Der Dalai Lama in Hamburg: Und die Opfer sind selber schuld?

M. Steingass —  25.8.14

Laut Statistik verirrt sich immer mal wieder jemand auf eine Seite dieses Blogs mit dem Titel Christof Spitz: Der Zensurhansel des Deutschen Buddhismus. Besonders in den letzten Tagen (ab 23.8.14) sind stark gestiegene Zugriffsraten zu verzeichnen. Vermutlich hat das zwei Gründe. Erstens erscheint bei der Suchanfrage „Christof Spitz“ auf Google Spitz in Zusammenhang mit Texten auf Der Unbuddhist in den ersten Ergebnissen. Zweitens besucht der Dalai Lama gerade Hamburg und Spitz ist in die Veranstaltung involviert, so dass viele seinen Namen abfragen und schnell hier landen.

Aus der Statistik ist auch zu entnehmen, dass sich kaum jemand die Mühe macht, die Aufklärung der Frage, ob Spitz Zensur betreibt, zu lesen. Es sei daher an dieser Stelle folgendes festgestellt:

Christof Spitz gehört zu den raren Ausnahmen im institutionellen deutschsprachigen Buddhismus, die zu einem (selbst)kritischen Denken in der Lage sind. Wenn es im so genanten X-Buddhismus zuhauf Denkverbote gibt, dann gehört Spitz gerade zu denen, mit denen man eine zutiefst naive, blinde und taube Inkulturation des Buddhismus im Westen doch diskutieren könnte.

Die Kontroverse, von der dieser Zensurhansel-Beitrag ein Teil war, entzündete sich an einem a-buddhistischen Karmabegriff, der ausnahmslos dem Opfer die Schuld für das zuweist, was ihm zustößt. Dies gipfelt bei X-Buddhisten sogar in  der mehr oder weniger offen geäusserten Aussage, die Juden seien für das was ihnen im Dritten Reich zustieß selber schuld.

Während selbst Lehrer des Tibetischen Zentrums Hamburg sich um eine eindeutig ablehnende Stellungnahme zu dieser Perversion herumdrückten, bezog Spitz als einziger prominenter Buddhist hier eindeutig Stellung.

Die ganze Sache kann man auf diesem Blog unter dem Stichwort Karma-Skandal nachlesen. Man findet dann auch die Links zu den entsprechenden Diskussionen im Forum des Tibetischen Zentrums Hamburg. Eine Zusammenfassung der Positionen von Spitz habe ich hier versucht: Christof Spitz sagt merkwürdige Sachen.

Die Aussage bleibt: Die Opfer sind selber schuld

Eines muss allerdings auch klar gestellt werden: Die Problematik an der sich der Karma-Skandal entzündete, ist keineswegs aus der Welt. Die Opfer sind immer selber schuld. Das ist eine Kernaussage, die man dem Diskurs dessen entnehmen kann, was man bei uns den Tibetischen Buddhismus nennt.

Zwei Kernpunkte des Dogmas dieser Variante des X-Buddhimus sind es, die dazu führen, dass Opfer jeglicher Untat sich fragen müssen, was sie getan haben, um ihre Vergewaltigung, ihre Folter, ihre wahllose Hinrichtung, ihre abgrundtiefe Benachteiligung gegenüber den gut Gestellten unter uns, ihre Verlassenheit, den alltäglichen normierten Rassismus, ihre Angst, Krankheit, Verlorenheit, ihr ganzes Leid also – sie müssen sich fragen, was sie also getan haben, dass sie verdienen, leiden zu müssen? Leiden bis aufs Blut, geköpft, zerstückelt, unter zerbombten Häusern begraben, eingesperrt in Slums die man bombardiert, ohne essentielle Dinge des Lebens wie Kleidung, Wasser, Brot, ein Dach über dem Kopf. Denn das ist ja die Realität die wir immer apathischer werdend den Nachrichten Tag für Tag entnehmen müssen.

  1. Der Dalai Lama predigt eindeutig eine personale Wiedergeburt. D. h. er geht davon aus, dass eine Person ein Kontinuum über den physischen Tod hinaus ist.
  2. Hochrangige tibetische Gelehrte wie z. B. Geshe Thubten Ngawang predigen ganz klar: „Karma ist eindeutig: Man erlebt niemals Wirkungen von Handlungen, die man nicht selbst begangen hat.“ [meine Hervorhebung]

Man vergleiche zu Punkt 1 The Dalai Lama & Buddhist Dogma. In der dort verlinkten offiziellen Stellungnahmen des Dalai Lama, macht selbiger seine Position bezüglich der Reinkarnation eindeutig klar. Zu Punkt 2 vergleiche man den Text Karma und die dort verlinkten Texte von Geshe Rabten und Geshe Thubten Ngawang.

Es ist keine Frage, dass für einen halbwegs aufgeklärten Menschen derartige Positionen und besonders ihre Implikationen völlig inakzeptabel sind. Auf Grund ihrer Antiquiertheit und ihrer Herkunft aus einer vormodernen Welt archaischer sozialer Strukturen, in denen Geisterglaube, Orakel, Opferung an Götter usw. an der Tagesordnung waren, wären solche Positionen auch überhaupt nicht mehr ernsthaft zu diskutieren. Der Verkünder des zur Debatte stehenden kruden Wiedergeburts- und Karmaglaubens – der Dalai Lama höchst persönlich – ist allerdings ein weltberühmter Popstar mit einem immensen Einfluss auf die Populärkultur, weit über den engeren Kreis des tibetischen Buddhismus hinaus. Ihm huldigen Stars und Sternchen, und einer seiner führenden Apostel im Westen hat es dieses Jahr sogar bis ins Herz des neoliberalen Kapitals geschafft (vgl. Matthieu Ricard am World Economic Forum 2014 in Tybalts Meditation), um dort die frohe Botschaft seines Herrn zu verkünden: Meditiert, seid glücklich und der Rest wird sich von selber regeln. Wie aber geht das zusammen mit der Implikation aus den Lehren dieses X-Buddhismus, dass der vergaste Jude, der erschossenen Neger, der ersoffene Afrikaner, die vergewaltigte Frau selber schuld sind? Das geht nur zusammen, wenn man sieht, dass die Verantwortlichen dieser Lehre ein völlig verengtes Weltbild haben müssen, dass ihre Achtsamkeit gerade weit genug reicht nicht über die eigenen Füsse zu stolpern und ihnen grössere geschichtliche, politische, soziale oder auch nur elementare zwischenmenschliche Zusammenhänge fremd sind. Kurz, dass ihre Erleuchtung eine Abschottung vor der Realität ist.

Man muss also dem Dalai Lama, und auch Christof Spitz als einem seiner wichtigen deutschsprachigen Vertreter, die Frage stellen, wie sie es denn halten mit der Wiedergeburt und dem Karma? Mit Verantwortung letztlich?

Wer ernst genommen werden will, kann sich nicht ernsthaft auf tibetische Gelehrte berufen, die in glückseliger Ignoranz so tun, als sei die Zeit spurlos an ihnen vorüber gegangen. Wer das tut handelt verantwortungslos. Wer es sich als tibetischer Buddhist mit dem Karma so einfach macht, handelt verantwortungslos, gehört zu den typischen Wegsehern die den X-Buddhismus bevölkern und verdient es nicht noch gehört zu werden.

44 Antworten zu Der Dalai Lama in Hamburg: Und die Opfer sind selber schuld?

  1. 

    Auf den Punkt gebracht!

  2. 

    Hallo Herr Steingass.
    Ich las diesen Beitrag, weil ich Ihren Blog abonnierte.

    Für mich kommen Sie ja sehr locker im Austeilen rüber, deshalb sage ich’s einfach mal direkt:

    Der Beitrag ist leider ein Schuss in den Ofen. Sie attackieren etwas an anderen, dass sie selbst gar nicht verstanden haben. D.h. Sie denken, Sie hätten die Erklärungen innerhalb des Indo-Tibetischen Buddhismus verstanden, aber in Wirklichkeit haben Sie ein Missverständnis über diese entwickelt. Was Sie dann attackieren und kritisieren hat dann aber auch gar nichts mit dem Indo-Tibetischen Buddhismus oder dem Dalai Lama, Geshe Thubten Ngawang usw. zu tun, sondern mit ihren eigenen Fehlvorstellungen, Projektionen und kulturellen Missverständnissen – oder wie man im Buddhismus sagen würde, Ihrer eigenen Ignoranz. Diese ist natürlich berechtigt zu kritisieren und gegebenenfalls zu korrigieren.

    Ich bin bereits im DBU Forum auf ähnliche Beiträge von einem bekannten Zen Buddhisten gestoßen. Diese hatten so ziemlich den selben Ton und Drive und saßen letztlich dem selbem Missverständnis auf. Später traf ich solche Kritik auch auf dem Tricycle Blog. In allen Fällen habe ich sie adressiert, 1) weil ich beobachtete, dass es immer wieder Menschen gibt, die solche lautstarken und selbstgerechten Aburteilungen Glauben schenken aus Mangel an Verständnis der Feinheiten und Komplexität des indo-tibetischen Buddhismus und auch, 2) weil solche Beiträge eine wunderbare Vorlage für Pauschalurteile und Feindseligkeit bieten, die sich dann in diesen Foren gegenüber tibetischen Buddhismus austobten. Dem entgegenzuwirken ist mE lohnend.

    Um ein paar der Kernpunkte gerade zu rücken:

    1) Selbst und Kontinuität

    „Der Dalai Lama predigt eindeutig eine personale Wiedergeburt. D. h. er geht davon aus, dass eine Person ein Kontinuum über den physischen Tod hinaus ist.“

    Nein, der Dalai Lama predigt kein personale Wiedergeburt!

    Was in den Zusammenhang gelehrt wird ist, dass es weder ein unabhängiges, permanentes, oder teilchenloses Selbst gibt, es gibt auch kein sich selbst genügendes, substantielle existierendes Selbst, noch ein unabhängiges (inhärent) existierendes Selbst. Allerdings gibt es ein nominelles Selbst, ein Selbst, das den veränderlichen Aggregaten bloß zugeschrieben wird. Manchmal auch das bloße zugeschriebene Selbst genannt. Eine Person, Hans, kann nicht Wiedergeburt nehmen, da es einen inhärenten Hans, ein Substrat Hans usw., gar nicht gibt. Lediglich das Zusammenspiel von Aggregaten, die die Grundlage für die Zuschreibung eines Selbst sind, setzt sich fort.

    Das Problem vieler Leser oder Hörer der Lehren des Indo-Tibetischen Buddhismus ist, dass sie nicht mit dessen Subtilitäten und Begriffsystem vertraut sind. Das lädt natürlich zu Projektionen und Missverständnissen ein. Einer der besten Texte zum Thema (aus Gelug Sicht, der der Dalai Lama und Christoph Spitz angehören) wäre Dr. Thubten Jinpas „Self, Reality and Reason in Tibetan Philosophy: Tsongkhapa’s Quest for the Middle Way“ (Routledge Critical Studies in Buddhism) oder „Chandrakirti’s Sevenfold Reasoning: Meditation on the Selflessness of Persons“ von Joe Wilson. Noch besser wäre das ganze erst mal sauber im Tibetischen Buddhismus zu studieren und dann auf der Basis echten Verständnisses zu kritisieren. (Ich hatte ähnliche Diskussionen auch mit einem Indologen und einem Buchautor, es wundert mich also auch nicht zu sehr, dass die Missverständnisse so weit verbreitet sind.)

    Der Dalai Lama sagt zu Martin Brauen in „Traumwelt Tibet“:

    Of course Buddhism accepts the existence of the continuity of a being. The Buddhist theory of „selflessness“ means that there is no independent self apart from the body, because „self“ or the person is designated [by] the combination of body and mind. There is a self, but there is no independent absolute self. So this is the meaning of selflessness in the context of the theory of „no-self.“ With respect to continuation, not only does Buddhism accept the continuity of the being, but also upholds the notion of a „beginningless“ self, that is, a self with no beginning and no end until buddhahood is achieved. Any self is reborn from „beginningless[ness]“ and will be reborn endlessly.

    ich stimme zu, dass das nach dem Postulieren eines personellen Selbst klingt, aber nur, wenn man nicht weiß, dass der Dalai Lama hier von dem bloß zugeschriebenen Selbst spricht. Ein Selbst, das einer endlosen, sich stetig verändernden Ursache und Wirkungskette zugeschrieben wird. Der Dalai Lama bezieht sich hier also nicht auf ein Substrat einer Person, noch postuliert der ein solches. Ein Problem in dem Zusammenhang spielt dann sicher auch die Übersetzung denn es gibt kein Selbst, das wiedergeboren wird, auch wenn das so wörtlich da steht. Würde man den Dalai Lama dazu fragen (was nicht passierte), würde er das entstandenen Missverständnis auch korrigieren. Es geht um eine endlose Ursache und Wirkungskette, die sich ständig verändert und keine Substanz oder Essenz hat, diese Kontinuität einer Ursache und Wirkungskette ist in jeder Existenz ein „neues“ Lebewesen mit einem „neuen“ Namen, „neuen“ Aggregaten, deren Annahme und Qualität durch gereiftes Karma und andere Faktoren bestimmt wird. Aber es ist ein Wirkszusammenhang, der ganz spezifisch ist und sich über endlose Leben erstreckt. Der Wirkzusammenhang, der Deine Existenz JETZT ausmacht, kann sich nicht auf mich übertragen, sondern nur auf spätere Momente Deiner Existenz. In dem Sinne kann man auch von einem endlosen Strom an Existenz eines Wesens sprechen, nur dass es nie das selbe ist. Das sind also nur Begriffe und die Begriffe sind nicht absolut zu sehen.

    In dem Zusammenhang ist es gut, ein Verständnis über Kontinuum zu entwickeln. Ein Kontinuum ist nicht eine unabhängige, inhärente, absolute Größe sondern nur ein sich fortsetzener Ursache- und Wirkungszusammenhang.

    Das ist was der Dalai Lama meint, wenn er von einem „selben Wesen“ spricht (wieder aus Brauen):

    In this case too, it is the same being, it is the continuation of the same being. I think the basis of the misunderstanding about continuity is [that] there is continuation, yet momentarily it changes. A continuity, which momentarily is not changing, that kind of continuity is not there. The misunderstanding consists in the fact that some mix up conventional conditioned continuity with independent continuity.

    One example: This paper lying here was produced some months ago. Since from the start of the paper up to now there is continuity/continuation. It is continuously there, but it is momentarily changing.

    Let’s look again at this table. On the table there is absence of— say—[a] flower. There is no flower on the table. So the absence of [the] flower is existing here. Yesterday there was also an absence of [a] flower. Today there is an absence of flowers. So that continuity is not changing.

    One can see two kinds of continuity: one is as we were explaining with the reincarnation, that there is a conditioned conventional continuity. So this kind of impermanent conditioned continuity is there. But on another level of existence there is something for which you may use the word continuity or not, for example the absence of flower. Because there is no flower here, the mere absence or negation of [the] flower is there today, will be there tomorrow, will forever be there. This is not changing.

    The continuity of non-existence is not changing. But the other continuity is momentarily changing. So from the beginning-less time continuation is there, but it is momentarily changing. To come back to the reincarnation: As a being who changes his clothes is still the same person, equally it is the same being even if it changes the body.

    So, wie man ja auch von Hans als kleiner Junge als die selbe Person spricht, wie Hans als alter Mann, weil Hans der alte Mann aus dem Hans als Junge hervorgegangen ist obwohl Hans als kleiner Junge NICHT der Hans als alter Mann ist (die Aggregate sind ziemlich verschieden, alles hat sich verändert) so kann man auch von einem Selbst sprechen einer Person in Bezug auf den Ursache- und Wirkzusammehang über viele Leben. Damit wird aber kein inhärentes Selbst postuliert, es bedient sich lediglich der Konvention und Zuschreibung wie es die Welt auch bei Hans dem Jungen und Hans dem alten Mann macht.

    Dann noch ein paar Zitate um das Thema weiter zu differenzieren:

    Je Tsongkhapa states in the Lam Rim Chen Mo, Vol II, p.54:

    »“Continuum“ or „Collection“ are designated to many moments and to many parts, they do not have a self-sufficient essence.«

    In his commentary about Shantideva’s Bodhicharyavatara – Panjika – Prajnaparamati explains the basic understanding within TB/Madhyamikas) of what is meant with „continuum“ (p.158-159):

    »A continuum (samtana) does not exist as some ultimately existent unity. However, it has the form of a successive stream of moments that have arisen as the condition of causes and effects, because of the nonperceptibility of a distinct moment. Therefore, for the sake of convention, the Buddhas have used the term continuum as a nominal designation in order to explain those moments with one word. Hence, it exists only as a designation. Therefore, one should not insist on that.«

    In Geshe Thubten Jinpa’s treatise about the Self – „Self, Reality and Reason in Tibetan Philosophy-Tsongkhapa’s Quest for the Middle Way“ (Routledge Curzon) – which also discusses the topic of „continuity“ – he quotes Je Tsongkhapa:

    »Je Tsongkhapa explains continuum (rgyn) as:

    „Like the continuum of a running stream, as it maintains a link through the realatedness of cause and effect, it abides uninterruptedly through birth and death leaving no gaps in between. It is a conditioned momentary event that appropriates all three temporal stages. Such a factor is called a continuum. The individual stages are not mere distinct points of preceding and succeeding instances with no gaps in between, rather they form parts of the whole.“«

    To those who misunderstand certain texts on the literally level, like the Uttara Tantra Shastra, Je Tsongkhapa says:

    »Just as a mirage is not water, yet it deceives animals who thirst for water, so what is taught [on the superficial literary level] will appeal only to the childish but is certainly not a discourse that will delight the nonconceptual cognition of the aryas. Therefore, you should follow the meaning and not be attached to the language.«

    —-

    zu Punkt 2) Also bei Karma spricht weder der Dalai Lama noch Christoph Spitz, noch Geshe Thubten Ngawang von Schuld. Das machen nur Westler wie Sie. Schuld gibt es nicht im Buddhismus. Dinge entstehen wechselseitig bedingt. Wenn man etwas eine Schuld zuweisen kann, dann der Ignoranz, die die Ursache samsarischer Geburt und der damit verbundenen Leiden ist. Schuld kommt aus dem Christentum und ist kein buddhistisches Konzept. Ursache und Wirkung ist das buddhistische Konzept.

    Wenn ein unzerstörter Samen, Wasser, Wärme und Licht zusammen kommen und es entsteht eine Sproß, wer hat die Schuld?

    Genauso, wenn in früheren Leben durch eine Person (die zu der Zeit weder Mädchen noch Jude gewesen sein muss – vielleicht gab es Juden nicht einmal zu der Zeit, als eine Handlung als Ursache einer späteren Wirkung angesammelt wurde) angesammelt wurde, angesammelt unter bestimmten Umständen, sagen wir, die Person hat einen Menschen gefoltert oder einem Tier lebendig die Haut abgezogen, dann wird innerhalb dieses Kontinuums zu einer späteren Zeit eine leidhafte Wirkung erfahren, wenn alle Umstände zusammen kommen. So wie aus dem Samen ein Spross entsteht: Wer hat Schuld? Das Selbe gilt für heilsame positive Taten, nur dass dann innerhalb des selben Kontinuums, wenn alle Umstände zusammen kommen, Glück erfahren wird. Es geht also um einen Wirkzusammenhang und nicht Schuld. Die Schuld interpretieren Sie und andere XY-Buddhisten aus einem kulturellen Missverständnis heraus hinein. Das ist aber nicht der Fehler der Lehrer sondern der des Projizierenden. Einen Beitrag leisten die tibetischen Lehrer vielleicht, weil tibetische Lehrer nicht wissen (können), was Westler da sonst noch so in ihre Erklärungen reinprojizieren (aus Mangel an Versändnis für unsere Kultur, in der sie eben nicht groß geworden sind) und solche Missverständnisse nicht vorsorglich auffangen können. Aber dafür könnte man ja auch mal fragen und sich unparteilich, neuierig, offen-interessiert sachkundig machen.

    Wenn Anna vergewaltigt und Hans missbraucht wird, ist weder Anna noch Hans schuld. Denn Anna und Hans, wie wir sie kennen, gabe es zur Zeit der Ansammlung der Ursachen nicht. Es waren ganz andere Wesen in ganz anderen Umständen, als sie die Ursachen für spätere Wirkungen legten. Wenn etwas schuld sein soll, dann die Ignoranz, die diese früheren Existenzen so handeln ließ, dass spätere Existenzen die Wirkungen erfahren müssen. Karma ist kein System der Schuldzuweisungen sondern eine Ursache-Wirkzusammenhang. Einsicht in Karme soll zudem helfen, ein ethisches Leben zu führen; dass man anderen nicht schadet, so dass man selbst später keinen Schaden erfahren muss. Die Erklärungen von Karma im Indo-Tibetischen Buddhismus gehen auf Vasubandhus 4. Kapitel des Abhidharmakoshas zurück, aber sie sind noch wesentlich komplexer. So postuliert die Madhyamika Prasangika Schule nicht, dass Karma im Bewusstsein gespeichert wird, sondern, sie erklärt Karma mit dem Konzept „Desintegratedness“: Der Zustand der Beendigung einer Tat hat selbst wieder Wirkungskraft.

    Interessanter Weise ist der Dalai Lama gerade heute in Hamburg ausführlich auf die Frage Selbst und Karma eingegangen. Präzise und ausführlich. Feedback, dass ich bekam: einige waren mit der Präszision überfordert und konnten ihr nicht folgen. Wer die Dinge aber ausführlich studierte und ein bisschen Hintergrundverständnis hat, für den war es sehr erhellend und es enstehen weniger leicht Missverständnisse. Die Sicht auf Selbst und Karma und Kontinuum im Indo-Tib Buddh. ist sehr subtil und kann daher leicht missverstanden werden und überfordern. Konfrontiert mit der Überforderung einiger, sagte der Dalai Lama, man muss ja nicht dieser Sicht folgen, es gibt einfachere Scihtweisen, die auch sehr nützlich sind.

    Was ich hier wieder einmal sehe, ist, dass jemand (Herr Steingass), der nicht das Indo-Tibetische System studiert hat (ich sehe mich nicht als Experten, aber immerhin habe ich in diesem System über mehrere Jahre studiert und mich einigermaßen ausführlich damit beschäftigt) und die Feinheiten gar nicht erfasst, mit Projektionen im Gewand der Kritik um sich wirft, statt sich erst einmal die Mühe zu machen, es in seinen Feinheiten zu erfassen und dann Widersprüche sachlich und wohl informiert aufzuzeigen.

    Mit so einer dumpfen, lauten und inhaltlich falschen Polemik tun Sie sich und Ihren Lesern mE keinen Gefallen.

  3. 

    Lieber Tenzin Peljor,

    vielen Dank für die ausführliche Darstellung bezüglich Reinkarnation aus Gelugsicht.

    Grundsätzlich muss ich ihnen mit einem Satz entgegnen: Würden sie sich Mühe machen, diese Diskussion zurückzuverfolgen, würden sie bemerken, dass ich mich gerade gegen die übersimplifizierende Sichtweisen wie Karma=Schuld usw. wende! Genauso wende ich mich gegen einen simplifizierenden Gedanken von personaler Wiedergeburt.

    Was ich aber auch behaupte, ist, dass in den von mir genannten Texten zumindest die Möglichkeit der Implikation besteht, Karma als christlichen Schuldbegriff und die Wiedergeburt personal zu denken.

    Der Dalai Lama spricht z. B. in Statement of His Holiness the Fourteenth Dalai Lama, Tenzin Gyatso, on the Issue of His Reincarnation davon, dass

    for those who remember their past lives, rebirth is a clear experience.

    Da mag nun aus Gelugsicht alles in Wirklichkeit viel subtiler sein, diese Sprache kommt einem in ihrer Sicht falschen Verständnis von Reinkarnation jedoch sehr weit entgegen.

    Die Frage nach Kontinuität und Selbst lässt sich im Übrigen aus heutiger Sicht wesentlich unmissverständlicher beantworten, als sie es in ihrer Replik versuchen. Das Selbst als Produkt eines geschichtlichen Prozesses und als Ergebnis gegebener politischer, wirtschaftlicher, kultureller und physischer Faktoren hat tatsächlich Kontinuität. Dieses Selbst ist nicht auf eine Person beschränkt sondern macht eine Gesellschaft aus, eine soziale Schicht, Ethnien, Glaubensrichtungen etc. pp. Insofern liesse sich von Reinkarnation sprechen.

    Die Frage die sich stellt, ist folgende:

    Wann treten Leute wie der Dalai Lama oder Christof Spitz endlich unmissverständlich gegen naive Auffassungen wie Karma=Schuld und Wiedergeburt=personal ein, wenn ihnen so viel an einem korrekten Verständnis liegt?

  4. 

    Ergänzend muss man sagen, dass diese naiven nicht-buddhistischen Auffassungen um die es hier geht, einhergehen mit einer völligen Trivialisierung des Buddhismus. Der deutschsprachige Buddhismus weigert sich weitgehend diese Trivialisierung zu thematisieren. Bestes Beispiel dafür waren die Reaktionen der DBU auf Made in Dresden im Jahre 2013. Ein Bewusstsein über den historischen Prozess der Inkulturation des Buddhismus ist nicht vorhanden. Ich habe das hier vielfach behandelt – in deutlich subtileren Texten. Auch der Dalai Lama stellt sich dem Problem der Historizität nicht.

  5. 

    Hallo Herr Steingass,
    danke für Ihre Antwort!

    Ich habe bewusst nicht die anderen Beiträge gelesen bevor ich meinen Kommentar schrieb, obwohl ich das erwog. Mir ist klar, dass Sie gegen Versimplifizierungen vorgehen möchten – sehr löblich. Allerdings schießt dieser Beitrag in meinen Augen weit über das Ziel hinaus, denn er behauptet falsch, der Dalai Lama würde eine personale Wiedergeburt lehren, und die erwähnten Lehrer würden lehren, dass immer die Opfer schuld sind. Beides ist schlicht falsch. Sie hätten vielleicht vorsichtiger formulieren können, zB bei dieser Art der Formulierung … entsteht der Eindruck … oder so und dass das gefährlich ist, weil … es könnte missverstanden werden … es gibt bereits genug Missverständnisse und Fehlvorstellungen … etc

    Natürlich ist es missverständlich wenn gesagt wird, der Dalai Lama nimmt Wiedergeburt oder Person XY nimmt Wiedergeburt, denn es gibt da kein unabhängiges Etwas, dass da wiedergeboren werden würde. Ich sage das auch häufig zu westlich-tibetischen Buddhisten: „Es gibt keinen Dalai Lama der wiedergeboren wird!“ Nach dem heilsamen Schock erkläre ich dann, was mich zu er Aussage veranlasst und warum das so berechtigt ist zu sagen.

    Der Begriff Wiedergeburt an sich ist schon missverständlich, denn es kann leicht der Gedanke entstehen, dass da etwas Konkretes, Unabhängiges, ein Selbst oder Seele, wiedergeboren werden würde. Um das zu vermeiden, würde ich eher von Existenz sprechen, die sich fortsetzt – oder einfach zyklische Geburten oder einfach Geburt.

    Allerdings, wenn sie missverständliche Begriffe als Anlass nehmen, personale Geburt als Gedankengut dem Dalai Lama zu unterstellen, dann müssten Sie das auch beim Buddha selbst tun, denn er sagte ja immer wieder: und in jenem Leben war ich das (z.B. der Karawanenführer) etc. Der Buddha, wenn er sagte, ich war das in einem vergangenen Leben, hat natürlich nicht gemeint, dass der jetzige Erwachte damals als ein Erwachter das und das machte, sondern bezog sich einfach nur auf Vorleben, wo Aggregate eines Wesens seines Kontinuums so uns so handelten und solch und solch eine Existenz hatten. Die selbe Kritik in Bezug auf Karma, müssten Sie mE auch auf den Buddha anwenden, denn er hat ja häufig genug beschrieben, welche Handlungen welche Folgen hatten oder warum Menschen bestimmte leidhafte Situationen erfahren mussten. Er sprach dabei aber nie von Schuld. Auch der Dalai Lama, Christoph Spitz oder Geshe Thubten Ngawang sprachen nie von Schuld. Das haben Sie hinzugefügt.

    Ich stimme allerdings zu, dass es tatsächlich viele Missverständnisse bei Buddhisten (ich kenne eher die westlich-tibetisch-Praktizierenden) gibt. Diese resultieren mE aber aus einem Mangel an Studium und Verständnis, kulturellen Projektionen und Mangel an Analyse und kritischem Hinterfragen. Solches Fehlverständnis aufzuzeigen und zu korrigieren ist dringend nötig und sehr hilfreich, aber ich würde nun nicht den o.g. Personen unterstellen, dass sie solch ein Fehlverständnis lehren. Das geht mir zu weit und ist mE falsch, es zielt schlicht auf die falschen Personen und hilft niemanden wirklich.

    Soweit erst einmal von mir noch mal – leider auf die Schnelle.

  6. 

    ach noch ein Punkt, das Zitat vom Dalai Lama:

    „for those who remember their past lives, rebirth is a clear experience.“

    Dieses Zitat postuliert doch kein Selbst oder ist Erfahrung das Selbst? Der Buddha hat sich auch früherer Leben erinnert und davon immer wieder gesprochen, trotzdem hat er kein unabhängiges Selbst postuliert.

    Was ich viel missverständlicher finde ist: „his Reincarnation“ aber auf einer rein formellen Ebene, kann man das auch sagen … die nächste Existenz eines sich ständig verändernden Stroms an Aggregaten, Ursachen und Bedingungen, die in diesem Leben den Namen Dalai Lama hat (allerdings auch nicht von Anfang an), setzt sich im nächsten Leben als dieses oder jenes Lebewesen fort. Aber die nächste Existenz dieses Kontinuums einer Ursache-Wirkungskette ist nicht das Selbe, wie das, was wir gerade jetzt als Dalai Lama bezeichnen; so wie das was wir jetzt als Dalai Lama bezeichnen auch nicht das Selbe ist wie das, was im 2. Lebensjahr als Bauernjunge Lhamo Dondrub bezeichnet wurde.

  7. 

    PS: Buddha vom Viktualienmarkt: Das war in der Tat auch aus meiner Sicht alles sehr sehr peinlich und engstirnig. Es gab aber auch einige Buddhisten, die alles versuchten, in die Diskussion mehr Luft und Weite hinein zu bekommen … Alles in allem sehr ernüchternd, aber Ernüchterung ist auch wieder heilsam. Machen wir uns nichts vor, mit Buddhismus stehen wir weitgehend immer noch am Anfang im Westen …

  8. 

    Hallo Tenzin Peljor,

    schön, dass wir uns im Vorfeld unserer Diskussion mit Alfred Weil und Christof Spitz in Düsseldorf hier begegnen. Im Großen und Ganzen sehe ich die Logik Ihrer Argumentation. Ich habe eine Frage dazu,

    sie schreiben:

    „Es geht um eine endlose Ursache und Wirkungskette, die sich ständig verändert und keine Substanz oder Essenz hat, diese Kontinuität einer Ursache und Wirkungskette ist in jeder Existenz ein “neues” Lebewesen mit einem “neuen” Namen, “neuen” Aggregaten, deren Annahme und Qualität durch gereiftes Karma und andere Faktoren bestimmt wird. Aber es ist ein Wirkszusammenhang, der ganz spezifisch ist und sich über endlose Leben erstreckt. Der Wirkzusammenhang, der Deine Existenz JETZT ausmacht, kann sich nicht auf mich übertragen, sondern nur auf spätere Momente Deiner Existenz. In dem Sinne kann man auch von einem endlosen Strom an Existenz eines Wesens sprechen, nur dass es nie das selbe ist.“

    Meine Frage richtet sich an „diese Kontinuität einer Ursache und Wirkungskette“, da meines Erachtens hier die meisten Missverständnisse auftreten. Diese Kontinuität kann ja auf verschiedene Art und Weise definiert und beschrieben werden. So habe ich beispielsweise gelesen, es gäbe ein „subtilstes Bewusstsein“, welches den Körper verlässt und sich – je nach Begehren – in einen weiblichen oder männlichen Embryo einnistet.
    Überhaupt greifen viele Buddhisten zu der Vorstellung einer Art „Seele“, die von einem Körper zum anderen wandert, denn irgendwie muss ja schließlich diese Kontinuität vonstatten gehen.

    Andere Buddhisten, wie beispielsweise Thich Nhat Hanh, begreifen diese Kontinuität durch die persönliche Ahnenreihe. Das Karma der Familie wird – plus den eigenen Handlungen – an die Nachfahren weitergegeben. Dies macht, aus psychologischer Sicht, durchaus einigen Sinn, zumindest lässt es sich so erfahren.

    Wenn also geschrieben wird:

    „A continuum (samtana) does not exist as some ultimately existent unity. However, it has the form of a successive stream of moments that have arisen as the condition of causes and effects, because of the nonperceptibility of a distinct moment.“

    Dann sehe ich die Schwierigkeit darin, dass dieser Strom immer nur von einer Person auf die andere übertragen wird, bzw. weiter fließt.

    Doch wenn wir uns Ihre Aussage ansehen:

    „So postuliert die Madhyamika Prasangika Schule nicht, dass Karma im Bewusstsein gespeichert wird, sondern, sie erklärt Karma mit dem Konzept “Desintegratedness”: Der Zustand der Beendigung einer Tat hat selbst wieder Wirkungskraft.“

    Und daraus schließen, dass einzig Karma wiedergeboren wird und zwar durch die Wirkungskraft einer Tat, dann könnte man zu der Schlussfolgerung kommen, dass natürlich Karma weiter existiert – als Wirkungskraft einer Tat – und somit jeder Mensch ein Bündel aus verschiedenen Wirkungskräften verschiedenster Taten darstellt. Und dieses Bündel eben nicht explizit von einem einzigen Menschen stammt, sondern mannigfaltige individuelle und kollektive Wirkungskräfte impliziert.

    Wie sehen Sie das?

    Beste Grüße
    Joachim Wetzky

  9. 

    Lieber Tenzin Peljor,

    wir berühren hier einige Punkte, die in den vergangen Jahren immer wieder auf den Blogs die mit dem Spekulativen Non-Buddhismus zu tun haben, diskutiert wurden. Diese Punkte betreffen das historische apriori (Foucault), Übersetzungsprobleme, Fragen zur Formation des Bewusstseins und was wir heute darüber wissen (in Kontrast oder Ergänzung zu älterem Wissen), Fragen was die Konstruktion der Figur des Buddha angeht u.a.m. Ich werde nächste Woche einige Texte zusammensuchen, die diese Fragen berühren und sie hier verlinken.

    An dieser Stelle nur soviel: Meine Polemik hat ihren Grund darin, dass diejenigen die an den Stellen sitzen, an denen sie gegen eine falsche/triviale/dumme/machtkorumpierte/ausbeuterisch neoliberal kapitalistisch orientierte Rezeption des Buddhismus einschreiten könnten, dies nicht tun und auch keinerlei Interesse am Gespräch darüber haben. Der zum Popanz gemachte Buddha wird schlicht in Vogel-Strauss-Manier ignoriert. Diese Unterlassung fördert eine naive, dumme, trivialisierende und verkitschende Buddhismusrezeption. Da die Lamas, Gurus, supergescheiten Meditationslehrer und sonstigen Heilbringer sich der Aufgabe nicht stellen die Trivialisierung zu thematisieren, bleibt als eines der probaten Mittel, wenn man überhaupt noch ein ernsthaftes Interesse am Buddhismus hat, die Polemik, die Satire und letztlich der Pranger (abgesehen von idigniertem Schweigen).

    Ein anderes Mittel wäre, dass sich Leute mit Macht und entsprechenden Mitteln, also Publikationen, oder beispielsweise der Möglichkeit Diskussionen/Konferenzen zu veranstalten, dazu aufraffen, das Problem endlich zu thematisieren. Das wären Leute der ‚mittleren Ebene‘, also sie und ich und andere die was zu sagen haben. Wer zum Gespräch fähig ist und ein Interesse daran hat, Buddhismus nicht gänzlich von den Machern Produzenten und Vermarktern des Popanz in die esoterische Gosse giessen zu lassen, sollte sich darüber Gedanken machen.

    Einer der auch was zu sagen hat ist Guido Keller. Er greift auf seinem Asso-Blog in die Diskussion hier ein.

  10. 

    Die Veransatltung auf die Joachim hinweist ist diese hier:

    5.-7.12.2014 – Düsseldorf
    Buddhismus ohne Karma und Wiedergeburt?
    Wie viel Weltlichkeit verträgt der Dharma?
    Wochenendseminar im Rahmen des DBU Studienprogramms zusammen mit Tenzin Peljor, Christof Spitz & Joachim Wetzky
    Ort: Rigpa-Zentrum Düsseödprf [sic]
    Kontakt: 089 / 45 20 69 30 oder 030 / 21 28 06 71 – http://www.buddhismus-studium.dedbu@dharma.de [vgl. hier]

  11. 

    my two pence: Karma heißt nichts weiter, als dass das, was ich tue, Auswirkungen hat. Interessant ist, wieso es „uns“ so interessiert, dieses schlichte Tatsache zu einem Konzept aufzublasen, dass diese Auswirkungen sich über meine Existenz hinaus erstrecken sollen. Wenn ich diesen Schritt gehe, kann ich nicht anders als ein etwas annehmen, was da diese Auswirkungen erfährt (oder dadurch in die Welt geworfen wird).
    Aus sich des Zen (mehr kenne ich nicht genug) macht das keinen Sinn. Da realisiert sich karma sofort (wenn ich auch ggf das Leiden oder das Gute erst später erlebe).
    Ich halte es da mit dem alten Ludwig: was sich überhaupt sagen läßt, läßt sich klar sagen.

  12. 

    Tenzin Peljor, Joachim Wetzky.

    Vermutlich führt ihr die Diskussion anderswo weiter. Das ist gut so. Ich habe mir angesehen was ihr derzeit so auf euren Blogs so macht und mir noch mal durchgelesen was ihr hier geschrieben habt. Die Diskussion auf diesem Niveau ist für mich seit einiger Zeit beendet.

    Mit dem Niveau meine ich nicht meine Polemik. Es geht darum, dass ich in vielen Texten auf diesem Blog versucht habe, ein Niveau zu schaffen, das den Blick öffnet für Aspekte jenseits des Buddhismus. Ihr bleibt völlig einem intrabuddhistischen Diskurs verhaftet, der sich stets nur auf sich selbst bezieht und sich daher in Kreisen bewegt. Das mindeste was man für einen anderen Diskurs erwarten müsste, der über euren Tellerrand hinweg geht, wäre ein Verständnis dessen was wir Die Entscheidung nennen. Ich bezweifel allerdings, dass in dieser Hinsicht eine ernsthafte Anstrengung eurerseits satt findet. Falls doch, bitte Hinweis, dann kann ich anzeigen wo/was man nachlesen sollte.

    Ihr bleibt in magischem Denken verhaftet (das Wilber, ironischer Weise, sehr gut verortet hat, ohne das Leute, wie Du Joachim, das verstehen würden). Der Ausgangspunkt hier in diesem Thread war die „personale Wiedergeburt“ und eine völlig naive Rezeption des Karmagedankens. Wenn wir einmal den völlig abstrusen Gedanken von der personalen Wiedergeburt beiseite lassen (der nichts desto Trotz in weiten Teilen des tibetischen Buddhsimus im Westen gedacht wird, Beispiel von Robert Thurman bis Sogyal ‚Rinpoche‘ gäbe es genug), so bleibt im tibetischen Buddhismus ganz klar der Gedanke eines unterschwelligen Atman bestehen. Das sieht man, wenn man nur kurz auf dein Blog geht Tenzin, wo du dich mit Shugden befasst. Und was soll man dazu noch sagen? Shugden ist ein Geist, eine körperlose Entität und die tibetische Buddhisten führen einen erbitterten Krieg über diesen Geist. Darüber soll man im 21. Jahrhundert noch ernsthaft diskutieren? Sicher nicht!

    Ähnliches gilt für Joachim Wetzky und seine Arbeit mit dem so genanten Satsang. Auch hier kommt ein unterschwelliges Atman zum tragen. Man muss das Steiner-Wilber-Gemisch von Sebastian Grombach nur mal kurz anhören, um das zu verstehen. Das alles ist vormodernes, magisches Denken. In Wilbers Terminologie ist das alles irgendwo zwischen Purpur und Blau zu verorten. Aspekte von Grün oder gar jenseits davon die ihr (Wetzky, Grombach) für euch beansprucht, sind Selbsttäuschungen. Ihr wollte und könnt andere, ganz andere Denkungsarten, nicht verstehen. Schade.

  13. 

    Hallo Joachim,
    sorry für die späte Antwort …

    Meine Frage richtet sich an “diese Kontinuität einer Ursache und Wirkungskette”, da meines Erachtens hier die meisten Missverständnisse auftreten. Diese Kontinuität kann ja auf verschiedene Art und Weise definiert und beschrieben werden. So habe ich beispielsweise gelesen, es gäbe ein “subtilstes Bewusstsein”, welches den Körper verlässt und sich – je nach Begehren – in einen weiblichen oder männlichen Embryo einnistet.
    Überhaupt greifen viele Buddhisten zu der Vorstellung einer Art “Seele”, die von einem Körper zum anderen wandert, denn irgendwie muss ja schließlich diese Kontinuität vonstatten gehen.

    Kontinuität ist nur einen Begriff der diesen Ursache Wirkungszusammenhang benennt oder zusammenfasst. Das subtilste Bewusstsein entsteht genauso nur aus Ursachen und Bedingungen, Teilen usw. und es manifestiert sich zum Zeitpunkt des Todes, wenn das grobe Bewusstsein sich auflöst – oder ein(e) Yogi / Yogini des Höchsten Yoga Tantras kann dieses subtilste Bewusstsein in der Meditation manifestieren, muss zuvor aber das grobe Bewusstsein auflösen. Mit dem subtilsten Bewusstsein meditiert er oder sie dann über Shunyata.

    Wenn also gesagt wird „es gäbe ein “subtilstes Bewusstsein”, welches den Körper verlässt und sich – je nach Begehren – in einen weiblichen oder männlichen Embryo einnistet“ ist damit gemeint, dass eine subtile Form des Bewusstseins sich zum Todeszeitpunkt manifestiert, diese verlässt den Körper (außer Yogis / Yoginis, sie meditieren noch mit diesem Bewusstsein über Tage ohne Gehirnaktivität, dazu gibt es Berichte und Zeugen – auch Ärzte – das Phänomen ist aber noch nicht wissenschaftlich erforscht, Wissenschaftler im Richard Davidson sind dem aber auf der Spur) und dann wird es recht schnell wieder gröber und der Bardozustand mit einem Bardogeist und Bardokörper wird von einem gröberen Bewusstsein erfahren – ähnlich wie nach Tiefschlaf der Traum erfahren wird … Wenn das Bardowesen den Ort und die Eltern seiner zukünftigen Geburt gefunden hat, stirbt es (d.h. das Bewusstsein wird wieder subtiler) und tritt dann in der erneuten, subtileren Form in (wenn es eine Geburt durch den Mutterleib ist – vier Arten der Geburt nennt das Abhidharmakosha) die befruchtete Eizelle. Es ist also eine nicht wirklich korrekte Versimplifizierung zu sagen »es gäbe ein “subtilstes Bewusstsein”, welches den Körper verlässt und sich – je nach Begehren – in einen weiblichen oder männlichen Embryo einnistet« denn das subtilste Bewusstsein, das den Körper verlässt, verändert sich, wird gröber und es ist eine spätere erneute subtile Manifestation nach dem Bardo, die in die zukünftige Substanz der Eltern eintritt. (Hier gibt es noch viel mehr zu sagen, aber ich habe keine Zeit, das ist nur grob skizziert und es gibt mehr Variationen.)

    Andere Buddhisten, wie beispielsweise Thich Nhat Hanh, begreifen diese Kontinuität durch die persönliche Ahnenreihe. Das Karma der Familie wird – plus den eigenen Handlungen – an die Nachfahren weitergegeben. Dies macht, aus psychologischer Sicht, durchaus einigen Sinn, zumindest lässt es sich so erfahren.

    Uups. Das scheint eine kulturelle Vorstellung zu sein, in den Schriften wie dem Abhidharmakosha (4. Kapitel) findet sich so etwas nicht. Ich akzeptiere solche Erklärungen nicht. Was karmisch bestimmt wird sind die Eltern, von daher kann es sein, dass ein geiziger Veranlagter auch geizige Eltern hat, ein gewalttätig Veranlagter gewalttätiger Eltern oder ein eine großzügige Person reiche Eltern etc. Und natürlich kann man Gruppenkarma mit den Eltern haben, weil man in früheren Leben zusammen mit ihnen heilsame oder unheilsame Handlungen ausführte … Aber die Handlungen der Eltern können nicht auf das Kind übertragen werden! (Sie vier Eigenschaften von Karma und Ende des Kommentars hier.)

    Wenn also geschrieben wird:

    “A continuum (samtana) does not exist as some ultimately existent unity. However, it has the form of a successive stream of moments that have arisen as the condition of causes and effects, because of the nonperceptibility of a distinct moment.”

    Dann sehe ich die Schwierigkeit darin, dass dieser Strom immer nur von einer Person auf die andere übertragen wird, bzw. weiter fließt.

    In gewisser Weise wird nichts übertragen, es setzt sich einfach fort, wie ein Fluss weiter fließt. Aber ja, „dass dieser Strom immer nur von einer Person auf die andere übertragen wird, bzw. weiter fließt“ ist genau das, was damit gemeint wird, mein Karma kann ich nicht auf andere übertragen noch andere ihr Karma auf mich. So wird es zumindest erklärt im tib Buddh, der sich hier auf Vasubandhu’s Abhidharmakosha beruft:
    http://stanford.library.usyd.edu.au/archives/spr2014/entries/vasubandhu/

    Doch wenn wir uns Ihre Aussage ansehen:

    “So postuliert die Madhyamika Prasangika Schule nicht, dass Karma im Bewusstsein gespeichert wird, sondern, sie erklärt Karma mit dem Konzept “Desintegratedness”: Der Zustand der Beendigung einer Tat hat selbst wieder Wirkungskraft.”

    Und daraus schließen, dass einzig Karma wiedergeboren wird und zwar durch die Wirkungskraft einer Tat, dann könnte man zu der Schlussfolgerung kommen, dass natürlich Karma weiter existiert – als Wirkungskraft einer Tat – und somit jeder Mensch ein Bündel aus verschiedenen Wirkungskräften verschiedenster Taten darstellt. Und dieses Bündel eben nicht explizit von einem einzigen Menschen stammt, sondern mannigfaltige individuelle und kollektive Wirkungskräfte impliziert.

    Wie sehen Sie das?

    Karma wird auch nicht wiedergeboren, einfach die Wirkkraft einer Tat bleibt mit dem Strom der Ursache-Wirkungs-Kette verbunden und wird zu geeigneter Zeit Wirkung entfalten. (Hab gerade gelesen wie Moggalano ermordet wurde und warum, der buddhistische Kanon ist ja voll von solchen Geschichten.)

    Aber ich denke „dass natürlich Karma weiter existiert – als Wirkungskraft einer Tat – und somit jeder Mensch ein Bündel aus verschiedenen Wirkungskräften verschiedenster Taten darstellt“ ist durchaus so korrekt.

    Karma hat ja vier Auswirkungen eine davon ist die Tendenz, die Handlung wiederholen zu wollen, so kann man die Zwänge dieses oder das zu tun, die eine Person treiben, durchaus als Auswirkungen früherer Handlungen sehen, ein Jäger wird gerne wieder jagen/töten wollen und wer das aufgab, spürt da keinen karmischen Drang / Impuls oder Zwang zu jagen oder zu töten …

    „Und dieses Bündel eben nicht explizit von einem einzigen Menschen stammt, sondern mannigfaltige individuelle und kollektive Wirkungskräfte impliziert.“

    Ja ich glaube, das kann man so sagen.

    Es gibt ja auch Gruppenkarma. Also wenn eine Gruppe beschloss, ein Tier zu töten und einer tötet es nur, haben alle das Karma des Tötens geschaffen und so kann die Auswirkung des Tötens später kollektiv erfahren werden. Allerdings die vier Eigenschaften von Karma sagen auch, dass eine Handlung, die man nicht beging, deren Folge muss man auch nicht erfahren. Das widerspricht der Aussage von TNH, die Sie/Du oben zitieren.

    Tut mir leid. Habe auf die Schnelle geantwortet. Hoffe es ist hilfreich.
    Beste Grüße, T

  14. 

    Ach so, M: Steingass, wenn Sie keine „Diskussion auf diesem Niveau“ wünschen, dann lass ich Sie und Ihren Blog in Ruhe. Wollte nicht unhöflich sein und habe eben Joachim geantwortet. Sie brauchen es ja nicht bestätigen oder Sie könenn es ja nach eigenem Ermessen kritisieren.

    Ich fand nur nicht, dass ich den Eintrag unwidersprochen so stehen lassen sollte.

    Alles Gute!

    (PS: Polemik haben die Tibeter schon genug, ich finde sie wenig hilfreich. Meist ist sie auch schlicht unfair.)

  15. 

    Lieber Tenzin Peljor, bei dem Niveau von dem ich sprach geht es nicht um Polemik. Das habe ich doch so formuliert, oder?!

    Das Problem mit dem Niveau verdeutlichen sie mit ihren Beispielen perfekt. Es geht um folgendes: Ich habe in Die Glosse #4, Karma ein leicht zu verstehende Problemlage skizziert. Dass erstens Wiedergeburt sehr häufig personal gedacht wird und dass tibetische Gelehrte Anlass zu diesem Missverständnis geben; und dass zweitens Karma als eine Art direkter Wirkmechanismus zwischen den jeweiligen Inkarnationen gedacht wird und dass auch dazu tibetische Gelehrte Anlass geben.

    Man könnte sich nun tatsächlich mit dieser Form der Buddhismusrezeption befassen, ihre Ursachen untersuchen und sich über Abhilfe Gedanken machen. Was sie aber – wie viele andere mit denen ich diskutiert habe – tun, ist, dass sie dieses Problem einfach ignorieren. Sie verwechseln etwas. Es geht nicht darum, zum x-ten Male zu erklären, was tibetische Gelehrte ‚eigentlich‘ meinen (dazu müssten sie sowieso wenigsten Bezug nehmen auf die Texte von Geshe Thubten Ngawang und Geshe Rabten auf die ich im oben verlinkten Text verwiesen habe). Es geht um Aspekte eine völlig naiven Buddhismusrezeption. Ist dieser Unterschied so schwer zu sehen?

    Diese Problemlage zu ignorieren ist das Niveau, das ich nicht akzeptiere.

    Des weiteren verdeutlichen sie doch selbst in ihren Kommentaren hier die Ursache des Problems. Sie sprechen von einem „subtilen Bewusstsein das den Körper verlässt“. Was ist das anderes als atman? Ich lasse mich da auf keine Diskussion mehr ein.

    Es geht um einen völlig fehlgeleitete Buddhismusrezeption, ihre Formen und ihre Ursachen.

    Ansonsten respektiere ich die Mühe die sie sich machen, hier ihre Sicht der Dinge zu erläutern. Nur ist es eben so, dass die Wiederholung von Argumenten die jeder einigermaßen geschulte Gelug bereit hält, uns bei der Problemlage um die es hier geht, nicht weiter führt. Es geht hier um Problem des 21. Jahrhunderts für die Geshes die einer gänzlich anderen Kultur entstammen und in dieser bedingte entstanden sind, keine Lösungen haben. Für die Veranstaltung wie die sie im Dezember planen – Buddhismus ohne Karma und Wiedergeburt? Wie viel Weltlichkeit verträgt der Dharma? – wäre mindesten die Feststellung nötig, dass ‚der Dharma‘ wie er aus dem Osten überliefert wird keine umfassenden Lösungen für unserer heutigen Probleme bereit hält. Und oftmals ist ja nichtmal die Frage erlaubt, ob das denn so sein könnte.

    Die DBU als Veranstalterin des Seminars im Dezember verhindert doch selbst die Diskussion um die Problematik, wie fehlgeleitet heute im deutschsprachigen bzw. im Westen eine Buddhismusrezeption stattfindet und was die Ursachen sind. Wir hatten mit Made in Dresden ein eindrucksvolles Beispiel dafür. Nun soll gerade diese Organisation dafür sorgen, dass das anders wird?

  16. 

    Die Erklärungen von Tenzin sind unsinnig. Zunächst kann man Vasubandhu nicht heranziehen für die karmischen Auswirkungen über diverse Leben, wie auch der von Tenzin selbst gegebene Link zeigt.

    Dann wird sofort die a-soziale Folge der Vorstellung klar, dass Yogis/Yoginis nach dem Hirntod noch subtiles Bewusstsein pflegen – im Gegensatz zum Dalai Lama begründen so einige nämlich ihre Ablehnung von Organspenden. Wo wäre sonst der Yogi, wenn man ihm den toten Körper wegnehme?

    Was Tenzin beschreibt, ist mit einer Seele vergleichbar, da es an eine Person gebunden ist – subtiles Bewusstsein erworben gewissermaßen durch Trainingseifer eines Individuums, dass dann wieder ein Individuum aufsucht. Shunyata entsteht ja als Begriff im Hirn, wenn also subtiles Bewusstsein darüber meditiert, dann wäre dies demnach das Hirn, diese Theorie folgt hier ganz dualistischer Denkweise. Demzufolge kann es dieses Bewusstsein mit dem Hirntod nicht mehr geben.

    Familienkarma heißt heute richtig: Gene.

    Das buddhistische Atman ist, nach den Tathagatagarbha-Sutren, durch Worte wie „ewig“ und „rein“ beschrieben, kann also nicht subtiles Bewusstsein im Sinne Tenzins sein, da dieses sich wandelt. Es gibt ein Atman in Mahayana-Sutren, aber das ist kein „Selbst“! (also nicht einfach das Gegenteil von anatman)

    Wenn auf Tenzins Schule wirklich so ein Unsinn gelehrt wird, ist das Niveau niedriger, als ich es im tibetischen Buddhismus verortet hatte.

  17. 

    Ach dooyen, das ist ja ein ganz erhellender Kommentar.

    Dass Vasubandhu das ganze vierte Kapitel im Abhidharmakosha dem Thema Karma widmet, scheinen Sie zu übersehen. Damit ist schon der erste Satz Ihres Kommentars so profunde wie die Aussage meiner Oma über das Wetter in 4 Jahren.

    Dabei lasse ich es denn mal. War halt ein Versuche zur Differenzierung der Themen beizutragen, scheint aber eben genau nicht gewünscht zu sein. Könnte ja dazu führen, die eigenen Ansichten auch mal zu hinterfragen und nicht nur die der anderen.

    Vasubandhus Kommentar Abhidharmakosabhasyam beginnt im vierten Kapitel:

    Om Homage to the Buddha

    Who created the variety of the world of living beings and the receptacle-world which we have described in the preceding chapter? It was not a god (ii.64d) who intelligently created it.

    la. The variety of the world arises from action.

    The variety of the world arises from the actions of living beings. But, in this hypothesis, how does it happen that actions produce at one and the same time, pleasing things,—saffron, sandalwood, etc.—on the one hand, and bodies of quite opposite qualities on the other?

    The actions of beings whose conduct is a mixture of good and bad actions (vydmisrakarm, iv. 60) produce bodies resembling abscesses whose impurities flow out through the nine gates, and, in order to serve as a remedy to these bodies, they also produce objeas of pleasing enjoyment, colors and shapes, odors, tastes and tangibles. But the gods have accomplished only good actions: their bodies and their objeas of enjoyment are equally pleasing.

    ***

    What is action?
    lb. It is volition and that which is produced through volition.

    Übersetzung Pruden.

    Dass das in den Tathagatagarbha-Sutren beschriebene Selbst das subtilste Bewusstsein wäre habe ich zu keiner Zeit gesagt. Ihr Kommentar gibt weder mich, noch die Texte korrekt wieder.

    @M. Steingass. Danke für die Antwort. Ich werde Ihren Kommentar noch in Ruhe lesen und ggf. beantworten.

  18. 

    Zwischenmeldung. Das Thema hier ist im weitesten Sinne Inkulturation des Buddhismus im Westen. Die oben angesprochnen Dinge – Wiedergeburt, Karma – sind davon lediglich Teilaspekte. Ok. Dann also heute morgen im neuen Edeka um die Ecke. Was sehe ich? Die Inkulturation des Buddhismus auch hier.

    Solche Dinge sind keine Seltenheit. Wenn man als Buddhist mit offenen Augen durch die Welt läuft, sollte man dauernd solche Dinge sehen. Ich suche nicht mehr aktiv nach solchen Bildern, weil ich, unter mithilfe von diversen Freunden, inzwischen einen Fundus von gut 1.300 solcher Bilder habe. Trotzdem, da mein Problembewusstsein – und dadurch meine selektive Wahrnehmung – geschärft ist, finde ich natürlich doch immer wieder solche Sachen. Buddhisten wie die DBU-Kader oder ihre österreichischen und schweizer KollegenInnen befinden sich diesbezüglich in einer heimeligen Filterblase. Von Achtsamkeit diesbezüglich keine Spur. Und von der Fähigkeit zur Diskussion, falls jemand das Thema anstößt, natürlich noch weniger. Made in Dresden hätte es nicht besser illustrieren können.

    Die folgende im Foto abgebildete Einkaufstüte wurde vor nur wenigen Tagen in der Südschweiz gefunden.

    Kann man hier von einem Trend sprechen? Wahrscheinlich. Auf jeden Fall sind diese Vereinnahmungen (ob gut oder nicht, mal dahin gestellt) Teil eines Trends der seit Jahren existiert. Bzw. eher schon seit Jahrzehnten. Das ist alles gut dokumentiert. Die die’s nicht mitbekommen sind die Achtsamen.

    P.S. Warum das thematisieren? Ja, das ist eine Denkaufgabe die man dem deutschsprachigen Buddhismus stellen muss und die er lösen sollte, falls er wieder/noch in irgend einer Weise ernst genommen werden will.

  19. 

    Frage an Tenzin Peljor und Joachim Wetzky: Welches Format wird die Seminarveranstaltung Buddhismus ohne Karma und Wiedergeburt? Wie viel Weltlichkeit verträgt der Dharma? im Dezember haben? Auf der Seite von Alfred Weil ist ausser dem knappen Veranstaltungshinweis nichts zu finden. Bei der DBU auch nicht.

  20. 

    Hallo Matthias, jeder der Referenten wird einen Impulsvortrag halten, der dann in Arbeitsgruppen diskutiert wird. Am Sonntag gibt es eine Podiumsdiskussion, die dann ebenfalls diskutiert wird.
    Das heißt eben auch, die Qualität der Veranstaltung hängt unter anderem von dem Engagement der Teilnehmenden ab.

    Inhaltlich geht es um folgende Fragen:
    – Gibt es Themen und Aspekte, die in der buddhistischen Tradition von (großer) Bedeutung waren, aber nicht mehr zeitgemäß sind und nicht mehr ernst genommen werden müssen?
    – Fortexistenz/Wiedergeburt: Realität oder kindliche Hoffnung?
    – Karma: Gesetzmäßigkeit von Ursache, Bedingung und Resultat oder Aberglaube?
    – Jenseits (Himmel/Hölle): mögliche Daseinsweisen oder erzieherischer Trick?
    – Kultureller Hintergrund: notwendige Starthilfe oder irreführende Ablenkung?
    – Ist der Buddhismus überhaupt eine Religion?
    – Unter welchen Bedingungen sind buddhistische Inhalte annehmbar?

  21. 

    Hallo Joachim, danke für die Erläuterung.

  22. 

    Hier ein aktuelles Beispiel wie die Idee von der personalen Wiedergeburt perpetuiert wird! Die Welt über ein Interview mit dem Dalai Lama:

    Außerdem wolle er wieder auf die Welt zurückkehren, sagte der Dalai Lama mit Blick auf den Glauben im tibetischen Buddhismus, dass Menschen als fühlende Wesen wiedergeboren werden. „Eines meiner täglichen Lieblingsgebete ist, dass ich bleibe, solange das Leid fühlender Wesen auf der Welt bleibt. Das heißt nicht im gleichen Körper, aber als Geist und Seele.“

    Egal welche Subtilitäten tibetischer Philosophie beinhalten, egal was der Dalai Lama vielleicht wirklich meint, diese Sprache transportiert die Vorstellung der personalen Wiedergeburt und diese Idee ist es die sich bei vielen, wenn nicht den meisten tibetischen Buddhisten im Westen einnistet.

    Dieser Unsinn ist Teil der westlichen Buddhismusrezeption und er ist das was ich eine naive, blinde und taube Inkulturation nenne. Dies ist umso bedeutsamer da der Dalai Lama der Buddhismus-Multiplikator im Westen ist –: womit solche Botschaften nicht einfach als esoterischer Schwachsinn erscheinen, sondern als Wissen von einem der es als höchstrangiger Gelehrter ja wissen muss, der über die Maßen berühmt ist, Friedensnobelpreisträger, vielfacher Autor und Mensch der mit einer ganz besonderen Ästhetik versehen ist, die ihn in die Aura des Allwissens taucht. Vor diesem Hintergrund ist ein Schweigen über diese Verballhornung der Tulkuidee eine Irreführung aller gutgläubigen Menschen, die man mit Fug und Recht, und mit Hinweis auf die buddhistische Idee der Befreiung vom Irrtum!, bekämpfen muss.

    Basta!

    © Bild: Steff Schweiger

  23. 
    DerTotaleDurchblick 7.9.14 um 19:03 UTC

    Wobei man erwähnen sollte, dass „die Befreiung vom Irrtum“ ja nun nicht wirklich nur vom Buddhismus erdacht wurde…

  24. 

    Erst mal zur Optik dieser Seite: Wegen der Breite der Bilder werden auch Deine Texte in die Breite über den Rand rausgezogen – möglicherweise siehst Du das nicht, wenn Du eingeloggt bist. Bei Google muss ich im Code der Sachen, die ich von youtube übernehme, die Pixelzahl der Breite immer von Hand ändern, da ich eine ähnlich schmale Tabelle wie Du benutze.

    Diese Dinge fallen mir ansonsten auch hier in Thailand auf. Eine Kaufhauskette, die Zen heißt, die Zen-Apotheke, der Zen-Massagesalon (obwohl das Z hier wahrlich kein LIeblingsbuchstabe ist, ich werde nächste Woche gleich mal testen, wie die Angestellten ihren Arbeitsort aussprechen, vielleicht kann ich das mal filmen), das Nirwana-Condo. Ich könnte hier ein wirklich authentisches „Zen“-Leben führen, von einem Laden in den anderen stolpernd.

    Die Themen des Seminars klingen doch eigentlich schon in Deinem Sinne, Matthias. Entscheidend wird doch der Horizont der Referenten sein. Würdest Du selbst als Redner teilnehmen wollen, wenn Du die Chance hättest? Ich wurde kürzlich gefragt, warum ich nicht mehr „in der Öffentlichkeit“ mich stellen würde, was darauf hindeutet, dass man solche Veranstaltungen meint – nicht nur Blogs oder Foren. Es deutet sich m.E. ein langsames Umdenken an (oder auch nur die Hoffnung, man würde dann dort endlich sein Fett wegbekommen).

    Zu Tenzin: a) Meine Erläuterung zum atman war eher allgemeiner Natur: Es gibt ihn im Mahayana als ausdrücklich im Ausgleich zum anatman gelehrt, weil der Buddha laut Mahaparinirwana-Sutra erkannte, dass seine Lehre zuvor zu einseitg war. Was auch immer man davon halten mag. Und die wenigen Charakteristika lassen den Schluss zu, dass man ihn nicht mit einer Seele gleichsetzen kann, aber wohl mit der Buddha-Natur.

    b) Ich meine damit, dass Vasubandhu – nach recht überzeugender Widerlegung des Selbst – das Problem genauso wenig logisch und überzeugend lösen konnte wie Du es versucht hast oder die tibetische Tradition: „Vasubandhu sets out these problems in the Treasury of the Abhidharma without resolving them; when he writes from a Yogācāra perspective, he resolves them with recourse to the store consciousness and appearance-only.“ (Deine Stanford-Quelle).

  25. 

    Guido. Zur Optik. In Chrome und Safari wird’s auf einem Mac korrekt angezeigt. Firefox zeigt es falsch an. Weiß im Moment nicht wie das zu korrigieren wäre…

    Zur Teilnahme an einer solchen Veranstaltung wie der hier erwähnten. Das ist nichts für mich. Von Joachim und vor allem Alfred Weil trennen mich Welten. Bei Tenzin Peljor kann ich es nicht gut einschätzen aber wahrscheinlich ist es ähnlich. Einzig Christoph Spitz würde mich interessieren. Thomas Metzinger hat bei einer DBU-Veranstaltung in einem Vortrag über Intellektuelle Redlichkeit die Messlatte angelegt, an der sich diese Veranstaltung zu messen hätte. Was mich interessiert kann man z.B. in dem jüngsten Beitrag von Patrick Jennings auf unserem englischen Blog nachlesen: A New Subject. Da sieht man auch das Niveau das ich meine.

    Allerdings sehen ich auch, dass ein leichtes Umdenken einsetzten könnte. Ich habe die Diskussion im Buddhaland überflogen, auf die du dich in deinem letzten Beitrag beziehst. Dort wird schon deutlich, dass der eine oder die andere ins Grübeln gerät, ob denn eine Kritik nicht da und dort doch angebracht ist. Foren wie dem Buddhaland hat man eine solche Entwicklung bestimmt nicht zu verdanken, ebenso wenig wie Buddhismus aktuell

  26. 

    Ich lese im Ausland wg. des günstigen Preises die WELT per App, und in der gestrigen Sonntags-Ausgabe finden sich schlagende Beweise für Deine These (die ich teile), dass es bei der Reinkarnation im tibetischen Buddhismus um etwas Personales geht. Sage und schreibe 39 Seiten auf meinem Kindle macht der Bericht eines Fotografen aus, der nach Tibet reiste und u.a. den Dalai Lama aufsuchte. Er ist gespickt mit den üblichen Mythologisierungen, so wird etwa eine Lama-Pferd-Kreuzung gezeigt, von der nicht einmal Zoologen wüssten, was das sei, dann wird von all den sich niederwerfenden Tibetern auf ihren religiösen Trimmdich-Pfaden berichtet. Es kommt die erste Prophezeiung des DL vor, er würde noch einmal nach Tibet zurückkehren und den heiligen Kailash umrunden. Nun der erste Beleg für obiges, ein Zitat des DL von seinem Besuch in Wiesbaden, wo er zu jemandem sagt:

    „Als Buddhist, der an eine Kontinuität im Leben über viele Existenzen hin glaubt (siehe Tenzin), hatte ich das Gefühl, dass wir uns (siehe Steingass) schon in einem vergangenen Leben kannten.“ Dieses „wir uns“ ist eindeutig und nur personal zu verstehen, denn wenn das Karma nicht-personal einfach als Fortführung irgendwelcher subtiler Energien wirkte, dann wäre das ja eine Binsenweisheit, dann müssten wir uns natürlich alle schon mal begegnet sein und es wäre nicht der Rede wert.

    Dann kommt ein Interview, und da wird es noch deutlicher. In diesem folgt Prophezeiung Nr. 2 – vielleicht werden wir alt genug, uns noch darüber lustig zu machen. Entgegen einer von mir mal verlinkten Verlautbarung aus dem Hause DL, er würde 90 Jahre alt, meint er nun (ohne dass Ironie erkennbar wäre), 100 Jahre seien ihm sicher, da ihm dies seine Ärzte in Aussicht gestellt hätten, geträumt habe er aber von 113!

    Auf die Frage, ob er seine Wiedergeburt beeinflussen könne, sagt der DL, er bete, dass er bleibe, so lange die Wesen auf der Welt leiden, „nicht im gleichen Körper, aber als Geist und Seele.“ Das ist eindeutig, das kann man nicht mit noch so einer subtilen Erklärungsweise kleinreden.

    Abgesehen davon äußert er sich nach Ansicht der Interviewer auf „überraschende“ Weise zum Weltgeschehen, was ich nicht unterschreiben kann. Er meint z.B., die Atombomben auf Japan hätten größeres Leid und mehr Tote verhindert, obwohl es überzeugende Historiker gibt, die behaupten, diese Bomben seien unnötig und der Krieg bereits entschieden gewesen. Mich überrascht nur, dass er sich da überhaupt zu Putin und Chinas Staatschef auslässt, wo er doch sein politisches Amt abgegeben hat …

  27. 

    sorry, Du hattest die gleiche quelle, wie ich gerade oben sah.

  28. 

    Guido/Dooyen. Nochmal zurück zu deiner Frage, ob die angesprochenen Veranstaltung nicht etwas für mich wäre. Natürlich sehe ich mit einer gewissen Genugtuung, dass die DBU und bestimmte Leute offensichtlich die Notwendigkeit spüren, die Dialektik von Dharma und Weltlichkeit zu thematisieren. Ich habe eine Menge Material zum Thema Reinkarnation im Tibetischen Buddhismus und kann von daher von aussen zu dieser dringend notwenigen Diskussion beitragen. Wahrscheinlich sollte ich das Material zusammentragen und hier im Blog rechtzeitig veröffentlichen.

    Ansonsten kann man eine Prognose machen was derartige Veranstaltungen angeht, wenn sie nicht einen dezidierte Anstrengung unternehmen, ihre jeweiligen ideologischen Strukturen zu transzendieren: Der Dharma wird sich einmal mehr in einer Weise reproduzieren, die seine erhabene Transzendenz, und damit die ausserweltliche Macht die er über die ihm Untergeordneten ausübt, unangetastet oder sogar gestärkt lässt. Ein Bewusstsein über ideologische Strukturen (Althusser) bzw. das historische Apriori (Foucault) ist in einer solchen Veranstaltung nicht gegeben (nicht jedenfalls soweit ich die Personen einschätzen kann), von daher ist eine solche Veranstaltung zwar ein Schritt in die richtige Richtung, aber solange das Bedingte Entstehen der jeweiligen eigenen Position dort nicht explizit Thema ist, reicht es bei weitem noch nicht.

    Man könnte eher darüber nachdenken, unabhängig von der DBU, ebenfalls solche Veranstaltungen zu machen. Zu denen sollte mann dann aber gerade die einladen, die schon eine Ahnung von der Notwenigkeit einer Buddhismuskritik haben. Ausserdem gehörten in eine solche Veranstaltung Leute wie z.B. Thomas Metzinger die dem Fideismus eine klare Ansage erteilen. Weiter müsste man Leute einladen, die den Dharma im Westen, wie er sich seit Marx und Nietzsche schon lange etabliert hat, nämlich dem Bewusstsein vom bedingten Entstehen des Bewusstseins, in knappen klaren Impuls-Vorträgen erläutern können.

    Von einer Veranstaltung wie der im Dezember sollte man mindesten erwarten, dass die Vorträge, Diskussionen und eine Zusammenfassung der Ergebnisse Online gestellt werden (und das sie nicht in einem nichtssagende 200-Worte-Artikel in Buddhismus aktuell abgehandelt begraben werden). Diese Transparenz muss man bei der DBU ermöglichen. Mal gespannt ob sie zu sowas inzwischen in der Lage ist.

    Zum Thema Reinkarnation allgemein. Ich habe mich vor einigen Jahren damit ausführlich befasst. Meiner Ansicht nach legt der Dalai Lama in dieser Hinsicht eine gehörige Portion Naivität an den Tag – obwohl er gleichzeitig in der Lage ist, ausufernde Lehrreden darüber zuhalten. Das Hindernis in dieser Hinsicht die deutschsprachige Rezeption dieser Problematik zu verändern, stellt sich wie folgt dar:

    Das Buch Tibet – Die Geschichte meines Landes von Thomas Laird im Interview mit dem Dalai Lama wird sofort nach Erscheinen ins Deutsche übersetzt. Dieses Buch transportiert exklusiv die Weltsicht des Dalai Lama. Zum Beispiel spricht er vielfach Chenrezig (Sanskrit, avalokiteśvara) an, die Schutzgottheit Tibets und spricht ihr als Gott oder Geist nichtkörperliche Existenz zu. Er wiederholt im Buch mehrfach, dass Chenrezig zu verschiedenen Zeiten in der Geschichte Tibets eine „Masterplan“ für das Land gehabt habe. D.h. also, es handelt sich um eine nichtkörperliche Wesenheit, die mit einem bestimmten Charakter versehen ist und die ganz spezifische Pläne hat. So wie sie der Dalai Lama darstellt ist es eine Person, eine göttliche zwar, aber eine Person.

    Zum Vergleich das Buch The Tibetans von Matthew Kapstein. Diese Buch stellt den Gegenpol zu Lairds Buch dar. Es ist eine ausgezeichnete Quelle, die die Geschichte, Religion, Gesellschaft, das Leben der Tibeter, die Sprache etc. pp. vorstellt. Im Prinzip müsste jeder Student, der die tibetische buddhistische Religion studiert, dieses Buch lesen. Es gibt eine unabhängige und fundierte Sicht von einem heutigen, wissenschaftlich fundierten und historisch auf der Höhe der Zeit stehendendem Standpunkt. Es wäre ein absolutes Muss, um überhaupt etwas über Tibet zu wissen – im Gegensatz zur ideologisch ganz anders gearteten Sicht des Dalai Lama. Nur, das Problem ist, das Buch wird nicht aus dem Amerikanischen ins Deutsche übersetzt. Der Markt gibt es nicht her weil sich keiner dafür interessiert. Warum interessiert sich keiner dafür? Weil keiner an einer Aufarbeitung der naiven, blinden und tauben Inkulturation des Buddhismus im Westen und besonders imm Deutschsprachigen interessiert ist.

    So beisst sich also die Katze in den Schwanz. Meine Ansicht in dieser Sache ist ganz klar. An der Übersetzung eins Buches wie dem von Kapstein können bestimmte Leute kein Interesse haben, weil es ihre Autorität als Statthalter des Dharma untergraben würde. Die DBU ist im Prinzip ein solcher Statthalter.

    Leute wie Christoph Spitz oder Ursula Richard (Chefredaktion bei Buddhismus aktuell und Verlegerin der Edition Steinrich) könnten zeigen, dass sie kein Interesse an einer weiteren Verbreitung eines magischen Buddhismus haben, indem sie z.B. ihren Einfluss nutzen und die deutschsprachige Publikation derartige Bücher – auch entgegen ökonomischer Interessen – fördern.

    P.S. Der Dalai Lama begeht wie viele Prominente den Fehler, der Versuchung nicht zu widerstehen, Fragen über die Weltpolitik zu beantworten, obwohl er nicht mehr raten kann als zu beten. Er sollte wie jeder andere gewöhnliche Mönch auch, den Mund halten bei Dingen von denen er nichts versteht. Das würde ihm mehr Respekt einbringen, als sich im Talkshowformat über alles und jeden Antworten abringen zu lassen.

  29. 

    Interessant ist, dass der DL dieses Buch offenbar gelobt hat – das ist die andere Seite an ihm, dass er durchaus immer wieder beweist, über seinen Tellrrand hinausschauen zu können: http://www.amazon.com/The-Tibetans-Matthew-T-Kapstein/dp/0631225749

  30. 

    Hallo Dooyen. Ja, er ist eben wie wir alle. Wenn wir uns etwas Mühe gegeben, könne wir über unseren Tellerrand schauen. Allerdings erteilt der Dalai Lama in Lairds Buch Tibet – Die Geschichte meines Landes der politischen und ökonomischen Sicht Kapsteins auf Tibet mehrfach eine klare Absage. Er erwähnt Kapstein nicht namentlich, aber er macht seine Auffassung klar, dass er seine Sicht der Dinge nicht nur für sich selbst, sondern allgemein für die richtige hält. Ausserdem ist zweifelhaft, ob der Dalai Lama die vielen Bücher selbst gelesen hat, für die er Klappentexte produziert… falls er sie überhaupt selbst schreibt: das miserable English welches er spricht, ist sichert nicht das, welches in dem Amzon-Review auftaucht. Irgendjemand muss es mindesten redigieren. Das sind alles so kleine Merkmale an denen man sieht, dass es nicht der „einfache Mönch“ ist, den wir sehen, sondern ein Produkt der Medien und damit letztlich ein Produkt des Kapitals.

    Ich habe schon in einem Text von vor 3 Jahren die Schlussfolgerung gezogen, dass der Dalai Lama möglicherweise nicht wirklich Herr der Kräfte ist, die er als populäre Figur im globalen Popbusiness evoziert (vgl. Dalai Lama MasterChef). Er tritt bei allen möglichen Veranstaltungen auf, bei denen man sich fragt, was sie eigentlich mit seiner Mission als Buddhist und „einfacher Mönch“ zu tun haben.

    Sicher muss man dem Mann zugestehen, dass er gute Absichten hat. Aber die naive, blinde und taube Buddhismus-Inkulturation sieht nicht, wie diese guten Absichten korrumpiert werden. Naive Dala Lama-Adepten können das nicht sehen, weil sie ihn für allwissend halten. Dass der Mann evtl. auch bedingt entsteht, kommt denen nicht in den Sinn.

  31. 

    @MS

    Ich habe leider kaum Zeit ihre verlinkten Beiträge zu lesen. Aber auch bei dem was sie bis jetzt hier schrieben, gibt es genügend Widersprüchliches. So sind Sie es, der den Schuldbegriff in Erklärungen hinein interpretiert, die kritisierten Autoren selber verwenden ihn nicht, denn bei Karma geht es im Buddhismus nicht um Schuld. Sie projizieren eigene Sichtweisen oder interpretieren die der anderen in einer Art, dass sie sie als falsch kritisieren können. Die Frage ist, wie viel davon ist eigene Projektion und in wie weit sprechen die Autoren wirklich von Schuld?

    Ebenso, der Buddha sagt immer wieder, in einem früheren Leben war ich dieses oder jenes Lebewesen zB: »Nachdem der Meister diese Lehrunterweisung beendigt hatte, verband er das Jātaka mit folgenden Worten: „Auch damals war der Schakal dieser Mönch, der Rattenkönig aber war ich.“«

    Moggallono, der Wesen in den Göttern der 33 besucht, lässt sie erzählen, welche Tat sie im Vorleben dort hingeführt hat und als Frucht reifte, dort geboren zu werden um diese und jene Vergnügungen und Umstände dort zu erfahren.

    Sie müssten konsequenter Weise dem Buddha und Moggallano ebenso vorwerfen, sie würden personale Wiedergeburt lehren. Der ganze Pali Kanon ist voll von solchen Geschichten und der Verwendung, er / sie wurde da und dort geboren.

    Dass in der Übersetzung des Zitates vom Dalai Lama: “Eines meiner täglichen Lieblingsgebete ist, dass ich bleibe, solange das Leid fühlender Wesen auf der Welt bleibt. Das heißt nicht im gleichen Körper, aber als Geist und Seele.” von einer Seele gesprochen wird, ist natürlich irreführend und falsch. Die Frage ist, ob der Dalai Lama den Begriff Seele wirklich verwendete oder ein Übersetzer ihn „zur besseren Verständlichkeit“ hinzufügte und damit gut gemeint die Aussage verzerrte. Ich habe den Dalai Lama noch nie über eine Seele sprechen gehört. Am besten wäre hier den genauen Begriff im Tibetischen oder Englischen zu kennen. Hätte der Dalai Lama dann den Begriff wirklich verwendet, ist es völlig berechtigt zu kritisieren, dass er von einer Seele spricht. (Wie gesagt, solche Aussagen habe ich noch nie vom Dalai Lama gehört.)

    Was der Dalai Lama in der Tat regelmäßig sagt ist. „So lange der Raum besteht, so lange es fühlende Wesen gibt, will auch ich unter ihnen bleiben und die Leiden der Wesen beseitigen.“ Dieser Vers stammt aus dem Bodhicharyavatara von Shantideva. Also hat dann doch Shantideva auch personale Wiedergeburt gelehrt?!

    Bei näherer Untersuchung müssten Sie Ihre Kritik mE dann auf alle vergangenen Meister, bis einschließlich Buddha und seine Schüler ausdehnen, denn gemäß Ihrer Sicht – so wie ich sie verstehe – lehren Aussagen wie „Auch damals war der Schakal dieser Mönch, der Rattenkönig aber war ich.“ ebenso personale Wiedergeburt. Konsequenter Weise müssten Sie die ganzen Pali Schriften von diesen Lehren „personaler Wiedergeburt“ bereinigen.

    (Ich hoffe in der Zukunft etwas mehr Zeit für die Diskussion finden zu können.)

  32. 

    Lieber Tenzin Peljor, es würde schon reichen, wenn sie bitte etwas genauer lesen würden, was ich in diesem Thread geschrieben habe. Ich mäßige mich schon in meinem Ton, da ich einen willigen Diskussionspartner nicht gleich wieder verprellen will und da die oben erwähnte Veranstaltung auch ansatzweise in eine Richtung geht, die das skizzierte Problem evtl. etwas beleuchtet. Ich mäßige mich, obwohl die Diskussion, wie immer, in die gleiche Richtung verläuft: Dem Kritiker wird vorgeworfen, er würde seine eigenen Missverständnisse auf den Buddhismus projizieren.

    Zur Verdeutlichung. Ich habe oben in #15 geschrieben:

    Dass erstens Wiedergeburt sehr häufig personal gedacht wird und dass tibetische Gelehrte Anlass zu diesem Missverständnis geben; und dass zweitens Karma als eine Art direkter Wirkmechanismus zwischen den jeweiligen Inkarnationen gedacht wird und dass auch dazu tibetische Gelehrte Anlass geben.

    Zur weiteren Verdeutlichung, auf welcher Ebene die Kritik ansetzt, skizziere ich in aller Kürze wie folgt:

    1) Es gibt deutschsprachige Aussagen, wie das kürzlich erschienene Interview in Die Welt mit dem Dalai Lama. (Hier nochmals etwas ausführlicher) Es gibt viele andere deutschsprachige Aussagen von prominenten Autoren gleichen Inhalts (betreffend der hier kritisierten Wiedergeburts- und Karmathematik).

    2) Es gibt die Ebene dessen was tibetischer Gelehrte meinen (könnten).

    3) Es gibt die Ebene der Texte (z.B. die schon erwähnten von Vasubandhu, Shantideva oder die Jatakas) in Sanskrit, Pali etc. wie sie heute als Texte vorliegen und wie sie heute gedeutet werden.

    4) Es gibt die Ebene der Aussage (z.B. von Vasubandhu, Shantideva oder aus den Jatakas), zu ihrer jeweiligen Zeit, in ihrer jeweiligen historischen Situation, bedingt durch ihr jeweiliges historische Apriori.

    Meine Kritik bezieht sich auf Ebene 1) und 2). Das geht aus meiner oben nochmals wiedergegeben Aussage hervor.

    Eben 1): Der Dalai Lama zitiert nicht etwa Shantideva (obwohl natürlich der Kenner sieht, dass er sich auf ihn bezieht), sondern er sagt laut Die Welt:

    [I]ch bleibe, solange das Leid fühlender Wesen auf der Welt bleibt. Das heißt nicht im gleichen Körper, aber als Geist und Seele. (meine Hervorhebungen)

    Das heisst, er spricht in unserer Sprache über das was wir in diesen Worten als Person verstehen. Er sagt „ich bleibe als Geist und Seele“ (und er impliziert – laut Die Welt – „in einem neuen Körper“).

    Ebene 2) Wenn er etwas anderes meinen sollte, dann muss er es sagen – und zwar so, dass die Reporter von Die Welt es verstehen und entsprechend wiedergeben.

    Die Rezeption des tibetischen Buddhismus geschieht in einem bestimmten Ausmaß auf Ebene 1), (wobei noch dazu sämtliche weitere Ebenen mit dieser gleich gesetzt werden – wie sie das im Prinzip auch tun). Wer sich etwas auskennt, sieht dass das Ausmaß erheblich ist. Das ist der eine Punkt der Kritik.

    Der Hauptpunkt der Kritik betrifft Ebene 2) und ist folgender – das habe ich in #3 sogar fett gedruckt:

    Wann treten Leute wie der Dalai Lama oder Christof Spitz endlich unmissverständlich gegen naive Auffassungen wie Karma=Schuld und Wiedergeburt=personal ein, wenn ihnen so viel an einem korrekten Verständnis liegt?

    (Lassen sie meinetwegen den Schuldbegriff erstmal raus, in wie weit hier ein christlicher Schuldbegriff mitklingt, ist eine wichtige aber zunächst untergeordnete Frage. Wie sie sehen können, habe ich das in #15 entsprechend differenziert).

    Die wichtige Frage ist doch, wenn tibetische Gelehrte dauernd derart missverstanden werden, warum tun sie nichts dagegen? Wenn sie keine naive, blinde und taube Buddhismusrezeption wollen, die Shanitdevas Bodhisattva-Gelübde in einen weichgespülten, zuckrigen Wohlfühlbuddhismus verwandelt, der sich auch noch in einem neuen Aberglauben ergeht, warum sagt das keiner?

    Zu weiteren Materialien sieh auch hier und hier.

  33. 

    Dort, wo Tenzin lernt, gelten wohl nicht die akademischen Maßstäbe für historisch-kritische Textexegese, fürchte ich. Der Hinweis darauf, man müsse ja sonst auch den Inhalt der Jataka, den Palikanon, den Buddha usf. selbst kritisieren, wäre sonst überflüssig, weil eine solche kritische Auseinandersetzung zum Alltag gehörte. Die Schriftgläubigkeit vieler Buddhisten ist mit der von christlichen Fundamentalisten, etwa Baptisten und Methodisten, gleichzusetzen. Meist ganz nette und umgängliche Gesellen, die sich aber in Zirkelschlüssen bewegen (wie dem, dass die Menschheit nur so alt sein könnte, wie das Alte Testament rechnerisch behauptet, oder eben: Da es der Buddha sagte – weil es wiederum so geschrieben steht, dass es der Buddha sagte – machte er selbst viele Leben durch, auch mal eins als Ratte). Schon weil es so eindeutig da steht, ist es dann unmöglich, die Reinkarnation zu leugnen, in der etwas irgendwie Personales, Unterscheidbares überdauert (sonst wäre der Marker „Ratte“ ja gar nicht nötig als Identifikationsmerkmal). In den Jataka stehen allerdings fast so wahnsinnige Sachen wie in manchen Mahayana-Sutren, weshalb selbst Theravada-Anhänger sie häufig verschweigen.

    Meines Erachtens ist bei aller berechtigten Auseinandersetzung mit den genannten Ebenen 1 und 2 entscheidend, dass 3 und 4 nicht ordentlich bearbeitet werden. Es wird z.B. regelmäßig versucht, Widersprüche im Palikanon zu glätten. Es wird unzulässig zwischen den Zeilen gelesen (was der Buddha zur heutigen Sexualmoral gesagt hätte) usw. Dass dann sogar Akademikern manches nicht mehr auffällt, dass sie kritische Fragen nicht stellen, befremdet (m.E. haben z.B. bisher nur zwei die Bestätigungsdokumente von TNH angezweifelt, und man sieht andere in der Begegnung mit dem DL sich seltsam unsicher verrenken, so dass man an dieser Untertanen-Haltung schon deren Problem zu erahnen beginnt: Wie kann es eigentlich sein, dass diese mit ihm sympathisierenden erwachsenen Menschen nicht den DL genauso behandeln wie er sie, also ihm gleich mal die Hand zärtlich streicheln oder ihm sogar kumpelhaft auf die Schulter hauen?).

    Meine Antwort auf Deine Frage, Matthias, ist also die: Ich weiß es nicht für Herrn Spitz zu sagen, aber Herr Dalai kann deine Forderung nicht erfüllen, weil sie gegen die ein oder andere Schrift verstößt und er ohne Schriftglauben nichts mehr ist. Auf dem Einsaugen der Schriftinhalte und Zeremonien beruht ja seinen Ausbildung. Er wurde ja keineswegs an einer textkritischen US-Universität geschult, sondern wird dorthin nur als Redner eingeladen. Die Ausbildung der tibetischen Mönche, etwa im prüfenden Dharma-Dialog, läuft ja bloß so ab, dass die (korrekten) Antworten wiederum aus den Schriften und der Tradition sein müssen, nicht von außerhalb. Es handelt sich um ein geschlossenes Gedankensystem – aber eines, das nicht sichtbar das Ziel verfolgt, sich selbst zu überwinden (auch wenn es etwa im Dzogchen gefordert würde). Zudem: Der Dalai Lama hat seine politische Funktion nie abgelegt, das wird immer nur behauptet, wie wir ja an seinen Stellungnahmen sehen und auch daran, wie er immer wieder sich von anderen Politikern hofieren lässt. Wenn er es ernst meinte mit seiner Demontage, dann müsste er sich eigentlich selbst verbrennen. Das muss stattdessen das „Fußvolk“ erledigen.

  34. 

    Die Schriftgläubigkeit vieler Buddhisten ist mit der von christlichen Fundamentalisten, etwa Baptisten und Methodisten, gleichzusetzen.

    Das gilt dann sicher auch für die Schriftgläubigkeit in Bezug auf die Schriften vom Dalai Lama, Geshe Thubten Ngawang etc. Das ist ja genau der Punkt, dass diese hier wörtlich genommen werden, der Hintergrund ausgeblendet wird und dann munter weitere Projektionen wie „Schuld“ hinzugefügt werden.

    Ich sehe sehr wohl, dass es bei einigen ein Missverständnis gibt und sie Geburt im Daseinskreislauf als Seelenwanderung etc missverstehen. Nur ist es nicht so, dass es unter tib. Buddhisten darüber kein Gewahrsein gibt und das nicht auch kritisch beleuchtet und benannt wird. Mehr Gewahrsein ist in jedem Fall wünschenswert. Ich bezweifle aber ob das mit übertriebener Polemik erreichbar ist. Das wird irgendwann Schattenboxen.

  35. 

    Lieber Tenzin Peljor, re #34, sie schreiben,

    […] die Schriftgläubigkeit in Bezug auf die Schriften vom Dalai Lama, Geshe Thubten Ngawang etc. Das ist ja genau der Punkt, dass diese hier wörtlich genommen werden, der Hintergrund ausgeblendet wird und dann munter weitere Projektionen wie “Schuld” hinzugefügt werden.

    Der Hintergrund wird nicht ausgeblendet. Ich habe das Problem in #32 in einem Schema skizziert um die Diskussion zu differenzieren. Ich habe auch die Polemik weggelassen, ebenso wie ich die Schuld-Frage differenziert habe, um ihnen eine Brücke zu bauen. Wenn sie nun weiter auf die beiden letzten Punkte beharren, liegt es an ihnen.

    Ich sehe sehr wohl, dass es bei einigen ein Missverständnis gibt und sie Geburt im Daseinskreislauf als Seelenwanderung etc missverstehen. Nur ist es nicht so, dass es unter tib. Buddhisten darüber kein Gewahrsein gibt und das nicht auch kritisch beleuchtet und benannt wird.

    Ich wäre ihnen sehr dankbar, wenn sie Hinweise geben könnten an welchen Stellen man das nachvollziehen kann, dass tib. Buddhisten Gewahrsein über Missverständnisse bezüglich Wiedergeburt und Karma haben und wie dieses aussieht. Ich wüsste selbst einige Beispiele tib. Buddhisten die das Tulku-System kritisieren (Samdhong Rinpoche und Dzongsar Jamyang Khyentse Rinpoche beispielsweise, allerdings ist dies eher eine Kritik die den Missbrauch anprangert und eine Tulkuinflation und nicht die Missverständnisse in der Rezeption, um die es hier geht). Gibt es über ein gelegentlich geäussertes Problembewusstsein hinaus eine systematische Betrachtung?

    Mir wurde z.B. von Christof Spitz seinerzeit gesagt, dass in diesem Konvolut von Vortragsmanuskripten zum Buddhismus in Geschichte und Gegenwart entsprechendes zu finden sei. Leider hat man mir auch auf mehrfaches Nachfragen hin nicht gesagt, wo genau in diesem 11-Semestrigen Zyklus mit über 120 Manuskripten einschlägiges über Missverständnisse bzgl. Wiedergeburt und Karma in der Buddhimusrezeption im Westen zu lesen ist. Wissen sie mehr?

    Dooyen, re #33

    Ich weiß es nicht für Herrn Spitz zu sagen, aber Herr Dalai kann deine Forderung nicht erfüllen, weil sie gegen die ein oder andere Schrift verstößt und er ohne Schriftglauben nichts mehr ist.

    Das betrifft die Hermeneutiken die man benutzt. Die im tib.Buddhismus ist es eine, wie du sagst, die auf Vertrauen in das geschrieben Wort basiert und darauf dass es sozusagen eine ‚absolute Denotation‘ gibt. Das ist heute schon lange nicht mehr haltbar. Das geschlossene System das du ansprichst ist das eigentliche Problem.

  36. 

    Lieber Tenzin Peljor, ich hoffe sie finden noch Zeit auf meine Frage aus #35 einzugehen, wo man eine kritische Betrachtung innerhalb des (tibetischen) Buddhismus finden kann was die hier angesprochenen Fragen angeht. Es wäre schade, wenn die Diskussion erneut gerade da abbricht, wo man in medias res gehen könnte.

  37. 

    Lieber MS. Gerne, bin im Moment aber im Rückzug / Retreat. In ca. 14 Tagen melde ich mich dazu zurück.

  38. 

    Im Sinne einer Materialsammlung hier der Hinweis auf eine Text von Dzongsar Khyentse, in welchem er versucht einen Aspekt der Inkulturation des Vajrayana in den Westen zu beleuchten. In meinen Augen ein Beispiel dafür, dass dieser Mann so ziemlich gar nichts versteht: The Distortions We Bring To The Study of Buddhism

  39. 

    Hridaya Artha hat hier noch mal die relevanten Stellen aus dem Statement des Dalai Lama about Reincarnation herausgestellt.

  40. 

    Tenpel schreibt am 25.8.14 um 22:07 [d.i. #2 im Kommentarthread, M.St.] zu dem obigen Beitrag vom M. Steingass, Die Aussage bleibt: Die Opfer sind selber schuld

    „…Der Beitrag ist leider ein Schuss in den Ofen. Sie attackieren etwas an anderen, dass sie selbst gar nicht verstanden haben. D.h. Sie denken, Sie hätten die Erklärungen innerhalb des Indo-Tibetischen Buddhismus verstanden, aber in Wirklichkeit haben Sie ein Missverständnis über diese entwickelt. Was Sie dann attackieren und kritisieren hat dann aber auch gar nichts mit dem Indo-Tibetischen Buddhismus oder dem Dalai Lama, Geshe Thubten Ngawang usw. zu tun, sondern mit ihren eigenen Fehlvorstellungen, Projektionen und kulturellen Missverständnissen…“

    Zum Schluss schreibt tenpel dann:
    …. „Die Sicht auf Selbst und Karma und Kontinuum im Indo-Tib Buddh. ist sehr subtil und kann daher leicht missverstanden werden und überfordern. Konfrontiert mit der Überforderung einiger, sagte der Dalai Lama, man muss ja nicht dieser Sicht folgen, es gibt einfachere Sichtweisen, die auch sehr nützlich sind.
    Was ich hier wieder einmal sehe, ist, dass jemand (Herr Steingass), der nicht das Indo-Tibetische System studiert hat (ich sehe mich nicht als Experten, aber immerhin habe ich in diesem System über mehrere Jahre studiert und mich einigermaßen ausführlich damit beschäftigt) und die Feinheiten gar nicht erfasst, mit Projektionen im Gewand der Kritik um sich wirft, statt sich erst einmal die Mühe zu machen, es in seinen Feinheiten zu erfassen und dann Widersprüche sachlich und wohl informiert aufzuzeigen.
    Mit so einer dumpfen, lauten und inhaltlich falschen Polemik tun Sie sich und Ihren Lesern mE keinen Gefallen.“
    —–
    Da ganz offensichtlich das Indo-Tibetische System auch nach mehreren
    Jahren ausführlichen Studiums in seinen Feinheiten nicht verstanden werden kann, stellt sich doch die immer wieder auftauchende Frage, ob dieses System großteils auf nicht nachvollziehbaren Schimären fundiert ist und durch Studium und Praxis ein abstruses magisches Denken indoktriniert wird?! Wenn dieses System wirklich gut fundiert wäre, würde es sicherlich weltweit mehr intelligente Denker überzeugen und wäre auch in komprimierter Fassung für Viele verständlich rüberzubringen!
    So bleibt der nicht unbegründete Verdacht, dass was als tiefe esoterische Weisheit daherkommt nur das krasse Gegenteil von fundiertem Wissen ist, welches auch die eigene Begrenztheit mit einschließt!

    „Gott sei Dank“ kann hier in Europa jeder mit Bezug auf Verfassung und Menschenrechte seine Religion frei ausüben! Wer jedoch dabei mit dem Anspruch auf höhere Wahrheiten in die Öffentlichkeit geht, muss damit rechnen, dass seine Ansichten nicht erst jahrelang studiert, geprüft und erst dann, ihm vielleicht weniger polemisch erscheinend, kritisch angegangen werden!

    Im übrigen wäre es doch für die Tibeter eine einfache Sache zu sagen, dass das Rechtsempfinden der meisten Menschen zu Schuldfragen, wie sie von M. Steingass in seinem obigen Beitrag vom 25.8.14 angerissen werden, auch ihren Ansichten nicht widerspricht. Wenn jedoch Aussagen von Anhängern des Indo-Tibetischen Systems nahe legen, „Die Opfer sind selber schuld!“ und das Indo-Tibetische System solche Interpretationen zulässt, weil nach diesem System alles nur eine unendliche karmische Wirkungskette ist, wäre das System wahrscheinlich beliebig zu interpretieren, damit wertlos und letztendlich wäre alles scheißegal!
    Solche Ansichten können dann gar nicht laut genug und polemisch angegangen werden!

    Tenpel schreibt weiter:
    … „der Dalai Lama predigt kein personale Wiedergeburt!
    Was in den Zusammenhang gelehrt wird ist, dass es weder ein unabhängiges, permanentes, oder teilchenloses Selbst gibt, es gibt auch kein sich selbst genügendes, substantielle existierendes Selbst, noch ein unabhängiges (inhärent) existierendes Selbst. Allerdings gibt es ein nominelles Selbst, ein Selbst, das den veränderlichen Aggregaten bloß zugeschrieben wird. Manchmal auch das bloße zugeschriebene Selbst genannt. Eine Person, Hans, kann nicht Wiedergeburt nehmen, da es einen inhärenten Hans, ein Substrat Hans usw., gar nicht gibt. Lediglich das Zusammenspiel von Aggregaten, die die Grundlage für die Zuschreibung eines Selbst sind, setzt sich fort.“ ….

    …. „Es geht um eine endlose Ursache und Wirkungskette, die sich ständig verändert und keine Substanz oder Essenz hat, diese Kontinuität einer Ursache und Wirkungskette ist in jeder Existenz ein “neues” Lebewesen mit einem “neuen” Namen, “neuen” Aggregaten, deren Annahme und Qualität durch gereiftes Karma und andere Faktoren bestimmt wird. Aber es ist ein Wirkzusammenhang, der ganz spezifisch ist und sich über endlose Leben erstreckt. Der Wirkzusammenhang, der Deine Existenz JETZT ausmacht, kann sich nicht auf mich übertragen, sondern nur auf spätere Momente Deiner Existenz. In dem Sinne kann man auch von einem endlosen Strom an Existenz eines Wesens sprechen, nur dass es nie das selbe ist. Das sind also nur Begriffe und die Begriffe sind nicht absolut zu sehen.

    In dem Zusammenhang ist es gut, ein Verständnis über Kontinuum zu entwickeln. Ein Kontinuum ist nicht eine unabhängige, inhärente, absolute Größe sondern nur ein sich fortsetzender Ursache- und Wirkungszusammenhang. Das ist was der Dalai Lama meint, wenn er von einem “selben Wesen” spricht…“
    ——-
    Das ist doch eher banale, überholte Philosophie aus dem buddhistischen Elfenbeinturm!
    Etwas anders formuliert gibt es auch keine unabhängigen, permanenten, oder teilchenlosen Dinge. Es gibt auch keine sich selbst genügenden, substantielle existierende Dinge, noch ein unabhängiges (inhärent) existierendes Ding. Allerdings gibt es nominelle Dinge, ein Dingsein, das den veränderlichen Aggregaten bloß zugeschrieben wird.
    Das sind doch banale, linear kausale Spitzfindigkeiten, die zum heutigen Wissen und Verständnis über hochkomplexe, vielschichtig multikausale Vorgänge wie Welt, Leben und Bewusstsein und zur Lösung anstehender Probleme nichts mehr beitragen können!

    …. „Es geht um eine endlose Ursache und Wirkungskette, die sich ständig verändert und keine Substanz oder Essenz hat ….
    Aber es ist ein Wirkzusammenhang, der ganz spezifisch ist und sich über endlose Leben erstreckt.“ ….

    Wer hat denn Überblick über endlose Ursachen und Wirkungsketten und endlose Folgen von Leben (??) und kann deshalb darüber begründete Aussagen machen und sogar noch Verhaltensregeln daraus ableiten?
    Wer dazu die in seinem Bewusstsein erscheinende Vor-Stellungen oder Visionen als unmittelbare Schauung kosmischer Wirklichkeiten interpretiert, hat doch wohl eher Probleme mit Allwissenheits- und Allmachtsphantasien, ausgelöst durch mystisch-magische Vorstellungen und Fehlinterpretation von Meditationserfahrungen! Wie stark diese im Indo-Tibetische System verankert sind, zeigen einige Textstellen aus dem Buch „Grundlagen tibetischer Mystik“ von Lama Govinda.

    Fünfter Teil, I., Die Lehre von den „drei Körpern“ und den drei Ebenen der Wirklichkeit, erster Satz:
    Wir haben das Allheitserlebnis des OM, die Leuchtkraft des unsterblichen Geistes im MANI, seine Entfaltung im Lotus der Bewusstseinszentren (PADMA) und seine Integrierung und Verwirklichung im HUM kennen gelernt.

    Zweiter Teil, I., Der Stein der Weisen und das Elixier des Lebens, daraus aus dem siebten Absatz:
    … dass derjenige, der zum Urgrund des eigenen Wesens vordringt, nicht nur die Umwelt sondern sich selbst verwandeln kann und jene geheimnisvolle Wundermacht erringt, die in den buddhistischen Texten als „siddhi“ (Pali „iddhi“; Tibet. „grub-pa) bezeichnet wird, und die sowohl im Bereiche des Geistigen, wie in dem des Materiellen, ihre Gültigkeit hat. Aus diesem Grunde, so heißt es, prüfen fortgeschrittene (indische)Yogins ihre Kräfte an der Transmutation materieller Elemente.
    —–
    Das ist magisches Denken, das den Verstand naiver Gemüter einlullt.
    Wie viel Zeit und Energie wird für daraus hervorgehende irreale Lebensziele vergeudet? Jede massive Kritik findet darin ihre Berechtigung!

    Es bleibt weiter festzustellen, auch Erleuchtete haben nach der Beschreibung ihrer Erfahrungen offenbar keinen Einblick oder gar Überblick in oder über unendliche Dimensionen!

    (In) dem Bewusstsein dass unfassbar, unendlich, völlig Licht geworden,
    finden Erde und Wasser, Feuer und Luft keinen Halt mehr.
    Dort gibt es weder klein noch groß, weder schön noch hässlich,
    weder grob noch fein, weder Geist noch Körper.
    Kommt Bewusstsein zur Ruhe, endet diese (Welt der Erscheinungen).
    Digha-Nikaya 11 (I.p.223)

    oder:
    Es gibt einen Bereich, wo weder Festes noch Flüssiges ist, weder Hitze noch Bewegung, weder diese Welt noch jene Welt, weder Sonne noch Mond. Das nenne ich weder ein Kommen noch ein Gehen, noch ein Stillstehen, weder ein Geborenwerden, noch ein Sterben. Es ist ohne jede Grundlage, ohne Entwicklung, ohne Stützpunkt; das eben ist das Ende des Leidens.“ (Ud. VIII. 3)

    oder:
    „Es gibt ein Ungeborenes, ein Nichtgewordenes, das durch nichts bedingt ist. Wenn dieses Ungeborene, Nichtgewordene, Unerschaffene, das keine Bedingung hat, nicht sein würde, so wäre auch für dieses Geborene, Gewordene, Geschaffene, aus der Bedingung Erwachsene kein Entrinnen zu finden.“ … It.II, 6 (p.37f.)

    Wer solche Bewusstseinserfahrungen macht und dadurch nicht nur verwirrt ist, erkennt zumindest die Begrenztheit seines, des Bewusstseins. Er kommt jedoch heute um die Frage nicht herum, ob diese Erfahrungen nur in seinem Kopf stattfinden oder ob es die Erfahrung einer anderen, höheren Realität ist. Die Geschichte der Religionen ist voll von Persönlichkeiten, die angeblich die Erfahrung einer anderen, höheren Realität gemacht haben, wobei viele als Spinner nur schwer zu durchschauen sind. Nach allem was wir heute einigermaßen sicher fundiert wissen, müssen wir davon ausgehen, dass solche Erfahrungen nur im Kopf stattfinden! Der eventuell mögliche Sinn solcher Erfahrungen wäre noch zu klären!
    Mit hoher Sicherheit gibt es keinen Zugang zu irgendeinem geheimnisvollen kosmischen Wissen und einer damit verbunden Erlösungsmöglichkeit. Was uns als Möglichkeit bleibt, ist der auf Achtung und Empathie basierende Einsatz für die Durchsetzung und Erweiterung der Menschenrechte und Persönlichkeitsbildung!

    kulkue

  41. 

    Hallo kulkue, vielen Dank für deinen ausführlichen Beitrag.

    Ich ergänze folgendes: Die Rezeption des tibetischen Buddhismus im Westen und speziell im deutschsprachigen Bereich findet seit beinahe einem halben Jahrhundert statt (wenn man Chögyam Trungpas Aufenthalt in Gross Britannien und den ersten Besuch des Dalai Lama in Europa in den 1970er Jahren als Referenzpunkte nimmt). Es hätte also reichlich Zeit bestanden, einen Sprache zu entwickeln, die das was die Gelugpas angeblich wirklich meinen, auch adäquat in unserer Sprache und in unser Denken übersetzt. Diese Entwicklung findet aber offensichtlich nicht satt – obwohl in der tibetischen Sprache entsprechende Differenzierungen existieren (siehe das Link in Kommentar #40 zu einigen Anmerkungen dazu von Hridaya Artha). Stattdessen ist das hochoffizielle Statement zum Thema Wiedergeburt voll mit englischen Termen die eine personale Wiedergeburt bedeuten (vgl. mein Schema in #32). Die Frage ist, warum man nach einem halben Jahrhundert Umgang mit dem Westen und nachdem man auch Kenntnis hat davon, wie naiv hier Buddhismus zum grössten Teil rezipiert wird, nicht dafür sorgt, dass diese angeblichen Missverständnisse geklärt werden? Oder warum man in Diskussionen wie dieser hier nicht eindeutige Hinweise auf entsprechende Erläuterungen erhält — von Leuten die immer behaupten, zu wissen, um was es wirklich geht?

    Auch in dieser Diskussion tritt einmal mehr das auf was in der Heuristik des Spekulativen Non-Buddhismus z.B. unter dem Stichwort Erklärungswut abgehandelt wird. Tenpel zeigt genau das: Seine Erläuterung in #2 lässt uns ratlos mit einem Wust an unscharfen Begriffen zurück mit dem wir gar nichts klären können – ausser dass wir bitte schön erstmal unserer Geshe machen, wenn wir mitreden wollen.

    Auf Details in dieser Diskussion muss man sich nicht mehr einlassen. Es ist nämlich so:

    Wenn nach einem halben Jahrhundert Inkulturation des Tibetischen Buddhismus bei uns immer noch keine Sprache existiert die unmissverständlich klar macht, um was es wirklich geht, dann steht der Tibetische Buddhismus in der Bringschuld, diese Sprache zu entwickeln – bzw. seine Fürsprecher und Apologeten wie eben Tenpel.

    Stich wort Anagarika Govinda. Das ist ein gutes Beispiel an dem sich belegen liesse wie das magische Denken des Fin de Siecle (Blavatzki, Gurdieff, Steiner, Crowley etc. pp.) sich nach dem 2. Weltkrieg auch des Tibetischen Buddhismus bemächtigt hat. Govinda ist ein Paradebeispiel wie auf diesen Buddhismus westliches essentialistisches Denken projiziert wurde. Man könnte das wunderbar ausleuchten. Der Weg der Weissen Wolke ist in der Hinsicht kaum zu unterschätzen, wie sehr er von Anfang an viel eher Ausdruck der Sehnsucht nach einen heilen Welt und nach Erlösung ist, als die realistische Bestandsaufnahme eines Tibets aus der Mitte des letzten Jahrhunderts.

  42. 

    Lieber Tenpel, sie schrieben oben in #34.

    Ich sehe sehr wohl, dass es bei einigen ein Missverständnis gibt und sie Geburt im Daseinskreislauf als Seelenwanderung etc missverstehen. Nur ist es nicht so, dass es unter tib. Buddhisten darüber kein Gewahrsein gibt und das nicht auch kritisch beleuchtet und benannt wird.

    Wie gesagt, es würde mich interessieren, wo man diese kritische Beleuchtung und Benennung finden kann. Ich hoffe, sie brechen nicht auch jetzt einfach ab, wenn es darum geht, schlicht ein paar Literaturhinweise zu geben. Wo genau wird das Missverständnis über Geburt im Daseinskreislauf als Seelenwanderung aufgeklärt???

  43. 

    Hallo Herr Steingass,
    eine Antwort kommt noch. Ich habe einfach zu viel derzeit zu tun … Wenn ich mehr Luft habe melde ich mich. Beste Grüße TP