Archive für 30.11.99

Kategorie deutsche Texte

Adam S. Miller 

Die Vertrautheit der Academy-Routine bekam etwas bedrückend Kumulatives. Sämtliche Gelegenheiten, wo ich mich die unverputzten Zementstufen im Treppenhaus hochgeschleppt und mein schwaches rotes Spiegelbild im Lack der Brandschutztür gesehen hatte und dann die 56 Schritte den Korridor entlang zu unserem Zimmer gegangen war, die Tür geöffnet und leise wieder ins Schloss gedrückt hatte, um Mario nicht zu wecken. Ich durchlebte noch einmal all die Schritte all der Jahre, sämtliche Bewegungen mit allen dazugehörigen Atemzügen und Pulsschlägen. Und dann die Gesamtzahl, wie oft ich die selben Prozesse noch würde wiederholen müssen, Tag für Tag, in unterschiedlichen Beleuchtungen, bis ich meinen Abschluss machte und wegzog, und dann begann der genauso erschöpfende Prozess der Auszüge aus bzw. Rückkünfte in Wohnheime irgendeiner Tennisstarken Universität. Der vielleicht schlimmste Teil der Epiphanie betraf die unglaublichen Lebensmittelmengen, die ich im Rest meines Lebens noch verzehren würde. Mahlzeit für Mahlzeit, plus die Snacks. Tag für Tag für tag. Die Erfahrung dieses Essens in toto. Allein der Gedanke an das ganze Fleisch. Ein Megagramm? Zwei Megagramm? Ich sah deutlich das Bild eines großen, kühlen, hell erleuchteten Raumes vor mir, der vom Boden bis zur Decke mit nichts als den leicht panierten Hühnerbrüsten vollgestapelt war, die ich in den nächsten sechzig Jahren zu mir nehmen würde. Die Unmenge an Geflügel, das für den Fleischbedarf eins Lebens viviseziert wurde. Die Unmengen an Salzsäure, Bilirubin, Glukose, Glykogen und Glokonol, die von meinem Körper produziert, absorbiert und produziert würden. Dann ein weiterer, dunklerer Raum, gefüllt mit den steigenden Exkrementmassen, die ich produzieren würde, die doppelt verriegelten Stahltüren, die sich unter dem steigenden Druck immer mehr nach außen bogen … Ich tastete nach der Wand hinter mir und blieb gekrümmt stehen, bis das Schlimmste vorbei war.

– David Foster Wallace, Unendlicher Spass, S. 1287 f.

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Scheisse

Hunger

Lange

Weile

Eine kurze Einführung in den Non-Buddhismus

Diesem Blog fehlt ein „About“, es hat keinerlei Einleitung, man ist irritiert von einem merkwürdigen Motto, der Titel ist sowieso unmöglich – um was also geht es hier?

Es geht darum, daß der Buddhismus seine generelle kulturelle Gebundenheit nicht sieht.

Es geht darum, daß er sich damit nicht nur vom Leben abwendet, sondern sich sogar in letzter  Konsequenz gegen es wendet.

Es geht darum, daß das was sich heute Buddhismus nennt, nichts mehr meidet als die radikale Einsicht in die Zufälligkeit, in die Abhängigkeit von biologischen und sozialen Mechanismen und zuletzt in die schlichte, abgründige Nichtigkeit des personalen Selbstes.

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Der Thaumaturg ist der Mensch mit dem gewissen Etwas. Man spürt förmlich, wenn man ihm nahe kommt, wie seine Weisheit und Güte strahlt. Man kann seine Realisation fühlen. Seine in vielen Jahren meditativer Praxis erworbene tiefe Einsicht in die tatsächliche Wirklichkeit – das reine zeitlose Sein so wie es eben ist. Wenn er spricht, der Thaumaturg, spricht er einen direkt an. Selbst wenn man unter hunderten von Menschen sitzt, richten sich die Worte des Weisen wunderbarer Weise direkt an Dich. Er kann dich sehen, deine geheimsten Gedanken, dein Herz, das was du wirklich bist und er kann sehen, was du wirklich brauchst. Er stößt einem die Last von den Schultern, diese Verwirrung, dieses Umherirren in tausenderlei Möglichkeiten. Er zeigt, daß es tatsächlich so einfach ist. Er verfügt über dieses magische Etwas, dieses besondere, geheime aber so deutlich spürbare gewisse Etwas.

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A ≠ A

msteingass —  21.4.12 — 21 Kommentare

Deutsch von Alex Zalla

Der Buddhismus befindet sich im Krieg. Und zwar in der Art und Weise, dass er sich verwandelt hat und völlig besetzt ist von den Gesetzen des Marktes. Eine Differenz zwischen dem Markt und der Gesellschaft existiert nicht mehr. Der Markt ist die Handlung der Gesellschaft. Der Buddhismus ist ein Teil der Gesellschaft und als solcher ebenfalls ein Teil des Marktes. Der Dalai Lama und jedes seiner Worte werden somit ebenfalls Teil des Marktes. Jedes buddhistische Wort ist eingebettet in eine Wolke von Werten des Marktes. Der Markt übersetzt weiche, soziale Werte, Normen, Ethiken und Traditionen der Gesellschaft in seine eigene harte Währung. Er bewertet Mitgefühl, bestimmt dessen Preis und macht es so zu einem Rohstoff – für besseren Wettbewerb.  Der Liebende, das Kind, der Geschäftspartner wird Objekt und damit haftbar. Mein Vertrauen ist ein Darlehn und mein Interesse bringt Ertrag. In dieser Währung verwandelt mich der Markt, nebelt mich ein und zerlegt mich in abzählbare Einzelteile. Das ist der Handel, die harte Währung von Google und Facebook. Der Markt atiomisiert. Ich bin schon längst ein atomisiertes Objekt. Das Ziel ist es mich in eine überschau- und berechenbare Größe zu verwandeln. Ich bin nur ein weiteres Element. Das Gestell. Buddhismus ist davon nicht ausgeschlossen. Wie könnte er auch? Er ist ein Teil der Gesellschaft, die Gesellschaft ist Teil des Marktes, der Buddhismus und die buddhistische Sprache sind Teil des Marktes. So wird selbst „die materielle Praxis der symbolischen Kommunikation der Menschen, welche die wichtigste Komponente des »Bewusstseins« ist“ verdorben. Wie könnte es anders sein? Es gibt keinen Ausweg. Wie auch immer, gab es jemals einen? Nein! So sieht’s aus und ich bin der Markt. Ich bin ein atomisiertes Wesen. Das heisst, Ich lebe Wirklichkeit als Einzelding – abgegrenzt, abzählbar, berechnend und berechenbar. Ein Objekt geformt vom und nichts anderes als der Markt. Ich kann nicht anders sein. Der Markt ist alles was von der Gesellschaft übrig ist. Aber woher weiß ich das? Ist das vielleicht nur eine weitere Täuschung die mir der Markt in meine letzte  intakte Vene pumpt um mich in einen narkotisierten Schlaf zu wiegen in dem ich davon träume zu verstehen? Ist meine mentale und emotionale Distanz real? Der Markt stellt diese Frage selbst und beantwortet sie, ohne Antwort, wie in Matrix und einhunderttausend anderen netten, rosa Denksportaufgaben. Er gibt die Antwort als Buddhismus – und macht die Antwort damit unmöglich. Das ist der Buddhismus im Krieg. Im Krieg gegen wen? Mich? Nein, ich bin der Markt, es gibt keinen Krieg gegen mich. Wie kann sich Krieg selbst bekämpfen? Der Buddhismus bekämpft sich selbst. Er erstickt seine Wahrheit, verkauft sich, geht auf den Strich. Geliftet, getuned und aufgepumpt. Die Dealerei mit dem „Nicht-Selbst“ und dem „Wa(h)ren-Selbst“ blüht. Anatman selbst wird zur Verlockung des buddhistischen Opportunismus‘. Ein Ausweg der geradwegs nur wieder hineinführt. Was bleibt letztlich wenn der Markt die Antwort auf die Frage „Was ist Erleuchtung?“ so beantwortet, daß sie nicht mehr zu verstehen ist, sie unsichtbar macht. Wie könnte alles was der Buddhismus sagt – samsara, karma, punabbhava, bodhi, sunyata, anatman, pratityasamutpada – irgend eine Art von Antwort sein, wenn der Buddhismus nichts anderes ist als Teil eines Marktes, der eine wirkliche Antwort verhindert? Es scheint eine Frage so alt wie die Aporie. Aber, wenn es wirklich eine Aporie ist, dann könnte das „der archimedische Punkt sein, von dem aus eine Veränderung erzwungen werden kann“.  Offensichtlich gibt es Veränderung. Platon redet gegen das Schreiben, schreibt aber den Dialog von Sokrates und Menon tatsächlich nieder. Sokrates sagt, Menon erinnere die Wahrheit. Doch in dem Beweis den er in den Sand zeichnen lässt, konstruiert er die Lösung. Aber es gibt eine Auslassung. Sie vergessen das Schreiben, die Exteriorisierung. Ist es möglich, dass der Markt eine ähnliche Auslassung macht? Wenn nichts bleibt als der Markt, so muß er sich immer noch reproduzieren. Für diese Reproduktion muss er ein Skript, eine Blaupause verwenden und er muss sich ausdrücken. Dazu benötigt er eine Sprache. Sprache ist idiomatisch. Der Markt hat so letztlich keine absolute Kontrolle über seine Reproduktion. Das ist die Sperrzone, das Herz des Marktes. Die Unschärfe der Sprache könnte seine Wirklichkeit zerschneiden. Die Sprache die zur Veränderung führt ist – Missverständnisse be-greifen, zu hören. Die Materialität des Denkens! Es ist in Stein gemeißelt, niedergeschrieben, vermerkt, notiert, kommentiert, gespeichert und abgerufen. Es ist also in der Zeit – Alterität an sich. Wir müssen darüber sprechen um es zu hören.