Veräußerung und Improvisation

Matthias Mauderer —  25.3.15

Improvisation
Gerne möchte ich zum Thema Meditation und Erleuchtung zwei Textstellen von Peter Hershock zitieren. Diese Textstellen können sich eignen, die Vorstellung über ‚Meditation‘, wie sie von X-Buddhisten verstanden wird, zu erschüttern. Leider ist keines von Hershocks Büchern ins Deutsche übersetzt. Es folgen also meine Übersetzungen:

„Die häufigen Verweise zur Sitzmeditation in der Ch’an – Literatur deuten darauf hin, dass diese als nützlich angesehen wurde. Was jedoch keine dieser Passagen behauptet ist, dass Sitzmeditation eine ’notwendige‘ oder ‚hinreichende‘ Bedeutung für die Veräußerung der Erleuchtung ist.“ (Hershock, Liberating Intimacy, 1996)

„Zenlehrer haben häufig darauf bestanden, das wir Zazen nicht mit Sitzmeditation gleichsetzen oder verwechseln. Wieder und wieder werden wir daran erinnert, dass Praxis in allen Lebensumständen ausgeführt werden kann und sollte; in einem Tempel, zu Hause, auf dem Markt, in der Politik.“ (Public Zen – Personal Zen, Hershock, 2014)

Ich habe die Zitate leicht angepasst. Wichtig finde ich vor allem, dass Sitzmeditation nicht als ’notwendig‘ erachtet wird. Von der ‚Veräußerung der Erleuchtung‘ spreche ich ganz bewusst, da Erleuchtung für mich kein innerer Zustand ist, sondern ein nach außen gezeigtes Verhalten. Vielleicht sollte man am Besten gar nicht von Erleuchtung sprechen, sondern von radikalem, improvisiertem Handeln.

An dieser Stelle sehe ich klare Parallelen zu François Laruelle’s Mensch-in-Person. Dieser Mensch ist reduziert auf eine minimale transzendentale Funktion und somit frei von aufgezwungenen Funktionen der unterschiedlichsten Machtapparate. Dem Mensch-in-Person bietet sich die Möglichkeit, aus einer durch die Auslöschung einer maßlosen Transzendenz geschaffenen Leerheit verschiedenste Gelegenheiten zu verwirklichen.

„Gemäß der Situation, reagiere wie erforderlich.“ (Ch’an Aufforderung)

In Anlehnung an Hershock’s Improvisation und Laruelle’s Potenz der Leerheit reagieren wir somit nicht mehr, wie dies von außen (Machtapparate, Medien etc.) von uns erwartet wird, sondern wir agieren so, wie wir dies als Mensch-in-Person in der jeweiligen Situation für richtig erachten.

Quellen:

Bild

Liberating Intimacy (Peter Hershock)

Public Zen, Personal Zen (Peter Hershock)

Vom Kitsch der Erleuchteten (Matthias Steingass)

24 Antworten zu Veräußerung und Improvisation

  1. 

    Danke für den Literatur-Tipp, und sehr knackig zusammengefasst!

  2. 

    Zunächst ist es (jedenfalls im Zen) völlig unbestritten, dass die Übung alle Bereiche des Lebens umfasst und genau so ist auch der Klosteralltag organisiert und sollte man seine persönliche Praxis außerhalb des Klosters organisieren. Was das erste Zitat anbetrifft, so ist auch Hershock einem Scheinwiderspruch aufgesessen. Zunächst einmal dem zwischen „Erleuchtung“ und „Alltag“, denn nichts ist von „Erleuchtung“ getrennt, wenn man „Erleuchtung“ nicht auf ein singuläres Erlebnis reduziert. In diesem Sinne besteht dann auch nur ein Scheinwiderspruch zwischen Erleuchtung“ und Zazen, in dem letzterem eine „Nützlichkeit“ zugewiesen wird, aber damit Zazen schon von Beginn an korrumpiert. Gelegentlich kommt dann die Gegenrede, dass dies nur ne Idee von Dōgen sei, aber mit dem „ursprünglichen Chan“ nix zu tun hätte. Dem ist nicht so.
    Bei Huineng heißt es gleich zu Beginn des Kapitel 2 „On Prajna“, bezüglich „Rezitation“, (und dafür können wir auch „Sitzmeditation“ setzen):

    „What we have to do is to put it into practice with our mind; whether we recite it or not does not matter. Mere reciting it without mental practice may be likened to a phantasm, a magical delusion, a flash of lightning or a dewdrop.
    On the other hand, if we do both, then our mind will be in accord with what we repeat orally. (doing this, here:) Our very nature is Buddha, and apart from this nature there is no other Buddha.“

    Der zweite Satz, beginnend mit „on the other hand, if we do both“ wird meistens unterschlagen, deshalb kommt es zu diesen Fehlinterpretationen. Daß sich Zazen als fester Bestandteil der traditionellen Zen-Praxis eingebürgert hat, ist hauptsächlich praktischen Gründen geschuldet (s. Dōgen, Bendowa) und bezieht sich natürlich auch auf die Praxis des Shakyamuni, wie sie in den Agamas überliefert wurde: „Sitzen mit gekreuzten Beinen und gerade aufgerichtetem Körper)“, in deren Tradition man sich sieht.

  3. 

    Hallo Shoukou Nosen, ich weiss nicht ob du diese Blog genauer kennst, eher wohl nicht, sonst würdest du nicht so unbedarft einen Text auswerfen, der derart voller schwammiger Begriffe ist, dass einem ganz schwindelig wird. Das fängt schon mit „die Übung“ an. Sie ist eben kein radikales, improvisiertes Handeln sondern etwas von was du dir versprichst das es es ist – zumindest solange du davon in einer Weise redest, die nicht handelt sondern sich auf die üblichen Versatzstücke einer Tradition verlässt. Wie zum Beispiel in der schönen Formulierung Zazen […] bezieht sich natürlich auch auf die Praxis des Shakyamuni. Natürlich ist das ein schöner Traum, denn derart hat Zazen bestimmt nichts mit radikalem, improvisiertem Handeln zu tun, sondern mit denken in Schablonen.

    P.S. Sorry, dass ich gleich derart unhöflich bin, aber wir hatten diese Themen hier schon so oft, dass man etwas ermüdet. Vielleicht schaust du dich etwas um auf dem Blog um diese Kritik einordnen zu können.

  4. 
    Matthias M. 26.3.15 um 18:01 UTC

    Tradition und das Denken in Schablonen sind gute Stichworte. Um was es mir geht, ist ein Radikales Infragestellen von Tradition und Schablonen, eine Radikale Offenheit. Mein kurzer Verweis zu Laruelle im obigen Text weist eine Richtung auf, in welche dieser Ansatz weitergedacht werden kann.

  5. 

    @M. Steingass: Hm, hättest Du (bzw Hershock) nicht besser auch zunächst „Erleuchtung“ definieren sollen, anstatt mit diesem „Schwammigkeit“ zu beginnen :). Geschenkt. Mit „Übung“ wird im Zen vor allem den Aspekt der „Ausübung“ betont, nicht der der „Einübung“ – es ist also einfach das, was Hershock für mich unzutreffend als „Veräußerung“ benennt.
    Dann: Zen steht nun mal in einer Tradition, hat eine Geschichte, wenn man darüber nicht reden wollte, hätte auch Hershock nicht sein Buch schreiben brauchen. Und Du nicht Deinen Artikel.

    P.S. Deinen Blog kenne ich.

  6. 
    Matthias M. 26.3.15 um 18:48 UTC

    Shoukou Nosen,
    Der Artikel ist nicht von Matthias Steingass, sondern von einem seiner Namensvettern. Der Schwammigkeit hätte ich mich folglich schuldig gemacht. Allerdings habe ich angemerkt, dass ich persönlich das Wort Erleuchtung nicht benutzen würde, und dies nicht wegen seiner Schwammigkeit, sondern wegen dem Balast, den es im Gefolge hat. Das Post habe ich nicht mit dem Anspruch auf Vollständigkeit bzw. Genauigkeit geschrieben. Das Wort ‚Veräußerung‘ habe ich sehr frei übersetzt. Hershock kann dafür nichts.

  7. 

    Danke für die Richtigstellung, Entschuldigung für die Verwechselung. Wenn ich hier etwas beitragen kann, dann sind es sicher nur Anmerkungen zur Geschichte des Zen, soweit man dazu Rückschlüsse aus den schriftlichen Überlieferungen ziehen kann, und zu meiner Praxis innerhalb der „Linie“ die ich überblicke – die umfaßt allerdings 4 Generationen. Vllt kann das nützlich sein, um unnötiges Rumprügeln auf selbstfabrizierte Pappkameraden zu vermeiden. Aber wenn’s nicht von Interesse ist, laß ich es gerne bleiben.
    Das für „radikales, improvisiertes Handeln“ Zazen weder notwendig noch hinreichend ist, versteht sich von selbst. Auch nicht für “Gemäß der Situation, reagiere wie erforderlich.”, aber unter „Erforderlichkeit“ kann man ja auch Beliebiges verstehen.

  8. 

    Vllt kann das nützlich sein, um unnötiges Rumprügeln auf selbstfabrizierte Pappkameraden zu vermeiden.

    Fühl dich frei. Werde mich raushalten. Nur soviel eben noch, Stichwort Geschichte: Die Geschichte die gelebt wird, ist vielen Leuten eben nicht klar als das was sie ist, ein Prozess der Entstehung, des Entwerfens, der Kreativität und oft genug der Unterdrückung. Stattdessen wird Geschichte und Tradition häufig als naturgegeben missverstanden. Die Geschichte des Zen seit D.T. Suzuki z.B. Vgl. dazu hier, Der japanische Zen, S. 8 f. Man kann das Beispiel problemlos ausweiten, bis nichts mehr vom Zen bleibt als eine Erfindung des Westens. Was erstmal keine Wertung ist, aber etwas über Tradition aussagt und ihre Herkunft, ihre ‚Originalität‘ usw.

  9. 

    Genau, deshalb braucht man zum Verständnis einer Tradition (ihrer geschichtlichen Dimension) das Gegenwärtige, vv. Ich schau mir den Artikel an, mal sehen, ob da iwas Relevantes für die Diskussion hier rumkommt, ansonsten kannst Du mich ja auf eine spezielle Stelle aufmerksam machen. Zu „Zen im Westen“ kann ich aber nix aus eigener Erfahrung beitragen, ich kenn das nur über die Verlautbarungen seiner Proponenten.

  10. 

    Hershock dankt vorn in einem seiner Werke zwei Lehrern, die ich für verwirrt halte: Seung Sahn und Dae Poep Sa Nim. Ich freue mich aber, wenn ein Schüler seine Lehrer übertrifft, das ist m.E. dann auch Grund für Dankbarkeit. Fehlt nur noch, dass er die Beschränktheit seiner Lehrer(in) durchschaut oder etwas erkennt, was in meinen Augen von einigen Schüler/innen verkannt wird: Dass sie gar nicht der Lehrer bedurften, um zu ihren eigenen Ansichten zu kommen.

    Daraus folgt, dass Hershock aus dem Rinzai bzw. Seon argumentiert, Nosen oben aber aus dem Soto. Entscheidener Unterschied: Viele Rinzai-Anhänger glauben tatsächlich an ein singuläres Ereignis oder mehrere der Erleuchtung (kensho und satori), die man mit Schlüsselerlebnissen vergleichen kann. Dann besteht – in ihrer Logik – auch kein „Scheinwiderspruch“ zwischen Zazen und Erleuchtung, es geht vielmehr darum, dass Erleuchtung ganz unabhängig von Zazen gedacht werden kann. Deshalb wird Zazen auch nicht „korrumpiert“, weil es ja wie alles andere nur Mittel zum Zweck (der Erleuchtung) ist. Tatsächlich ist es also nach diesem Rinzai-Verständnis seiner Sonderstellung erst enthoben.

    Wenn Dogen hingegen Zazen als Symbol des Erwachens sieht, jedoch ein zielgerichtetes Zazen angeblich als kontraproduktiv, dann ist er es, der dem Zazen eine Sonderstellung zuweist – was sich in der ausgiebigen Praxis (womit dort vor allem Zazen gemeint ist) auch zeigt. Denn gerade weil er diese Funktion des Zazen – als ein Mittel zur Erleuchtung – angeblich leugnet, würde er nicht nur die Praktizierenden täuschen, sondern auch die traditionelle Lehre – in der die Sitzmeditation genau dieses Mittel zum Zweck für den Shakyamuni wurde – verraten. Er tut es nicht, indem er ausgedehnt sitzt, sondern indem er sophistische Erläuterungen bemüht, warum dieses Sitzen zwar keinem Zweck dienen soll, aber dennoch dauernd „zu tun“ sei.

    Zu Huineng: Huineng ist nicht eigentlich ursprüngliches Chan, das findet sich z.B. in Jeffrey Broughton’s akademischen Arbeiten. Aber selbst Huineng sagt nichts anderes als: Wenn du rezitierst oder sitzt, kommt es auf deine Geisteshaltung an, genau wie bei allen Alltagshandlungen. Was Hui-neng NICHT sagt ist: Für diese Geisteshaltung musst du rezitieren oder sitzen. Das wird auch durch die Legende, die um ihn rankt, verdeutlicht: Er nämlich tat genau das, was hier gefordert wurde – er handelte (als Koch, als Reisstampfer usf. im Kloster), er machte die Drecksarbeit. Und offensichtlich war er bereits mit Einsicht gesegnet, als er dort eintraf. Hui-neng spricht also gemäß seiner eigenen Erfahrung, denn weder Rezitation noch Zazen scheinen bei ihm die Erleuchtung (Einsicht) bewirkt zu haben.

  11. 

    „Dae Poep Sa Nim“? Ernstlich? OK, dann lohnt es sich wirklich nicht, auch nur ein Wort über den Schmarren zu verlieren (wie bei Seggelke, der dann später zu Nishijima wechselte und frech behauptet „in der Linie Kodo Sawaki“ zu sein). Mir unklar, wieso man so was hier überhaupt zitiert, und den Kram nicht als „X-Buddhismus“ durchschaut (s. „Vom Kitsch der Erleuchteten“ *). Auf „dooyen“ werde ich nicht eingehen, selbst wenn man ihm, wie hier durch mich geschehen, die Stelle aus dem Plattformsutra unter die Nase hält – total merkbefreit der Herr.
    *
    Auf den Vortrag würde ich gern eingehen, glaub aber a) daß dies hier nicht der richtige Platz ist, und weiß nicht b), ob der Autor daran überhaupt Interesse hat. Falls das der Fall sein sollte, dann einfach per eMail melden.

  12. 

    Aufgabe: Sitz einfach nur.

    Setze diese Aufgabe um, bevor die weiterliest.

    Wie verstehst und setzt du diese Aufgabe um?

    Es gibt zwei Arten diese Aufgabe zu verstehen und umzusetzen:

    -Du „praktizierst“ einfach nur Sitzen.

    -Du sitzt einfach nur.

    Diagnose: Da ist kein unmittelbar-offensichtliches Wissen betreffend des simplen Unterschieds.

    Das ist gleichbedeutend mit „praktizierter Umsetzung“.

    Erkenne den simplen Unterschied:

    -Einfach nur Sitzen zu „praktizieren“, ist offensichtlich nicht einfach nur sitzen.

    Ist der simple Unterschied bzw. die tatsächliche Bedeutung der Aufgabe nicht unmittelbar-offensichtlich, ist dies Ausdruck von „Gekünsteltheit“.

    Versuche den simplen Unterschied solange zu erkennen, solange der simple Unterschied nicht unmittelbar-offensichtlich ist.

    Ist der simple Unterschied bzw. die tatsächliche Bedeutung der aufgabe unmittelbar-offensichtlich, ist dies Ausdruck von Ungekünsteltheit.

    Das ist gleichbedeutend mit „tatsächlicher Umsetzung“.

    Ist der simple Unterschied unmittelbar-offensichtlich, ohne daß zusätzlich „darüber nachgedacht“ werden muss, ist man in der Lage, die Aufgabe „tatsächlich“ umzusetzen, anstatt die Aufgabe wiederum zu „praktizieren“. Dies ist bereits gleichbedeutend mit „primordial unkonstruierter Gelöstheit“. Da „primordiale Gelöstheit“ komplett unkonstruiert ist, besteht nun unmittelbar-offensichtlich keine Notwendigkeit mehr, die Aufgabe wiederum zu „praktizieren“.

    Anmerkung I: Somit ist nachgewiesen, daß nicht „Meditation“, sondern einzig und allein „Verstehen“ bzw. „tatsächliches Verstehen“ zielführend ist.

    Anmerkung IIa: Nichts kann durch „darüber Nachdenken“ gewusst werden.
    Anmerkung IIb: „Meditation“ ist gleichbedeutend mit „darüber Nachdenken“.

    Anmerkung II: Es geht also um die Unterscheidung zwischen dem Gebrauch eines Ausdrucks um damit „über“ das zu sprechen, was der Ausdruck bezeichnet und andrerseits den Gebrauch eines Ausdrucks um damit „aus“ dem zu sprechen, was der Ausdruck bezeichnet, was wiederum eine „vollzogene Umsetzung“ impliziert. „Tatsächliche (unmittelbar-offensichtliche) Unterscheidung wie „tatsächliche Umsetzung“ sind somit komplementär zueinander. Das von Buddhisten so bezeichnete „Dharma“ ist somit eine „Endoperspektive“.

    Anmerkung III: Die obige Aufgabe, welche sich an Shikantaza orientiert, kann natürlich auch durch andere Aufgaben ersetzt werden: Lass alles wie es ist / Tu nichts / Verhalte dich natürlich / Schau einfach nur auf den Bildschirm .. et cetera. . Aus einer bloßen Aufgabe eine Sekte bzw. Religion zu generieren, ist also Ausdruck von „praktizierter Umsetzung“ und somit Ignoranz bzw. Nichtwissen. .

    Anmerkung V: Aufgrund der relativ unwillkürlichen Gier nach Bewusstseinszuständen bzw. konzeptueller Verdinglichung all dieser Aufgaben auf Basis von Nichtwissen, will kaum ein „Buddhist“ etwas von all dem wissen; incl. „Meister a“ bis „Meister z“. . Stattdessen findet in solchen Kreisen eine regelrechte Hirnwäsche statt, welche – ähnlich wie beim Hypnotherapeuten – die Tendenz zum Ergreifen solcher Aufgaben (dadurch wird die Aufgabe zur Suggestion), für Zwecke der Bindung an die Sekte, schamlos und doch im wahrsten Sinn des Wortes „unwissentlich“ – ausnutzt.

  13. 

    Hallo thigles, nett dich mal wieder zu lesen. Wie läuft’s so?

    Zu #12 ganz kurz nur. Ich denke du versuchst zu differenzieren was ‚reine‘ Erfahrung und was denken über Erfahrung ist. Ich gehe, so weit ich dich verstehe, d’accord mit dir was diese Unterscheidung angeht.

    Ein Einwand betrifft jedoch Begriffe wie „komplett unkonstruiert“ etc. Das ‚Reine‘ gibt es in dem Sinne nicht. Aber es gibt eine reine Erfahrung als Erfahrung, schlicht als Erfahrung und nicht mal mehr als Erfahrung der Erfahrung. Aber, und das ist wichtig, es ist immer ein „transzendentaler Raum“ in dem sich das abspielt. D.h es gibt immer eine Konstruktion. In DzogchenTermini müsste man sagen, „primordiale Gelöstheit“ ist ein sich lösen in diese Konstruktion hinein. Sicher würde man mit vielen Dzogchenpas darüber streiten müssen, ob diese Gelöstheit nicht etwas totloses Ursprüngliches und Überpersonales ist, aber dem folge ich persönlich überhaupt nicht.

    Ich denke es gibt Ansätze mit denen man evtl. Parallelen finden könnte zwischen frühen Dzogchendenkern (heute sicher kaum noch) und dem was Matthias M. mit Mensch-in-Person andeutet. Man müsste Laruelle in der Hinsicht genauer ansehen. Komme evtl. darauf zurück.

    Generell sage ich, und das habe ich immer wieder versucht zu betonen, man sollte versuchen, sich über diese Dinge tatsächlich zu unterhalten, um Worte und eine Austausch zu finden der Traditionsbegrenzte Diskurse überschreitet und tatsächliche Gemeinschaft schafft. Das ist aber auf einem Blog kaum zu leisten.

  14. 

    Hallo Matthias,

    M: „Ich denke du versuchst zu differenzieren was ‘reine’ Erfahrung und was denken über Erfahrung ist.“

    nicht ich versuche zu differenzieren, der Leser muss differenzieren, um ‚tatsächlich‘ zu verstehen, worum es hier überhaupt geht. Darum handelt es sich auch um eine „Aufgabe“, die umzusetzen ist. So heißt es im Vorwort:

    „Compare the words from the very beginning with your own direct experience. If you only read the text and think about the content, it sounds like philosophy and you understand nothing. The content reveals itself from the immediate methodological enactment. You have to »implement« the existing tasks before you can actually verify or falsify represented content. This is meant when it is said that you must »compare the words from the very beginning with your own direct experience« “

    Nebenbei angemerkt, ist dies auch die Vorhergehensweise in George Spencer Browns Formenkalkül wie partiell & etwas abstrakter in Gödels Sätzen. Wer den Text ausschließlich liest und „darüber nachdenkt“ bzw. hauptsächlich über „Anmerkung II“ nach-denkt aber/und die Aufgabe nie ‚tatsächlich‘ umgesetzt hat, geht hier fehl. Desweiteren verwende ich hier auch nicht den Begriff ‚rein‘, sondern die Begriffe ‚tatsächlich‘ & ’scheinbar‘. Das ist wiederum nicht „spirituell“ gemeint, denn:

    „Expressions such as »actual implementation« and »practiced implementation« are used in this context quite exclusively in the methodological sense and thus quite »natural«. It’s not about »two truths«. This »artificial interpretation« is the still existing underlying »greed« for specific states of consciousness. According to this interpretation, the »actual implementation« must be something »ultimate«. Who interprets »knowledge« as »ultimate result«, has never »actually implemented«.“

    M: „ein Einwand betrifft jedoch Begriffe wie “komplett unkonstruiert” etc. Das ‘Reine’ gibt es in dem Sinne nicht. Aber es gibt eine reine Erfahrung als Erfahrung, schlicht als Erfahrung und nicht mal mehr als Erfahrung der Erfahrung. Aber, und das ist wichtig, es ist immer ein “transzendentaler Raum” in dem sich das abspielt. D.h es gibt immer eine Konstruktion. “

    Der Term „komplett unkonstruiert“ bezieht sich auch hier ausschließlich auf den methodologisch-endoperspektivischen Zugang, nicht jedoch auf eine ontologische Ebene, in der „Dinge“ existieren oder nicht existieren oder was auch immer. Darauf jedoch wendest du deine Begrifflicheit „das Reine“ an, wovon in diesem Ansatz eben nicht die Rede ist. Es geht hier eben nicht um ‚konzeptuelle Verdinglichung‘, sondern um das exakte Gegenteil: Transparenz. Und dieser Ausdruck ist ebenso nicht konzeptuell-verdinglicht zu verstehen.

    M: „In DzogchenTermini müsste man sagen, “primordiale Gelöstheit” ist ein sich lösen in diese Konstruktion hinein. Sicher würde man mit vielen Dzogchenpas darüber streiten müssen, ob diese Gelöstheit nicht etwas totloses Ursprüngliches und Überpersonales ist, aber dem folge ich persönlich überhaupt nicht.“

    Auch hier gilt, daß der Term ‚primordiale Gelöstheit‘ ausschließlich aus dem unmittelbaren Nachvollzug der Aufgabe wie dem ‚tatsächlichen‘ Erkennen des ’simplen Unterschieds‘ zu „verstehen“ bzw. „zu sehen“ bzw. „nachvollzogen“ werden kann. Dieses „Verstehen“ bzw. „Wissen“ unterscheidet sich grundlegend von „Verstehen“ bzw. „Wissen“ im Kontext konzeptueller Verdinglichung = „Bewusstsein“. Nebenbei angemerkt, gibt es nicht ganz zufällig auch Parallelen zum Lucas/Penrose-Argument. Das ist für Theoretiker interessant, spielt jedoch für die hier intendierten Zwecke nur eine metaphorische Rolle, da derartig eingenommene Exoperspektiven ihrer Natur nach ebenso bloß ’scheinbar‘ sind.

    Wenn sich diverse Dzogchenpas darüber streiten, was ‚primordiale Gelöstheit‘ denn nun ist oder nicht ist, dann ist auch das Ausdruck von konzeptueller Verdinglichung bzw. ist auch das Ausdruck von „Nichtwissen“, da es sich auch hierbei um ein bloßes „darüber“ Nachdenken handelt; ergo „Bewusstsein“:

    „Because consciousness is »already« the direct expression of conceptual reification, you’re constructing involuntarily a »thing« out of the actual task. This is like if one had no name and you would call him »no name«. In this case, the »practiced implementation« is a »conceptual reification« of the actual task and a representational »simply sitting« respectively thinglike »simply sitting‘nes« permeates the experience. Such artificial »subjectivity« can evolve to enormous and very subtle states of consciousness. Due this greedy »reified-identified« subjectivity one »want to get something very specific« from the task and this brings us directly back to the start.“

    Kurzum, auch dieser Ansatz folgt keinem „totlosen Irgendwas“.

    „Generell sage ich, und das habe ich immer wieder versucht zu betonen, man sollte versuchen, sich über diese Dinge tatsächlich zu unterhalten, um Worte und eine Austausch zu finden der Traditionsbegrenzte Diskurse überschreitet und tatsächliche Gemeinschaft schafft. Das ist aber auf einem Blog kaum zu leisten.“

    Ein fruchtbarer Diskurs ist wohl erst dann möglich, wenn die Endoperspektive geteilt wird. Das impliziert gewisse Voraussetzungen, auf allen beteiligten Seiten. Und es liegt nun einmal in der Funktionsweise des „Bewusstseins“, daß ebendiese Voraussetzungen unwillkürlich ignoriert werden (wollen). Es handelt sich hierbei also um keine Anklage, sondern um einen (’scheinbar‘ aber so-erscheinenden) ‚immanenten Weltknoten‘ – metaphorisch und nicht ‚ontologisch‘ gesprochen. Und der ist nur zu „lösen“, wenn man akzeptiert, daß sich ab einem gewissen Punkt jeder für sich selber an die Arbeit machen muss. Durch bloßes Erzählen kann nun einmal nichts gewusst werden.

    Als ich einmal einem frommen Christenmenschen so nebenbei den hier vertretenen Ansatz darbieten wollte, hat er mich doch ab dem „recognice-the-simple-difference „-Modul tatsächlich gefragt: „Und was ist der „simple Unterschied“?

    Tja.

  15. 

    Vielen Dank für deine Ausführliche Antwort. Leider weiss ich nicht aus welchem Vorwort du zitierst und der leichte Übergang zur „Vorhergehensweise in George Spencer Browns Formenkalkül wie partiell & etwas abstrakter in Gödels Sätzen“ ist mir auch nicht nachvollziehbar. Kommt hinzu „dass es nun einmal in der Funktionsweise des “Bewusstseins” liegt, daß ebendiese Voraussetzungen [der Endoperspektive] unwillkürlich ignoriert werden (wollen).“ Daher würde ich sagen, belassen wir es dabei.

  16. 

    Das Vorwort stammt aus meinem alten Haupttext dazu, der Bezug zu den „Forms“ liegt in der Struktur des Ansatzes bezüglich „Anweisung und Betrachtung“ selbst begraben, der Bezug zu Gödel’s Sätzen liegt u.a. in der notwendigen Kern-Differenzierung zwischen einem ‚Ausdruck der eine Zahl bezeichnet‘ und ‚einer Zahl und kein Ausdruck‘, wie auch das letztendliche ‚Verstehen‘ (der Wahrheit) G’s als unmittelbare nicht-formale ‚Einsicht‘, was im Penrose/Lucas-Argument näher dargelegt wird aber in diesem Kontext als bloße Metapher für ‚Transparenz‘ gesehen werden muss. Schade, daß du eingeschnappt zu sein scheinst, aber wir treffen uns irgendwann ganz sicher wieder. Dann eventuell mit einer gemeinsamen Basis, oder auch nicht. Jeder wie er will.

  17. 

    „Aus meinem alten Haupttext“ … „unmittelbare nicht-formale ‘Einsicht’, was im Penrose/Lucas-Argument näher dargelegt wird“ … usw. usv. Das ist lediglich deine Verblasenheit. Scheiss der Hund drauf.

  18. 

    # 13 M.S. „Generell sage ich, und das habe ich immer wieder versucht zu betonen, man sollte versuchen, sich über diese Dinge tatsächlich zu unterhalten, um Worte und einen Austausch zu finden der Traditionsbegrenzte Diskurse überschreitet und tatsächliche Gemeinschaft schafft.“
    Gemeinschaft worauf bezogen? Ich habe bei dir immer das Empfinden, dass du Bündnispartner suchst, nur ist mir der Sinn nicht ganz klar. Einsicht stellt sich nicht als Gruppenphänomen ein, sondern geht immer den Weg über den Einzelnen. Dazu sagt thigles in #16 treffend: “ ab einem gewissen Punkt jeder für sich selber an die Arbeit machen muss. Durch bloßes Erzählen kann nun einmal nichts gewusst werden. “
    Wenn es dir darum geht – Traditionsgrenzen aufzuheben und eine „tatsächliche Gemeinschaft“ zu schaffen – dann ist das die neue, andere Tradition, denn Gemeinschaft erschafft sich eben auch durch eine Tradition. Und erschaffst dann allerdings wieder die Probleme, die du jetzt kritisierst, gewissermaßen eine Art Wiedergeburt des Phänomens.

  19. 

    Hallo Aiko, wir sollten alle wissen wohin diese Diskussionen führen. Nach dreienhalb Jahren mit diesem Blog sollte zumindest ich das wissen. Und trotzdem habe ich mich in diesem Thread wieder darauf eingelassen. Schön blöd meinerseits auf diese Bauchrednerei nochmals einzugehen

    Es geht um den Text. Immanenz hiesse auch, an dem Text von Matthias M. anzusetzen.

    Was ist radikal improvisiertes Handeln?

    Dem Mensch-in-Person bietet sich die Möglichkeit, aus einer durch die Auslöschung einer maßlosen Transzendenz geschaffenen Leerheit verschiedenste Gelegenheiten zu verwirklichen.

    Man könnte evtl. auch sagen: Alle Träume abschminken. Aporetische Dissonanz. Und dann frei werden für andere Möglichkeiten und vor allem: für mehr Möglichkeiten. X-Buddhismus ist dagegen ein extrem verengtes Weltbild. Wir müssen akzeptieren, dass ein Gespräch mit dem Zwangscharakter des X-Buddhismus nicht möglich und nicht nötig ist. Man muss weitergehen.

  20. 

    Bezüglich: https://unbuddhist.com/2014/09/12/die-heuristik-des-spekulativen-non-buddhismus/ – zunächst ist man geneigt, das als Satire zu betrachten – nach ner Weile wird aber klar, daß es sich selbst nur um eine narzisstische Erklärungs-Diarrhoe handelt. Kurzum, worin der Unterschied zwischen X- und Non-Buddhismus bestehen soll, bleibt mir verschlossen.

  21. 

    Shoukou Nosen, du hast hier früher schon gezeigt, dass auch du dich selber einzig und allein als der grosse Alleswisser unter vielen weiteren grossen Alleswissern gelten lässt. Was willst du also hier? Du bekommst keine Anerkennung, keine Bauchpinselei, keine buddhistisches Geschleime. Was willst du? Und wie verträgt sich dein Gepöbel mit dieser tollen Selbstbeherrschung, die man im Zen so demonstrativ zur Schau trägt? Etwa noch nicht genug die Wand angeglotzt?

  22. 

    Mal abgesehen davon, daß es nicht um mich ging, sondern um Deine Reaktionen auf „Aiko“ und „thigles“, ich hab jetzt auch eingesehen, daß es keinen Sinn macht hier zu lesen oder gar zu antworten, nicht aus den von Dir genannten Gründen, sondern einfach deshalb, weil Du auf Anfragen nicht antwortest.

  23. 

    Red dich nicht raus. Du bezeichnest einen Text als „narzisstische Erklärungs-Diarrhoe“ mit dem sich ein paar Leute viel Arbeit gemacht haben (Wallis als Autor, ich als Übersetzter) und vermutlich hast du keine zwei Minuten reingesehen. Das ist typisch für euch Buddhisten. Und solche Anfrage wie von euch vier BuddhalandBuddhisten muss ich hier schon mal gar nicht beantworten. Nicht zB die von thigles in der er sich selbst zitiert als ginge es um eine Bestseller den jeder kennen müsse. Auch nicht die von Aiko, die ihm zur Seite springt und sich noch nie dafür interessiert hat, um was es hier geht. Und auch nicht eine von dir, von jemandem dem das genauso egal ist. Eure Diskussionstrategie war schon immer die Konfusion: Schwammige Begriffe, Ablenkung, persönlich Angriffe, Ressentiment. Sozusagen BuddhismusPegida.

    Nein, hier tauchen plötzlich vier BuddhalandBuddhisten auf, weil jemand Textstellen zitiert, die sich dazu eignen, die Vorstellung über ‘Meditation’, wie sie von X-Buddhisten verstanden wird, zu erschüttern. Ich fasse das als Erfolg auf, dass nun die Kritik hier, da sie nicht mehr zu euch in euer Biotop kommt, von euch aufgesucht werden muss. Und daher auch nochmals die Frage: Warum seid ihr hier? Um zum tausendsten Mal zu erklären, wie Buddhismus richtig geht? Das interessiert nicht.

    Auf diesem Blog wurde hundert Mal der Versuch gemacht einen vernünftigen Dialog zu führen. Häufig war das Ergebnis, dass ihr X-Buddhisten weder Willens noch in der Lage seid, euch mit der Kritik hier zu befassen. Statt Dialog gab es Predigten von Bescheidwissern. In diesem Thread ist es wieder das Selbe.

    Um was es hier geht, ist der Punkt, dass Buddhismus, euer westlicher Buddhismus, eine Chimäre ist, an die ihr alle Hoffnung auf Erlösung knüpft. Buchstäblich. Und dass die Dekonstruktion dieses Buddhismus inzwischen so weit vorangeschritten ist, dass euch zugig wird. Vor allem im Englischsprachigen gibt es inzwischen genug fundierte Literatur, die die These von der Erfindung des Buddhismus im Westen und seiner Strukturierung als Erlösungsfantasie christlicher Herkunft nur zu gut belegt.

    Alles was euch bleibt sind zwei Möglichkeiten: Ernüchterung oder eine Entwicklung hin zu religiöser Verblödung oder sogar aggressivem Fundamentalismus.

    Der Thread ist geschlossen.

  24. 
    Matthias M. 31.3.15 um 16:23 UTC

    #19

    Schön blöd meinerseits auf diese Bauchrednerei nochmals einzugehen

    Ein wichtiges Anliegen meinerseits war es, Laruelle in meinen Beitrag einzubringen. Es scheint aber leider so zu sein, dass die Benutzung von buddhistischem Vokabular dazu führen kann, dass ein sehr auf buddhistische Begriffe fixierter Diskurs entsteht. Du bezeichnest dies als Bauchrednerei, was ich sehr treffend finde. Letztendlich scheint es so zu sein, dass viele Menschen in bbuddhistischen Begriffen eine Art Zuflucht finden, die ihnen eine Geborgenheit vermittelt. Ich bin der Meinung, dass man einen Diskurs sehr weit öffnen muss, um unter anderem von seinem eigenen, mutmaßlich schützenswerten Selbst ablassen zu können.

    Ich sehe beispielsweise in der Horrorliteratur eine großartige Quelle für ein solches Unterfangen. Die Vorstellung des Lebens in einem indifferenten Universum entzieht jeglichem Selbst seine Wichtigkeit.

    Lovecraft imagined a world without blessing. But it is also a world without curse. Death itself ceases to be the sum of all despair. It simply represents the non-negotiable nature of the universe, a rough rescue that frees us from idiot gods and their attendant devils. Lovecraft offers us not a barren bleakness but a rich and welcoming darkness.

    Scott Poole