Die Sache mit Tibet …

M. Steingass —  18.10.14

Tibet im 20. Jahrhundert, bevor die heutige Autonome Region Tibet als für zum Staat China gehörig erklärte wurde, war eine Kultur die technisch, politisch und ökonomisch etwa dem Niveau des europäischen Mittelalters vergleichbar war. Politische Einflusssphären wurden durch in ständiger Auseinandersetzung befindliche religiöse und weltliche Aristokraten blutig erkämpft. Ökonomisch hat man es noch mit einer weitgehend auf Tausch basierenden Aktivität zu tun, der Geld weitgehend unbekannt war. Es gab keinen Strom, keine modernen Kommunikationsmittel, kaum Maschinen.

Der Mensch war eingebunden in einen Kosmos aus eng umrissenen sozialen Regeln, bei deren Übertretung drastischste physische Strafen zur Ahndung angewendet wurden – einem letzten prominenten politischen Delinquenten, der 1934 einen Staatsstreich versuchte, wurden zur Bestrafung die Augen ausgequetscht. In Sichtweite des Potala-Palastes, zur Abschreckung des Volkes und unter Verweigerung der Begnadigung durch den 5. Reting, dem späteren Mentor des 14. Dalai Lama.

Die Dalai Lamas selbst, diese seit dem 14. Jahrhundert bestehende Institution, waren mit Ausnahme des 5., des 13. und des jetzigen 14. Dalai Lama weitgehend machtlose Figuren, die den politischen Ränkespielen der sie umgebenden Mächte hilflos ausgeliefert waren.

Matthew Kapstein, Professor für BuddhismusStudien an der University of Chicago, kommt zu folgendem Urteil:

[Die] grundlegenden Strukturen des politischen Lebens in Tibet blieben sich über die Jahrhunderte gleich. Sie waren charakterisiert durch permanenten Kampf zwischen lokalen Machthabern zwecks Durchsetzung regionaler Machtansprüche. Im so verstanden politischen Universum war die essentielle Regel: Um selbst zu überleben, muss der Feind sterben. (so in seinem historischen Abriss The Tibetans, S. 138)

Auch Der Grosse Fünfte – der 5. Dalai Lama, Ngawang Lobsang Gyatsho – folgte diesem Imperativ. In einem brutalen Bürgerkrieg im 17. Jahrhundert gegen die Sekte der Kajupas setzte er seine eigenen Machtansprüche, bzw. die der Gelugpas durch und ‚einte‘ Teile des tibetischen Kulturraumes in durchaus imperialer Weise mit Waffengewalt. Die Macht des Potala-Palastes, Sitz der Dalai Lamas, gründet sich auf Krieg.

Kontrastiert wird dieses Bild durch eine Selbstdarstellung prominenter tibetischer X-Buddhisten heute, die das historische Tibet in den rosigsten Farben darstellen. Der Grossapologet des tibetischen Buddhismus Robert Thurman behauptet z.B. im Vorwort seines Buches Grenzenlos Leben, der tibetische Buddhismus sei dem Ideal eines glückseligen Lebens, welches der Buddha als unser Geburtsrecht bezeichnet habe, in der gesamten Entwicklung menschlicher Gesellschaften am nächsten gekommen. Sogyal Rinpoche, ein erfolgreicher Geschäftsmann in Sachen Erleuchtung, zeichnet in seinem in Millionenauflage weltweit verbreiteten Bestseller Das Tibetische Buch vom Leben und vom Sterben, eine naive Schwarz-Weiss-Welt, in der Tibet dem Westen auf äusserst vorteilhafte Weise gegenüber gestellt wird. Der 14. Dalai Lama selbst schliesslich leistet dieser Tibetverklärung an vielen Stellen Vorschub. Zum Beispiel in Tibet, die Geschichte eines Landes. Dort verwirft er jede politisch-ökonomische Sichtweise auf Tibet und spricht Historikern wie Kapstein ab, ausreichendes Wissen zu haben, um Tibet zu beurteilen. Stattdessen werden in seiner Sicht Tibet und das tibetische Volk von einem „Gesamtplan“ bestimmt, den Tibets Schutzgottheit Chenrezi durchsetzt. Auch der Aufstieg der Gelugpas zu spirituellen und weltlichen Machthabern über Tibet ist in den Augen des Dalai Lama ein Erfolg des Planes von Chenrezi (vgl. a.a.O. z.B. S. 205 ff.).

Derart vorinformiert und in Ermangelung jeglicher Hinweise auf westliche historische Darstellungen der Geschichte Tibets, glauben tibetische Buddhisten im Westen tatsächlich in ihrer überwiegenden Mehrheit daran, dass Tibet eine Art ideale, erleuchtete Welt war. Vor diesem desinformierten Hintergrund wird auch die chinesische ‚Okkupation‘ in naiver und einseitiger Weise gesehen. Tatsächlich hatte Tibet in seiner Geschichte seit dem 14. Jahrhundert – also seit dem Beginn des Aufstiegs der Gelugherrscher – aber immer wieder starke Beziehungen zu China (und auch den Mongolen) in Form von strategischen Partnerschaften bis hin zu dichten politischen Verflechtungen, in denen Peking direkte Einflussnahme in Lhasa erwirkte oder sogar defacto Tibet lenkte.

All diese Details werden tibetischen Buddhisten, die dem Wort ihrer Führer vertrauen, vorenthalten. Die Genannten könnten es besser wissen – wenn sie wollten. Praktizierenden des tibetischen Buddhismus ist zu wünschen, dass sie sich umfassend über die Geschichte Tibets informieren, um tatsächlich das zu erlangen was sie sich so sehr wünschen: Einsicht in die Dinge wie sie sind.

Einen Beitrag zum besseren Verständnis der Geschichte Tibets und seiner Beziehung zu China leistet Ralf Boeck auf seinem Blog ZenSplitter mit dem Text

Die Sache mit Tibet …