Tybalts Meditation

M. Steingass —  24.5.14

Vor kurzem wurden hier zwei Formen der Meditation thematisiert. Es geht um die Meditation der Asozialen und um Einfach-mal-nichts-sein oder anders gesagt: Es geht um die Meditation derer, die sowieso schon alles haben und deswegen depressiv werden und um die Meditation derjenigen, die nichts haben und deswegen auch depressiv werden. Die Meditation der Asozialen ist die der wohlhabenden modernen Kapitalisten, die in hermetisch abgeschotteten Habitaten ihre Angstattacken mit Meditation therapieren. Tybalts Meditation ist die der ungeschützten Nichtshaber an den sozialen Aussenrändern unseres gemeinen Wesens. Verbunden sind sie alle im Stress, in der Angst, der Depression, der Sucht, in der Aggression gegen sich selbst und alle Anderen. Ihnen allen scheint sich ein Weg zu zeigen, mit diesen Symptomen der affektiven Verelendung unserer Gesellschaft umzugehen. Die Unterschiede bestehen in den Vermögensverhältnissen. Die einen sind krank mit Geld, die anderen ohne. Die einen können sich die Meditation kaufen, die anderen gehören nicht zur Zielgruppe der postmodernen Meditationsdealer und stoßen höchsten per Zufall auf die Fähigkeit aus dem eigenen prekären Sein heraus etwas Erhabenes zu tun, anstatt das eigene Elend vor der Glotze mit einer Tüte fettiger Chips zu kompensieren.

Das Zusammentreffen beider Geschichten wirft ein Schlaglicht auf die krasse Ungerechtigkeit, die auch hier herrscht. Eine krasse Ungerechtigkeit, die vor allem darin besteht, dass so etwas wie die Meditation – gedacht als die Fähigkeit Zwang zu transzendieren –, etwas das jedem zur freien Verfügung steht, wieder nur die erreicht, die sowieso schon alles im Exzess besitzen.

Meditationsbonze

Der Himmel über Berlin

Nur Minuten bevor ich im Supermarkt zufällig über das Focus-Magazin 19/2014 mit seinem Aufmacher Immun gegen Stress stolpere, erzählt mir eine befreundet Lehrerin von der anorexischen Tybalt, die sich mit Meditation selbst therapiert. Beim Überfliegen der Focus-Reportage wird klar, dass der Gegensatz größer nicht sein könnte: Hier der gestresste schöne Reiche mit seiner 20-Millionen-Villa, der sich hoch über Berlin beim Meditieren in seinem Dachgarten mit Pool und englischem Rasen fotografieren lässt, dort die magersüchtige junge Frau, die sich zwar auch mit Meditation zu helfen weiss, die aber keinen Aufmacher hergibt wie der EdelMacker in seiner schönen neuen Welt. Dabei ist der Gegensatz nicht in der Meditation begründet sondern darin, dass die junge Frau vom sozialen Rand niemals darauf hätte rechnen können, dass jemand ihr dieses Hilfsmittel nahe bringt. Meditation, Achtsamkeit, MBSR usw. wird denen angeboten, die dafür bezahlen können. Es ist ein Markt um den hier geht und nicht eine Barmherzigkeit. Deshalb werden sich mit dem MeditationsHype, für dessen Anschwellen die Reportage im Focus ein guter Indikator ist, viele Anbieter einstellen, die entsprechende Dienstleistungen bereithalten. Hier ist gutes Geld zu verdienen. Die Schmuddelkinder à la Tybalt bleiben aussen vor.

Search Inside

Weltfrieden mit Google

Auf dem World Economic Forum 2014 ist Meditation der Renner. Goldie Hawn erklärt sie der versammelten globalen Elite und der „glücklichste Mann der Welt“ höchst persönlich, Matthieu Ricard, belehrt die Reichen und die Schönen darüber wie sie noch reicher und noch schöner werden können, ohne am Stress den das verursacht zu Grunde zu gehen. Folglich ist Mindful Leadership ein toller neuer Geschäftsbereich mit dem sich glänzend verdienen lässt. GOOG hat schon längst einen Fachmann für Meditation angestellt – Chade-Meng Tan, Googles „Jolly Good Fellow“ – und der hat inzwischen sogar einen Besteller über das Thema geschrieben: Search Inside Yourself. Die Wisdom 2.0 Conference macht es sich zur Aufgabe die Führer der grössten Wirtschaftsunternehmen mit Meditation bekannt zu machen und auf ihren Veranstaltungen ist neben GOOG praktisch alles vertreten was im Silicon Valley Rang und Namen hat – FB, AMZN, APPL, TWTR, MSFT, NSA, EBAY, CIA, YHOO usw. usf. In Europa angekommen ist die Welle auch schon: Im September findet in Dublin die erste europäische Wisdom 2.0-Konferenz statt. Massgeblich vorangetrieben wird der Trend auch von Leuten wie Ken Wilbers Integralistas und schließlich von kleinen nationalen Institutionen wie zum Beispiel der Deutschen Buddhistischen Union. Letztere wirbt mit ihrem aktuellen Heft Buddhismus aktuell 2/2014 dafür, „dass Meditation, Gebete, das Vertrauen in eine transzendente Dimension des Lebens, religiöse Verwurzelung usw. heilsame Wirkungen haben.“

Der Weg führt vom Gipfel der der globalen Wirtschaftselite in Davos bis in die Wohnzimmer der einheimischen Buddhisten und immer geht es um die eine oder andere „heilsame Wirkung“. Mehr Effizienz, Stressreduktion durch Achtsamkeit, bessere Gefühle, Gewichtsreduktion, Befreiung von Süchten, bessere Selbstkontrolle usw. Auf der Strecke bleiben dabei Leute wie Tybalt. Sie haben nicht die Möglichkeit an diesem Know-How zu partizipieren. Die Wisdom 2.0 Konferenzen vernetzten sich nicht in unsere Plattenbausiedlungen hinein, Ken Wilbers integrale Coaches kosten 50, 100, 200 € die Stunde und unsere kleinbürgerlichen buddhistischen Sanghas sind oft schon empathisch überfordert, wenn jemand was anderes zu trinken will, als lauwarmes Wasser. Es gibt eine undurchlässige finanzielle und/oder soziale Barriere, die es Leuten ausserhalb dieser Szene unmöglich macht, an Wissen über Meditation heran zu kommen.

TimeMindfullCover

Die finale Revolution

Neben den exorbitanten finanziellen Aufwendungen, die man für die Meditation zum Teil auszugeben hat und der sozialen Abschottung gegenüber dem Anderen, gibt es noch ein weiteres Problem, das es den Deklassierten schwer macht, wirklich Substanzielles über Meditation zu lernen. Falls es Meditationsformen gibt, die wirklich halten was man sich von ihnen verspricht, dann weiss man meist nicht, wie sie funktionieren. Wenn der Goldesel auf dem Dach seines 20-Mio-Haus oder die anorexische Tybalt tatsächlich etwas darüber herausgefunden haben sollten, wie man sich durch blosses entspanntes Irgenwohinsetzen von seinen Ängsten oder Autoaggressionen befreien kann, oder wie man zumindest anders mit ihnen umzugehen lernt, ohne auf teure Ärzte, Psychologen, Medikamente und sonstige Behandlungen zurückzugreifen, dann weiss man noch lange nicht, wie das genau vor sich geht. Allen Verlautbarungen über so genannte „wissenschaftliche Beweise“ zum Trotz, die die Wirksamkeit von Meditation betreffen, gibt es bis heute keinen Beleg dafür, dass Meditation irgendeine besondere Wirkung hätte.

Im amerikanischen buddhistischen Magazin Tricycle wurde kürzlich eine Metaanalyse über Meditation besprochen. Die Ergebnisse dieser bisher einmaligen und groß angelegten Arbeit sind ernüchternd und für diejenigen, die meinen auf die eine oder andere Weise Meditation an den Mann bringen zu müssen, geradezu vernichtend.

Zunächst wird festgestellt, dass von über 18.000 Studien über Meditation, lediglich 47 wissenschaftlichen Standards entsprechen. D.h. dass sie vom Untersuchungsdesign her so angelegt sind, dass ihre Aussagen tatsächlich Rückschlüsse auf das zulassen was man untersucht. Allein dieses Zahlenverhältnis ist ein unübersehbarer Hinweis auf die Diskrepanz zwischen dem MeditationsHype und dem tatsächlichen Wissen über Meditation. Es kommt aber noch schlimmer. Die Metaanalyse belegt in der Diskussion ihrer Ergebnisse mit einem dürren Satz, dass es egal ist ob man meditiert oder was anderes macht.

Wir haben keine Anhaltspunkte dafür gefunden, dass Meditation besser ist als jedwede andere aktive Behandlungsmethode (z.B. Medikation, Sport oder andere Verhaltenstherapien).

Rickard

Der glücklichste Mensch

Man kann die Zusammenfassung der Metaanalyse hier einsehen (der Rest ist kostenpflichtig). Eine nur unwesentlich ältere Version der Studie ist vollständig verfügbar: Meditation Programs for Psychological Stress and Well-Being

Die Schlussfolgerungen sind einfach: Wer Meditationstechniken anwendet, sollte sich Gedanken darüber machen, was er genau tut und welchen Motivationen er folgt. Es macht beispielsweise einen erheblichen Unterschied, ob man Autogenese Training betreibt oder meditiert, um Erleuchtung zu erlangen. Ersteres kann durchaus als Meditationstechnik betrachtet werden, die zu psychischen und physischen Veränderungen führen kann. Letzteres ist die sehr vage Beschreibung eines obskuren Zieles, das, je nach sozialem Winkel in dem man nachfragt, völlig unterschiedlich beschrieben wird. Ersteres kann im Laruelle’schen Sinne als transzendental minimierte Technik beschrieben werden, letzteres führt in den transzendenten Exzess. Was aber ein Mensch für-sich tut, ist letztlich seine Sache. Selbst wer meditiert um Erleuchtung zu finden, mag dabei etwas hilfreiches erfahren oder tun. Dieser Mensch wird dann beantworten können, was er tut und was er unter Meditation und Erleuchtung versteht. Dieser Mensch wird diese Begriffe ebenfalls transzendental minimieren können und sie derart in ein anderes Wissen überführen, das konkret wird.

Das grosse Glück mit Goldie

Wer allerdings Meditationstechniken verkauft (z.B. als Produzent entsprechender Produkte), öffentlich anpreist, als Wunderwaffe für den Weltfrieden zur Diskussion stellt (wie zum Beispiel Googles Jolly Good Fellow), effizienzsteigernd einsetzten will oder gar als Wundermittel gegen so ziemlich jedes denkbare Übel verkündigt, der muss Rechenschaft über seine Meditation ablegen. Insbesondere müssen diejenigen, die „die Wissenschaft“ und ihre angeblichen Belege über die Wirksamkeit von Meditation ins Feld führen, tatsächlich diese Belege und ihre Stichhaltigkeit nachweisen. Alles andere ist Bauernfängerei.

Wenn die Zeitschrift Tricycle in den USA beginnt, Skepsis an den schönfärberischen Darstellungen der Meditation anzumelden, dann heisst das wohl, dass dort dem einen oder anderen Buddhisten allmählich ein Licht aufgeht. Man sollte hoffen, dass die mutigeren unter ihnen den MeditationsHype nicht als Erfolg einer buddhistischen Inkulturation einschätzen, sondern als Korruption von dem Menschen eigenen Fähigkeiten durch den neoliberalen Kapitalismus und zur weiteren Ausbeutung menschlicher Arbeit – diesmal unter der besonders perfiden Ägide eines Dämonen namens Happiness, der es dem Arbeitssklaven endgültig unmöglich machen soll sein Elend zu sehen indem er ihn endgültig Happy macht.

Die Frage ist, wie lange wir im deutschsprachigen Raum auf derartige Einsichten warten müssen? Allein nur auf solche zum Beispiel, die einsehen, dass man Belege vorzeigen muss, wo von Wissenschaft die Rede ist? Vermutlich lange Jahre. Für eine ganze Generation von Heilsuchenden ist die Meditation die heilige Kuh und man sollte nicht erwarten, dass Leute die ihre Berufung, ihren Beruf, ihr Leben, ihre Arbeit, ihren gesamten sozialen Horizont auf die Meditation als ultimatives Mittel des Heils einstellen, plötzlich dazu in der Lage sind, in dieser Hinsicht selbstkritisch zu werden – obwohl ja ironischerweise gerade der Buddhismus eine solche Selbstkritik beinhaltet. Das betrifft alle, die in diesem Business tätig sind. Zeitschriftenmacher, Verleger, Autoren, Meditationslehrer, so genante Linienhalter aller möglichen Couleur, Betreiber von Schulungseinrichtungen usw.

Dem meditierenden Bonzen auf dem Dach seiner Berliner Villa schuldet man eine solche Aufklärung nicht. Tybalt allerdings schon. Wenn an irgendwelchen Meditationen wirklich etwas dran sein sollte, dann schuldet man all den Tybalts, die nicht zufällig darauf stoßen, klare Aussagen über diese Mittel. Weiter muss man die klare Ansage machen, dass es dabei um etwas geht, das jedem frei zusteht. Diejenigen die ihre Geschäftchen mit der Meditation machen, gehören zum Teufel gejagt. Hinweise darauf, dass an Meditationen etwas dran ist, gibt es genug. Dazu muss man nicht in mystischen Wolkenkuckucksheimen suchen – nur in dem, was Menschen tun. Man denke zum Beispiel an jenen Mönch, der sich im Jahre 1965 auf auf einer Kreuzung in Saigon aus Protest gegen die Vietnamesische Regierungspolitik selbst verbrannte. Lodernd saß er neun Minuten bewegungslos, bevor sein verkohlter Körper tot zusammen sank. Welche Kraft hatte dieser Mensch gefunden, das zu tun? Und was könnte man mit dieser Kraft noch alles anfangen, bevor man zu diesem letzten aller Mittel greift?

10 Antworten zu Tybalts Meditation

  1. 

    Also in meinen Zen-Kreisen sind eher die Tybalts die typischen Meditierenden. Vor ein paar Jahren hätte ich mich über all das, was du beschreibst, auch aufgeregt. Genpo Merzel hatte mal so ein abartiges Angebot: Fünf Tage mit ihm (a truly enlighted Master) und fünf Menschen in einem Fünfsterne-Hotel für 50.000 USD. Heute lächle ich darüber und denke, „so what“: Es muss auch Angebote geben, für Menschen, die nur dann anfangen zu meditieren, wenn ein 50.000 USD-Etikett dran hängt. Mir und denTybalts um mich herum schadet das nicht.

  2. 

    Hi Lucius, sprecht ihr denn darüber, was ihr macht in der Meditation? Bekanntlich wird auch im Zen viel Mystizismus betrieben. „Hinsetzen und Maul halten!“ ist ja eines der geflügelten Worte die angeblich alles sagen – wenn man es ‚richtig‘ versteht. Aber was tut man da tatsächlich? Das ist eine wichtige Frage.

  3. 

    Zu „wird auch im Zen…“ kann ich nichts sagen, mir scheint jede Gruppe ist anders. Insofern kann ich nur über unsere Gruppe schreiben.

    Wir sprechen natürlich über das, was uns bewegt, also auch über unsere Erfahrungen in/mit der Meditation. Es gibt dafür aber keinen formalen Rahmen. Wer will, spricht, wer nicht reden will, geht seiner Wege. Die meisten Gespräche ergeben sich einfach beim Tee trinken, Zigarrete rauchen oder in der Sonne sitzen. Warum auch nicht? Wäre ja komisch. Bei uns gibt es auber auch keine Kategorie von „Es“ richtig verstehen. Ich glaube wenn jemand bei uns so etwas von sich geben würde, würden ihn oder sie doch alle sehr erstaunt anschauen. Was sollte das den sein?

    Das mit dem „Hinsetzen und Maul halten“ käme bei uns auch niemandem über die Lippen. Ich glaube woanders aber auch nicht. Das ist nur eine Redewendung über die Praxis des gemeinsamen Schweigens und nichts, was jemand jemals zu jemand anderen in persona sagen würde. Zumindest ich habe es noch nie live gehört.

  4. 

    Glückwunsch zu eurer Gesprächskultur Lucius. Man würde gern mehr darüber hören. Mehr über Sanghas in denen tatsächlich nachgedacht wird über das was man tut. Leider ist das selten der Fall. Darum geht es auch in diesem Text.

    Mir geht es vor allem um zwei Punkte. Erstens kann man schon über Richtig und Falsch reden. Zweitens gibt es einen starken Trend zur Kommodifizierung der Meditation.

    Das Falsche geht z.B. aus der Metaanalyse vor, die ich zitiere. Es gibt aber auch viele ganz konkrete Beispiele an denen man ersehen kann, wie viel sich Meditierer vormachen. Ich habe hier auf dem Blog den Fall Shimano behandelt. In diesem Fall zeigte sich immer wieder, dass Shimanos Leute nicht in der Lage sind, ihn als das zu sehen was er ist: Ein misogyner Lump. Anstatt das Problem beim Namen zu nennen, versuchen diese Leute immer wieder „in der Meditation“ mit „mehr sitzen“ dass Mysterium zu verstehen, dass der Meister wie ein ganz normaler Hanswurst aussieht. Wer sich den Fall Shimano genaue besieht kommt an dieser Einsicht nicht vorbei. Ein anderes Beispiel ist der tibetische Buddhismus, in dem von höchster Stelle ein immer währendes, todloses „höchst subtiles“ Selbst gelehrt wird, das man durch Meditation zu erreichen habe.

    Der zweite Punkt, die Kommodifizierung der Meditation, ist unübersehbar ein ausserordentlich starker Trend. Er wird in absehbarer Zeit auch in unserem Raum alles andere was an Meditation existiert überschreiben. Vor allem wird mit ihm die Meditation aus der esoterischen Ecke heraus geholt und unter hart gesottenen Wirtschaftsleuten populär gemacht. Dass auch die sich was vormachen, spielt keine Rolle. Und irgendwelche ethischen Erwägungen die vielleicht mit dem Buddhismus noch verbunden waren, werden damit obsolet.

    Die Krönung ist, wenn man trotz mangelnden Wissens über Meditation, diese als Allheilmittel für so ziemlich alles darstellt – wie es das z.B. das Netzwerk Achtsame Wirtschaft tut. Zitat:

    Wir vertrauen in wirtschaftlichen Fragen auf unseren klaren Geist und unser mitfühlendes Herz – und nicht auf wirtschaftliche Theorien und Ideologien.

    Mit diesem Zitat habe wir den Kern des Problems vor uns. Hier ist das zentrale Dogma angesprochen das Meditation heute ausmacht – das es einen Geist an sich gäbe, der alle Probleme löst.

  5. 

    Hier eine Diskussion von Integral-Leuten zum Text.

  6. 

    Aus einem sehr langen Kommentar von Bernd alias Guido (dessen Rest ich aufgrund seine Weitschweifigkeit weglasse) entnehme ich folgende Aussage, die in Bezug auf den Text Tybalts Meditation wichtig ist.

    Die finanzielle oder soziale Barriere wird durch einfache Meditationsratgeber und kostenlose Meditationsangebote aufgehoben, und da in Deutschland die meisten Menschen lesen können, ist es ihnen auch möglich, sich die Meditation als Arme zu “erschließen”.

    Die Problematik wurde auch in der in #5 verlinkten Diskussion nicht verstanden. Joachim hat dort zwar ein Beispiel dafür genannte, welche Form von nicht-geldlichen Kosten auf Leute zukommt, die sich beispielsweise im tibetischen Buddhismus engagieren – die Kosten nämlich, an eine personale Wiedergeburt glauben zu müssen – aber das wurde dann weitgehend ignoriert. Man möchte eben an eine allgemeine Freiheit und Gleichheit im Buddhismus bzw. im AchtsamkeitsHype heute glauben – wobei das letztlich nur ein Symptom der Idealisierung ist.

    Pierre Bordieu hat das von ihm so genannte „kulturelle Kapital“ beschrieben, das entscheidend dazu beiträgt wer, was, wie in welcher Form tatsächlich dem allgemeinen Fundus an auch geistigen Waren entnehmen kann. Das kulturelle Kapital hat mit Sprache, Sitten und Gebräuchen, Umgangsformen, Verfügbarkeit an Zeit die nicht für die Reproduktion des Systems aufgewendet werden muss usw. zu tun. Es ist ein Kapital dessen Akkumulation schon lange vor z.B. nur der Fähigkeit des Lesens beginnt und entscheidend beeinflusst was mit dem Lesen-können tatsächlich gemacht werden kann.

  7. 

    Hallo Matthias,
    Persönlich finde ich das Beispiel zwischen einer psychisch Erkrankten anorexischen Tybalts und einen „asozialen Bonzen mit Alltagsdepressionen“ einwenig irritierend. Es ist als als ob man einen gebrochenen Zeh mit einem an krebskranken Kind vergleicht. Natürlich verstehe ich deine Absicht dahinter, aber man kann sicherlich mit klareren Mitteln das zum Ausdruck bringen.

    Reich vs Arm oder Gebildet vs Bildungsfremd sind Probleme die es gar nicht wirklich gibt und nur Kunsterzeugnisse unserer westlichen Gesellschaft sind. Auffällig ist, wo es keine Probleme gibt werden kurzerhand welche erzeugt. Daran kann man sicherlich auch gut verdienen.

    Die Schlussfolgerung deines Artikeln bringt im Gegensatz zum ersten Teil vieles verständlich auf den Punkt. Dafür danke ich dir!

    Meditation als Wundermittel für den Weltfrieden zu verkaufen ist wie du es beschreibst ganz klar Bauernfängerei und zudem korrupt. Aber auch das ist ein Modetrend der irgendwann vergeht., genauso wie die in Stufen eingeteilten „Erleuchtungspakete“ bestimmter x-buddhistischer Gruppen.

    Tricycle Mag betreibt zur Verwunderung vieler auch bodenständigen Journalismus. In Deutschland wird man sogar sehr bald begreifen, dass es einen Unterschied zwischen buddhistischer Meditationspraxis und Autogenes Training gibt. Das ist zumindest mein kostenlose „Wunder-Prognose“ für die Zukunft. Und jeder wird da noch mal persönliche Erfahrungen für sich rausziehen. In dem Sinne gibt es kein „Richtig“ oder „Falsch“.

    Dass Menschen mit ihren „Wundermitteln“ Geld verdienen ist schon seit ein paar tausend Jahren bekannt. Da braucht man sich nicht in die Hosen zu machen. Es wird sich für die Zukunft auch nicht ändern.

    Als konfessionsungebundener Meditations-und Achtsamkeitslehrer Geld zu verdienen finde ich persönlich nicht verwerflich. Ärzte , Lehrer, Psychologen etc bekommen schließlich auch ihr Gehalt.

    Allgemein brauchen sowohl der meditierende Bonze wie auch die Tybalts Aufklärung. Da würde ich keinen Unterschied machen. Hingegen die wirklich psychisch erkrankten brauchen eine gute medizinische Versorgung, die Deutschland auch bietet – sogar kostenfrei.

    Wissen und Bildung war noch nie so leicht zugänglich wie in unserer Gesellschaft. Man kann den „Cipsfressenden Couchsitzer“ nicht dazu zwingen sich zu bilden. Warum viele die große Gelegenheit unserer heutigen Zeit nicht nutzen überlasse ich lieber den Sozial- und Gesellschaftsforscher.

    Liebe Grüße, Wasana

  8. 

    Liebe Wasana, ich finde dein Gerede furchtbar. Tybalt ist die Person, die vom feisten Bonzen & Groß-Immobilenhändler Stefan Peter (als Personifikation einer Drecks- und Kriegsökonomie) höchst effizient an den sozialen Rand gedrängt wird. Von einem Widerling, den wir meditierend auf dem Dach seines 20-Millionen-Hauses in Berlin bewundern dürfen und der großkotzig daher redete „Meditation ist ein Mittel zur Effizienzsteigerung. Ich arbeite weniger und habe mehr Erfolg.“ Tybalt (als Personifikation des Menschenmülls den die Drecks- und Kriegsökonomie erzeugt) badet es aus, denn sie hat gar keine Arbeit, kein Geld, nichts. Und als beschissen kapitalistischen Zuckerguss obendrauf, wird sie dann auch noch als psychisch krank deklariert. Dermaßen gebrandmarkt darf sie sich dann umsonst in der Psychiatrie entsorgen lassen – während unser Bonze für lächerliche paarhundert Mäuse die Stunde sich in einer Psychotherapie gesundbeten lässt. Damit er uns anschliessend bei einem Prosecco von seinen Depressionen vorheult. Wenn etwas krank ist, dann sind es diese Verhältnisse. Und krank ist es auch bei diesen Verhältnissen davon zu reden, dass sie gar nicht wirklich existierten. Danke, danke, danke. Ich habe genug von davon. Die Zeit solche ‚Diskussionen‘ zu führen ist vorbei.

  9. 

    Besonders interessant fand ich folgenden Satz: „Die einen sind krank mit Geld, die anderen ohne.“ Irgendwie finde ich, dass dieser Satz alles auf einen Punkt bringt, aber im Allgemeinen doch auch etwas pauschalisiert dargestellt ist. Natürlich stimmt es in gewisser Weise, dass die Schönen und Reichen, das Meditation lernen immer mehr als eine Frage des Wohlstandes abstempeln, aber dennoch ist das Meditation lernen im Allgemeinen doch nichts Schlechtes. Nur die mediale Publikation ist teilweise eher stigmatisierend.
    In jedem Falle aber finde ich, dass dieser Eintrag viele Aspekte ins Scheinwerferlicht rückt, die oft eher aussen vor gelassen und ignoriert werden. Meditation lernen ist dennoch, davon bin ich überzeugt, keine schlechte oder gar unnütze Sache.

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  1. Der affektive Aspekt der Entscheidung am Beispiel des x-buddhistischen Heiligen Ole Nydahl « Der Unbuddhist - Juni 12, 2014

    […] Vergleiche dazu Pierre Bordieus Begriff vom kulturellen Kapital. Vergleiche ebenfalls die in Tybalts Meditation dargestellte […]