Archive für Kontrollgesellschaft

Es ist tatsächlich nicht besonders schwierig sich in eine tiefe meditative Trance zu versetzen und oder verschiedene Varianten der Beeinflussung des eigenen Bewusstseins durchzuspielen. Timothy Leary hat das schon in den 1970er Jahren in seinem genialen, aber aus heutiger Sicht esoterisch auch ziemlich verpeilten und überholten Text Exopsychologie erkannt. Dort geht es im so genanten 5. Schaltkreis um die autonome Beeinflussung des eigenen psychophysikalischen Seins. Sprich, es geht um die Fähigkeit Körper und Geist sinnvoll, selbstbestimmt und mit entsprechendem Know-How ausgestattet zu steuern. Die Idee Learys in ihrem zeitlichen Kontext ist auch deswegen interessant, weil sie neben den Forderungen nach mehr Selbstbestimmung im politischen, privaten und beruflichen Leben, den eigenen Körper zu einer Domaine des Wissens macht. Das heisst aus der Perspektive derjenigen, die diesen Körper lebt – nicht aus der Perspektive des Arztes, Lehrers, Vorarbeiters, Vorgesetzten, Befehlsführers etc. pp. Diese Selbstbestimmung, zunächst ganz neutral gesehen, ist damit Teil dessen was Gilles Deleuze als Kontrollgesellschaft bezeichnete.

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A ≠ A

M. Steingass —  21.4.12 — 21 Kommentare

Deutsch von Alex Zalla

Der Buddhismus befindet sich im Krieg. Und zwar in der Art und Weise, dass er sich verwandelt hat und völlig besetzt ist von den Gesetzen des Marktes. Eine Differenz zwischen dem Markt und der Gesellschaft existiert nicht mehr. Der Markt ist die Handlung der Gesellschaft. Der Buddhismus ist ein Teil der Gesellschaft und als solcher ebenfalls ein Teil des Marktes. Der Dalai Lama und jedes seiner Worte werden somit ebenfalls Teil des Marktes. Jedes buddhistische Wort ist eingebettet in eine Wolke von Werten des Marktes. Der Markt übersetzt weiche, soziale Werte, Normen, Ethiken und Traditionen der Gesellschaft in seine eigene harte Währung. Er bewertet Mitgefühl, bestimmt dessen Preis und macht es so zu einem Rohstoff – für besseren Wettbewerb.  Der Liebende, das Kind, der Geschäftspartner wird Objekt und damit haftbar. Mein Vertrauen ist ein Darlehn und mein Interesse bringt Ertrag. In dieser Währung verwandelt mich der Markt, nebelt mich ein und zerlegt mich in abzählbare Einzelteile. Das ist der Handel, die harte Währung von Google und Facebook. Der Markt atiomisiert. Ich bin schon längst ein atomisiertes Objekt. Das Ziel ist es mich in eine überschau- und berechenbare Größe zu verwandeln. Ich bin nur ein weiteres Element. Das Gestell. Buddhismus ist davon nicht ausgeschlossen. Wie könnte er auch? Er ist ein Teil der Gesellschaft, die Gesellschaft ist Teil des Marktes, der Buddhismus und die buddhistische Sprache sind Teil des Marktes. So wird selbst „die materielle Praxis der symbolischen Kommunikation der Menschen, welche die wichtigste Komponente des »Bewusstseins« ist“ verdorben. Wie könnte es anders sein? Es gibt keinen Ausweg. Wie auch immer, gab es jemals einen? Nein! So sieht’s aus und ich bin der Markt. Ich bin ein atomisiertes Wesen. Das heisst, Ich lebe Wirklichkeit als Einzelding – abgegrenzt, abzählbar, berechnend und berechenbar. Ein Objekt geformt vom und nichts anderes als der Markt. Ich kann nicht anders sein. Der Markt ist alles was von der Gesellschaft übrig ist. Aber woher weiß ich das? Ist das vielleicht nur eine weitere Täuschung die mir der Markt in meine letzte  intakte Vene pumpt um mich in einen narkotisierten Schlaf zu wiegen in dem ich davon träume zu verstehen? Ist meine mentale und emotionale Distanz real? Der Markt stellt diese Frage selbst und beantwortet sie, ohne Antwort, wie in Matrix und einhunderttausend anderen netten, rosa Denksportaufgaben. Er gibt die Antwort als Buddhismus – und macht die Antwort damit unmöglich. Das ist der Buddhismus im Krieg. Im Krieg gegen wen? Mich? Nein, ich bin der Markt, es gibt keinen Krieg gegen mich. Wie kann sich Krieg selbst bekämpfen? Der Buddhismus bekämpft sich selbst. Er erstickt seine Wahrheit, verkauft sich, geht auf den Strich. Geliftet, getuned und aufgepumpt. Die Dealerei mit dem „Nicht-Selbst“ und dem „Wa(h)ren-Selbst“ blüht. Anatman selbst wird zur Verlockung des buddhistischen Opportunismus‘. Ein Ausweg der geradwegs nur wieder hineinführt. Was bleibt letztlich wenn der Markt die Antwort auf die Frage „Was ist Erleuchtung?“ so beantwortet, daß sie nicht mehr zu verstehen ist, sie unsichtbar macht. Wie könnte alles was der Buddhismus sagt – samsara, karma, punabbhava, bodhi, sunyata, anatman, pratityasamutpada – irgend eine Art von Antwort sein, wenn der Buddhismus nichts anderes ist als Teil eines Marktes, der eine wirkliche Antwort verhindert? Es scheint eine Frage so alt wie die Aporie. Aber, wenn es wirklich eine Aporie ist, dann könnte das „der archimedische Punkt sein, von dem aus eine Veränderung erzwungen werden kann“.  Offensichtlich gibt es Veränderung. Platon redet gegen das Schreiben, schreibt aber den Dialog von Sokrates und Menon tatsächlich nieder. Sokrates sagt, Menon erinnere die Wahrheit. Doch in dem Beweis den er in den Sand zeichnen lässt, konstruiert er die Lösung. Aber es gibt eine Auslassung. Sie vergessen das Schreiben, die Exteriorisierung. Ist es möglich, dass der Markt eine ähnliche Auslassung macht? Wenn nichts bleibt als der Markt, so muß er sich immer noch reproduzieren. Für diese Reproduktion muss er ein Skript, eine Blaupause verwenden und er muss sich ausdrücken. Dazu benötigt er eine Sprache. Sprache ist idiomatisch. Der Markt hat so letztlich keine absolute Kontrolle über seine Reproduktion. Das ist die Sperrzone, das Herz des Marktes. Die Unschärfe der Sprache könnte seine Wirklichkeit zerschneiden. Die Sprache die zur Veränderung führt ist – Missverständnisse be-greifen, zu hören. Die Materialität des Denkens! Es ist in Stein gemeißelt, niedergeschrieben, vermerkt, notiert, kommentiert, gespeichert und abgerufen. Es ist also in der Zeit – Alterität an sich. Wir müssen darüber sprechen um es zu hören.

Egal wo wir stehen und gehen, den größeren Teil unserer wachen Zeit ist unsere Aufmerksamkeit stets von Medien in Beschlag genommen. Das ist ein charakteristisches Merkmal unserer Zeit. Die addierte Zeit der Mediennutzung pro Tag und Individuum liegt bei über acht Stunden, die TV-Nutzung in Europa und den USA liegt bei ca. 4 Stunden pro Tag, Werbung ist buchstäblich allgegenwärtig und die Inhalte denen wir derart ausgesetzt sind, werden nicht bewußt verarbeitet, sondern sind eher ein kontinuierlicher Fluß in dem eine Menge Köder nach unserer Aufmerksamkeit angeln.

Mir geht es hier aber nicht um die beworbenen Produkte und die Reklame als solcher mit ihrem permanenten letzten Schrei und ihrem plastikbunten Allerlei, sondern um die Werte, die uns multimedial eingeflößt werden. Ein bestimmtes Ideal von Schönheit zum Beispiel wird in den Konsumenten über diese stetige Infusion eingeschrieben. Das ist einer der offensichtlicheren Punkte. Was aber ist mit moralischen Werten, was mit Erwartungen dem Leben gegenüber, welche Ziele strebt man an und wie versucht man sie zu erreichen, was ist faires Verhalten gegenüber meinem Partner, Nachbarn, Kollegen, Konkurrenten oder gegenüber meinem Feind? Die Frage ist auch, wie dieser stetige Zustrom aus den Medien unser Bewußtsein auf einer grundlegenderen Ebene beeinflusst? Verändert er Fähigkeiten wie „deep attention“ oder die Aufmerksamkeitsspanne, und wie machen sich diese Einflüsse auf der synaptogenetischen Ebene bemrekbar (der der neuronalen Entwicklung des Kindes) – auf ein Kind, keine zwei, drei Jahre alt, das diesem niemals schlafenden Einflüsterer mit seinem Ich-will-alles-und-zwar-jetzt ausgesetzt ist? Wenn man ein kleines Kind vor dem Fernseher sieht, weiss man wie die Aufmerksamkeit abhängig gemacht wird.

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Meditation and Control