales kritisches Denken ausreichen sollte um zu sehen, was hier Sache ist.

    Sorry, dass ich im Moment nicht mehr dazu sage.

  9. 

    Vielleicht sollte man Laruelle einfach mal sein lassen und sich vorerst nur mit dem Phänomen befassen, das ich in dem Vortrag, im ersten Abschnitt, beschreibe: Der X-Buddhismus im Westen als Erfindung und Projektion des Westens – so wie das beispielsweise im Falle des Zen klar wird, wenn man den erwähnten Text von Robert Sharf liest.

  10. 
    Matthias M. 9.3.15 um 17:47 UTC

    zu #8/9:

    Ich sehe das auch so. Um zu verstehen, dass der westliche X-Buddhismus eine Projektion des Westens selbst ist, benötigt man keinen Laruelle. Es ist einfach so, dass ich das mit der ‚Entscheidung‘ immer noch nicht richtig begriffen habe, es aber gern begreifen würde. Da sah ich eben ein gefundenes Fressen darin, mit Hilfe von Laruelle’s Entscheidung den ‚griechischen Wein im buddhistischen Schlauch‘ zu erklären.

    Beim Klicken auf den Tag ‚Entscheidung‘ erschien mir folgendes Zitat hilfreich zur Erklärung dafür:

    „Der Dharma muss […] gleichzeitig als der Realität wesentlich innewohnend fungieren, d.h. immanent, und als ihr äußerlich, also transzendent: ihr innewohnend, weil die raumzeitliche Wechselhaftigkeit und die Kontingenz ihn konkret, immanent, zum Ausdruck bringen; ihr äußerlich, weil er diese Konkretisierung transzendent (ideal – gedanklich) verankert.“

    Für den westlichen X-Buddhismus typisch ist die Konzentration auf inneres Erleben. Die innere Erfahrung entzieht sich dem Blick durch Dritte, wodurch diese nicht angreifbar wird. Raumzeitliche Wechselhaftigkeit und Kontingenz ist eine Bestandsaufnahme dessen, als was uns allen die Welt erscheint. Die Erklärungen zu dieser ‚Raumzeitlichen Wechselhaftigkeit‘ und ‚Kontingenz‘ können mannigfaltig sein, wie das im grossen ‚Festessens des Wissensstands‘ (feast of knowledge) zum Ausdruck kommt. An diesem Essen nimmt die Soziologie, Psychologie, Geschichtswissenschaft, Philosophie etc. teil. Durch die Verkapselung in der inneren Erfahrung entzieht sich der X-Buddhisus der Teilnahme an diesem Essen und damit auch der Kritik seiner Sichtweise.

    Die kognitive Entscheidung des X-Buddhismus besteht folglich darin, dass man eine transzendente Welterklärung verinnerlicht hat, die voll-automatisch die immanente Welt (Raumzeitliche Wechselhaftigkeit und Kontingenz) erklärt.

    Matthias, du hast die Frage an mich zurückgegeben. Ich hoffe, ich habe sie einigermassen zufriedenstellend beantwortet.

  11. 

    Matthias, #10

    Ich hoffe, ich habe sie einigermassen zufriedenstellend beantwortet.

    Naja, das sollte jetzt eigentlich keine Prüfungsaufgabe werden ;-)

    Ergänzend kann man sagen, dass die innere Erfahrung nun kolonialisiert wird. Wir haben das ja vor einiger Zeit auf The Non-Buddhist thematisiert. Die Erfahrung ist kein unbekannter Kontinent mehr. Sie entzieht sich nicht mehr dem Blick. Wir haben es dabei nicht mit einer einfachen Abbildung der Erfahrung zu tun, sondern auch mit einem System das durch diese besondere Form der Abbildung die Erfahrung selbst beeinflusst.

    In diesen Zusammenhang past auch gut der Artikel Die gläserne Seele in der FAZ von heute. Auch hier glaubt man lediglich etwas abzubilden, die Vermessung die mit ihr aber einhergeht, wird auf das Verhalten der Abgebildeten selbst zurückwirken.

  12. 
    Matthias M. 10.3.15 um 18:22 UTC

    #11
    Matthias,

    als Prüfungsaufgabe hab ich das eigentlich gar nicht verstanden, vielmehr als eine Herausforderung bzw. Motivationshilfe deinerseits, meine eigenen Ansichten zu Laruelle und dem Thema zu formulieren. Also doch durchaus eine pädagogische Massnahme.

    Ich lass mich ja oft lieber belehren bzw. mir Dinge erklären, anstatt auf mich zu vertrauen und selbst zu formulieren. Die Massnahme war also erfolgreich :-)

    Den Gedanken, dass die innere Erfahrung kolonialisiert wird finde ich sehr interessant und beachtenswert. Wir müssen sehr wachsam sein, dass uns unsere Erfahrung nicht entgleitet; dass nicht irgendwelche Zaubermeister uns einreden, wie unsere Erfahrung zu sein hat bzw, wie sie ist. Die Wissenschaft könnte da durchaus zum Problem werden, sollte irgendwann unsere Erfahrung bis auf die Knochen durchleuchtet werden.