Kunst statt Wahrheit

Matthias Mauderer —  2.8.15

Je länger ich über den Buddhismus, Religionen an sich sowie auch die Wissenschaften nachdenke fällt mir auf, dass all diese menschlichen Bestrebungen in vielen Fallen zum Ziel haben, Sicherheiten zu geben. Die Sicherheit eines ewigen Lebens, die Sicherheit des Fortschritts zum Positiven, die Sicherheit eines zufriedenen Lebens im Hier und Jetzt. Und diese Sicherheit findet man letztendlich nur, wenn man sich der Illusion hingibt, dass jene Ansichten, welche man sich als Anker im eigenen Leben gesetzt hat, WAHR sind.

Ich kann und möchte bei diesem Spiel nicht mehr mitmachen. Aus menschlicher Perspektive gibt es keine Sicherheiten, keine Wahrheiten. Aber es ist gefährlich, aus diesem Spiel auszusteigen. Die meisten Menschen verteidigen ihre liebgewonnenen Wahrheiten mit Zähnen und Klauen. Und das ist auch ihr gutes Recht. Schliesslich agieren sie aus einer tiefsitzenden Angst heraus, ihre Meinungen, Ansichten und Lebenspläne könnten Sackgassen, Illusionen, Luftschlösser sein.

Auch ich kenne diese tiefsitzende, existentielle Angst. Aber ich möchte mich dieser Angst stellen, ihr ins Angesicht blicken.  Ich akzeptiere, dass mein Leben auf subjektiven Meinungen, Haltungen und Wünschen aufgebaut ist. Ich akzeptiere, dass alles, was ich mir in meinem subjektiven Schneckenhasu zurechtlege, eine Illusion sein könnte.

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Für mich macht es das Leben einfacher. Es macht es gewissermassen zu einem Spiel. Einfach nicht alles so Ernst nehmen, zumindest wenn es um das eigene, kleine, vernachlässigbare Selbst geht.

In der Kunst, vor allem in ihrer abstrakten Form, sehe ich eine Möglichkeit, subjektive Haltungen auszudrücken und diese dabei in ihrer subjektiven Form zu belassen. Gedanken, vor allem  in strukturierter Form, beispielsweise in philosophischen, religiösen und wissenschaftlichen Abhandlungen, vermitteln häufig automatisch den Eindruck eines Wahrheitstransports.

Experimente sind gefragt: Experimente mit Worten, mit Tönen, mit Bildern. Haben wir den Mut, ein buntes Bild zu zeichnen, und machen wir nicht den Fehler, das Bild für die Realität zu halten. Fangen wir an zu geniessen, das wir aus einer subjektiven Perspektive heraus verrückte, kreative Bilder malen können, die keinen religiösen, wissenschaftlichen, philosophischen Konventionen unterworfen sind.

Bunt.

6 Antworten zu Kunst statt Wahrheit

  1. 
    Patrick jennings 2.8.15 um 20:15 UTC

    Hi Matthias,
    Great text. You say it all beautifully. There’s nothing to add.

  2. 
    Matthias M. 3.8.15 um 05:59 UTC

    Hi Patrick,
    thanks a lot for your compliment. It’s very dear to me to get this from you. Have you made a cram course in German language?

  3. 
    Patrick jennings 3.8.15 um 08:28 UTC

    Ha! Matthias, you catch me out! I translated using google and also got some help from a friend. So I am afraid I cheat a little but still the elegance of your text shone through and, of course, its expression of what could be called the Non-Buddhist or Non-philosophical ethos, which, in contrast to Buddhism (or any other „ism“) aspires to transport its tricks around in a surreal bag — one without a bottom. Keep on going and write more in that vein please.

  4. 
    Matthias M. 4.8.15 um 17:02 UTC

    Patrick,

    what I feel is that art has the potential to give a huge amount of creative freedom. You can paint with any color you like, there are no standards you must follow. We are the painters, we choose the colors. I will write something more on this. I’m really glad that you like it. The color I prefer in the moment is the blackest black. I use mainly pessimistic colors inspired by the Ligottian worldview of malignant uselessness of everything and I am agog how the picture will look like. I love Ligotti’s dark vision. We need people who travel paths that only a few will have the courage to go. His worldview has some objective backings but I prefer in the moment being able to choose from my own subjective perspective and see how it alters my perception.

    I have a title in mind for my next text, maybe for the nonbuddhist: Art as an expression of the NON…

  5. 

    Schöner Text mein Lieber, schöner Text :)

  6. 
    seinsfindung 15.9.15 um 11:01 UTC

    Sehr schöner Artikel!!! Ich lebe Kunst als Teil meiner Selbst (mit allen Fassetten), das brauche ich um zu regenerieren -wieder aufzutauchen aus dem Emotionalen Subjektiven, rein in die Realität… der Aufschlag ist dann weniger schmerzhaft… wie ich finde…