Absolut Nein

M. Steingass —  3.8.15

Dieser Text ist gerade als Antwort auf eine E-Mail von Matthias M. entstanden. Wie das so ist bei der Improvisation, weiss man vorher nie, wohin sie führt. In diesem Fall kam es wieder zum absoluten Nein – ein Thema das weiter entwickelt werden muss. Das Problem dabei ist, dass es nichts mehr zu sagen gibt. Es gibt keine Idee mehr.

Craig Hickman hat es vor einiger Zeit so formuliert:

Ich sehe mir die Intelligenzia an und finde nichts. Das schiere Nichts. Keine Antworten. Obwohl ich zum Beispiel Žižek sehr verehre, sehe ich in ihm einen der grossen Gescheiterten unserer Zeit. Mit all seiner überwältigenden hegel’schen bzw. lacan’schen Gelehrsamkeit, hat er ein ums andere Mal festgestellt, dass er keine Antworten hat, dass alles was er jemals hatte, Fragen waren, Fragen über Fragen. Wann werden wir endlich das Ende dieser Fragen erleben und beginnen, die neue Idee einer Bestimmung zu entwickeln – für dieses fragile Bisschen planetarer Existenz. (vgl. Dark Ecologies und The Non-Buddhist)

Was den Pessimismus angeht, so bin ich einfach Kulturpessimist. Ich glaube nicht, dass diese Kultur in der Lage war oder ist, einfachste moralische Kriterien zu etablieren, die das Ökonomische bändigen würden. Es geht umgekehrt: Die Moral geht immer nach der Ökonomie.

Aber ich bin Optimist was das Leben selbst angeht. Ich kann z.B. den Katastrophenton der bei den so genannten Klimadebatten immer angeschlagen wird, nicht nachvollziehen. Selbst wenn wir beispielsweise tatsächlich in einer Zeit der massenhaften Extinktion von Arten leben, wird das Leben selbst auf diesem Planeten nicht bedroht sein. Aber das betrifft Zeiträume, die jegliche Kultur und auch die Evolution des Menschen übersteigen. Es gibt ein Leben ohne den Menschen – in so fern bin ich optimistischer Pessimist.

Was die Wahrheiten angeht, so denke ich schon, dass es sie gibt. Solche an denen man sich tatsächlich orientieren muss. Harte physikalische Fakten zB (nicht die Indeterminiertheit der Quantenphysik) an denen sich menschliches Leben notwendig genauso ausrichtet, wie an weichen sozialen und kulturellen Wahrheiten. Ich habe das neulich bei deinem Text nicht ansprechen wollen, da ich inzwischen zu faul für die Onlinedebatten geworden bin, die oft darauf hinauslaufen, dass man wiederholt immer wieder das Selbe differenzieren muss.

Meine Frage da war ja: „Welche Handlungen ergeben sich aus der Erkenntnis der Manipulation die sich Wahrheit nennt?“ Diese angesprochenen Wahrheiten betreffen nicht harte Fakten, wie etwa den physischen Tod eines Individuums, sondern die Manipulation, der wir durch die Politik, durch Filterblasen, durch die vielfältigen Kulturindustrien usw. ausgesetzt sind. Hier bin ich totaler Pessimist: Nur eine sehr geringe Zahl Menschen kann sich dazu durcharbeiten, die Formen der Manipulation tatsächlich zu erkennen.

Ich bin inzwischen auch ziemlich fassungslos wie sehr sogar Linke, die ja eigentlich qua Marx ihr Bewusstsein als von einer Materialität der gesellschaftlichen Bedingungen herrührend als bedingt entstanden sehen sollten, sich in netten illusionären Schneckenhäusern einrichten. Weder wird es Reformen geben die den Kapitalismus bändigen, noch eine notwendig sich aus einer historischen Determination ergebende Revolution (das habe die tatsächlich geglaubt und glauben es noch!). Es wird in den kommenden Generationen viel mehr zunehmend harte Verteilungskämpfe um notwendige Ressourcen geben. Dabei wird um so schlichte Dinge wie Sand (für Beton) und Wasser (sowieso) massenhaftes Leiden, Totschlag, Mord, usw. usf. in Ausmaßen entstehen, die alles bisherige in den Schatten stellen. Staatliche Ordnungen werden zerfallen (wie von Zentralafrika aus in den Norden und in den mittleren Osten in den letzten Jahrzehnten). Gated Communities, wie Europa oder Nordamerika schon heute, werden für die wenigen Glücklichen der Standard. Regierung wird das Management menschlicher Ressourcen sein – soweit diese nicht einfach Abfall sind. Mitbestimmung wird ein Begriff sein, der, wenn überhaupt, nur noch in Geschichtsbüchern auftaucht. Eine andere Wahrheit – im Sinne Badious – als die, dass es nur noch Körper und Sprachen gibt, ist nicht absehbar. Wenn es noch ein Idee des Kommunismus gibt, dann ohne die Linke, ohne die realpolitische, ohne die akademische, ohne überhaupt irgendeine die sich so nennt. Hier ist rabenschwarzer Pessimismus angesagt.

Man muss sich vielmehr sogar wappnen gegen Links wie Rechts (und gegen die Mitte). Und das wird die Kunst sein: Lokale Politiken zu finden, die in ihren jeweiligen mehr oder weniger zufälligen Erscheinungsformen, ein Überleben sichern, dass nicht von den wahren Wahrheitssuchenden verseucht ist. Diese Lebenskunst kann highTech sein, oder heruntergetaktet auf eine Minimum physischer Bedürfnisse. Sie wird eine wahre Politik sein in dem Sinne, dass Menschen einer Idee treu sind, die sie für sich als Model etablieren. In diesem Sinne wird auch die Liebe ein grosse Rolle spielen – als minimalste Form der Lebensform die das Individuum übersteigt. Und die Wissenschaft als das Wissen, das hilft – egal ob es um ein Tiefbeet geht oder um einen Solargenerator. Aber diese Politik wird sich auch in einem permanenten Krieg befinden, da der Hegemon einer sein wird, der nicht mehr zu besiegen ist, solange er sich nicht selbst umgebracht hat und einer der gnadenlos alles gleich machen will – vielleicht als die Synthese aus Stalin und Hitler: Ein überaus grausamer Weltdämon, dessen wahnhafter Willkür sich nichts mehr in den Weg stellen kann. Deshalb muss man in der neuen Lebenskunst auch den Tod wieder finden.

In vielen Teilen der Welt sind solche Aussichten bereits heute Alltag. Man muss sich das klar machen. In unserer Gated Communtiy, der Festung Europa, extrapolieren wir gerne von unserem jetzigen Zustand her. Das ist ein Fehler. Die Mehrheit der Menschheit hat nichts von den grossen Errungenschaften des Kapitalismus.

Man muss sich abwenden, mit einem absoluten Nein, weil man sehen kann, dass der Mensch den falschen Weg eingeschlagen hat und dass nun dieser Weg planetar-ökologisch wie auch politisch-ökonomisch zu weit gegangen wurde, als dass man noch auf eine Reform setzen könnte. In beiden Bereichen wird es so oder so zu einer Katastrophe kommen. In ersterem, weil physikalisch das System Erde längst überlastet ist, in letzterem da der Kapitalismus an eine absolute Grenze der Ausbeutungsfähigkeit von Ressourcen stossen muss, aber nicht bereit und in der Lage ist, dies anzuerkennen und entsprechend zu handeln (das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate spielt hier möglicherweise auch mit).

Mit absolutem Nein ist aber weder ein Apolitisches gemeint noch ein sonstwie Untätiges. Es ist eines, dass die Lage zuallererst anerkennt – insbesondere, dass niemand derzeit uns eine Wahrheit nennen könnte die, wieder im Sinne Badious, der Welt des Kapitalismus ohne Ideen eine Idee entgegensetzen würde.